Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline v. Holzhausen in Frankfurt/M. v. zw. 21.9.1805 u. 30.6.1806 (<Yverdon>)


F. an Caroline v. Holzhausen in Frankfurt/M. v. zw. 21.9.1805 u. 30.6.1806 (<Yverdon>)
(KN 9,10, Reinschriftfragment 1 Bl 4° + 2 B 4° 10 S. - Brief mit 2 Beilagen: 1. Pestalozzitext, 2. Collomb-Analyse. - 1R = S. 1 = offenbar Begleitbrief zur Abschrift des Pestalozzitextes, Ende 1V und Anfang 2V guter Anschluß. Pestalozzitext = 4. u. 5. Brief der Neuauflage von "Wie Gertrud ..." (1805/06); erschienen 1820)

[1R]
[Blatt ist zerrissen, nur die untere Hälfte ist noch vorhanden]
<m>eine volle Verehrung
[abgerissen]
kindlich freue ich mich jetzt schon jener Zeit, wo ich Ihnen meine gute Freundin mündlich sagen
kann: ich war recht glücklich in Yverdon, war es nah in der Gesellschaft meines Theuersten
den letzteren Tag vor meiner Abreise; - wo ich Ihnen sagen kann: ich verlebte die schönsten die mir
und der Menschheit würdigsten Tage in Yverdon als Sohn meines zweiten, meines höheren Vaters.
Leben Sie recht, leben Sie sehr wohl gute, theilnehmende Freundin, denn ich fühle daß ich desto weniger
aussprechen kann, jemehr ich Ihnen so herzlich gerne noch sagen mögte. Leben Sie wohl, sage ich im
reinen Sinn Pestalozzis zu Ihnen, der, wenn er zu mir sagt: "Lebet wohl!" und mir dann
seine Hand reicht, allemal noch eine unaussprechliche Gedanken Reihe an diese Worte knüpft, daß
ich denn wohl wünschte, sie errathen und seiner vaterlichen Liebe so recht würdig seyn zu können.
Lassen Sie mich meine Freundin wegen dieser Abschweifung nicht um Verzeihung bitten, denn sie
ist Ihrer gewiß würdig.
Glücklich wäre ich, wahrhaft glückl[ich] gäbe Ihnen, meine beste Freundin, dieser Brief die Ruhe, die zufriedene Heiter-
keit, die in meinem Innern herrscht; denn wahrlich Niemanden wünsche ich sie mehr als Ihnen. Werden Sie ja
ruhig meine gnädige Frau, denn Sie sind diese Ruhe sich, sind sie Ihren Kindern, sind sie besonders dem unschulds-
vollen Ado[l]ph und der guten Sophie schuldig. Nur mit stiller Ruhe, mit ruhiger Thätigkeit, werden Sie Ihr Ziel, Ihr
schönes Ziel erreichen, aber dann auch ganz gewiß erreichen. Jetzt da der für Erreichung des Guten rast-
lose Greis, Ihr wahrer Freund, Ihr Sie schätzender und liebender Freund ist, haben Sie eine kraftvolle Stütze.
Schreiben Sie ihm, wenn Sie seinen Rath bedürfen, er wird immer ihr redlicher Vater seyn, es wird ihm innige
Freude machen Ihnen seinen Freundschafts[-] und Vatersinn für Sie zu bethätigen.----
Unmöglich ist es mir doch, hier nicht noch niederzuschreiben: daß ich mich recht sehr darauf freue, <recht>
bald in Ihrer Nähe in Ihrem Geiste und in Ihrem Sinne thätig zu seyn.----
Ich wünschte sehr, daß Carln und Fritz mein liebevoller Gruß und meine Sehnsucht, bald wieder
in Ihrer Mitte zu seyn, Freude machte.
Wird den [sc.: dem] He. Dr. Lejeune mein freundschaftlicher Gruß nicht unangenehm seyn, so bitte ich Sie gnädige Frau
denselben herzlichst von mir zu grüßen und ihn in meinen Namen - verzeihen Sie mir - zu bitten, daß
er ja darauf sähe, daß Sie sich nicht zu stark angreifen und dadurch Ihrer, in so vieler Hinsicht sehr theuern
Gesundheit nicht schaden.- Doch was sage ich, ich war ja schon längst Zeuge, der thätigen Besorgniß
desselben für Ihre Gesundheit.- Nochmals gesagt würdige Mutter, thun Sie ja nur so viel für
Ihre Kinder, als Ihnen Ihre Gesundheit gerne erlaubt, denn Ihre Kinder, besonders der herzliche Adolph
und die gute Sophie bedürfen Ihrer noch recht lange. Lassen Sie ja die Unterrichtsbeschäftigungen den [Text bricht ab] /
[1]
[Blatt ist zerrissen, nur die untere Hälfte ist noch vorhanden]
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Auszüge aus Pestalozzi Manuscript zur neuen Ausgabe seiner Gertrud /:gleichsam seine geläuterten Ansichten
und Grundsätze zur Bildung des Menschengeschlechts:/
Manuscript S. 30.- Es ist also offenbar: Liebe und eine aus Liebe entquellende Thätigkeit. sind der unver-
änderliche Mittelpunct, von welchem die Entwickelung aller Anlagen zu unsrer Verädelung ausgeht, und
ausgehen muß. Es ist durchaus keine Möglichkeit denkbar, aus dem Kinde des Menschen auf dieser
Welt das zu machen, was es werden und seyn soll, um unter seinen Mitmenschen als ein ädles,
seinen Lagen und seinen Verhältnissen genugthuendes, in sich selbst befriedigtes Wesen zu erscheinen;
die nicht von der Sorgfalt ausgehen sollte: Liebe und Thätigkeit in ihm allgemein zu entwickeln, und
beide in ihm in Uebereinstimmung zu bringen.
