Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Eyba v. 3.9.1801 (Weitersroda)


F. an Christoph Fröbel in Eyba v. 3.9.1801 (Weitersroda)
(KN 9,8 ,Brieforiginal 3 B 4° 12 S.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Weitersroda den 3ten September 1801.


Lieber, guter Bruder;

Du wirst wohl böse seyn, und Dich gewundert haben, daß ich so lange gegen Dich stille gewesen, und Dich so lange auf Nachricht von meiner Lage und Verhältnißen mit den Herrn Greinern habe warten laßen. Aber da ich selbst nichts bestimmtes wußte, so wollte ich Dich mit einen [sc.: einem] unbedeutenden Brief nicht beschweren, und mir nicht die Mühe machen ihn zu schreiben.
Erst am vergangenen Sonntag war der Vetter Florentin hier, und da erst habe ich mit ihm meinetwegen sprechen können. Doch ehe ich Dir dieß schreibe, will ich Dich etwas mit dem Guthe und meinen Geschäften bekannt gemachten [sc.: machen].
Der Feldbbau und Viehstand ist hier nicht groß, besonders letzter klein. /
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Das Feld wird mit 4 Pflügen bestellt. In dem Kuh- und Göltenstall sind nicht mehr als 12 bis 14 Stück Vieh. Im Ochsenstall 3 paar Ochsen, und 3 Pferde; Daher ist außer dem Hofbauer und seiner Frau, weider niemand als 1 Magd und 3 Knechte hier. Weder Schääferey noch Mastung ist dabey; Zwar ist eine Brandweinbrennerey hier, diese Mastung wird aber blos für die Schweine und das Kuhvieh verwand. Wo ich nicht irre, so werden ohngefähr 80-90 Schoch Gedraite jährlich hier gebauet, worunter 30-32 Schoch Winterkorn. Fütterung wird ein Jahr in das andere gerechnet ohngefähr 40 <Futt[e]r> gebauet.- Eine ziemlich ansehnliche Bierbrauerey ist hier; doch wird blos den Herbst Winter, und zu Anfang des Frühlings gebraut. Außer dieser ist auch noch eine Potaschensiederey hier; welche, wenn sie recht betrieben würde, große Einnahme liefern würde, und die Schmelz- od- Fettgrube für das Gut wäre.- Die Waldung beträchtlich für dieses Guth, und hält, wenn ich nicht irre 700 Acker à 160 [*Zeichnung*, sc.: Quadratmeter
                  ?]].
Du wirst hieraus sehen, daß ein Verwalter in Betreff des Feldbauer nicht so gar viel zu besorgen hat; aber bey dem allen ist das Rechnungwesen ziemlich weitläuftig: erstlich weil alles klein ist, zweiteres weil es so vielerley ist, zumal da der Verwal-/
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ter die Forstrechnung mit führen muß, weil der Jäger blos ein Hirsch gerechter Jäger ist, aber kein Scribent; drittens muß der Rechnungsführer viel Zeit auf die Reduktion des Geldes wenden; da die Rechnung in andern Geld geführt werden muß, als die Einnahmen und Ausgaben sind.
Ich fand daher wenig praktische Beschäftigung für mich hier, und bis jetzt haben sie blos darinne bestanden, daß ich auf dem Felde bey den Arbeitern gestanden um sie zur Arbeitsamkeit und Ordnung anzuhalten, und einige mal bin ich mit in dem Wald gewesen, wo ich einmal mit Holz angepflanzt habe. Was meine Beschäftigungen in Ansehung des Buchhaltens betrifft; so haben sie jetzt im Durchstudiren einer ganzen Jahresrechnung bestanden, und in <   > Bemerkung der täglich <nöthigen> in einer Oekonomie vorkommenden nöthigen Rechnungen und Anmerkungen.- In den Zwischenstunden gedachter Arbeiten habe ich ein Buch über das Ganze der Oekonomie, von Weisenbruch gelesen. Unsre einigen kleinen Ar-/
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beiten im Garten, sind bis jetzt alle meine Beschäftigungen gewesen. Schon einige mal habe ich den Herrn Verwalter gebeten, mir einiges bei rechnen oder was zur Haushaltungsrechnung gehört, schreiben zu lassen; aber immer hat sagte er; "ich habe noch nichts concepirt". Nun in ihn dringen und ihn dazu zwingen kann ich freylich nicht.
Aus alle dem, was ich Dir jetzt geschrieben wird Du leicht einsehen, daß ich den H: Greinern wenig oder gar keinen wesentlichen Nutzen, in der geschafft habe; und daß ich daher auf keine Belohnung rechnen konnte.
