Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 16.2./21.2.1807 (Frankfurt am Main)


F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 16.2./21.2.1807 (Frankfurt am Main)
(KN 10,1, Brieforiginal 3 ½ B 4° 13 S., mehrfach auszugsweise ed.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Frankfurt a/m 16/2 7/.
Noch bis diesen Augenblick äußert mein Geschick den stärksten Einfluß auf meinen Briefwechsel mit Dir innigst geliebter Bruder und mit meinen andern Freunden; noch bis jetzt bestimmt es die Weise und die Art dessen meines Briefes: Schon liegt ein Brief 1½ Bogen für Dich mein Bruder in meinem Pult, und fest war ich entschloßen Dir in jenem Briefe eine treue, lückenlose Darstellung meines seit dem Febr vor. J. gelebten Lebens zu geben, da mich Umstände - offenherzig und geradezu gesprochen, die sonderbar schwankende Aussicht auf diese das Ende dieser letzeren Lebensperiode daran verhindern, und mich bestimmen diesen Entschluß so lange aufzugeben, bis die Zukunft zur Gegenwart seyn wird oder bis wenigstens durch den dichten Nebel hinter dem jetzt die Zukunft ruht, die wahre Gestalt derselben etwas mehr kenntlich seyn wird.
Ich danke Dir mein theurer Bruder für Dein Zutrauen, das Du in meine Selbstständigkeit setzt, es hat Dich auch in der Sache gar nicht getäuscht. Ich bin noch bis jetzt den mit so <warmem> hohen Vergnügen gewählten Berufe treu und werde ihm für immer und immer treu bleiben. Noch bis jetzt bin ich in Frankfurt[s] Grenzen, bin noch Lehrer aber nicht blos Lehrer; ich bin weit mehr als dieser, ich bin Erzieher und Pflegevater 3 [sc.: dreier] Knaben. Die Beweggründe meines Handelns, die Grundsätze auf welchen es beruht, auseinanderzusetzen, liegt außer den Grenzen dieses Briefes. Genug ich handelte gut ich handelte recht, handelte nach vielseitig erwogenen Vernunftgründen und meiner Pflicht gegen mich und meinem Berufe getreu. Ich erwarb mir durch mein Handeln die Hochachtung meiner selbst die Zufriedenheit mit <mir> und den Dank sehr der edelsten Menschenseelen.- Wer Erziehung und Unterricht kennt, dem brauche ich nicht anzudeuten, daß ich einen beträchtlichen Schritt vorwärts getan habe, dem [sc.: denn] zum Lehrer wird höchstens mehrseitige, zum Erzieher - so wie er mir vor Augen schwebt, aber allseitige Ausbildung erfordert. Alles was sich bei Niederlage meiner Lehrerstelle meiner Beurtheilung aufdrang billigte und billigt noch mit gleicher Kraft mit gleich geltenden Gründen meinen Schritt, auch meine ökonomische Lage war sehr mit meiner Veränderung zufrieden, denn meine neue Lage sicherte mir jährlich - [bei] natürl[ich] übrigens freier Station - denselben Gehalt zu, den mir meine Anstellung an der Schule brachte, freilich konnte ich nun auch keine Stunden mehr geben die mir jährlich 300 <fl> trugen, aber einmal konnte ich mit dem Doppelten dieser Summe nur mein Hauswesen erhalten, zweitens konnte ich wegen zu sehr gehäuften Geschäften, und wegen der großen Anstrengungen die mit den PrivatStunden verknüpft waren, diese Stunden nur noch sehr kurze Zeit besorgen da sonst meine Gesundheit -Geist und Körper bestimmt Schaden gelitten hätte; denn Du hattest sehr recht wenn Du mich in den letzteren Jahren [für] sehr beschäftigt gehalten hast, weil ich - ohne meine Präparationsstunden - täglich ununterbrochen nacheinander laufend 10 fest bestimmte Stunden in den verschiedensten Gegenständen beschäftigt war; da ich auch für mich /
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wöchentlich 7 französische und 2 englische Stunden hatte. Da ich dortmals meiner Kraft zu viel auflud, so war ich oft Abends wie gerädert, und zu jeder ferneren Arbeit unbrauchbar, dennoch habe ich in jener Zeit mehrmals bis 2 und länger des Morgens gearbeitet. Die Folge meiner - wirklichen Überhäufung war, daß ich von einigen z.B. dem Französischen wenig Nutzen hatte, da ich mich auf sehr viele Stunden nicht vorbereiten konnte, und daß ich nachher die Zahl der Gegenstände, auf die meine Kraft wirkte mit einem male verringern mußte.
Noch habe ich Dir zwar nicht gesagt da die Erziehung welcher Kinder ich übernommen habe, Du wirst dies aber gewiß ahnden, wenn Du Dich der Bitte erinnerst, die ich in meinem letzteren Brief, ich glaube vom 6ten Febr. v. J. an Dich that. Es waren die Holzhausischen Knaben zu denen ich als Erzieher ging. Als ich jenen Brief an Dich und jene Bitte niederschrieb dachte ich noch nicht in der Ahndung daran, und hätte denjenigen bestimmt für höchst sonderbar gehalten, der mir diesen Schritt vorhergesagt hätte, und dennoch hatte ich den 5ten März schon mein Versprechen [ge]geben, meine Stelle Joh[annis] niederzulegen. Ich verschaffte sie und einzig durch mich erhielt sie Sänger, der sie noch jetzt begleidet [sc.: bekleidet]. [Um] aber auch mich in meinem neuen Verhältnis sicher und fest zu setzen setzte ich Bedingungen auf die mir von den [sc.: dem] Vater der Knaben schriftlich zugesichert werden mußte. Die Bedingungen waren, hier im Auszuge jedoch wörtl[ich:]
1) beständiges getrenntes Wohnen d mit den Kindern von den Eltern, eigene, wenn auch mit der Hausökonomie in Verbindung stehende Haushaltung.