Der Mensch, als ein sich über die Ansprüche der Sinnlichkeit zu erheben fähiges und zu erheben verpflichte-
tes Wesen, findet die Mittel, seiner Pflicht und seiner Bestimmung eine Genüge leisten zu können,
in nichts anders, als in dieser Uebereinstimmung seiner Liebe und seiner Thätigkeit. Er ist aber
auch für diese Erhebung zu seiner Bestimmung und seiner Pflicht, so unbedingt und so vollendet or-
ganisirt, als die Tendenz zu dieser Erhebung - das Wesen seiner Natur, seiner Humanität selbst
ist. Aber eben darum ist auch die Organisation seines Wesens zu dieser Erhebung vollkommen human,
das ist, von Liebe ausgehend, auf Selbstständigkeit ruhend und mit Freiheit gepaart.
Und so wie die Organisation unserer Natur für die Erhebung unserer selbst zur Liebe und zur
Thätigkeit, unserem Wesen und unserer Bestimmung genu[g]thuend in uns selbst liegt, also liegt
auch in den nothwendigen von Gott gegebenen selbst geordneten und gegebenen Umgebungen
und Verhältnissen des Kindes, eine erhabene Organisation vielseitiger, dem Wesen unserer
Natur und unserer Bestimmung genugthuender äußerer Reize, Antriebe und BelebungsMittel,
der in uns liegenden allgemeinen Urkraft unserer Selbst Veredlung, durch Liebe u Thätigkeit.
Diese nothwendigen von Gott selbst gegebenen Umgebungen und Verhältnisse des Kindes, auf
deren Anerkennung und Benutzung hier alles ankommt, sind aber natürlich und nothwendig
diejenigen, ohne deren Daseyn das Kind weder leben, noch auf irgend eine Art gedeihen könnte.
Und nun ist unwidersprechl[ich] - ohne Vater und Mutter wäre das Kind nicht da, und ohne Vater-
und Muttersorgfalt müßte es zu Grunde gehen. Alles was das Kind an Seel u Leib gedeihen
machen soll, geht von dieser Vater- und Muttersorgfalt aus, hängt durch tausend Berührungs
Puncte mit ihr zusammen, und ist wesentl[ich] von ihr unzertrennlich, und von ihr abhängig.
/
[2]
4 [. Bogen]
Darum muß auch alles, alles was je für tüchtig angesehen werden soll, den möglichen Fall des Mang-
els, der Sorgfalt der wirklichen Eltern zu ersetzen, in dem Geiste der Wahrheit dieser Sorgfalt hinüber
getragen und künstlich gleichsam zu dem werden, was es in der Wahrheit nicht ist.
Wenn auch Vater und Mutter dem Kinde mangeln, die Vater und Muttersorgfalt muß da seyn,
der Vater[-] und Muttersinn muß in seinem Wesen da seyn, sonst kann das Kind ewig nicht gedeihen.
Aber so wie dieser da ist, komme sie dann in dem Falle der Noth von der fremdesten Hand her, so ist
der Eindruck dem das Kind genießt, der Eindruck der Liebe, indem, ein sein ganzes Wesen in Anspruch
nehmender Reiz, zur Gegenliebe, zum Dank, zum Vertrauen und zu aller Thätigkeit in ihm liegt,
zu der diesen Reiz die höhern Anlagen unserer Natur hinzubringen vermögen. So wie das
Heilige, das unsere Natur Erhebende, das uns selbst unserer Vollendung näher Bringende
in allem unseren Fühlenden und in allem unsern Thun, von dem Gefühl der Liebe und einer aus
dieser Liebe rein entquellenden Thätigkeit, als von dem unabänderlichen Mittelpuncte aller Ver-
ädlungs Mittel unserer Natur ausgeht, - eben so geht das Heilige, das Erhebende, das unsere
Natur vervollkommende, des Einflußes der Reize aller Umgebungen, und aller Verhältnisse
des Kindes für seine Liebe und seine Thätigkeit von seinen Eltern und von seinem Verhältnisse
zu ihnen
, als von dem Mittelpunct aus, durch dessen belebenden Zusammenhang mit allen seinen
übrigen Umgebungen und Verhältnissen, diese letzteren ihm in Rücksicht ihres Einflußes auf seine
Bildung für Liebe und Thätigkeit, etwas ganz anderes, etwas weit Höheres, etwas weit
Edleres werden müssen, als sie ihm ohne diesen Zusammenhang nie geworden wären, und
nie hätten werden können.
Alle diese Umgebungen erheben sich durch diesen Zusammenhang mit den ersteren äußeren Umgeb-
Ursachen unserer Ver[e]dlung, wie unsers Daseyns selber, über den Tod ihres blos physischen
Einflußes zu unserm sinnlichen Leben, zur Befriedigung der Geistes- und Herzens Bedürfniße
unsers höhern menschlichen Lebens. Jeder Bissen Brod den das Kind ißt, wird, wenn die Mutter
liebende Mutter ihn ihm in die Hand giebt, für seine Bildung zur Liebe und Thätigkeit et-
was ganz anders, als wenn es diesen Bissen Brod auf der Straße findet, oder ihn von
fremder Hand empfängt; den [sc.: der] Strumpf den die liebende Mutter dem Kinde vor seinen Augen
strickt, ist ihm für seine Bildung zur Liebe und Thätigkeit etwas ganz anders, als ein Strumpf
dem [sc.: den] es auf dem Markte kauft, oder sonst anzieht, ohne zu wissen woher er kömmt. Der
Eindruck der Mutterliebe, der dem Kinde irgend einen Genuß bereitet, ist der Eindruck eines un-
vergänglichen höheren Lebens, er ist der Eindruck ein das ganze Seyn des Kindes in Anspruch
nehmenden Reizes, zur Gegenliebe zum Dank und zum Vertrauen und aller innern und
äußern Thätigkeit, zu der die durch diesen Reiz geweckten Anlagen unserer Natur, uns
zu erheben vermögen; daraus erhellet: warum das häusliche Leben als das von Gott
selbst gegebene Fundament der wahren menschlichen Bildung angesehen werden muß. In
ihm liegt der ganze Umfang der Reize, der Beweggründe und selbst der Noth und des
Zwanges durch die die Natur die Anlagen unseres Geschlechts als eine Gewalthaberin
in uns entwickelt und gründet; das Band des häuslichen Lebens ist nichts anders, als ein
Band der Liebe, und dadurch ich sage es nochmals, das von Gott gegebene Weckungs[-]
mittel aller Thätigkeit für Liebe.
