Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Griesheim v.26.3./3.4.1807 (Frankfurt/M.)


F. an Christoph Fröbel in Griesheim v.26.3./3.4.1807 (Frankfurt/M.)
(KN 10,2; Abschrift 87 S., folgt Edition Langes I,1,524-542, Autograph
Fröbels nicht erhalten. Unterschiedliche Datierung im Briefkopf und am
Briefschluß, deren Authentizität nicht gesichert ist. Die Existenz eines
Briefs v.11.4.1807 an Christoph spricht eher für die Datierung am
Briefschluß. Im Brief zitiert F in Auszügen seinen Brief an Christoph
v. 24./26.8.1805)

Auf der Öde bei Frankfurt am Main,
   vom 26.März bis 11.April 1807.
Ich habe Dich, mein lieber Bruder,
schon in meinem letzten Brief darauf vor-
bereitet, daß ich Dir bald in einem zweiten
eine ernstliche und oftmals bei mir statt-
gehabte Betrachtung meines bisherigen
und jetzigen Lebens und die mir für
mein künftiges Leben daraus folgen-
den Resultate mittheilen würde. Die
Zeit, die mir Muße giebt, jene Be-
trachtung nochmals im Zusammenhange
zu verfolgen und niederzuschreiben -
Ostern mit seinen wenigen von be-
stimmten Geschäften freien Tagen -
ist erschienen, und ich säume nicht
dasjenige zu erfüllen, was mir ernste
Forderung an mich scheint.
Du wirst mir erlauben, mein
Bruder, daß ich Dich zurückführe in die
Tage meiner frühern Entwicklung und /
[2]
jene Zeit meiner Entwicklungs-Geschichte
in ihren Hauptmomenten Dir vorführe,
bis zu dem Punkt, wo ich jetzt in Hinsicht
meines Erkennens und meines Könnens
(Können als habituelles Darstellen des Erkannten
außer mir betrachtet) stehe.
Gleich in dem Augenblicke, als die
sterbende Mutter mir ihren höchsten, besten
Seegen auf Stirn und Lippen geküßt hatte,
wurde mein junges, für jeden Eindruck
leicht empfängliches Wesen der Welt mit allen
ihren Mängeln und Gebrechen, Verdorben–
und Verkehrtheiten in die Arme gegeben;
und so entstand mit dem letzten lieben-
den Blick der Mutter der Kampf mit mir
und der Welt, deren Bild sich leicht in mir
mit allen seinen Schattenseiten abdruckte.
Mit solchen Eindrücken in mei-
nem Inneren wurde früh mein Geist,
der bald seinen Adel und seinen Vorzug,
seine Reinheit und Würde fühlte, in sich
zurückgestoßen. In den viel bedeutenden
herrlichen Jahren der Kindheit, wo sich dem /
[3]
Kinde die Welt gestaltet, d.h. wo es
mit Bewußtsein Gegenstände außer
sich wahrnimmt (wo das kindliche, un-
entwickelte Menschengemüth so gern seine
Kraft an den Gegenständen außer sich
versucht), wurde meinem Geiste verwehrt,
aus sich herauszutreten. Kindliche Menschen
leiteten nicht die Entwicklung des sich seiner
Bewußtlosigkeit zu entfesseln strebenden
Gemüths; in kindlichen Gespielen wurde
mir nicht vergönnt, mich selbst zu schau-
en. Von Allen, denen sich mein kind-
liches Gemüth um Bildung nahte, wurde
ich mit wiederstrebender Kraft kraft-
voll zurückgedrängt, ja gestoßen, zu-
mal – da die Welt leider jetzt schon in
mir ihr eigenes Bild sahe, das sie, ent-
weder selbst in mir abgedrückt, oder
mindestens zugelassen hatte, sich in
mir abzudrücken; denn nichts ist ja
der Welt und den Weltmenschen
unangenehmer, als sich gegenüber
ein treues Abbild ihrer selbst zu sehen. /
[4]
Daß mein Gemüth dieses Bild und
kein anderes zurückwarf, wurde un-
eingeschränkt mir zu Last gelegt,
und doch hatte mein armes Wesen,
zu schwach, dagegen sich sträuben zu
können, sich willlig dem Eindrucke des-
selben hingeben müssen. Harte
Worte und Strafe des Verbrechers ver-
folgten mich und drängten so meinen
Geist tiefer in mich zurück: wie der
Jäger mit kraftvollen Armen, in
langsamen, aber desto stärkeren Stößen –
zum Verderben des sich seines Lebens
im Walde noch freuenden Rehes,
weil es, wie‘s die Umgebung
ihm lehrt, Kartoffeln aus dem Acker
des armen Landmannes grabt -
die Luft im Kolben der Windbüchse
immer stärker und stärker zusammen-
preßt.
Mein Gemüth zog sich immer
mehr und mehr zurück, jemehr es
sich unschuldig fühlte, pflanzte, so viel /
[5]
ihm möglich war, Wehr und Waffen um
sich; doch sein Verderben schien beschlossen:
je mehr ich mir selbst lebte, je mehr mein
eigenes Leben in mir mir genügte,
je heftiger, stärker und gefahrvoller war-
en für mich die Schläge, die von außen
auf mich und mein Gemüth eindrangen.
Aber zu vernichten war es nicht; denn
der durch den Seegen der Mut-
ter für mich erflehte Schutzengel wandelte
um und mit mir. So klein auch der
Punkt war, der mir tief im Innern
noch zum eigenen Leben blieb, so
war er doch groß genug, um nun
in mir einen Himmel zu schaffen: ich
lebte,
durch äußeren Zwang genöthigt,
ein Leben in mir, bildete und ent-
wickelte mein Gemüth in mir,
soviel es der kleine Raum erlaubte,
in welchem es sich um sich selbst be-
wegte. Da, wo der Raum zur Ent-
wicklung und Ausbildung dem Ge-
müthe mangelte, erstarkte es /

[6]
wenigstens kräftig in sich, gleich
der vom Jäger in den Kolben der
Windbüchse zusammengepreßten
Luft.
So in mir selbst verschlossen,
lebte ich auch mein künftiges Leben;
denn, obgleich später, als nicht mehr der
Himmel, unter dem ich geboren ward,
sich über mir wölbte, der äußere Zwang
zum inneren Leben und das Zurück-
drängen in mich selbst, aufhörte, so
lebte ich dennoch fortwährend mein
Leben in mir, mein inneres Leben;
denn die Hauptveränderung, die jetzt
mit mir vorgegangen war, war
blos: daß mein Leben in mir nicht
mehr durch feindliche Einwirkungen
von Außen gestört wurde, denn
eigentlich wurde auch in meinem
jetzigen Leben mir – meiner In-
dividualität – nichts gegeben, sondern
ich wurde eigentlich blos (bildlich gesagt)
in einen Garten versetzt, wo zwar /
[7]
die liebe freundliche Gottes-Sonne
mich beschien und mein Sein er-
wärmte, in dem ich mich auch wie
ich wollte frei herumbewegen konnte,
der aber wenige, noch obendrein oft
herbe, schwer verdauliche Früchte ent-
hielt, die überdieß noch für meine
noch ungeübte Kraft auf schwer er-
steiglichen Bäumen und an schwer
zugänglichen Gebüschen hingen.
In diesem ärmlichen Ort sollte mein
Geist, ohne Leitung und Führung, nun
Kräfte sammeln zum eigenen Leben,
Wirken und Handeln. Gewiß keine
kleine Forderung, aber dennoch er-
füllte sie so viel möglich mein durch
sein früheres Leben in sich erstarkter
Geist. Durch die, durch den früheren
äußern Drang, durch das frühere äuß-
ere Zusammenpressen vermehrte
Kraft des Geistes, durch die durch
jenen Zwang erhöhte Feder- und
Schnellkraft desselben, verarbeitete /
[8]
er Stoffe in sich, die sonst viel zu
stark, rauh und ungenießbar für
einen so ungeübten Geist, als der
meinige war, gewesen sein würd-
en. Aber ein großer, kaum zu be-
stimmender Vortheil meines jetzigen
Lebens war, daß es mir frei erlaubt wurde,
mein Gemüth zu erweitern, mehr zu
leben in der jugendlichen Welt, wodurch
dasselbe erwärmt und herrlich erleuchtet
wurde, und durch welche Jugendwärme
dessen innere Wärme noch mehr Elasti-
cität erhielt.