2.) beständiges Wohnen mit den Kindern auf dem Lande. Mit dem Einzug der Kinder in die Stadt hören alle meine Versprechungen auf
3.) völlige Uneingeschränktheit in der Behandlungsweise der Knaben, sowohl in Rücksicht auf Erziehung, als auch in Hinsicht der Methode des Unterrichts. Mir wurde es dagegen erlaubt bei jeder Ein- und Beschränkung, mir es dann zur ernsten Pficht zu machen, die übernommene Verbindlichkeit der Erziehung und des Unterrichts in allen ihren Teilen sobald als möglich aufzulösen.-
4.) Unter und gegen Erfüllung dieser und anderer Punkte versprach ich die privat Erziehung wenigstens der beiden älteren Knaben zu beendigen[.]
Dies waren meine Hauptbedingnisse, die andern waren weniger bedeutend. Von Seiten des Vaters wurden außer den in der Sache liegenden keine gemacht, sondern blos die Unterrichts Gegenstände bestimmt. Unterricht in den Sprachen außer der deutschen erhielten die Kindern von anderen Lehrern.-
Die Kinder in der Schule waren mir so herzl[ich] lieb wie meine Kinder ich liebte sie als meine Brüder als meine Schwestern, die Anstalt war mir theuer und werth, ich achtete <sie> wie eine Geliebte, dennoch trennte ich mich am 21. Jun[i] von beiden.- Das Andenken an /
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jenen Tag wird mich immer ergreifen. Es wurde mir erlaubt öffentlich und feyerlich von der Schule Abschied zu nehmen. Ich genoß das vollkommendste Zutrauen und die Achtung des Consistorial Direktors, der meinen Abgang von der Schule schriftl[ich] für einen Verlust für die Anstalt erklärte; meine Mitlehrer schätzten mich und die guten freuten sich meiner Freundschaft; die Kinder ohne Einschränkung liebten mich mit einer seltenen Anhänglichkeit und viele mit Zärtlichkeit. Mein Abschiedstag war für die ganze Schule ein Trauertag, und die Kinder bewiesen mir dies auf die auffallendsten Weisen, beinahe alle weinten, und die Lehrer versicherten mir daß sie Knaben weinen sahen, denen sie nimmer eine Thräne zugetraut hätten.
Doch was hilft es, daß ich mir jenen Tag der mich bis in mein Innerstes ergriff, der meine Füße schwankend machte nochmals vorführe.- Erhältst Du eine vollständige Geschichte meines letzten Jahres, dann muß ich Dich ja doch näher mit diesem Tag bekannt machen den ich zu den höchsten meines Lebens, zu denen rechne, wo ich mein höchstes Leben führte, denn es schloß mir die Herzen die Einfalt und Unschuld von beinahe 200 Kindern auf[.]-
Seit dem 24[.] Jun. lebe ich nun als Erzieher und Pflegevater der Dir bekannten 3 Knaben[.] Das Seyn meiner Knaben und die Verhältnisse der Eltern machen es nöthig, daß ich mit Ihnen von den Eltern getrennt wohne, obgleich ich mit diesen auf einem Gute recht nahe Frankfurt wohne lebe. Wenn auch gleich das Wohnhaus der Eltern und das unsrige sich im Gesicht liegen und nur durch den zwischen beiden hinlaufenden schmalen Garten getrennt werden, so sehen doch die Knaben nicht täglich den Vater und ich oft in mehreren Tagen nicht die Familie, da ich das Seyn und Leben der Adligen wie das Böse selbst hasse und die pädagogischen Grundsätze des Vaters nicht die meinigen sind, oder eigentlich da der Vater gar nicht weiß was es heißt: Vater zu seyn und was die Pflicht des Vaters gegen die Kinder erfordert, und also in Hinsicht auf Kinder Erziehung nicht eine Ahndung von reinen Grundsätzen hat, und ich mich dagegen bemühe, alle diejenigen Grundsätze bei der Erziehung meiner Pfleglinge anzuwenden die ich als rein, gut und natürlich erkenne. Die Stimme der Mutter - der ich in Rücksicht auf meine Ausbildung unendlich viel verdanke - Die Stimme dieser, einer Dame von dem seltensten Geiste, von der richtigsten Beurtheilungskraft, dem [sc.: den] reinsten mütterlichen Gefühlen ein Muster hoher würdevoller Weiblichkeit, ist zu schwach als daß sie durchdringen, daß sie das Verhältniß des Vaters zu seinen Kindern, auf das Naturverhältniß zurück bringen könnte[.]-
Was die Knaben betrifft, für mich in engerer Beziehung die Hauptsache, so sind die so verschieden in Hinsicht ihres Charakters als nur immer 3 Knaben dieses Alters verschieden seyn können. Der älteste, Karl -12 Jahr - hatte in sich als ich ihn erhielt, schon alle Eigenschaften der adlichen feinen Welt auf[-] und angenommen, und viele wucherten schon gleich Brennesseln am wüsten unbebaueten Ort. Die Haupttitel seiner Charakteristik waren /
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Gedankenlosigkeit, Oberflächlichkeit, Mißtrauen gegen Ältere und Erzieher, Halsstarrigkeit, grobe Eitelkeit, grobe Sinnlichkeit, Lieblosigkeit gegen Eltern, Geschwister, Erzieher, daß in seinem Innern noch ein Herz schlug konnte man blos aus seiner niedern Neigung zu Hunden und Pferden schließen. Den mittleren Knaben Fritz 9 Jahr charakterisirte dagegen ein sehr hoher Grad von Guthmüthigkeit, d aber auch eine außerordentl. große Schwäche der Geisteskraft, Gedankenlosigkeit bei allem was darauf Anspruch machte, daher Oberflächlichkeit im Erkennen u Wissen doch großer Hang und auch Geschicklichkeit zu rein mechanischen Beschäftigungen. Seine Gutmüthigkeit und Schwäche gaben ihm eine große Anhänglichkeit u Liebe an Mutter u Erzieher, aber auch einen oft niederdrückenden Grad von Leichtsinn.-