In seiner Reinheit ist dieses Leben das höchste, das erhabenste, was für die Erziehung unsers
Geschlechts auch nur gedacht, nur geträumt werden kann. Es ist unbedingt wahr: wo Liebe,
und Thätigkeit für Liebe im häuslichen Kreis statt finden, da muß das Kind, es kann
nicht anders, es muß gut werden. Der Erfolg der seiner Erziehung ist in dieser Rücksicht durch-
aus nicht zufällig, er ist in so weit nothwendig. - Wo immer das Kind des Menschen
nicht wohlwollend, nicht kraftvoll erscheint, da liegt ganz gewiß die Schuld darinne, daß
seine Liebe und seine Thätigkeit für Liebe, im häuslichen Kreise nicht wie sie sollte, Nahrung /
[2R]
und Leitung gefunden hat. Wo immer das Kind des Menschen dieses rein findet, da wird es gewiß
gut, gewiß kraftvoll. Indem das Kind im reinen Heiligthume des Lebens häuslichen Lebens
täglich und stündlich mit aller Wonne der Liebe besorgt wird, lebt es mitten in diesem Kreise
mitten im, jeden Augenblick auf dasselbe zuströmenden Reize zur Liebe; und indem es an der
Hand dieser Liebe geführt, dann allmählig für die Mitwirkung seiner eigenen Vorsorge, selbst
thätig wird, und zugleich auch anfängt, auch Vater und Mutter indem was sie bedürfen und
wünschen, durch seine Selbstthätigkeit an die Hand zu gehen, findet [es], in seiner also ge-
weckten Liebe, Antrieb zu jeder ihm wahrhaft dienlichen Thätigkeit, und hinwiederum in
seiner Thätigkeit, Befriedigung seiner Liebe für jedes Verhältniß indem es steht.
Also schmelzen in diesem Leben sich Arbeit und Liebe, Gehorsam und Anstrengung, Dank
und Fleiß gleichsam ineinander, und werden durch ihren gegenseitigen Einfluß auf
einander, gegenseitig wahrhaft stark. Der Mensch der liebt, scheut für das was er liebt
keine Anstrengung; und die Liebe die arbeitet, führt durch die innere und äußere Thätigkeit
die sie belebt zu einer mit ihr harmonischen Geisteskraft, und zu einer unbedingten
Fertigkeit, Geist und Herz in allen Thun des Lebens äußerlich darzustellen, und so alles
das, was Einsicht und Liebe ihn [sc.: ihm] als das Ziel seines Strebens vorsetzen auch äußerlich
ausführen auszuführen und zu erreichen.
Freilich aber setzt die Sicherheit einer solchen, der MenschenNatur, durch den Einfluß des häus-
lichen Lebens genugthuenden Bildung, in jedem Fall einen Vater und eine Mutter voraus, die
das reine Heiligthum der Liebe, und die aus ihr entquellende höhere menschliche Thätigkeit habituell
in sich tragen. Es setzt einen Vater und eine Mutter voraus, die das Verhältniß
ihrer Stellung gegen ihr Kind, von dem [sc.: den] Verhältnissen aller ihrer übrigen Stellungen gegen
die Welt und alles was darinnen ist, fest zu sondern, und das erstere in sich selbst, unbe-
dingt über alle übrigen zu erheben im Stande sind; Menschen denen die Welt in der That
und in der Wahrheit nichts gegen ihr Kind; Menschen die, sitzen sie auf dem Throne oder
im Staube des niedrigen Lebens, alle Ansprüche der Welt, insofern sie den Ansprüchen
ihres Kindes, für alles was sein Heil ist, in dem Wege stehen, für nichts achten; Men-
schen die im Bewußtseyn ihrer innern Kraft, das hohe Wort in sich selbst wahr fühlen:
"Könnte ich die ganze Welt gewinnen, litte aber Schaden an meinem Kinde, was würde
ich mit Allen dem zum Gegenwerthe für dasselbe besitzen"; es setzt Eltern voraus, die
sich dahin erhoben, aller Umgebungen des Kindes sich in so weit zu bemeistern, um mit
Sicherheit verhüten zu können, daß diese keinen der Liebe und der aus ihr entspringenden
reinen bildenden Thatkraft entgegen stehenden, und beide zerstöhrenden Einfluß haben,
die im Gegentheil im Stande sind alle Reize zur Liebe und Thatkraft, die in den beson-
dern Verhältnissen und Stellungen eines jeden Kindes liegen, aufzusuchen, festzuhal-
ten und wo sie sich immer befinden in aller ihrer Segensfülle für dasselbe ans Licht zu ziehen,
und dieses auch selbst da, wo sie sich vor der Menge und der Gewalt der Unheiligen
die sie umschreben [sc.: umschweben], zurückziehend und verbergend in ihrer hohen Stille, nur dem reinen
Herzen sichtbar vorliegen.