Jetzt gestaltete sich mir die äuß-
ere Welt, aber wollte ich sie begreifen, so
mußte ich sie in mir reproduciren;
ich mußte als Lehrer und Lernender, als
Meister und Schüler in mich selbst zu-
rücksteigen und genau mein In-
nerstes beobachten, ich mußte mich
selbst zu erkennen suchen, ich mußte
das - dem von außen sich mir
Gebenden - Gleichartige und Analoge /
[9]
in mir aufsuchen, kurz ich mußte
suchen, durch die innere die äußere
Welt zu erkennen, durch meine
kleine die größere mich umgebende.
Glück meiner Jugend! und
ewiger Dank denen, unter deren Aug-
en ich sie jetzt verlebte, dieses innere
Leben zu leben, wurde mir nicht ver-
wehrt – mein Gemüth, meine in-
nere eigene Welt – mein Himmel
erweiterte sich, so wie sich jetzt gleich-
mäßig meine Kraft vermehrte.
Meine Kraft durfte unzertheilt in
mir bleiben und sich durch sich selbst
nähren; sie trat nur aus sich selbst
heraus, wenn sie neuen Stoff zum
Verarbeiten gebrauchte; wenn der
Raum, in dem sie sich bewegte, sich
vergrößerte. Das sittliche und ästhe-
tische Gefühl, was unbewußt, aber
desto herrlicher und kraftvoller als
Erbgut der sterbenden Mutter
tief in meinem Innern thätig /
[10]
war, wachte über die Reinheit
meiner Seele; freilich war dessen
Kraft durch die frühe Schwächung
zu geringe, alles Böse der Welt
und dessen Einwirkungen auch
jetzt von mir abzuhalten , mich
vor Unreinem zu sichern, und
mein Inneres nahm, mußte gleichsam
vieles Böse in meine Welt auf-
nehmen, freilich immer mit ästhe-
tischen (kindlichen, jugendlichen) Formen,
aber auch desto gefährlicher für mein
inneres, besseres Sein.
So erstarkte zwar mein Geist
durch sich, so erweiterte sich meine
innere Welt, da mein Geist im-
mer das Gleichartige, Analoge und
Verwandte in sich aufnahm; allein
seine Kraft bildete sich auch nur
einseitig aus; es gestaltete sich mir
eine Welt, aber nicht eine Welt für
diese Welt, sondern eine rein kind-
liche Welt, nur eine Welt einzig für /
[11]
mich; gut und herrlich, wenn ich
bestimmt gewesen wäre, künftig
nur mit Wesen, wie ich, zu leben.
Mein Geist also, zwar so erstarkt
in sich, erkannte und wußte viel
in sich, aber sich nur in sich selbst
lebendig erklärbar; wie der mensch-
liche Geist nur sich selbst eine leben-
dige Selbsterklärung ist.
Ich wußte und erkannte aber
nichts, gar nichts für die Welt, wie
sie mich umgab, in und mit der
ich aber doch einst zu leben bestimmt
war (einer der größten Widersprüche
in der Realität), daher erschien ich
dieser ungebildet, roh und kennt-
nißlos.
(Rechnen ausgenommen; denn
diese Disciplin wurde meinem
Geiste mit Bestimmtheit
und meiner Individualität
von der Welt gegeben.
Ich machte hierin leicht große /
[12]
Fortschritte, da mein Geist da-
rin Kraftübung und Formen
fand, durch welches ihm vieles
andere erklärbar, und an
welche er vieles andere an-
reihen konnte. Nur einzig
nach diesem mir von außen
Gegebenen, und daher auch
wieder nach außen und
außer mir wirkenden, wurde
ich von der Welt beurtheilt,
so der Platz, wo ich in ihr stehen
sollte, bestimmt, und höchstens
nach meinen Schriftzügen,
die auch meiner Individualität,
obgleich weit, weit weit wenig-
er gegeben wurde).
Frühe in meinem Leben auf der
Erde wurde von meinem einstigen
baldigen Leben in den bürgerlichen
Verhältnissen gesprochen. Frühe sollte
ich mir daher ein bürgerliches Verhält-
niß wählen, in dem ich künftig be- /
[13]
ständig zu leben gedächte – Ich
sollte ein Verhältniß wählen -
und kannte keins. Jedoch lag
unbewußt in mir ein Maaß-
stab, nach dem ich unbewußt die
wenigen und noch dazu mir
nur oberflächlich bekannten bürg-
erlichen Verhältnisse prüfte und
endlich unbewußt darnach wählte.
Dieser Maßstab forderte:
„Ein fortwährendes stilles, ruhiges
Leben in mir, wo ich ungestört
„durch Einwirkungen von Außen mei-
nem inneren Leben in mir leben,
„die Welt in mir gestalten, sie nach
meiner eigenen Ansicht in mir
„aufnehmen, und sie nun selbst unge-
stört und in Ruhe von innen heraus
„ausbilden könnte. Den Menschen der
sich selbst und seiner Ausbil-
„dung lebte, achtete ich frühe, sehr frühe
am höchsten: der Mensch, der
„dieses that, war mir der achtungs- /
[14]
wertheste, und das bürgerliche Ver-
„hältniß, welches dieses erlaubte, das glücklichste.”
Nach diesem, was dunkel in mir
lag, wählte ich das mir zwar auch nur
dunkel, aber doch am meisten be-
kannte Landleben, welches mir,
ob ich es gleich von vielen seiner
guten Seiten zu kennen glaubte,
dennoch in einer weiten Ferne
in einen mystischen Schleier gehüllt
lag, in den ich leicht die Erfüllung
meiner Wünsche als durchschim-
merndes Bild der Wirklichkeit ein-
weben konnte.
Ich wollte
ein auf dem Lande: in Feld,
Wiese und Wald lebender Mann“
werden; denn so übersetze ich mir
das Wort Oekonom (dessen wört-
liche Übersetzung und Grundbedeu-
tung ich unter der Hand einmal
erfahren, aber jetzt wirklich wieder
vergessen hatte). /
[15]
Da ich aber das Landleben
idealistisch, d.i. in der mir dort
zu denken möglichen Vollkom-
menheit sahe, [war] natürlich, daß ich
auch in mir das (mir zu denken
mögliche) Ideale des Landmannes:
Oekonom (der mir schon durch
diesen Namen über Landmann
erhoben und sich dem Idealen ge-
nähert schien) werde[n] wollte.
Das lag lebendig in mir,
daher faßte ich auch das Landleben
und den Oekonomen in seiner
weitesten Bedeutung auf und wollte
alles dasjenige in mir vereinigt
darstellen, was ich an allen den-
jenigen einzeln wahrnehme, die
auf dem Lande (Feld, Wiese Wald)
lebten:
Bauer,Verwalter, als dieser Be-
rechner, Jäger
, Förster, Feldmesser.
Das Charakteristische dieser zu-
sammen genommen und in /
[16]
einer Person vereinigt war mir
dortmals (in Stadtilm und als in Ober-
weißbach über mich bestimmt wurde), das
Ideal eines Landmannes
, welches ich
mit dem Namen Oekonom belegte,
dieses war das Ideal meines Land-
mannes
. Dieses ist eine äußerst
treue Darstellung
meines Innern
und dessen, was sich in meinem
Innern bewegte, als ich gegen 15
Jahre alt war. Ich sehe mich noch ganz
deutlich, wie sich jenes alles in den
eben genannten Charakteren in
mir herumtrieb, und wie ich be-
müht war–in mir und durch
mich selbst mein Ideal, das heißt
die Verschmelzung, oder mit meiner
dortmaligen Art zu denken mich
auszudrücken: die Verwachsung
jener Personen zu einer darzustellen.