Ich muß Dich daher versichern, daß es mich sehr von Florentin gefreut, und daß ich es für sehr freundschaftlich von ihm angesehen, daß er, so lange ich bis jetzt hier bin, für Kost, Logis, und Wäsche stehen will; und daß er mir erlaubt, unter oben genannten Vorschlägen wenn es mir gefiele ein ganzes viertel Jahr hier zu bleiben.- Wenn Du bedenkst das [sc.: , daß] ich ihm wenig Nutzen bis jetzt schaf[f]te, so wirst Du gewiß ebenfalls das Freund-/
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schaftliche darinne finden.
Jetzt so bald die Erndte ganz vorüber werde ich vielleicht auf dem Guthe der H. Greiner zu Schwarzbach etwas messen, doch muß ich erst noch Verhaltungsregeln v. Herrn Commerzienrath zu Breitenbach erwarten.-
Kürzlich erhielt ich von dem Vater einen Brief, worinne er schreibt: "sollte sich Florentin nicht annehmlich gegen Dich erklären, so mußt Du ohne Zeitverlust Dich im Reichs Anzeiger nach Diensten bewerben, und mir schreiben in welchen Fache Du am liebsten angestellt seyn willst." Dieß habe ich nun gethan und dem Vater einen Aufsatz überschickt, welchen er nach Belieben abändern kann. In demselben habe ich mich als ok Ökonomie-Buchhalter was <o[f]>t eine Sylbe thut! /:ehrlicher Schreiber:/ als Gehülfe bey einem Landgeometer und als dergl. bey einem dergl. Baumeister angeboten. Mit Schmerzen erwarte ich nun den Erfolg dieses Dienstgesuches; und die noch von gedachten Vierteljahr übrigen 6 Wochen will ich ihn gedultig abwarten aber dann - doch jetzt stille hiervon. /
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Aus dem bis jetzt Dir geschriebenen, wirst Du meine Lage sehr genau beurtheilen können; zumal wenn ich Dir noch sage, daß es scheint, als wenn mich der Vater nur höchst ungerne wenn gedachte Zeit verfloßen seyn sollte, ohne daß sich Gelegenheit, mein Brod zu verdienen, finden sollte wieder zu sich in sein Haus aufnehmen würde; denn er schreibt im gedachten letzten Brief:
"Nota. Jetzt fällt mir ein, da dein Vormund und Oncle in Königsee, sich so sehr für Dich interessirt hat, so könnte ja dieser Dich eine Zeitlang zu sich nehmen."
Ich kann Dich versichern, daß mich dieß so wie ich es las in schrecklichen Aerger brachte. Hätte er dieß von dem Stadtilmer H. Onkel geschrieben, nun gut so hätte ich es als guten Rath angesehen; aber so dieses nur zu meinen Verdruß zu schreiben, und mir gleichsam dadurch zu sagen und bemerkbar zu machen wie groß die Wohltat sey, wenn er mich wieder zu sich nähme. Denn daß dieß blose Worte und es schlechterdings unmöglich sey, daß mich der H. R. C. [sc.: Rat Consistorii = Konsistorialrat] zu sich nehmen kann, muß doch wahrhaftig den Vater bey Niederschreibung jenes so guten Raths eingefallen seyn. /
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Denn wie kann der Herr R. C, deßen Vermögen mir noch nie als groß geschildert worden, der einen Sohn auf Akademien und einen auf Schulen hat, wie kann der einen erwachsenen Menschen zu sich nehmen? -
- Zu was diente also jener Vorschlag weider, als das vielleicht zwischen Vater und Sohn wieder hergestellte und kaum verharschte Band, wieder schlaff zu machen? -
Aber wahrhaftig der Vater hätte mir diese empfindliche [sc.: dies Empfindliche] nicht zu sagen gebraucht, ich würde so nicht wieder auf lange Zeit von seinem Brod gegessen haben. Denn erstl. ist nicht mehr ärgerlich und kränkt nichts mehr als vorgeworfene Wohlthaten, und das täglich Hören, daß man blos aus Wohlthat an einem Orte gelitten wird. Aus dieser Ursache würde ich schon alles mögliche angewendet haben nie auf längere Zeit wieder zu Hauße zu seyn; Und zweitens hatte mir der Herr Onkel in Stadtilm bey meinem Dortseyn gesagt: "nun wenn Deine Verhältniße so sind, und wenn Dich Dein Vater nicht gerne behalten mag so komm zu mir, und das sogleich wenn der Vorschlag mit den Herrn Greinern nicht vortheilhaft seyn sollte"[.]/
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Aber so sehr ich die Güte und Freundschaft meines H. Onkels erkenne; so mach [sc.: mag] ich doch, wenigstens nicht auf längere Zeit von diesem seinen Vorschlag profitiren. Und was wäre es nach einigen Wochen, ja ich will viel sagen, nach einigen Wochen [sc.: Monaten ?] besser um mich?- Um kein Haar, und noch obendrein könnte man mir Vorwürfe meiner Läßigkeit, meiner Unbesorgtheit und meines in den Tag Hineinlebens machen. Also um dem Vater und vielleicht auch Euch zu beweisen, daß ich bis jetzt nicht so in den Tag hineingelebt habe, und daß ich nun im Stande bin, selbst für mich thätig zu seyn, und mich nicht blos auf andere Leute Protektion und gelegenes Fürwort zu verlaßen, so habe ich im Glückstopf selbst gegriffen, und auf dem Zettel die Worte gefunden Suche Dein Glück. Mein <  > Entschluß ist daher gefast, und kein Ungewitter und Ungemach soll ihn zu Boden werfen. Der Mensch hat Verstand und Kräfte von der gütigen Natur erhalten, und doch soll es sich durch od. von dem Launen anderer Menschen am Gängel[-]/
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bande leiten lassen. Wahrlich Schande für ihn demjenigen der diese Fesseln <  > trägt und der sich dadurch dem Kindern ähnlich macht.