Der kleinste Knabe: Adolf ein Knabe der Weihnachten 7 Jahr alt war. Ist einer der vollkommendst organisirten Kinder, die ich bis jetzt kennen lernte, den ein unverdorbener Sinn reines Herz und ein kraftvoller Geist bewohnt, fest tief gegründete Anlagen zu allem hat ihm die Natur gegeben, ohne daß sie schimmernd blenden, sondern nur dem bekannt sind der ihn genauer kennt. Heftigkeit und leidenschaftliche Hitze sind es die ihm in der Verbindung mit seinen Brüdern, die häufig in Grimmassen (durch Wort u That:) ihr Vergnügen suchen, oft vielen Verdruß zu ziehen.-
So waren die Knaben deren Erziehung ich übernahm, und sind es bald mehr bald weniger noch, ob ich sie gleich die beiden älteren in ihren jetzigen Seyn nicht mehr erkenne. Welche unaussprechliche, unzubestimmbare Mühe, rastlose Thätigkeit, gespannte Aufmerksamkeit auf das Thun und Handeln der Knaben und welches kraftvolle unablässige Einwirken und wahrhaftes Be- und Zerarbeiten der Knaben was mir es gekostet hat, ehe ich es nur dahin brachte, wohin jetzt die Knaben sind wirst Du mir, der Du selbst praktischer Erzieher warst leicht glauben.- Mein frühes und vieles Beschäftigen, und Aufmerken und Nachdenken über mich selbst, hatten mir eine nicht gewöhnliche Kenntniß des innern Menschen verschafft; dieses wandte ich bei Karln an; mein natürl[iche]r Takt in der Beurteilung der M[enschen] mein richtiges Gefühl und richtiger nicht seichter Blick, und mein unablässiges rastloses Aufmerken auf Karln, die Geschichte seiner früheren Erziehung und dessen was auf ihn einwirkte, durch die so richtig sehende Mutter, machten mir bald diesen Knaben - der seinem vorigen Erzieher ein Räthsel und ein Bösewicht war - so kennen daß er wie die Zeichnung einer zusammen gesetzten Maschine vor mir lag.- So bald dieß war ließ ich ihn nach und nach mein Übergewicht fühlen bewieß ihm das [sc.: daß] ich die geheimsten Falten seines Herzens kannte. Sprach ihm Gedanken aus die er kaum ein mal gedacht hatte. Dabei behandelte ich ihn unablässig streng bewies ihm aber und zeigte ihm durch jede meine Handlung daß ich nicht ihn, sondern seine Fehler hasse, ja daß ich ihn liebte /: Mein Vorgänger hatte ihm seinen persönlichen Haß gezeigt :/ dadurch gelang es mir denn in unendlicher Gradation die Zuneigung /
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Zuneigung ja die Liebe, besonders die Achtung dieses Knaben zu erhalten. Da er aber noch keine Idee von der Würde und dem eigentlichen Wesen Menschen hat, daher also auch seine Achtung noch gar wenigen Werth haben kann, so halte ich ihn in und auch sonst noch sehr viel fehlt ehe er ein solcher Knabe ist und wird wie meine Idee ihn mir zeigt, so halte ich ihn noch immer <  > fern von mir, doch [so] daß ihn immer die Wärme meiner Liebe erwärmt und ihn zu mir zieht; ich nehme nur dafür Gunstbezeigungen und Liebkosungen von ihm an /:durch die er zu bestechen denkte:/, wenn es sehr gut in seinem Innern mit ihm steht. Durch die Achtung gegen mich, die ich ihm durch mein Betragen gegen ihn und andere auf- und abzudringen suche, hoffe ich ihn, vielleicht noch zu retten. Die andern beiden Knaben lieben mich unbegränzt, und der Kleine mit einer kindlich zärtlichen Anhänglichkeit, die mich oft tief in mein Innerstes bewegt und die mir schon oft Stunden himmlischer Glückseeligkeit verschafft hat, daß in meinen Augen Thränen innigster Freude und des reinsten Dankes für den Himmel strahlten.-
Der Vater der das ganze der Erziehung seiner Kinder nicht kennt, nicht kennen kann sieht in mir den Mann - und behandelt mich als solchen in seiner Art als solchen. Die Mutter freut sich meiner Liebe zu ihren Kindern, und dankt mir, mit unnennbaren Dank meiner rastlosen Thätigkeit für das Wohl ihrer von ihr zärtlichst und innigst geliebten Kinder.- Ob sie gleich in allem was auf mich zurückwirkt ihr Dankgefühl ausdrückt; so genügt ihr dieses dennoch nicht, in frommen Gebet erfleht sie ewigen Dank mir vom Himmel.
Soviel mag jetzt genug seyn um Dir einige Punkte in meinem letzten Lebensjahr und mein jetziges Leben und Seyn anzudeuten. Freilich wird Dir hierdurch noch vieles sehr dunkel bleiben, besonders: mein Stehen zu mir selbst. Klar und deutlich kannst Du auch mein jetziges Seyn und Handeln erkennen und mein Wollen und Streben für die Zukunft beurtheilen, wenn ich Dir erstlich genau die Gründe und Beweggründe angebe warum ich meine vorige Stelle mit dieser vertauschte, wozu wie ich Dir schon oben sagte jetzt nicht der Zeitpunkt ist, und wenn ich Dir genau mein letztes Lebensjahr schilderte. Genug! ich ging nicht zurück sondern fol befolgte treu mein Motto: rastlos vorwärts in die Tiefe, in die Weite.
Diesem zufolge beschäftigen mich jetzt abermals sehr ernstlich Pläne, Pläne für die nächste Zukunft, die in genauester Verbindung mit einem zweiten Hauptplan und dessen Realisirung stehen, und Dir, vielleicht unmittelbar ihn begründen.