Und nun -- hingerissen von dem Bilde des unverdorbenen Vater u. Muttersinns
und der hohen heiligen Kraft, den Einfluß ihrer Stellung auf die Bildung ihres Kindes, ganz
auf alles das zu gründen, was von Gottes wegen und nothwendig als reines Funda-
ment dieser Bildung angesehen werden muß, und hingegen sich über alles zu erheben
und alles zu entfernen, was immer diesem heiligen Fundament, in den Umgebungen
und Verhältnissen der Welt, wäre es an sich auch noch so anziehend, verfänglich und
hinreisend [sc.: hinreißend], *[Lücke]* entgegen steht; Hingerissen von dem hohen Bilde der hohen Kraft
und der Mutter, sich als wahre Eltern die unverrückt und unabgelenkt auf diesem
/
[3]
schmalen aber einzigen Weg, der ihr Kind zum innern würdigen Leben der ihr Kind seiner Natur
hinführt, durch alle zufälligen Umstände, durch alle Umstände durch alle Hindernisse siegend hin-
durch zuschlagen [sc.: zu schlagen] -- sehe ich mich umrungen von einer Welt, wo ich diesen Vater diese Mutter
weit und breit umsonst suche. Die Welt wie sie wirklich ist, liegt schwer auf dem Men-
schen, wider seine Natur. Es ist im Vater, es ist in der Mutter, es ist in den Umgebungen
des Kindes, in der Noth und in den Genüssen seiner Verhältnisse, in der Härte und in der
Schwulst der Formen der bürgerlichen Bande und ihren, der wirklichen Veredlung der Menschen
Natur immer gefährlicher werdenden Raffinnements, allenthalben so viel Geist und Herz
verwirrender, Liebe tödtender, Kraft erstickender und Liebe entheiligender Wider-
spruch, Anstoß und Gewalt gegen das reine hohe und höhere Wesen, auf welchem die
Erziehung des hohen Zwecks: der Bildung des Kindes durch Liebe und Thätigkeit zur Harmonie
mit sich selbst, allein ruhet, daß man sich aber über die große Entfernung des lebenden
Geschlechts von der Bahn, und sein Verlassen der, die zum Ziele führt, desselben einzigen
wahren Fundamente nicht verwundern muß, wohl aber darüber, daß es der Macht
alles Verderbens bei der, unserer thierischen Verwilderung und unserer Gesellschaftlichen
Verwirrungen, nicht vollends ganz unterlegen, sondern mitten unter allen Künsten der Finster-
niß und der verheerenden Gewalt, die der Unschuld und Reinheit unserer Natur von
allen Seiten ans Herz greifen, dennoch immer ein ewiges Streben nach innerer Erhebung in
sich selber erhalten [hat], und mitten unter allen seinen Verwirrungen und seiner Schwäche;
immer noch Liebe und Thätigkeit für Liebe, als das einzige Mittel seiner Erhebung anerkannt [sc.: anerkennt].
Dieses Streben und dieses Anerkennen der einzigen wahren Fundamente der Bildung unsers
Geschlechts kann und wird sich ewig nie in unserer Natur verliehren. Die besten und edelsten
unsers Geschlechts werden ewig und in allen Verhältnissen, leben sie auf dem Throne oder
in den Hütten des Staubes, die Fundamente ihres Edelsinns und ihrer inneren Höhe, nur in
der Reinheit ihres Vatersinns und ihres Muttersinns anerkennen, und was sich in der
Erziehung unsers Geschlechts immer als probhaltig [= die Probe bestehend] und genugthuend erzeigen wird,
das wird ewig und unabänderlich, mit dem heiligen Wesen dieses vaterlichen und
mütterlichen Sinnes zusammenhangen, es wird auch dann und auch dann noch mit ihm
zusammen hangen, wenn dieser Sinn vom Trotz einer verdorbenen Welt, auch noch so
sehr beengt, auch noch so sehr von allem Reiz, und von allem Glanz und im Gegentheil
dem unwürdigsten Spott und er unwürdigsten Erniedrigung Preis gegeben worden.
Indessen erschweret das Verderben eines so unglücklichen, Liebe - Weisheit - und Kraf[t]losen Geistes
der Zeit, nicht blos die Möglichkeit den Segen dieses Sinnes unter den Menschen allgemein zu machen,
sondern er beengt, verwirret und mißleitet selbst die einzelnen privat Bemühungen des
häuslichen Lebens der Edelsten und Besten zu diesem Ziel[.]

Fünfter Brief

Fragt man sich nun, was außer den Eltern und den nothwendigen Verhältnissen des Kin-
des zu denselben, sonst noch in der Welt da ist, das dahin wirken kann und dahin wirken
soll, dem Kinde für die Entwickelung seiner Liebe und seiner Kräfte an die Hand zu
gehen, so zeigt es sich, der ganze Umfang dieser Mittel liegt 1sten[s] in allen Verbindungen
des Kindes mit seinem Geschlechte. - Dieses - die Menschen um uns her - sind alle Ge-
schöpfe einer Art mit ihm selbst, und mit seinem Vater und mit seiner Mutter, es
muß also die Liebe und den Trieb zu allen Kräften, die in ihm selbst liegen und in seinen
Eltern lebendig und wohlthätig auf es wirken, auch in jedem Geschöpfe ahnden, dessen
Gestalt und Handlungsweise derjenigen seiner Eltern und seiner eigenen gleich ist.