Recht richtig und deutlich dieses
eben Gesagte aufgefaßt, erklärt [es]
ganz genau, daß ich mich, als im /
[17]
Frühjahr 1797 über mein künftiges
Verhältniß oder mit den Worten
der unterhandelnden Menschen: über
dasjenige, was mit mir einst werden
sollte,
abgestimmt wurde, daß ich
mich dort so ganz auffallend passiv
verhielt
, und warum es mir ganz
gleichgültig war, erst zu einem Be-
rechner,
oder zu einem Verwalter, oder
zu einem Förster zu kommen; denn
es lag, wie ich noch mit großer
Bestimmtheit weiß, ganz deutlich
die Überzeugung in mir, daß ich
mir erst alle Kenntniß des Einen
(die ich in sich ganz abgesondert und ver-
schieden von den Kenntnissen des An-
dern hielt), dann die Kenntnisse
des Andern erwerben und so immer
von Einem zum Andern gehen müsse,
um mich zu meinem Ideal zu
erheben.
Der Würfel fiel: ich sollte Geometrie
erlernen; was dieses sei, davon lag /
[18]
aber auch nicht die entfernteste Idee
in meiner Seele.
„Aber wie kommt es, daß Du
Dich selbst so gern und willig
und mit Freuden dafür bestimmtest?”
Lieber Bruder! dies that nicht der
Name Geometrie, denn der hätte mich
sicher betrübt gemacht, ich hätte mir et-
was eben so Fremdartiges darunter
vorgestellt, als mir der Name Geo-
metrie erschien; allein einmal
hatte ich
Erstlich gehört (wo, wie und wann
weiß ich nicht), daß Geometrie
Aehnlichkeit und Verwandtschaft
mit Rechnen hätte; und dieses
that ich ja gern. Was mich aber
besonders mit Freuden bestimmte,
waren
Zweitens die Namen Feldmessen,
Fluraufnehmen, Wälder-
taxiren. Diese drei Prädikate
waren hinlänglich; doch kam noch /
[19]
Drittens ein schweres Gewicht in
die Wagschale; dieses war, daß
ich hörte, ein vorzüglicher Oeko-
nom müsse Geometrie ver-
stehen, und es mache ihn dieses
sehr vollkommen. Dieses war
genug. Feld, Flur, Wald, vor-
züglich, vollkommen
, mehr
als dieser fünf Worte bedurfte
es dort nicht, um mich glück-
lich zu machen.
Was wurde jetzt in dieser neuen
Situation mir von außen gegeben,
vor der Welt zu meiner Ausbildung,
zu der Entwicklung meiner Körper-,
Geistes-,
und Seelenkraft, nach einer
Berathung von beinahe 2 Jahren, ge-
geben
, d.h. nur mir, und mit
deutlicher Voraussetzung des Zweckes
zu einem bestimmten Zweck ge-
geben
? – Doch wohl nicht etwa ein
gehaltsloses Nichts?–Nichts.
Nachdem ich vorher in einem /
[20]
Garten gewandelt hatte, wo zwar theils
spärliche, theils rauhe, aber doch Früchte
mancherlei Art zu brechen und ein-
zusammeln waren, wurde ich jetzt
auf einen Acker, ein Feld versetzt, das
nur höchst spärliche Früchte einerlei Art
und diese von sehr geringem Werth
trug. Die Aehren waren klein, größten-
theils taub und alles ins Gras gewachsen;
das Feld war daher recht grün, und da
es von Ferne, wie wenn es was Rechtes
sei, aussahe, auch die Früchte leerer Aehren
sich keck in die Luft hoben, so glaubte
man Wunder was da, wenn die
Früchte einst geerntet würden, zu
holen sei. In und auf dieses Feld
wurde ich versetzt, da sollte ich ein-
sammeln zur langen Nahrung,
und dieses Feld lag noch, zu mei-
nem großen Unglück, in einer
sehr ärmlichen Flur; dem satten
Auge zeigte sie dünn besäte mag-
ere Felder, hagere Wiesen, Steppen /
[21]
und Disteln. Hierher kam ich Hung-
riger und sollte noch dazu einsam-
meln. Welche Forderung! Ich wandelte,
suchte und suchte und fand nichts, end-
lich erkannte ich, daß dasjenige, was
sich um mich herumbewegte, Weizen
sein sollte, und daß es einst Weizen
als Frucht tragen sollte. Dieses war
aber auch der einzige Nutzen, den ich
von dem Leben und durch das Wandeln
in diesem Felde erhielt; ich lernte das
Gleichartige (das was zusammen gehört)
mehr und näher, ich lernte es zuerst
kennen.
Von frühan zur Genauigkeit
gewöhnt, war ich froh wie ein Kind
über meinen Fund; denn ich sam-
melte nun Gleichartiges und das, was
ich für Gleichartiges hielt
, wo ich es in der
ärmlichen Flur nur immer entdecken
konnte, und legte es in meine Vor-
rathskammer nieder. Aber ich fand hier,
wie in meinem Leben bisher immer /
[22]
[mich] wieder ganz allein; denn es wurde
mir ja abermals Nichts gegeben. Ich fand;
allein die Eigenschaften dessen, was ich
fand, sagte mir Niemand. Sollte es
nun in mir und in meiner Vor-
rathskammer keine Unordnung geben,
so mußte ich mich selbst bemühen, die
Eigenschaften dessen, was ich fand, zu
erkennen zu suchen, um Gleiches mit
Gleichem, um Gleichartiges zu Ungleich-
artigem, um Verwandtes zu Ver-
wandten zu stellen. Wollte ich dieses,
so mußte ich von neuem zurückgehen
in mich, – mein inneres Leben
leben. Ich mußte mich weit mehr ver-
traut, als bisher noch je geschehen war,
mit mir und mit meiner innern
Welt machen, um für das Neugefund-
ene einen passenden, schicklichen Ort,
um in mir immer etwas Ver-
wandtes zu finden, zu dem ich es
gesellen, an das ich es anreihen konnte.
So ging ich zum dritten Male in /
[23]
meine Welt zurück, deren Raum nun
eine größere Kraft, gleich dem mir
erweiterten Horizont der Außenwelt,
möglichst erweiterte. Still und ruhig
lebte ich, vor Bösem bewahrt, die Welt,
die ich mir geschaffen hatte und schuf.
Selbst vollkommener werdend wie diese,
wurden größer die Forderungen, die
ich an das, was ich vollkommen nannte,
machte. Ich lernte jetzt Feld, Wiesen
und Wald näher kennen; denn ich
wandelte in Feld, Wiese und Wald,
und meine Welt in mir enthielt
daher auch Feld, Wiese und Wald.
Es währte nicht lange, so ahnte
ich einen Feld-, Wiesen- und Wald-
Geist, kurz etwas Höheres, Unerklärbares
schien mir in denselben zu leben,
schien aus denselben mich anzuhauchen,
mir entgegen zu wehen.
Ich fühlte bald einen höheren
Zweck des Feldes, der Wiese, des Waldes
(der Natur), also einen höheren Zweck /
[24]
derer, die auf dem Felde, der Wiese,
dem Walde lebten, und ahnte bald,
daß ein Zusammenschweißen, Zu-
sammen-in-Einswachsen der Kennt-
nisse des Försters ec. ec. ec. nicht
genug sei, sondern ich fühlte, daß
etwas Einfaches sie alle erfülle, daß
von etwas Einzigem sie alle aus-
gehen, daß sie alle sich in etwas
Einzigem vereinigen mußten; denn
sie lebten ja sämmtlich in der Natur.
Natur, dieß lag jetzt geschieden,
obgleich dunkel in mir, war der Punkt,
um den sich der Zweck, das Wollen,
Wirken des Försters ec. ec. kurz meines
auf dem Lande Lebenden, meines Oekonomen
drehte. Dieses wurde nun bald das
Zentrum aller meiner Wünsche,
meines Sehnens. An und in
der Natur konnte ich alles er-
füllen, was ich mir träumte,
als ich Oekonom in meinem Sinn
werden wollte; denn Natur war /
[25]
ja der Punkt, auf dem alles ruhte,
was ich unter jenem Namen mir
zusammenfaßte.