Den Stoff den ich zur Ausführung eines meiner Pläne gewählt habe ist von höchst spröder Natur, und ob ich ihn gleich schon beinahe ½ Jahr bearbeite, so habe ich doch noch nicht die mindeste Hoffnung daß er mich zum Ziele führen werde, aber auch noch nicht Ursache ihn als der Bearbeitung nicht lohnend bei Seite zu legen. Bis Ostern längstens entscheidet /
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det es sich; ist die Entscheidung wie ich leider ahnden muß unbefriedigend, dann - doch sobald jener wichtige entscheidende Tag sich zu den vergangenen zählt, werde ich Dir weitläuftiger schreiben; jetzt - wünsche mir festen Muth und meinen Worten Kraft.
Wie leicht unter diesen Umständen, wo so vieles meine Kraft und Thätigkeit in Anspruch nahm, wo ich so vielseitig und anhaltend beschäftigt war, daß hier leicht ein Jahr verfließen konnte ohne Dir, ohne meinen Freunden Nachricht von mir zu geben, denn wirklich habe ich im Allgemeinen nur die höchst nöthigen Briefe geschrieben - wirst Du Dir leicht denken können; dennoch hatte ich schon seit dem 7br [sc.: September] den beständigen Willen Dir zu schreiben, allein immer wi glaubte ich es sollte bald der Ausgang meines Planes [sich] entscheiden, und so verfloß denn mehr als ein Jahr, und ich gestehe, daß ich Dir auch jetzt noch nicht geschrieben haben würde, wenn es mir nicht durch Deinen Brief zur unerläßlichen Pflicht geworden wäre. Schon seit den [sc.: dem] Monat 7br v. J. liegt daher schon ein beinahe zwei Bogen langer Brief für den Bruder Chr[istian] in Osterode, der mir im Herbste sehr brüderl. schrieb in meinem Pulte, ist aber aus demselben Grunde weder beendigt noch fortgeschickt worden.
Daß Du auf meinen letzteren Brief mit Recht eine Antwort erwarten konntest, habe ich tief gefühlt und dieses Gefühl hat mir mehrere recht sehr traurige Tage gekostet. Ich erhielt Deinen Brief und den des Bruders gerade zu der Zeit als ich den Entschluß gefaßt hatte von der Schule abzugehen. Nun konnte ich mich dem H. Onkel nicht mehr auf so glaubhafte Weise als einen zahlungsfähigen Mann darstellen, daher mochte ich nicht mehr jene Bitte an ihn thun; denn immer fielen mir die Worte des Onkels in Königssee ein: "bald wird der Vetter in Fr[an]kfurth verschuldet seyn und dann davon gehen müssen." und nur die Muthmaßung davon jemand anders zu geben dieses möchte ich meinem ausgeführten Entschluß nicht zuleide thun, den ich dazu viel zu hoch achtete. Freilich hätte ich mich d[em] H[errn] Onkel - da ich noch ¼ Jahr Lehr[er] blieb - immerhin noch als einen öffentl. angestellten Mann zeigen können und auf diese Weise jenen Vorschuß für den Bruder erhalten; allein, dachte ich, erfährt der He. Onkel früher oder später daß du nicht mehr ein Mann bei der Stadt bist, so wird er glauben, daß du auf eine hinterlistige Art dir seine Unterstützung verschaffen wolltest.- Außerdem that mir besonders Bruder Traugotts Lage so schmerzlich wehe, daß ich mich nicht entschließen konnte ihm eine abschlägliche Antwort zu geben schreiben; überdieß bin ich nichts weniger als böse mit ihm, und diese abschlägliche Antwort hätte er doch als einen Beweis meiner Unbrüderlichkeit halten können, und dieses wollte ich doch sehr gern vermeiden da mir des Bruders Liebe so sehr schätzbar ist; dennoch glaubte ich daß er sich durch Mittheilung meiner Gefühle, wenn sie nicht durch einen thätigen Beweis begleitet waren, nicht vom Gegentheil überzeugen lassen würde.- Dazu kam noch daß ich in jener Zeit selbst in einer vielseitig bedrängten Lage lebte /
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und selbst eine Wechselschuld von 200 fl zu bezahlen hatte. Hierzu kam noch daß ich nicht gerne den frühen Wechsel meiner Lage ins Vaterland schreiben mögte, da ich weiß, wie darüber geurtheilt wird, durch alle diese Umstände verfloß die Zeit zum Schreiben - so schien es mir, so schnell, daß ich mich am Ende des Schreibens schämte. Sage dieß alles dem Bruder Traugott:
Ja, mein lieber Bruder Traug[ott], ich bitte Dich wegen der vielen kummervollen, traurigen, mit vergeblichem Hoffen Dir erfüllten Tagen recht herzlich und brüderl[ich] um Verzeihung, glaube mir, daß es mir recht sehr schmerzte Dir nicht helfen zu können, und wahrlich jetzt noch ergreift noch die brüderlichdte Theilnahme mit Deiner dortmaligen Lage meine Seele. Ist es Dir möglich und kannst Du mir bestimmte Gelegenheit geben, daß Dir zu nützen und zu dienen, so rechne Du auf schnellste und bestimmter [sc.: bestimmte] Erfüllung jeder Deiner Bitten; nur mein geliebter Bruder bitte mich um etwas was ich Dir erfüllen kann. Sprich mit Br[uder] Chr[istoph] glaubt ihr [sc.: Ihr], daß mir in meiner jetzigen Lage der Onkel noch Geld lehnen wird so soll alles, was ihr [sc.: Ihr] von mir fordert schnell folgen, bedenkt aber dabei daß ich in beinahe 2 Jahren nicht nach Willersleben schrieb. Glaube mir mein Bruder daß Du mir so theuer bist als jeder meiner Brüder - und doch liebe [ich] unsern guten Bruder in Griesheim so innigst, als man einen Mensch[en] lieben kann. Zwar bin ich überzeugt, und Du wirst es gewiß mit mir seyn, daß mehrere unsere[r] Grundsätze verschieden sind, doch was thut dieß zur Sache, ich liebe ja in Dir den Bruder und nicht die Grundsätze, und wenn keine Seele mit mir gleiche Grundsätze hätte, so würde mir dies wenig <können> - um der Grundsätze willen - leid thun, diese würden mir deßhalb nicht weniger wahr seyn. Ich und Du wir wurden auf verschiedenen Wegen gebildet, unsere Verhältniße in denen wir ganz frühe mit der Welt standen waren sehr verschieden. Die Menschen - und die Handlungen der Menschen mußten sich Dir anders zeigen als mir, mußten einen ganz andern Eindruck auf Dich als auf mich machen. Liebe mich mein Bruder! und seye immer meiner Brudertreue versichert. Es ist in den letzteren Tagen kein für mich wichtiger Tag verflossen, an welchem ich nicht liebend und vom gütigen Him[m]el Heil und Glück für Dich erbittend Deiner gedacht hätte. Ich bemühe mich, gut [zu] seyn und immer besser zu werden, und meine Handlungen nach einem strengen Pflichtgefühl zu regeln, dieß Seyn und dieß mein Streben muß Dir alles, kann Dir alles verbürgen, was Du wünschst daß ich Dir seyn möge.- Lebe so glücklich wie Dein Bruder August.