Das Kind, das von seinen Eltern liebe[-] und kraftvolle Handbiethungen genießt, muß noth-/
[3R]
nothwendig in jeder Menschengestalt ein liebevolles und für sein Wohl kräftig einwir-
kendes Wesen zum Voraus ahnden. Jemehr nun wirkliche Liebe und wirkliche
wohlthätige Kraft in der Menschenzahl [ist] die den Eltern und durch dieselben, dem Kinde
nahe stehen, in der es lebt und sich befindet, desto mehr muß dieses Kind wirkliche Bild-
ung zur Liebe und zu jeder Kraft die durch Liebe thätig ist, genießen. Der Umgang
der berührten Mittel liegt 2tens in allen Verbindungen des Kindes und der Eltern,
mit allem was außer dem ganzen Menschengeschlecht, noch in der Natur da, und geeignet
ist, Reiz und Gelegenheit zu Bildung für Liebe und Kraft darzubiethen. Das Schaf das
so traulich sein Haupt auf den Schoos seiner Mutter hinlegt, und deßen Wolle sie für die Kleidung des
Kindes spinnt; die Kuh deren Milch sie zur täglichen Nahrung des Hauses braucht; den Acker den sein
Vater im Schweis seines Angesichtes bauet, um sich und den Seinigen alle Nothdurft des Lebens zu
verschaffen, und worinne er in die Lage kömmt, mit Kraft und Erfolg auch denen zu dienen, die kei-
ne Kuh, kein Schaf und keinen Acker besitzen. Alle diese Umgebungen der Natur, in so fern sie
von der Liebe und der Kraft die in den Eltern selbst liegt, benutzt werden, sind unzweideutige Mit-
tel, diese Liebe und diese Kraft auch im Kinde zu entwickeln, und je mehr Liebe und Kraft in
den Eltern selbst liegt, destomehr Liebe und Kraft ist in der ganzen Natur, die das Kind und
seine Eltern umgiebt.
Da aber diese Anlagen zu Liebe und Kraft im Kinde selbst mit sinnlichem Reiz der Selbst-
sucht und Trägheit verwoben sind. Da hinwiederum seine Eltern und das ganze das Kind umgebende
Geschlecht der Menschen, eben so im Allgemeinen mehr von Sinnlichkeit Träg-
heit und Selbstsucht, als von den reinen Trieben der Liebe und dem höhern Leben der Kräfte
die durch Liebe thätig sind, bewegt und in Thätigkeit gesetzt werden; da endlich alles äuße-
re der Natur für unser Geschlecht allgemein den Saamen des Truges und der Täuschung
in sich selbst trägt, und seine Reize selbst, eben so allgem: Neigungen in unserm Ge-
schlecht beleben, die dem Wesen der Liebe und ihrer reinen Kraft gerade zu entgegen
stehen, so ist offenbar das der ganze Umfang aller Mittel für die Bildung des Kindes,
die zur Liebe und Kraft in seinen Verbindungen mit Menschen und mit allen Dingen
dieser Welt liegen, nicht hinreichen, seine Ausbildung für den vorgesetzten Zweck, beruh-
igend sicher zu stellen: Wenn die harmonische und vollendete Ausbildung der Liebe
und Kraft des Kindes von Gottes wegen als das Ziel unsers Daseyn[s] angesehen werden [sc.: wird / werden muß], so
ist nothwendig, daß die Möglichkeit derselben als [sc.: sich] noch tiefer in uns selber bewähre.
Und das thut sie auch. Jede gute Mutter, jeder weise Vater fühlt das Unzulängliche das
zu diesem Zweck in ihnen selbst, und in den Umgebungen in denen sie sich befinden liegt.
Es fehlt bei keinem bei ihnen, sie fühlen selbst das Zurückstehen ihrer selbst in allem
was die sichere Erreichung dieses Ziels wesentl. erfordert, sie fühlen alle, daß tausend ihnen
gewöhnte Neigungen und Schwächen sie gegen die Ueberzeugung von denn [sc.: dem] was die Erreichung
dieses Zweckes erfordert, handeln macht; sie fühlen alle den fast unverhütbaren Einfluß
tausend rauschender Umgebungen, die die stillen Reize der Liebe und ihrer reinen Kraft
gleichsam in jedem Augenblicke verschlingen. Es ist nicht anders möglich, es ist
keine Mutter gut; es ist keine Mutter für ihr Kind reinfühlend, die es nicht sieht,
daß, das Leben, der Liebe und ihrer Kraft, die nur durch die Weckung und Erhaltung
in uns selbst [statt-]findet, vor allem Verderben der Menschen gefährtet [sc.: gefährdet] wird, und daß
alle Reize der Schönheit der Natur, selbst durch dieses Verderben ohne wahrhaft bleibende
Wirkungen auf den Geist, und das Herz des Kindes, vor seinen Sinnen da stehen.
Je mehr sie gut ist, diese Mutter; jemehr er weise ist, dieser Vater, desto mehr
kränkt und drückt ihn das Verderben der Umgebungen seines Kindes, desto unbefriedigen-
der ist ihnen ihr eigenes Thun gegen jenes Verderben. Jemehr wahre Liebe und wahre /
[4]
5 [. Bogen]
und wahre Kraft für ihr Kind in ihnen liegt, desto mehr macht sie diese Liebe und diese Kraft selber
leiden, daß die erste nicht reiner u die 2te nicht mächtiger in ihnen lebt; je besser u. weiser sie
sind, desto mehr sind sie durch die Natur der Vorzüge die in ihnen liegen gezwungen, das Bild der
höchsten Liebe der höchsten Kraft deren ihre Natur fähig ist, für ihr Kind in ihnen selbst aufzustellen.