Also mein Entschluß ist gefaßt selbst mein Glück zu suchen, selbst meines Glücks Schmied zu werden. Ja wirst Du vielleicht sprechen, der Vorsatz ist gut aber wo? wo? willst Du es suchen?- weißt Du in welchem Theile der Erde es verborgen liegt, warte lieber standhaft aus bis das Glück Dich findet, - und verhunger einstweilen, mußt Du aber auch hinzu setzen. Nun und fällt denn die Wahl so schwer, haben nicht schon mehre[re] ihr Glück gesucht und es gefunden? - Also hin, hin wo jene es fanden, vielleicht grünt auch dort für mich das Glücke.-
Amerika also oder Rußland, sollen für mich die Findorte meines Lebensunterhalts werden. Du lachst vielleicht, und siehst mich hier von oben bis unten an, oder glaubst, daß ich mir hier blos ein kleines Spielwerk gemacht, Seifenkugeln zu blaßen, oder Kindern ähnlich, Entwür-/
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fe zu machen, die der nächste Wind oder die nächste Sonne zerstreuen kann. Nein, bey Gott nicht, ich weil [sc.: will] Euch doch und besonders dem Vater beweisen daß ich Kräfte habe selbst zu handeln, und er nicht länger nöthig hat für mich zu sorgen; Es müßte doch wahrhaftig nicht gut seyn mir meinen Unterhalt verschaffen zu können?- Der Unterhalt sey welcher er wolle, und die Art und Weise, wie er erhalten werde ist mir dann wahrl. gleichgültig, so wenig gleichgültig er mir vielleicht bis jetzt beydes war.
Aber von Verhältnißen und Conkruensen [sc.: Kongruenzen] getrennt kann der Mensch glückl. leben und wird ihm vielleicht leichter sich seinem Unterhalt zu verschaffen, als wo er sich an beyde binden muß.
Kurz mein Entschluß ist gefaßt und wohlbedachtig nicht erst heute od[er] gestern, <recht> nein schon lange bildete ich am diesen Vorsatz, aber jetzt ist es Zeit ihn aus zu führen; aber aus dieser Ursache ist er auch fest und unwandelbar, und wahrlich kein /
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gemeines Hinterniß soll mich davon abhalten.Jetzt oder Nie! -
Doch damit Ihr und der Vater mir nicht Vorwürfe machen könnt, werde ich gedachte Zeit erstlich den Erfolg meines Dienstgesuches abwarten, aber dann! - Doch genug hiervon.
Willst Du so brüderlich seyn und die Sache genauer überlegen, und den Entschluß ausbutzen, so werde ich es mit herzlichen und aufrichtigen Dank erkennen. Auch will ich es noch auf Eure Entscheidung ankommen lassen, welchen von beyden Orten Ihr für den besten haltet. Willst Du so gütig seyn so kannst Du mit Traugott darüber correspondiren, welcher ganz davon unterrichtet ist. Auch dem Onkel in Stadtilm habe ich dieserhalb geschrieben. Nur der Vater weiß bis jetzt noch <nichts> davon; und ich für meine Person werde ihm auch nichts davon schreiben oder sagen, bis die Sache entschieden ist, denn sonst hätte er nur wieder neue Ursache über mich zu spötteln /
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daß man zwar groß Maul hätte aber wenig hielt. Ich bitte Dich daher recht sehr vor der Hand nichts von diesen Entschluß dem Vater bekannt zu machen. Ich hielt es aber für Schuldigkeit Euch Brüdern schon jetzt von meinem Plan und ernsten Vorsatz zu benachrichtigen, damit Ihr mich nicht wieder Verschlossenheit beschuldigen könnt.
Verzeihe, die so elende Schreiberey aber theils war mein Blut zu sehr in Wallung, theils konnte ich nicht so schnell schreiben als sich die Gedanken bey mir häuften.
Grüße Deine Liebe Frau recht herzlich und brüderlich von mir, und wenn ich Dich bitten darf überlege das Wohl eines Menschen der sich mit Gefühl und Empfindung nennt
        Deinen
Dich aufrichtig liebenden und
rechtschaffenen Bruder
Friedr: Fröbel. 3