Dein Auftrag lieber Bruder Chr[istoph] wegen der Pfropfreisen freut mich. Da ich in meinem Leben immer die Güte des Grundsatzes: bei allem was man will an die Q erste Quelle /
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Quelle zurück zu gehen, [bedacht habe,] so war ich selbst bei d[em] He. Pfarrer Christ. Das Weitere wird Dir sein Brief sagen, den ich wegen seiner Dicke erbrochen habe, und hier nebst Anlage beiliegt.- Um Dich mit dem Werth dieser Pfropfreiser bekannt zu machen melde ich Dir bloß den Preis derselben, denn sie sind bezahlt und ich mit meinem Pathchen, Dorchen und kleinem Julius wollen Dir schon Capital mit ZinsesZinsen abessen; sie kosten 10 <Rh[e]inl. fl>. Ich will wünschen daß sie gut anschlagen; He. Pf[arrer] Christ sagte daß Du mit dieser Menge Zweige schon erwachsene tragende Bäume veredeln könntest.- Deine Bitte - beim Abschied von Dir, um Blumen rc. habe ich nicht vergessen ich werde es wenn es mir mögl. ist besorgen. Bei dieser Gel[egenheit] schreibe ich Dir einige Bemerkungen die ich <im> Sommer tägl. mache. Erstl. werden hier alle Bohnen so gestängelt, daß immer 4 Stangen eine Pyramide bilden /: z.B. Grund [*Zeichnung:
  3 Quadrate*] stehend, [*Zeichnung: 3 Pyramiden*] :/ ich glaube daß diese kleine Abänderung sehr nutzbar ist, weil Sonne und Luft besser auf das Gewächs wirken können. Zweitens habe ich hier allgemein eine - für mich sehr angenehme Verschönerung der Obstgärten gefunden. An jedem Obstbaume stehet nämlich ein Rosenstock. Diese Rosenstöcke stehen dicht an dem Stamme und die Sproßen werden wo möglich rund an den Baumstamm herum vertheilt und mit stroh oder weidengerthen fest gebunden. Sind die Rosenstöcke blühend und vielleicht noch gar mehrfarbig und sonst verschieden artig, so gewährt dieß für das Auge einen herrl. Genuß denn die Baumstämme sind wie von großen Rosengränzen [sc.: Rosenkränzen] umschlu[n]gen; ja, sind die Bäume nicht gar zu hoch, die Rosenart hochbuschig, so kommen die blühenden Rosen zwischen den Laub und Früchten hervor, welches auf mich einen Eindruck macht den ich nicht beschreiben kann. Aber auch nützl. scheint mir diese Einrichtung 1) wird die Erde unter den Bäumen immer locker erhalten; 2) kann, - so glaube ich, theils wegen des Laubes, theils wegen der Stacheln der Rosen nicht so leicht sogen: Ungeziefer in die Krone des Baumes kommen.- Komme ich einst wieder einmal zu Dir und finde Deinen Garten schräg der Pfarre über so eingerichtet, so wirst Du mir dadurch wirkl. eine ausgezeichnete Freude machen. Willst Du Weinfexer haben so kann ich Dir solche sehr leicht besorgen, da d[er] H. v. H. herrl[iche] Weinsorten in einer herrl[ichen] Lage am Rhein hat.
Die gewünschten Bücher erhälst Du, Roderich kostet 45, Hufland 15 Xr [sc.: Kreuzer].-
Hier in Frankfurth wird kein Kathalog über die verauktionirten Bücher gedruckt willst Du die Preise von einigen wissen so darfst Du mir nur die Titel schreiben, wo ich dann Deine Fragen durch den [sc.: Dein] Gegenschreiben beantwortet erhalten kann.- Wegen der Befriedigung der Bücherkauflust geht es Dir wie mir ich hätte auf der letzten Auktion gerne sämtl. Schriften Lessings 30 Bände gehabt, allein meine Kasse hatten große /
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Ausgaben sehr schwach gemacht.