Von dem Augenblicke an, als
ich dieses Einzige dachte, wurde auch
meine ganze innere Welt von etwas
Einzigem belebt und erfüllt, von
der Ahnung etwas Höherem im Men-
schen, von einem höhern Zweck des
Menschen
. Es war jene Zeit gleichsam
die Wieder-, die höhere Geburt meiner
Welt.
Unzertrennlich von dem Denken dieses
Einzigen war die Frage: Was ist dieses
Einzige?
Von dem Denken dieser Frage
an bewegte sich rastlos meine Kraft
in mir, und von allem, was mich
umgab, suchte, wünschte und
erwartete ich die Beantwortung
meiner Frage.
Keine Seele war außer mir, an
die ich Suchender – der ich mir noch /
[26]
überdieß, was ich suchte, nicht klar und
deutlich bewußt war – mich wenden konnte.
Ich hatte nur mich, ich mußte mir wieder
alles in Allem sein: Lehrer und Lernender,
Meister und Schüler, in Allem mußte ich
mir genügen.
Es konnte gar nicht fehlen, daß ich bei
dieser unaufhörlichen Selbstbearbeitung
meines Selbst, bei diesem beständigen
Suchen und Finden in mir, bei diesem
immer wieder kehrenden Hinabsteigen
in mich bald die Erfahrung machte, daß
bessere Kenntniß meines Selbst mich
auch die Außenwelt besser kennen lehrte,
mir den höchsten meiner Wünsche er-
füllte, mich vollkommen machte und
von der Vollkommenheit meines Selbst
konnte ich daher mit Recht erwarten,
was ich suchte
.
Selbsterkenntniß war von nun
an mein höchstes Geschäft; ich bemerkte
mich so viel ich konnte.
Aber wie wenig hinreichend war /

[27]
dieß; rauhe,
spärliche Ausbeute ge-
währte mir alle meine Mühe nur;
ich arbeitete an meiner Vervoll-
kommnung, wo ich nur etwas zu
vervollkommnen erkannte, wo ich
nur etwas vervollkommnen konnte;
denn von meiner vermehrten Voll-
kommenheit erwartete ich ja ver-
mehrtes Vollkommenes
. In vollkom-
mener Erkennung des Mikrokos-
mus suchte ich vollkommene Erken-
nung des Makrokosmus.
Jetzt begegnete mir ein Mann,
der kaum andeutete, was ich thun konnte.
Ich ergriff seine Winke, und erkannte
dadurch noch mehr die Mängel des Gleich-
artigen
in mir; wie konnte ich also
Gleichartiges zu
Gleichartigem ketten!
So mir selbst jetzt in meinen
Mängeln, Fehlern und Gebrechen durch
mich selbst bekannt, suchte ich diese
zu heilen, jene zu ersetzen, einen
Ort
, ein Verhältniß, wo ich dieses thun /
[28]
konnte; wo ich vollkommen würde,
um Vollkommenes zu fassen, erken-
nen zu können.
Jemehr ich dort in Bezug auf den
Punkt meines damaligen Erkennens,
also ganz relativ, vordrang in Erkennt-
niß der mich umgebenden Außenwelt
(jedoch erkannte ich alles blos meinem Zwecke
gemäß
: in Bezug auf Feld-, Wiesen-
und Waldleben), desto öfter stießen mir
die Fragen:
Warum? – Wie? –
auf. Mein Wunsch und Streben war
daher, außer der früheren Frage:
Was ist das Einzige (Natur)?–
nun auch die Fragen:
Warum und wie sind die Ein-
zeln–Sachen in der Natur? –
lösen zu können.
Das höchste menschliche Wissen,
welches ich dortmals er-
kannte, lag in der Auflösung dieser
Fragen, die ich aus meiner Erfahrung /
[29]
und durch meine Selbstbetrachtung
mir nicht mehr lösen konnte.
Das höchste Wissen, welches ich daher suchte,
war:
Kenntniß 1) der Erde
2) ihrer Erzeugnisse; mir dort-
mals (nach meiner Erfahrung)
nur Gewächse; und
3) der mir durch Erfahrung be-
kannten Thiere, der Thiere, welche
man gewöhnlich zu Hause, im
Felde, auf der Wiese, im Walde
bemerkt; jedoch war die Zahl
der Gattungen und Arten sehr
gering–keine Amphibien, keine
Fische, wenig Vögel, nur Wild
und zahme Thiere.
4) der Mathematik (mir dort nichts
als gemeine Geometrie, Feld-
messen und Rechnen); Mathe-
matik erschien mir aber doch
schon als Hülfswissenschaft zum /
[30]
besseren Erkennen des Vorher-
genannten.
Dieses Genannte erschien mir als
das, das höchste menschliche Wissen Um-
fassende (natürlich nicht in seiner Beschränkt-
heit, sondern dieses Wissen erfüllte da-
mals für mich einen unermeßlichen Raum).
Eben dieses für mich Umfassende des
menschlichen Wissens war auch ganz dem
analog, was ich für das höchste mensch-
liche Leben hielt. Es war noch immer,
wie bei meinem ersten Bestimmen
darüber:
Feld, Wiese-Wald-
Landleben
- Leben in der freien Natur,
nur glaubte ich jetzt, daß sich in mir der
Kreis, der dieses umfasse, bis zu seiner
höchsten Größe ausgebreitet hätte.
Jetzt suchte ich einen Ort, wo ich
dieses mir höchstes menschliche Wissen
vereinigt fände, und wo die, die es be-
saßen, zugleich Lehrer waren. Wie konnte
dieses für mich ein anderer Ort als eine /
[31]
Universität sein.
Jena mußte es sein; denn Gerst-
enbergk
und Voigt hatten durch zwei
Compendien meinen Verstand er-
leuchtet, so erleuchtet, daß ich sie ver-
standen zu haben glaubte, daß ihr
Vortrag mir angenehm und faßlich
war. Erfahrungen genug, sie mir
als Männer zu denken, wie es deren
wenige gab; denn meine Erfahr-
ung hatte mir wenige gezeigt,
die (meiner Erkenntnißfähigkeit nach)
mich so angemessen belehrt hätten.
Wie konnte nun etwas anderes
mein Inneres erfüllen, etwas an-
deres auf mein Denken und Handeln
und auf meine Kraft Anspruch mach-
en, als der Gedanke: einge Zeit
auf einer Universität - einige Zeit
in Jena zu leben.
Soweit hatte mich meine reine
Erfahrung und meine beständige Auf-
merksamkeit auf mich und die mich /
[32]
umgebende Welt und das Reprodu-
ciren derselben in mir richtig gebracht.
Bisher hatte meine Erfahrung mir genügt;
aber jetzt wurde ihre Kraft zu schwach;
denn ob ich gleich wußte, daß ich mir
auf einer Universität
1) Kenntniß der Erde,
2) Kenntniß der (mir durch Erfahrung bekannten) Gewächse
3) Kenntniß der (mir durch Erfahrung bekannten) Thiere,
kurz Natur- und mathematische Kenntnisse er-
werben wollte, so lag mir doch mein Zweck
nicht deutlich und rein, gehörig gesondert
und erkannt vor Augen. Ich ahnte, daß
ich etwas Hohes wollte, denn ich wollte das,
was ich als das Höchste erkannte; dieß be-
geisterte ich, gab mir Kraft und Leben,
und es war genug, damit begnügte ich mich.
Ich errang die Erfüllung meines
Wunsches, den Inbegriff aller, und kam
als ein Freudetrunkener, gleichsam be-
täubt nach Jena.
Aber ich stand wiederum ganz allein,
ohne die leitende Hand eines an Er- /
[33]
fahrung reichern Wesens als ich war,
nur an der Hand meiner wenigen leit-
enden nun leider ganz erschöpften Er-
fahrungen. Alles sollte ich wieder durch
mich und aus mir selbst holen.