Sie müssen - wenn sie gut und ädel sind, sie können nicht anders, sie können ihr Kind nicht Lieben, ohne dassel-
be zu dem Bilde der höchsten Kraft, das in ihnen selbst liegt empor zu heben zu wollen. Die Stimmung
die in ihnen selbst liegt, zwingt sie nothwendig in sich selbst für ihr Kind der [sc.: die] Vollendung aller
Liebe und aller Kraft zu erschaffen, gegen dessen hohen himmlischen Glanz alle Liebe u. alle
Kraft, deren die Menschen in der Hülle ihres Erden Wallens fähig sind, weit zurück steht. Das Gute
das in ihnen liegt, hebt sie aus sich selbst über die Schranken alles menschlichen Guten empor - sie
finden nur in Gott Befriedigung für alles Gute, für alle Kraft die sie für ihr Kind <durch Fleck unleserlich: sc.: empfinden (?)> glauben an
Gott. Liebe und Kraft führt sie zum Glauben an Gott, und der Glaube an Gott macht hinwieder-
um die Liebe und die Kraft die sie zum Glauben an Gott führte reiner und stärker. Die adelste Mutter
glaubt um ihres Kindes Willen reiner und fester an Gott, sie sieht daß sie um dieses Glaubens
willen ihm täglich mehr ist, als sie ihn [sc.: ihm] ohne diesen Glauben werden konnte. Es ist wahr, es ist un-
widersprechlich die ädelste Mutter fühlt sich in ihren Bemühungen in dem Grad stark und mächtig,
als sie sich in demselben von der Welt trennt, und dem Erfolg derselben ihrem Gott und ihrem
Vater anheimstellt, und auch ihr Kind mehr als zu irgend etwas in der Welt zu diesem
Glauben an ihrem [sc.: ihren] Gott, ihren Schöpfer und Vater hinlenkt. Sie sieht es, sie kann es sich nicht verhe-
len, dieser Glaube an Gott ist das Band der Liebe und der Kraft die sie für ihr Kind sucht,
sie sieht es, sie kann es sich nicht verhelen, durch diesen Glauben erhöhen sich ihre Kräfte für das Wohl
ihres Kindes, und so wie sie diesen Glauben auf ihr Kind hinüberträgt, wächst seine Empfänglich-
keit für alles Gute in eben dem Grade. Das Innerste, das Heiligste ihrer Natur ruft diesen
Glauben, und die Erfahrung zeigt ihr in ihm den Faden an, an welchem die Verädlung des Men-
schengeschlechts nothwendig angeknüpft werden muß. Je reiner, je ädler sie ist, je mehr zeigt ihr
die Erfahrung die Wahrheit und die Nothwendigkeit dieses inneren Rufes, zur Sicherstellung aller
Fundamente der Bildung des Kindes. Je reiner das Auge der Ädlen ist, mit welchem sie sich
in der Welt herum sieht, desto mehr wird sie durch ihre Erfahrung unwidersprechlich überzeugt,
wie der Menschen Tausende, die in ihrer Schwäche nicht fähig scheinen sich zu versorgen und
dennoch versorgt werden; wie das Meiste, das Beste was dem [sc.: den] Menschen für ihre Versorgung,
zu T für ihr Heil, für ihre Beruhigung zu Theil wird, ihnen so oft, gleichsam von selbst, ohne ihr
Zuthun in die Hand fällt. Je reiner ihr Auge, desto mehr wird die Ahndung der ewigen Hand,
die ob uns waltet, ihr zu einer unerschütterlichen inneren Wahrheit. Das Schicksal der Men-
schen erscheint ihr täglich mehr von der Hand ihres Gottes, wie das Schicksal des Kindes von
der Hand der Mutter. Je ädler sie ist, desto mehr waltet ein unwiderstehlicher Trieb in ihrem
Herzen, das Wohl ihres Kindes besser und höher zu sichern, als sie es in der Schwachheit
ihrer Menschenkräfte ihnen zu sichern im Stande ist.
Je ädler sie ist, desto unwiderstehlicher waltet der Trieb in ihr: dem Kinde ihres Herzens einen Führer
einen Leiter, einen Vater zu suchen, der sich nie zu seinen - des Kindes Schaden irren, der nie zu
seinen Schaden fehlen, den kein Grab ihn [sc.: ihm] entreißen, und keine Welt ihn [sc.: ihm] verderben kann. Ihre Na-
tur selbst führt die Aedle dahin, in der vertrauenden Anhänglichkeit an eine alles umfassende
Liebe, an eine für jedes Bedürfniß überschwenglichen Macht, und einer jeden Augenblick und in
alle Ewigkeit mit dieser Liebe und mit dieser Kraft ob ihrem Kinde waltende Hand, die einzige die
so befriedigende Sicherheit gegen das Ungenugthuende aller Mittel der Welt, für seine Bildung zur
Liebe und Kraft, deren es zur Beruhigung seiner Tage so unumgänglich bedarf, sie findet in
dieser Anhanglichkeit an Gott für ihr Kind, die seiner Natur so umganglichen Zugaben zu /
[4R]
allen Mitteln die für die Bildung deßelben zu den Zwecken ihres reinen Mutterseins, in ihrer
Hand und in der Welt liegen. Diese Mittel werden ihr, durch ihren Glauben an Gott selber
heiliger, sie fühlt sich durch ihn fähiger und williger, sie für ihr Kind kraftvoller zu
benutzen, sie findet in ihm selbst ein für ihr Kind redendes Gegengewicht gegen die Schwäche
ihrer Natur und die Welt mit allem ihren Trug mit allem ihren Druck, durch denselben
eine höhere Welt in der sie täglich freier denkend und liebend mehr innere Kräfte erhält
zur Ausbildung alles Aedlen und Guten, das in ihrem Kinde liegt, zu wirken und zu handeln.
Und das Kind, das an der Seite seiner Mutter, die ersten Keime seiner Neigungen seiner
Ahndungen und Kräfte entfaltet, dieses Kind daß sie täglich einen Vater im Himmel anbeten
sieht, der ewig kein Menschenkind verläßt, das an ihm hängt und seine Liebe sucht.
Dieses Kind, das seine Mutter täglich um des Vaters im Himmel willen, die Menschen
lieben, ihnen dienen, sich ihnen aufopfern, und in dieser Gedult, in dieser Liebe und in
dieser Aufopferung ihr eigenes Glück suchen und finden sieht; dieses Kind wird durch das
Innerste seiner Natur gezwungen gedrungen, neben seiner betenden Mutter auf
die Knie zu fallen, um diesen Gott seines Vaters und seiner Mutter mit ihr anzubeten.