Seitdem ich in Frankfurt bin habe ich überhaupt sehr große Ausgaben gehabt und ich kann für die Zeit wo ich eigne Wirthschaft hatte wohl jährl. 1000 <fl> rechnen: denn es ist alles hier sehr teuer zu mal wenn es ein junger M[ensch] kauft, und meine Garderobbe war eben nicht in einem sehr besonders guten Zustand. Daher habe ich mehr als 200 <fl> schon für große Kleidungsstücke bez[ahlen] müssen und gegenwärtig schuldige ich noch eine Summe von 100 <fl> für 1 Dzzd Hemden. Meine Bibliothek die zu der seit ich in Frth bin, gegen 125 Bände u. Bändchen gekommen sind hat mir auch eine beträchtliche Summe gekostet, dem allen ohngeachtet hoffe ich doch längstens bis Mich[aelis] schulden frey zu werden, so daß mir also für die Zukunft gar nicht bange ist; wenn ich nur die nächste Messe überstanden habe in der - für mich - beträchtliche Mengen zu bezahlen sind. Doch ist der Credit in Frankf: wie nirgends, denn ich schuldige Kaufleuten die mich nie gesehen haben schon beinahe 1 Jahr ohne mich nur an meine Schuld zu erinnern. Doch diese Nachsicht und dieser Credit ist für mich der größte Sporn, mich schuldenfrei zu machen, und wenn mein Glück mir günstig ist hoffe ich - wie ich sagte hier in Frankf[urt] endlich einmal in meinem Leben Schulden frei zu werden.-
Du wünschst von mir mein Bruder Mittheilung einiger praktisch pädagogischen Bemerkungen. Ich wünschte dieß ebenso sehr so wie daß ich Dir mehrere meiner Ideen u. Grundsätze zur Prüfung vorlegen könnte, besonders da ich mich mit Revision mehrer[er] Unterrichts Mittel beschäftigt habe, und die von mir angewandten - auf die Grundsätze der Naturgemäßen Entwickelung des Menschen sich gründenden - mit sehr viel Zufriedenheit von meinen Obern meinen Freunden und in meinem jetzigen Verhältniß von der einsichtsvollen Mutter meiner Eleven aufgenommen werden; bes[onders] im Rechnen, Darstellung des Dezimal-systems, und den Alten sogen: 4 Spec.-Mathem[atik] und Sprache in elementarischer und Wissenschaftlr Hinsicht - ersteres ist eigentl. Sprachunterricht besonders Geographie; dann Zeichnen welches wie alles vorige im Ganze[n] sehr von dem gewöhnl. abweicht; da ich mit Pestal[ozzi] gleiche Grundsätze - nur einen, meiner Überzeugung nach höhern Gesichtspunkt als er habe, so benütze ich alles was mir Pest[alozzis] Methode nur immer darbiethet. Doch ich ich [2x] nehme es nicht darum weil es mit Pest[alozzis] Ideen verwandt, sondern weil es gut und wahr ist. Doch dieses führt mich schon zu weit ich breche also ab.- Auch der Schwager in Kochberg wünscht von mir Ansichten, Aufschlüsse, Erläuterungen über die Pest[alozzische] M[ethode]. Ich gestehe zwar mit hohem freudigem Gefühl, daß kein Vater, der, besonders k noch kleine Kinder hat, einen herrlichern u. schönern Wunsch als diesen haben kann, allein <für> um denjenigen der diese Litteratur gar nicht kennt, schriftl. mit dem Geiste, mit dem - hohen "lebendig machenden Geiste" dieser Meth[ode] bekannt zu machen, dazu gehört weit mehr Zeit und Muße als ich jetzt habe. Fragmente u. Bruchstücke nützen nichts gar nichts, sondern schaden nur der guten Sache. Genug alles was in Hinsicht auf Erziehung gut, d.h. in dem [sc.: den] /
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sich gleichbleibenden Gr[un]dgesetzen der Natur gegründet ist, gehört der P[estalozzi]schen Methode, oder umgekehrt, die P[estalozzi]sche Methode gehört allem was sich, in Hinsicht auf MenschenErziehung den höhern Naturgesetzen unterwirft. Indem ich dieses sage spreche ich von der eigentlichen Tendenz der P[estalozzi]schen Methode.- Ein Buch was diese Tendenz ausspricht und in den Geist dieser Methode verweist existiet nicht und wird so bald noch nicht existiren, und ist gut daß es noch nicht existirt, denn es würde doch 100 Deuter - wie die Relig. Jesu bekommen - da nur wenige es jetzt verstehen können und mögen. Denn der Geist der die Welt beherrscht und der Geist, der P[estalozzi] belebt sind Gegner wie der Jesus und der Trache [sc: Drache].- Alles was diejenigen die P[estalozzi] nicht abhold sind thun können ist, auf Treu und Glauben zu P[estalozzi], den ersten Schritt zu thun. Wer sich mit regen thätigen Geiste dazu versteht, dessen Heil ist schon gekommen, der Geist der sich bald in dem äußert bei dem die Anwendung gemacht wird, wird dann immer Schritt vor Schritt mit einem Lichte des Himmels den Weg beleuchten der weiter zu gehen ist.- Der Unterrichtende wird - glaube mir - wird erstaunen über die Wirkung seiner Thätigkeit bei dem Unterrichtetwerdenden.
Ich habe wie ich in der Schweiz war, mehrere Exemplare P[estalozzischer] Elementarbücher zur Verbreitung der guten Sache mitgenommen.- Dir sende ich hier ein Exemplar, dem Schwager in Kochberg - da dieser mehrere Kinder hat, so kann ich ihm nichts, nichts Besseres rathen als die Anwendung da von bei ihnen, es würde mehr Früchte bringen als seine - er mag mir, auch wenn er dieß ließt verzeihen, blumistischen Spielereyen[.] Das 3te kannst Du verschenken wo und wie Du willst nur wünschte ich daß der der es bekäme [es] ein wenig anwendete. Vielleicht d[er] He[rr] Pfarr[er] Fischer: Will Dir diese Person etwas dafür bezahlen, gut, das Geld gehört in die Kasse zu P[estalozzis] ArmenAnstalt im Buchladen kostet jedes ganze Exemplar 2 <rth.> 6 <Gr.> sächs.-Deines u. dem Schwager sein Exemplar sind schon bezahlt u. ich wünsche guten Nutzen. Wie ich sagte auch für das 3te verlange ich keinesweges etwas, wenn es nur etwas zur Verbreitung der guten Sache beiträgt. Damit ihr [sc.: Ihr] aber doch etwas mit dem praktischen Gange P[estaloz]zi[s] bekannt werdet so lege ich hier noch 5 Exemplare von Türks Briefe bei. Die Fr: v. H[olzhausen] hat aus Liebe zur Guten Sache - denn das für diese Bücher einkommende Geld ist für eine ArmenAnstalt von Pest[alozzi] best[immt] - 8 Exempl. u. ich aus Dankbarkeit für Pest[alozzis] Güte gegen mich 6 Exempl. genommen. Diese welche Du also hier erhältst sind bezahlt und ich bitte Dich nur wegen mir die Übersendung nicht übel zu nehmen. Ein Exemplar ist Dein, Eins d[em] Schwager in Kochberg die 3 andern kannst Du - wenn Du willst gegen Erstattung des Porto[s] [-] vertheilen, an wen Du willst. Vielleicht macht durch Pf[arrer] Fischer eines davon Freude. Ich wünsche daß sie Nutzen schaffen mögen /
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und dieß können sie, die Form des Buches ist danach berechnet. Es ist praktisch und ob es gleich nicht den Geist der P[estalozzi]schen Methode ausspricht, so wird es doch - bei treuer Anwendung - den Geist herbei führen den diese Methode dem Schüler giebt. Dieses Buch spricht - was der Welt sehr lieb seyn wird, denn es ist für die jetzt lebenden geschrieben den (:klingenden, baren, nach prozenten zu berechnenden:) Nutzen der P[estalozzi]schen Methode aus. Weißt Du einen gan jungen, fähigen Landschulmeister diesen würde ich es am ersten in die Hände wünschen. Bei den [sc.: dem] Gebrauch der Elementar Bücher hat man nichts zu thun, als die Worte den Kindern vorzusprechen die im Buche stehen und mit Gewandheit Anwendungen dar<stellen> zu machen u. zu examiniren, die[s] ist die Zauberformel die den Geist bannt. Doch He. v. Türk sagt mehr darüber.