Gleichsam in einen Garten, der voll
der herrlichsten, reifen und vielartigen
Früchte hing, schien ich mir versetzt. Freude
erfüllte mein ganzes Innere bei dem
Gedanken an den Genuß, der mich hier er-
warten, und den Lohn, der hier mein
Streben belohnen würde.
Aber bald sah ich auch hier ein, daß das,
was ich bisher als Wissen, als das Höchste
und Umfassendste erkannte, noch lange
nicht das Höchste, noch lange nicht das
Umfassendste sei.
Gleich einem Hungrigen überfiel
ich dasjenige, was sich meinem Geiste
zur Nahrung darbot, natürlich daß
er sich bald überlud, und daß mein
Geist bald der Ueberladung, weil er
nicht schnell und gehörig verarbeiten /
[34]
konnte, erlag; zumal, da er doch
nicht scharf bestimmt wußte, welche
Kenntnisse er erwerben sollte, denn
diejenigen
, die die Erfahrung von ihm
gefordert hatte[n], erschienen ihm hier
mit anderen Gestalten, und schienen
unzertrennlich mit einander und
mit andern noch nicht gekannten
Wissenschaften verbunden, so daß sich
der Kreis meiner Wünsche erweiterte;
denn mein Geist glaubte, sich alles
zu eigen machen zu müssen, worin
sich nur etwas
Gleichartiges mit
seinem Wollen fand.
-
Jetzt verlor meine Erfahrung ihren
Nutzen; sie hatte mir zwar gesagt, was
ich wissen müßte, aber nicht, wie ich
es lernen und mir zu eigen machen
könnte, sollte und müßte, wenn ich
Nutzen davon haben wollte.
Diese Erfahrung fehlte mir. Mein
zerstreuter und dadurch geschwächter
Geist unterlag der Kraft, die mein /
[35]
Streben ihm auflegte.
Doch bald würde er sich erholt haben,
wenig Erfahrungen würden ihm, bei
der Vertrautheit mit sich selbst, auf den
Weg geholfen, und wenn auch mit groß-
em Aufwande, doch in etwas die Leit-
ung einer an Erfahrung reichern
Person ersetzt haben, wenn nicht Un-
muth, Muthlosigkeit und Traurig-
keit tief mein innerstes Gemüth
ergriffen und an ihm selbst irre ge-
macht hätte. Geldmangel, und Sorgen,
diesen zu decken, überdieß noch der
Wahn, daß ich mich nicht vor denen,
welchen ich schuldig war, sehen lassen
dürfe, woraus besonders die Meidung
der Vorlesungen entstand, die den
Lehrern noch nicht bezahlt waren, und
die noch größere Sonderbarkeit und
wirkliche Feigheit: daß ich glaubte,
auch Andere, welchen ich nichts schuldig,
sie sähen es mir schon an, daß ich der
Schuldner Anderer und ohne Geld sei; /
[36]
dieses scheuchte meinen Geist so in
sich zurück, daß ich mir kaum ge-
traute, an dem Orte frei umher
zu wandeln, von dem allein ich die
herrliche Erfüllung meines schönen
Planes hoffte.
Wenig und sehr gering war daher
der Nutzen, den ich von meinem Auf-
enthalte in Jena hatte, in Betracht
mit dem, welchen ich bei der Kennt-
niß meines Selbst und meiner
innern Kraft hätte haben können,
wenn der Rath eines erfahrenen
Mannes mich leitend, statt der Sorge
und Unmuth dort begleitet hätte.
Reicher jetzt an schmerzlichen Er-
fahrungen, mußte ich einen Ort
verlassen, wo sie mir bei günstigern
Umständen wenigstens hätten nütz-
en können.
Doch noch sehr großes Glück für mich,
daß auch alle Drangsale und Leiden
meiner Universitätszeit mein Leben /
[37]
und Fortbilden in mir zwar etwas
hemmen, aber nicht hatten zerstören
können.
Da ich mich kannte, und wenn
ich so sagen soll, in mir selbst zu Hause
war, und auch so ziemlich deutlich doch
wußte, was ich wollte, so hatte ich
wenigstens von meinem Leben
in Jena den Nutzen, daß ich das, was
ich hörte und lernte, mir sogleich zu
eigen machen konnte und habituell
besaß, dieß war ein unberechenbarer
Vortheil, und daß ich es in mir gleich
an seinen Platz setzte, und so alles,
was ich neues hörte und lernte, ge-
nau und fast sogleich mit meinem
Wesen in Eins floß.
Meine Welt, wie sie in mir
lag, war, obgleich nicht vollkommen,
doch kein Flickwerk, und das, was ich
hatte, hatte ich ganz, ich war mir doch
selbst immer ein geschlossenes Ganze,
denn der Grund war: /
[38]
Vervollkommnung meines Selbst.
Viel oder wenig – vollkommner war ich
geworden, meine Welt größer, mein
Wesen, das sie belebte, bestimmter.
Meine Kraft war gewachsen, natür-
lich daß auch meine Forderungen an
den vollkommenen Oekonom sich ver-
größerten.
Ich wollte noch Oekonom werden,
wollte aber in mir einen vollkomm-
nen Oekonom darstellen; dieses war
mir ein solcher: der das ganze Wissen
des Oekonomen im weitesten Sinne
des Wortes (jetzt noch ökonomische Bau-
kunst und Cameralistik ec.) in sich habi-
tuell vereinigte, und dann die ganze
Ökonomie als ein für sich bestehendes
Ganze in sich wissenschaftlich begründe-
te.
Dieß war das Ziel, der Vorwurf
meines Wollens, welches ich damals
hatte.
Um dieses Wollen–wie ich dort/
[39]
[für] möglich hielt – realisiren zu können,
bedurfte ich eines Lebens wie ich es frühe
wünschte, des Landlebens; - denn nur
von diesem konnten mir alle Forderung-
en, die ich zu meiner Selbstvervollkomm-
nung und zur Erreichung meines
Zweckes nöthig hatte – erfüllt werden.
Mein heißester Wunsch war nun:
einst auf dem Lande leben zu können -
das Streben, diesen Wunsch zu erfüllen,
gab meinem Handeln, Wirken und Thun
seine Richtung, bis ich nach Frankfurt wollte.
Das Leben, was ich bis zu diesem Punkte
führte, war reich an Erfahrungen und vol-
ler kraftvoller Stöße, Reibungen und
Zwang und voller Aufforderung zur
Selbstbildung, kurz zur näheren Er-
kenntniß meines Selbst.
Nie verließ mich mein Lieblings-
plan: einst auf dem Lande (nur der Na-
tur- und mathematischen Wissenschaft) der
hohen Selbstveredlung leben zu können,
und dieser Wunsch sicherte mir mein /
[40]
inneres Leben, die Cultur meines
Selbst, die ich in keiner Lage vernach-
lässigte. So kam ich zu einer Selbst-
und dadurch zu einer idealistischen Welt-
und Menschenkenntniß, wie sie viel-
leicht wenige Menschen meines Alters
besitzen.
Der Schatz meiner Erfahrungen war
groß und rein, denn sie waren mit rein-
em Gemüthe gesammelt; so lernte ich
immer mehr durch mich, andere
Menschen und die Welt kennen, kurz
bildete mich so an der leitenden Hand
der Erfahrung von Stufe zu Stufe in
die Höhe.
Ich lernte an der Hand der Er-
fahrung, ohne es zu ahnen, ohne deut-
lich zu wissen, was ich lernte, durch den
Mikrokosmus, den Makrokosmus
kennen. – So stand ich, als ich nach
Frankfurt kam.
Da mein Wunsch, einst auf dem
Lande zu leben (Oekonom zu werden), wie /
[41]
es schien, nicht erfüllt werden sollte,
und ich einsah, daß ich nie in einem
bürgerlichen Verhältniß leben konnte,
welches ich für das einzige hielt, mir
die Erfüllung jenes höchsten Wunsches
herbeizuführen, so mußte ich bemüht
sein, mir, meinen Fähigkeiten und
Kenntnissen und Anlagen gemäß,
ein zweites Verhältniß zu suchen,
welches mir nach meiner Denk- und
Empfindungsweise ein gleich hohes,
dem Aufwand der Menschenkraft
würdiges Leben gewähren und her-
beiführen würde.