Es ist nicht anders möglich die reine Unschuld seiner Natur zwingt es, für diesen
Vater etwas ähnliches zu fühlen, was seine Mutter fühlt. Es ist nicht anders mögl[ich]
dieses erste Fühlen einer übersinnlichen Vereinigung der Menschennatur mit einem
überirdischen, aber liebenden Wesen helfenden göttlichen Wesen, muß jedes reine
Gefühl, das in der Natur des Kindes liegt, höher heben. Es wird seinen Vater seine Mutter
mehr lieben es wird ihnen inniger danken und wahrhafter vertrauen - wenn es an einen Gott
glaubt, der seines Vaters Vater, aller Väter Vater und aller Kinder Vater ist. Es wird, muß jedes
Geschöpf seiner Art, in dem es ein Kind Gottes und seines Vaters erkennt, reiner lieben
ihn [sc.: ihm] mit höherm Gemüthe und aus höherm Gemüthe die Hand biethen; die ganze Natur wird
ihm als Offenbarung der Liebe und Kraft seines Gottes und seines Vaters, heiliger seyn
als sie ihm sonst war. Es wird in der scheinenden Sonne, in der träufelnden Wolke, in dem
wachsenden Korn in der Tiefe des Thals und in der Höhe des Berges, seinen Gott und
seinen Vater erkennen<,> und Sonne und Regen und die Früchte des Thals und die Früchte der
Berge höher achten und weiser benutzen, als wenn es Gott nicht kennte. Es wird sich
wie seine Mutter dahin erheben, daß selber Unglück und Leiden keine Verwilderung in der
Natur erzeugen, sondern im Gegentheil ihn [sc.: ihm] wesentl[ich] zum Besten- und dafür dienen werden
durch sie die Kraft seiner Liebe seines Vertrauens und seines Dankes zu läutern
und zu bewahren.
6r Brief.
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Zweite Beilage.

Auszug aus dem
Verzeichniss

der Beobachtungen der Lehrer des Instituts über die Zöglinge der vierten Classe.
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Alles was zu einer vollständigen Charakteristick eines jeden Zöglings dieser Classe beitragen kann
soll in gegenwärtiges Charakteristisches Repertorium eingetragen werden - besonders eines
jeden gute Eigenschaften und Fehler, die angeblichen Quellen der einen und der andern, und was
sich als Aufmunterungs- und Entwickelungs Mittel für die ersten und als Abhelfungs Mittel der
          letzteren empfehlen läßt. --


1805./: /
[5]
Leman Collomb.

Am 5ten Octobr. Er hat einen starken muskulösen Körperbau und gewöhnlich, gute Farbe, ich wünschte
er wäre etwas lebhafter und lustiger, seine ausgezeichnete Pflichttreue macht, daß er ernsthafter ist,
als Knaben seines Alters seyn sollten; deßen ohngeachtet nimmt er mit Eifer an den allgem[einen] Spie-
len Antheil, wird dabei sogar bisweilen leidenschaftlich, wenn das Spiel recht gut geht; merkt
er aber, daß einige das Spiel nicht können, oder nachläßig dabei sind, so wird er desselben bald
überdrüßig, wird aber dennoch, wenn es ihm keine Freude mehr macht, daßelbe nicht ver-
lassen weil er weiß, daß dieß die Lehrer nicht gerne sehen. Man sieht es ihm gleich an, wenn er
jemanden beim Spiel Fehler machen sieht, gewöhnlich wird er dann für einen Moment wunderlich, man darf
ihn aber nur mit einen [sc.: einem] Wink daran erinnern, so fängt er an zu lachen, und wird wieder munter zum
Spiel. Er hält sehr viel aus; und ist immer einer der letzteren, die über Müdigkeit klagen. Sein Anzug
ist immer ordentlich und reinlich, er besorgt sich überhaupt mit vieler Aufmerksamkeit; es schmerzt
ihm sehr wenn ihm ein anderer etwas von seinen Sachen besudelt, oder sonst in Unordnung bringt. Beym
Essen ist er mäßig und gefällig, giebt besonders auf alle diätetischen Regeln, die er von seinen Lehrern hört,
so wie auf die Verhaltungs Regeln, die man zur Erhaltung seiner Gesundheit und der Festigkeit seines
Körpers zu beobachten hat, sorgfältig achtung und befolgt sie. Ich habe noch keine Art von Gelüsteln
nach feinen Speisen und Leckereien bei ihm bemerkt, er begnügt sich mit allem, und man merkt es
ihm an, daß er von Jugend auf zur Nüchternheit und zur Genügsamkeit gewöhnt worden ist.
Mir scheint, er sey den Tag über ziemlich gut beschäftiget, nur ist er in einigen Lectionen in Verhält-
niß zu seinen Mitschülern zu weit vorgerückt. Von 6½ bis 7½ des Morgens ist er bei mir
in der gramatischen Lection, worinne er sich sehr vortheilhaft auszeichnet durch Anstrengung Gehor-
sam und Nachdenken; er ist in beiden Sprachen für sein Alter hinlänglich vorgerückt, nur ist mir auffallend,
daß er beim Reden und Schreiben der deutschen Sprache sehr häufige Germanismen macht; Er spricht
bestimmt und richtig, aber ist sehr arm an Ausdrücken und Wendungen, Vielseitigkeit mangelt ihm,
er fährt vortrefflich und selbst thätig fort, wenn er den Weg kennt den er einzuschlagen hat, aber den
Weg findet er nicht leicht selbst; ich wunderte mich schon öfters über seine Unbehülflichkeit beim Anfang alles
Neuen. Gegenwärtig steht diese Classe beim Anwenden der gelernten Zeitwörter, welches zum Uebersetzen
und zum Sätzebilden führt. Von 8 bis 9 Uhr ist er beim He. Dobler in der Geographie, der diesen Zögling eben
so sehr rühmt, den einen Tag lernt diese Classe an den [sc.: dem] Globus die Berge und Gewässer nebst den Haupt-
örtern kennen, und den andern Tag wird dasselbe von der Schweiz auf der Charte vorgezeigt.