Auch Pest[alozzis] ABC Bücher erhältst Du <  > 3 Stück nebst Beilagen. Die langen Lesestäbe gehören nicht dazu, sie sind eine spätere Erfindung. Der Nutzen dieser Lese Stäbe ist um 6-8 Kinder und mehr zugl. im Lesen zu unterrichten sehr vorzüglich.- Über den LeseUnterricht will ich Dir einmal weitläufig schreiben, jetzt nur so viel es dürfen nie die Namen der Zeichen (Buchstaben:), sondern blos die Töne, Laute und Verschlüsse (:p.b.t.d.k.g.:) ausgesprochen werden. Der Effect dieser Methode wird Dich wenn Du sie anwenden solltest, sehr überraschen. Ein Mädchen von 5½ Jahren daß [sc.: das] die Fr v.H[olzhausen] ½ Jahre nach dieser Meth: unterrichtete ließt alles was man ihr giebt in jedem Buche, g mit großer oder sehr kleiner Schrift mit einer solchen <rechten / richtigen> Präcision die man in der Aussprache selten bei großen Personen findet, sie weiß überdies alle auch die zusammengesetzten Operationen der Sprachwerkzeuge zu benennen und deutl. anzugeben welche bei jedem Ton, Laut rc. vorgenommen werden müssen. Sie zerlegt hiernach die schwersten vielsilbigsten Wörter in ihre Theile - den Nutzen dieser Anwendung habe ich an der Musterschule tägl. gesehen wo mir Mädchen von 9-10 Jahr alles richtig orthographisch schrieben Gr[oß] Buchstaben ausgenommen. Ich habe in öffentl[ichen] Examen mehrmals Proben davon geliefert. Das schreckl. baufällige Gebäude der Orthogr[aphie] ist dadurch auch endl. niedergerissen; freylich ist nöthig daß der Lehrer mit einer ausgezeichneten Bestimmtheit spricht, und es gehört wirkl[ich] für den Lehrer einiges Studium dazu ehe er diesen Unterricht unternehmen kann.- Mein Patchen u. dem Jul. wünschte ich auf diese Weise das Lesen gelehrt, denn ich weiß, welche Marter mir, das Buchstabiren war, welches jetzt ganz wegfällt; bes[onders] t.d.p.b. welches sich in dieser Meth. sehr leicht unterscheidet.
Wie gesagt, ich werde Dir weitläufig darüber schreiben.- Jetzt wünscht ich das [sc.: , daß] ich Dorchen Sprechunterricht geben könnte, wo ihr blos sehr deutl. 1) die Namen der sie umgebenden Sachen (Subst.) dann die ihrer Eigenschaften (adj.) dann beide verbunden (:Hut ist rund, runder Hut:) dann Handlungswörter (verb:) [vermittelt werden]. Die Bestimmtheit die ein Kind auf diese /
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diese Weise schon in den Kinderjahren im Ausdruck erhält [ist groß]. Denn ebenso wird es mit dem adverb: oben, unten, rechts, links; schnell, langsam; und bei den Verb[en] fragen, liegen, sitzen; krichen, hüpfen, springen laufen gemacht. Was man kennt kann man sagen rc. wie man will, nur muß das Kind immer auf das wovon man spricht aufmerksam gemacht werden. Dieß wird Dir, um ((systematisch:) denn auf die Ordnung kommt alles an:) Versuche zu machen genug seyn.
Die zweierlei Arten kleinerer Lesestäbe gehören zum A.B.C. Buch.- Die Leichen Rede die dabei liegt habe ich gefunden, mir fehlt das Heft von der Botanischen Bibliothek und ich glaube beim Einpacken diese Rede mit jenem Hefte verwechselt zu haben. Solltest Du einmal dieses Heft finden, so hebe es mir auf.- Die Rechenbücher erhältst Du mit Dank zurück nur rathe ich Dir wenn Du etwas ähnl. anwenden willst lieber aus der Quelle, d.i. Pest[alozzis] Zahlenverhältnissen zu schöpfen.
- Deiner l[ieben] Fr[au] sage daß ich bei meinem letzten Seyn in Griesheim die Kalender die sie vermißte gar nicht gesehen, noch weniger also aus Versehen eingepackt habe.
Ich habe mich einmal schon wegen Luthers Werken bei Euch erkundigt, der Preiß für den Du sie mir angeschlagen hast -ich glaube 5 <rh> doch weiß ich es nicht gewiß, und wenn auch mehr, ist mir annehmlich und ich bitte Dich mir dieses Werk gelegentl. durch einen Fuhrmann zu senden[.]