Ich suchte mein höchstes Leben
in dem Studium der Mathematik
im weitesten Sinn. Architektur
sollte mich vor Nahrungssorgen schützen.*
Aber bald führte mich mein glück-
liches Geschick in Verhältnisse, aus den-
en mir das, bisher dunkel von mir
geahnte höchste Leben, mein höchstes /
[42]
Leben mir lebend entgegen strahlte,
und bald ging an dem Horizont mein-
er Selbsterkenntniß mir prachtvoll
die Sonne auf, und herrliche Gestalten
erblickte ich in meinem bisher höchstens
mit grauer Morgendämmerung be-
deckten Innern. – So sehr ich bisher
geglaubt hatte, mein Inneres zu
kennen, so unerklärbar waren mir die
[Hier folgt in der Abschrift S.42-44 als längere Fußnote Fs. Brief an Christoph v. 24./26.8.1805 in Auszügen]
* Der Brief vom 24.-26. August 1805, worin
ich Dir den in diesen Bezug durchdachten Lebens-
plan mittheilte, liegt vor mir. Ich sage in
dem selben bei Beantwortung der Frage:
„Wie paßt die Anstellung an einer
Schulanstalt zu meinem Lebens-
plan, und erreiche ich denn wirk-
lich den nach letzlich ganz bestimmten
Zweck und das ganze fixirte Ziel?
Der Zweck alles meines bisherigen
Strebens und Treibens war: un-
abhängig und ein freier Mann
zu sein. Also ist auch der Zweck mein- /
[43]
es jetzigen Handelns: Unabhängigkeit,
Freiheit oder Freisein.
„Unabhängigkeit und frei von Schicksal
und Menschen ist aber nur der Mann,
der sich gründlich systematisch und streng
wissenschaftlich bildet, in welchem
Fache und in welcher Wissenschaft
es immer sei. Das Ziel
, wo sich
der Mann frei glaubt, muß er
mit Erwägung seiner natürlich-
en Anlagen, seiner Geistes- und
Körperfähigkeiten und mit Rück-
sicht auf seinen Charakter und
Hauptneigung fixiren. Nach dies-
em
(??) [Plan] habe ich das Ziel, wo ich
Unabhängigkeit und Freisein
zu finden hoffte, dahin gesetzt,
wo ich gründlich systematischer
Mathematiker und Physiker
bin und hauptsächlich, wo ich des
Namens eines Mathematikers
würdig bin
.“ (!!!)
Ich weiß noch, wie sehr ich mich dort /
[44]
drehte und wendete, um, der Noth-
wendigkeit nachgebend, doch selbst
in der Mathematik für mich wirk-
lich das höchste Leben zu finden. Es
fehlte mir immer darin zu auf-
fallend an Leben und sich bewegender
Lebenskraft. Während der Zeit, als ich
diesen Theil jenes Briefes niederschrieb,
regte sich etwas Unangenehmes, ein
sehr unbehagliches Gefühl in meiner
Seele, das ich gerne unterdrückt hätte,
ob ich mir es gleich nicht erklären konnte,
und ob ich mich gleich über mein schul-,
schluß- und folgerechtes Gebäude (für
was ich das, was ich dort niedergeschrieben
hatte, hielt) herzlich freute.
[Ende der Fußnote*]
Gestalten, Empfindungen und
Ideen, die ich in mir entdeckte. Ich sah
sie verwundernd an und doch freute
ich mich über sie.
Ich kam in die Kinder- und
Jugend-, die reine fleckenlose Welt,
wenigstens wie sie mir erschien; /
[45]
aus dieser strahlte mir mit herrlichem,
bräutlichem Glanze und mit liebendem
Angesicht meine Welt, wie ich sie bisher
in mir getragen und sorgsam gepflegt
hatte, entgegen.
Treu und herzlich habe ich mich Dir ge-
geben, als ich in jenem Briefe Dir schrieb:
„Ich muß dir aufrichtig sagen,
das [sc.: daß] es auffallend ist, wiewohl [sc.: wie wohl] ich mich
in meinem Geschäfte befinde. Sie
sind mir in der ersten Stunde nicht
ein wenig fremd vorgekommen:
es war mir, als wäre ich schon längst
Lehrer
gewesen und eigentlich zu
diesem Geschäfte geboren. Ich kann
Dir diese Erscheinung an mir gar
gar nicht auffallend genug schildern:
es schien mir, als hätte ich nie in ein-
em andern Verhältniß als diesem
leben wollen
, und doch gestehe ich,
daß ich nie geahnt habe, als Lehrer
in einer öffentlichen Schul-Anstalt
aufzutreten. Ich befinde mich /
[46]
wenn ich in den Unterrichtsstunden bin -
mit meinem gewöhnlichen Ausdrucke
zu reden: wie in meinem Elemente.
Du kannst nicht glauben, wie angenehm
mir die Stunden verfließen; ich habe
die Kinder alle so herzlich lieb und sehne
mich oft zu ihrem Unterrichte – Du
solltest mich manchmal in meinen
Unterrichtsstunden sehen, wie seelen-
vergnügt ich bin, ich bin überzeugt, daß
Du Dich von Herzen mit mir freuen würdest.
Gewiß! Dem Bewußtsein des hohen Zweck-
es
meiner Thätigkeit: der Bildung
der Menschen
, verdanke ich jenes reine
Vergnügen hauptsächlich - obgleich auch
wohl der liebevollen und herzlichen
Zuneigung der Kinder zu mir.“
Dieß ist eine herrliche, charakteristische
Stelle, die mein innigstes Sein dort
und jetzt noch lieblich darstellt und
mich, indem ich sie jetzt wieder
schrieb, recht seelenvoll glücklich
machte. Eine Stelle die mir für /
[47]
den Zweck dieses Briefes äuß-
erst
wichtig ist, und die ich Dir zur
Betrachtung empfehle, da ich durch das-
selbe mein tiefstes, geheimstes In-
nere darlegte, ohne daß ich eigent-
lich wußte, was ich dadurch gab- Sie
stimmt so unzweideutig und mit
so großer Wichtigkeit für mein jetzig-
es Wollen.
Ich Geblendeter! sollte mir
dieses nicht dort schon Wink, ja weit
mehr als dieser sein, daß dieses Ver-
hältniß mir meinen, längst so
sehnlichst gesuchten höchsten Lebensge-
nuß bereiten würde, und wie
war es möglich, das [sc.: daß] ich dieses Leben
nicht sogleich als mein höchstes, son-
dern nur als Mittel zu meinem
höchsten ansehen konnte.
Aber dieß konnte nicht sein,
bis ich nicht noch höhere Erfahrungen
gemacht hätte, aber doch auch diese
meine höchste Erfahrung sollte mir /
[48]
bald werden, ich sollte bald in ein Ver-
hältniß, in eine Verbindung kommen,
mir selbst mein innerstes, besseres
Sein zu entwickeln und zu
entfalten, und wo sich dasjenige, was
bisher in meinem Innern ruhte, als
herrlich schaffende Gestalten vor mir hin-
bewegen sollte, wo ich mir eine leben-
dige Selbsterklärung werden, wo ich mich
mit Reflexion auf einer höhern Stufe
anschauen sollte.
Mein mich im Ganzen doch glücklich
leitendes Geschick machte mich mit der
Frau v. – [Holzhausen] bekannt, einer Dame, die
man kennen muß, um ihren ein-
fach[en] und hellen, ihren umfassenden
und durchdringenden Verstand, ihre
edle hohe Seele, ihre hehre Würde als
Weib und Gattin, und bei Allem die-
sem ihre Anspruchslosigkeit, gehörig
zu würdigen. Einer Mutter, die
auch in dem drückendsten und schreck-
lichsten Kampf mit allenthalben /
[49]
umgebenden, beinahe unzubeseitig-
enden Hindernissen, Vorurtheilen und
widrigen Verhältnissen, dennoch kein
höheres Sinnen, Denken und Streben kann-
te und kennt, als das, ihre ihr heilige
und unverletzliche Pflicht als sorgende
Mutter ihrer Kinder und als Erzieherin
und Bildnerin derselben, im ganzen,
im höchsten Umfange zu erfüllen.