Von 9 bis 10 Uhr liest er den einen Tag französisch und den andern Tag macht er französische StylUebungen
bei mir; jetzt lasse ich die Zöglinge in der 2ten Stunde Sätze mit Vorsetz Wörtern [sc.: Präpositionen] bilden; er ist ziem-
lich geübt in Zusammenstellungen, aber gut französisch schreibt er nicht, mehr correct. --
10 - 11 rechnet er bei He. Schmidt, den einen Tag im Kopf den andern auf der Schiefertafel. Gegen-
wärtig löst er solche Aufgaben auf: Zu einem Kleid braucht man 9 1/3 Elle von 3/4 breiten Tuche, wie viel Ellen
braucht man zu einem gleich großen Kleide, wenn das Tuch nur ½ Elle breit ist. Auch berechnet er verschiedene
Geldsorten. In diesem Unterrichte ist er der beste seiner Classe. Er hat auch alle Anlagen zu einem vollkommen-
nen Rechner: Ruhe des Geistes, Gedult, Gedächtniß und eine seltene Kraft der Ueberlegung. Ich wünschte
daß Herr Schmidt seinen Zöglingen angewöhnte die Probleme bestimmter und in den gewöhnlichsten
und besten Termen aufzulösen zu lernen. Von 11 - 12 Uhr ist er beim He. Hebert im Zeichnen, worinne
er auch große Fortschritte macht; er hat nun angefangen zu Schattieren. Hier sind aber seine Fortschrit-
te mehr eine Folge von anhaltenden [sc.: anhaltendem] Fleiß, als von besondern Naturanlagen für dieses Fach; er hat < >
sehr viel Immagination. Von 1½ bis 2½ lernt er bei Göldi französisch schreiben, und zeichnet sich in
dieser Stunde durch Stille und Ernst zum Arbeiten aus. Wenn alles neben ihm schwatzt, so
macht er seine Geschäfte fort, warnnt [sc.: warnt] auch wohl die andern, still zu seyn. Von 2½ bis
3½ giebt ihm He. Dobler Unterricht im Deutsch lesen und dem [sc.: den] einen Tag im deutschen Styl, wobei Herr /
[5R]
Dobler mit Verbindungs Wörtern Sätze bilden läßt, nach Tillichs Anleitung. Leman macht es hier sehr
brav. Er schreibt kleine Sätze fast fehlerlos. 5-6 ist er bei He. Schmidt, eigentl. um das A, B, C, der An-
schauung zu machen, hierinn kam er bis zum Viereck, es in Hinsicht auf Größe betrachtend, gegen-
wärtig hat aber He. Schmidt die Ausziehung der Quadrat Wurzel erklärt. Leman zieht sie in ganzen
Zahlen und in Brüchen aus. Von 6 bis 7 schreibt er groß französisch mit He. Jourdan und von 7 bis 8
Orthographie mit Grieb in beiden Lectionen sind seine Lehrer mit ihm zufrieden. Aus diesem ist klar,
daß in Bezug auf Unterricht, ihm kein besseres Zeugniß ertheilt werden könnte. Er ist nicht gewohnt
irgend etwas ohne Selbst-Ueberzeugung anzunehmen und nachzusprechen: Er führt alles was er un-
ternimmt mit einer Festigkeit und Entschloßenheit durch, daß es eine wahre Lust ist ihm beim
Lernen zu beobachten, und welches uns seinetwegen zu schönen Hoffnungen berechtigt. Er wird sich,
nach meiner Meinung, in allen Geschäften, wo es auf Arbeitsamkeit und Nachdenken ankommt,
auszeichnen. Man sieht ihn selten zerstreut, und wenn [dies] auch einmal der Fall wäre, so ist es mehr
eine Folge von Unzufriedenheit darüber, daß er etwas, daß gesprochen und gelehrt wird, nicht
verstehen kann. Im Vertheidigen deßen was er für wahr hält ist er hartnäckig. Sein Betragen ist
ganz conform mit seinen übrigen Seiten: voll Liebe Dank und Vertrauen hängt er an seinen
Lehrern und an allen braven Zöglingen; besonders auffallend ist seine Eltern und Bruderliebe,
er hat von jeher eine Sorgfalt eine väterliche PflichtErfüllung gegen seine 2 jüngeren Brüder
bewiesen, daß man ihn deßwegen nicht nur lieben, sondern auch achten muß. Bei seinen
Arbeiten sieht man es deutlich, daß er seine Eltern immer vor Augen hat, und ganz aus Liebe
zu ihnen arbeitet. Er fühlt sehr tief und rein, aber spricht sich nie durch Liebkosungen aus.
Redet man mit ihm über seine Pflichten, über seine besondern Verhältnisse, so leuchtet aus
seinem Blick eine Unschuld, Zufriedenheit und Bescheidenheit, die ihn außerordentlich anziehend
machen. Wenn es ihm etwa einmal begegnet, daß er einen kleinen Fehler begeht, oder daß
man ihn unverdienter Weise eines solchen schuldig glaubt, so kann er innig darüber be-
trübt werden und eigentlich über sich trauern. Ich halte dafür man müßte seine zu
zarte Empfindlichkeit nicht nähren, sondern ihn mehr zur Freiheit an die Ertragung von
leichten Vorwürfen gewöhnen; denn die Behandlung die er hier erfährt wird er
nirgends in der Welt finden.
Muralt.

N.S. Er beweist eine seltene Gewissenhaftigkeit im Briefschreiben an seine Eltern,
und wird äußerst mißmutig über Verspätung der Briefe.
Muralt.

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Anmerkung. Dieser Zögling Leman Collomb ist 10 Jahr alt und 1½ Jahr
im Pestalozzischen Institute; doch war er gleich in der ersten Zeit seines Darinn[-]
seyns ½ Jahr so krank, daß während jener Zeit nur wenig zu seiner Bildung
geschehen konnte. Er ist aus Vivis oder Vevay am [*Lücke*; sc.: Genfer] See.