Doch eben fällt mir ein, daß ich Dir noch gar nichts über die Art geschrieben habe wie Du obengenannten Sachen erhältst, nämlich
1) in einem versiegelten in Packleinwand F # 1 Bücher signi[er]t. Packt
     a) 5 Exemplare v. Türks Briefen
     b) 3 vollst: Exemplare jedes 6 Hefte Pest[alozzis] Elementarbücher
     c) 3 Pest[alozzi] A.B.C. Bücher nebst dazugehörig. Buchstaben
     d) 49 lange Lesestäbe - Ein Alphabet deutsch, und Ein Alphabet lat: deutsch gedruckt
         und deutsch geschrieben auf Holz aufgezogen.
     e) Vater Roderich, f. Hufland Rath, g. die beiden geliehenen Rechenbücher.
2) in einem versiegelten Packt in Matten Sign. F # 2 die Pfropfreiser.
Diese beiden Sachen werden morgen durch daß [sc.: das] Geschirr des Fuhrmanns He. Wilhelm Krauss aus Eisenach von hier abgehen. Bis Eisenach sind 16 <Gr.> Fracht verakkontirt, und Du kannst gelegentlich die Sachen, durch einen Stadtilmer Kaufmann abholen lassen, jedoch hat mir der Schaffner versprochen sie St nach Stadtilm zu besorgen. Der Frachtbrief ist an den Bruder Traugott.
Wie geht es denn mit der Mutter?- Was macht Karl, schreibe oder sage diesem doch ernstl[ich], daß er mir einmal weitläufig über sein Treiben und Wollen, über das, was er studirt hat, was er studiren will, und über seinen Zweck schreibe, denn ich glaube daß ich ihm vielleicht unter euch [sc.: Euch] allen am nützlichsten seyn kann. Vergieß es ja nicht. Es ist mir /
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Es ist mir sehr viel daran gelegen. Du schreibe mir doch über seinen Charakter sein Betragen und seine Hof[f]nungen. Ist es mir möglich so schreibe ich einige Zeilen an ihn und lege zugleich einen Brief im Englischen bei den ich vor einiger Zeit für ihn niedergeschrieben habe.
Eben habe ich nachgesehen, daß Du mir im Dez. [180]5/:. 7 rth. 10 <Gr.> 6 <Pf.> nähml. 6 rth. 12 <Gr.> für 3 halbe Dzzd. Teller; 8 <Gr.> 6 <Pf.> den für die Königseer Magd bestimmten ½ G[u]lden zu viel u. 14 <Gr.> abschlägl. auf das noch zu verkaufende Zinn.
In einem andern Brief habe ich gefunden, daß ihr [sc.:Ihr] mir den Luther für 4 <rth / fl> lassen wollt. Ich freue mich darauf ihn zu bekommen.
in [sc.: In] eben diesen Brief warnst Du mich für [sc. vor] der Mystischen Phylosophie, Du hattest dort recht, ob ich es gleich dort nicht so einsahe. Jac Böhme war mir lange ein 2ter Messias. Jetzt kann ich Dir nur sagen, daß ich die feste Überzeugung habe, daß nur Ruhe der Seele, und Besonnenheit des Geistes die Pförtnerinnen zu dem Tempel der Wahrheit sind. Das Fundament alles meines Wissens, das ich habe u. das ich zu erlangen suche, wird Mathematik, <das> strenges Studium ders[elben] seyn, u. diese schützt schon dafür [sc.: vor] Mystik [Durch] Bescheidenheit öffnet auch die Wahrheit ihn [sc.: ihr] allerheiligstes. Hier erinnere ich mich Ku[lisch]s. Er ist jetzt in Paris und studirt Naturwissenschaften u. wird Ostern eine Stelle [in] Italien annehmen. Sein Wunsch war ihm nach Paris zu folgen; da aber nur ein Land [im] Germanischen und Gräcischen Geist wohl mich fesseln kann, so werde ich Frankreich nie als Frankr. besuchen und nie zu dem Lande meines Aufenthalts wählen. Das mittlere u. nördl. Deutschland ist scheint mir das besonnenste, Italien das Land zu seyn was die höchste Seelen-Ruhe und se der Seele den höchsten Schwung giebt. Dies zu sehen und einige Zeit da zu leben, würde eine große Vollkommenheit meines Planes herbei f mit sich vereinigen.
Weiter weiß ich Dir jetzt nichts zu schreiben, als daß Du recht bald einen noch längern Brief als diesen von mir erhalten wirst, und ich in welchem ich Dich - ich will Dich nur einstweilen darauf vorbereiten - mit der fernern Verfolgung meines Planes bekannt machen, <wieder> und Dich um Deine unmittelbare aber doch Wesentl. Beihilfe ansprechen werde.
Ueber die Nachrichten von Deinen Hauswesen freue ich mich und wünsche guten Fortgang. Die Gesundheit Deiner Kinder und besonders die Deutschheit Deines Knaben freut mich unendlich. Ich freue mich schon Deine Kinder einst um Dich versammelt zu sehen, sage Dorchen viel Gutes von mir, damit sie mich liebe. Ist Gieb ihr und ihrem Bruder herzl. Grüße von mir.- Deine Angehörigen grüße ich Deiner liebe[n] Frau empfehle ich mich zur bleibenden Schwester[n]liebe.- Ich bin immer Dein unverändert treuer und stets zufrieden lebender Bruder
August Fröbel
Geschlossen auf der Öde am 21sten Febr: [180]7/.·.     (Pfuhlhof)

Adresse. An Fr.: Erzieher der von Holzhausens[chen] Kinder in Frkf. Abzugeben im Pfuhlhof am Roßmarkt.
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Verzeihe mir diesen so fragmentarischen Brief. Der Materialien waren so viele, die Zeit zu beschränkt, während dem Schreiben mischte sich von dem was ich Dir nicht schreiben wollte, so viel ein, daß der Brief sehr ungleich wurde und ich würde mehreres verbessern, wenn mir es die Zeit erlaubte, und doch mag ich den Brief nicht bis zum nächsten Posttag aufheben.-