Ich wurde in Frankfurt als junger
Erzieher bekannt gemacht; so auch der
Frau v.-. Natürlich, daß man an mich
Forderungen machte, die man an einen
Erzieher zu machen berechtigt ist; wie
konnte etwas anderes bei der Frau v.-
der Fall sein.
Die fürchterlichsten Einwirkungen,
die ihre schwache Hand auch bei aller An-
strengung nicht entfernen konnte,
hatten zwei ihrer Kinder schon tief ver-
dorben und beinahe alle Lebenskraft
derselben getödtet, -wenigstens bei
dem einen schien die Seele ganz ent- /
[50]
wichen zu sein, der Geist äußerte sich
blos in Herzzerschneidenden Äußerungen
und Gestalten; der Körper glich einer
zwar reinlich nach dem richtigen Ver-
hältniß erbauten, aber äußerst schwer
beweglichen Maschine.
Dieser Mutter und der Mutter
dieser Kinder wurde ich als Erzieher
(im wahren Sinn, den man immer
damit verbinden sollte) bekannt gemacht,
wenigstens hoffte sie in mir einen
solchen Erzieher zu finden. Sie nahte
sich mir als einem Arzte ihrer seelen-
kranken Kinder, machte mich mit
dem Sein bekannt und erwartete
von mir Hülfe in dem Augenblicke,
wo ich zuerst Erziehung als Erziehung
nennen hörte und denkend in mir
aufnahm, zuerst Erziehung als et-
was für sich bestehendes betrachten
sahe und kaum einen Schatten-
riß von dem Wesen der Erziehung
aus dem Gehörten mir abstrahirt hatte. /
[51]
In dieser Zeit, die den Zeitraum
einer Stunde umfaßt, sollte ich ge-
bildet, Gebildeter und auch schon Bild-
ender werden. Ich konnte erstaun-
en über die Forderung, der ich mich
aussetzte, als ich die Frage: Sie haben
sich in der letzten Zeit mit Erziehung
beschäftigt - mit Ja beantwortete.
Fragen, das Sein der Kinder be-
treffend, wurden mir vorgelegt,
ich mußte und sollte doch wenigstens
etwas darauf antworten. Ich ging
daher schnell zurück in das eigen
verlebte Leben, das wie ein Tagebuch
bekannt vor mir lag, schlug dieses
Buch der eignen Erfahrung auf, suchte
ähnliche Fälle meiner Lebensgeschichte
und der Lebensgeschichte einiger
Freunde von mir, die ich genau
kannte, davon abstrahirt, beant-
wortete ich die mir vorgelegten
Fragen mit fester Überzeugung
und Bestimmtheit. /
[52]
Was ich sagte, gründete sich auf die
Wirklichkeit des Lebens, es wurde ge-
nügend und als etwas gründlich
Durchdachtes, wenigstens als nichts
Oberflächliches aufgenommen.
(Denn zufällig traf es sich, daß die
Knaben widernatürlich, also mißhandelnd
behandelt worden waren.)
Das Interesse, mit dem ich die Sache
der geängstigten Mutter aufnahm,
verschaffte mir ihr Zutrauen, für welches
ich gern uneingeschränkt das mein-
ige gab, Ich zeigte mich bald treu,
wie ich war, machte sie mit meiner
ganzen Bildungs- und Entwicklungs-
geschichte historisch bekannt.
Die hohe Herzensgüte und der
reine hehre Verstand derselben nahm
mit humanem Sinn und interesse-
voll meine Mittheilung auf.
Ich lebte jetzt gleichsam auch
außer mir, indem mir das reine
Sein der Freundin verschönt und /
[53]
verherrlicht meine eigenes Wesen zurück-
gab. Viele meiner Erfahrungen theilte
ich der gütevollen theilnehmenden Freund-
in mit, die sie mir berichtigt durch ihre
Kenntnisse und ihren Verstand zurück-
gab.
Ich lernte mich jetzt achten, würdigte
den Schatz meiner Erfahrung, die ich
wissenschaftlich zu begründen mich
bemühte. Mein bisheriges stilles un-
gestörtes Leben in mir hatte mir
nun das höchste Leben außer mir
bereitet.
So bildete ich mich erst bis auf
einen bestimmten Grad in der leiten-
den Gesellschaft der wohlwollenden
Freundin aus und ging dann zu
Pestalozzi indessen durch Erfahrung
und einzig durch eigene Erfahrung
gebildete und geschaffene Erziehungs-
und Unterrichts-Anstalt.
„Erfahrungen, die der einzelne
sich selbst bildende Mensch in Bezug /
[54]
auf die Entwicklung seiner Mensch-
enkraft macht, müssen sich – obgleich
durch das Naturell modificirt, in
jedem andern sich bildenden Mensch-
en und in der nach Bildung streben-
den Menschheit wiederfinden.“
So ging es mir:
1) in der Schweiz. Das Wiederfinden
meiner Erfahrungen außer
mir, angewandt in einer der
herrlichsten Bildungs-Anstalten,
begeisterte mich; alles forderte
mich auf zur ununterbrochenen
eigenen Bildung und bestätigte
mir meine Fähigkeit, auch
außer mir bildend erscheinen
zu dürfen.
Noch mehr aber als ich
2) selbst Lehrer wurde. Schon durch
die richtige Würdigung, welche
die Freundin mir und mein-
em Sein gewährte, hatten sich
meine Erfahrungen als /
[55]
Pflanzung, die einst herrliche
Früchte mir bringen würden,
mir gezeigt. Auf meiner
Reise nach und während mein-
es Aufenthaltes in Yverdun
naheten sich einige der Reife,
allein zu der Zeit, als ich Lehrer
wurde, reichten sie mir Alles,
was diese Anstellung von mir
forderte; reichten es mir in
einem Maße, daß mir nicht
allein allgemeiner Beifall,
sondern das Lob eines vor-
züglichen Lehrers wurde.
Was aber in meinen Erfahrung-
en mir diesen glücklichen
Erfolg meines Handelns und
Wirkens als Lehrer herbeiführte,
erkannte ich dort noch nicht,
daß es eigentlich die empirische
Menschenerkenntniß im
weitern Sinne (pragmatische
Anthropologie, empirische Physiologie /
[56]
und Psychologie), daß es das
Tragen einer ästhetischen und
moralischen Welt in mir war,
wußte ich nicht.
Durch diese Bemerkungen darauf
geführt und aufmerksam gemacht,
betrachtete ich jetzt - so viel mir dort
möglich - prüfend mein verlebtes
Leben, und fand in mir:
„Durch die leitende Hand der
Erfahrung selbst, d.i. naturge-
mäß, dem menschlichen Ent-
wicklungsgange und der Mensch-
enkraft angemessen, nach ein-
en Ideal der menschlichen Voll-
kommenheit gebildet, das Ver-
mögen und die Kraft, jenes
Ideal menschlicher Vollkommen-
heit außer mir darzustellen, d.h.
ich fand in mir die Anlage und
Fähigkeit, die zur Erziehung
Anderer der Erzieher bedarf. Da
nun die Darstellung des voll-/
[57]
kommenen Menschen das Höchste
ist, was der Mensch denken
kann, so wurde mir ein der
Erziehung des Menschengeschlechts
gewidmetes Leben das höchste
Leben, das dem Menschen würdig-
ste Leben, ein Leben, was den
vollkommenen Menschen nun
erst wahrhaft veredelt.“
Von diesem Augenblicke an bestimm-
te
ich mein künftiges Leben ganz
der Erziehung; denn ich war überzeugt
und fühlte, daß mir nur ein der Er-
ziehung gewidmetes Leben das längst
geahnte
und so sehnlichst gewünschte
höchste Leben in mir und außer mir
in der Welt bereiten könne, jenes
Leben
, welches als dunkle Ahnung
der Maßstab meiner allerersten
Wahl war, also ganz jenes Leben,
welches ich als ein
auf dem Lande Lebender
in mir zu leben gedachte. /
[58]
Alles was ich mir von diesem dort
träumte, sah ich jetzt in der Wirklichkeit
in diesem vereint. Konnte ich also
anders wählen?
So vertrauend meiner eigenen
Erfahrung, die sich während dem obgleich
nicht deutlich bewußten Handeln dar-
nach, immer mehr entwickelte und
fruchtbar für mich wurden, verließ ich
eine Lehrerstelle an einer niedern Er-
ziehungs-Anstalt und wurde selbst Er-
zieher.
Jetzt wurde ich aber genöthigt,
über das Wesen der Erziehung und
Bildung
und über den Zweck des Er-
ziehers selbst nachzudenken.
Sehr bald fand ich aber hier, daß zwar
Erfahrung in diesem Wirkungskreise
besonders eine treffliche und un-
schätzbare Leiterin sei, daß sie aber
zur Erreichung des Zweckes, den sich
der Erzieher vorstecken müsse, nicht
hinlänglich sei, daß sie das, was sie /
[59]
(die Erfahrung) gebe, zwar gründlich, aber
viel zu langsam, einzeln und abge-
rissen gebe, daß mehr als ein Menschen-
leben hingehe, um sich blos durch eigene
Erfahrung alle Kenntnisse dessen zu ver-
schaffen, was der Erzieher zu wissen
nöthig habe, kurz daß der Erzieher besonders
die Erfahrungen Anderer, daß er sich
Wissenschaften, um seine und Anderer
Erfahrung zu regeln und prüfen -
zu eigen machen, daß er aber auch
darum, da keine Erziehung ohne Be-
lehrung stattfinden könne, vieles
habituell können müsse, kurz ich
fand, daß der Erzieher
außer durch die Erfahrung auch
noch wissenschaftlich und theoretisch
gebildet sein müsse.
Sobald ich zu dieser Überzeugung
gekommen war, prüfte ich erstlich meine
Erfahrungen nach dieser und dann
suchte ich die Forderungen, welche das
Erziehungsgeschäft an den Erzieher /
[60]
macht, nach beiden zu bestimmen
und fand hier:
1)Meine Erfahrung hatte mir die Idee
der Erziehung gegeben. Denn um
sich den wahren Begriff der Erziehung
zu verschaffen, muß man ganz ge-
nau auf dasjenige merken, was
uns die Anschauung der (vielleicht
blos in der Idee oder dem kindlichen
Gemüth des Anschauenden liegenden)
reinsten Verhältnisse des höchsten
Menschenlebens (vielleicht blos in
uns) darbietet. Aus dem Zu-
sammenfassen alles durch die
Reflexion auf das Einzelne Be-
merkte geht dann die Idee der
Erziehung
hervor, welche in ihrer
höchsten reinsten Bedeutung ist:
das urbildliche Ideal des Mensch-
en in einem Menschen darzu-
stellen.
2) Diese Bemerkung: da in der von
der Cultur ganz durch[ge]arbeiteten /
[61]
Welt, wie sie jetzt ist, die reinen
Verhältnisse des höchsten Menschen-
lebens fast ganz verloren gegangen
sind, dadurch aber das Wichtigste, was
zur Erziehung gehört, so taugen
auch Männer, welche so wie Welt-
menschen von der Cultur der Welt
durch[ge]arbeitet sind, nicht zu Er-
ziehern, sondern es ist vielmehr
ein gewisser Naturzustand (d.h.
eine durch Selbstbildung gebliebe-
ne innere Reinheit des Mensch-
en) ein Erforderniß eines
Erziehers.
3) Sahe ich ein, da aber eine an-
dere Cultur zum Rechten führt,
nämlich die wissenschaftliche, so
muß der Mann, der sich eine
Masse von Erfahrungen über
dem Menschen würdige Gegen-
stände gesammelt hat, und
sich dann der Erziehung widmen
will - so muß er diese Erfahr- /
[62]
ungen, ehe er sich diesem Geschäft
unterzieht, erstlich durch wissen-
schaftliches Studium regeln und
ordnen; denn wissenschaftliche
Cultur führt durch Begriffe und
Lehren endlich wieder zurück zur
Betrachtung der Wirklichkeit, aber
unter einem idealischen, mithin
die Menschheit erhebenden Ge-
sichtspunkte. - Zwar giebt es
eine empirische Behandlung
der Erziehung, welche aus ein-
em richtigen Gefühl und Sinn,
gleichsam von der Natur ein-
gegeben, herkommt, doch auch
in diesem Fall wird wissen-
schaftliche Cultur durch Lehre ec.
noch viel weiter führen.
Weiter fand ich:
4) Obgleich die Pädagogik von kein-
em philosophischen System ab-
hängt, so steht jene doch in
wesentlichem Verhältniß mit /
[63]
der Philosophie; das Verhältniß
derselben zur Pädagogik besteht
nämlich theils darin, daß jene alle
Ideen und so auch die Principien
aller Wissenschaften angiebt,
folglich auch, von der Bestimmung
des Menschen ausgehend, zur
Idee seiner Bildung zurückführt,
theils daß sie die Denkart des
Pädagogen berichtigt und ver-
edelt, daß sie ihn also in den
Stand setzt, mit tiefern Ein-
sichten und mit Geist den
Gegenstand zu behandeln.
Wodurch also die Philosophie einen
doppelten Einfluß auf die Pä-
dagogik erhält, nämlich materi-
al
und formal.
5) Schon empirische Menschen-
kenntniß ist eine sehr vorzüg-
liche Leiterin des Erziehers, viel
mehr wissenschaftliche Kennt-
niß und Studium der An- /
[64]
thropologie im ganzen Um-
fange; da aber die Bildung
hauptsächlich auch genau der
Naturentwicklung angemes-
sen sein muß, um nicht ver-
derblich zu werden, d.h. die In-
dividualität eines Menschen
zu vernichten, so muß man
also dabei dem Entwicklungs-
gange des Organismus sorg-
fältig folgen, daher folgt, daß
auch die Pädagogik bei der
Physiologie in die Schule gehen
müsse.
6) Da aber der Erzieher destomehr
bilden kann, jemehr er selbst
gebildet ist, so folgt daraus,
daß die Erziehung vom Erzieher,
außer jenen Kenntnissen, welche
sie besonders voraussetzt, alle die
Kenntnisse stillschweigend und
als natürlich Bedingung er-
wartet
, welche zur Bildung im /
[65]
Allgemeinen
gehören, d.h. welche
Jeder besitzen muß, welcher sich
gebildet fühlen will, hier nam-
entlich Kenntniß der Natur.
Die Erziehung (Pädagogik) fordert
also von dem Erzieher (Pädagogen):
1. Als Erzieher (Pädagog):
1) Philosophische Disciplinen.
2) Philosophisches Studium.
3) Naturkenntniß im Allgemeinen.
4) Anthropologie.
5) Physiologie.
6) Ethik.
7) Theoretische Pädagogik (Erziehungslehre).
8) Praktische Behandllung der Kinder,
besonders in physischer und diätetischer
Hinsicht.
2. Als an und für sich Gebildeter oder
Lehrer (Didaktiker):
1) Sprachstudium, Sprachkenntniß
(besonders Kenntniß der Mutter-
sprache im ganzen Umfange mit
allen Nebenabtheilungen). /
[66]
2) Mathematik.
3) Naturwissenschaften:
a) Pysik,
b) Chemie,
c) Botanik,
d) Zoologie,
e) Mineralogie
4) Geschichte
5) Geographie
6) Methodik
7) Aesthetische Bildung, Geschmacks-
und Kunstbildung, nebst
8) Einigen Kunstfertigkeiten
Anmerkung. Pädagogik und Didaktik
kann natürlich in der Anwend-
ung nicht so getrennt stehen
als hier, wo es zur Kenntniß
der Pädagogik im Allgemeinen
wesentlich ist.
Dieses sind daher - meiner Er-
fahrung gemäß - die Forderungen,
welche die Pädagogik an den Päda-
gogen zu machen hat; sie und das /
[67]
Erkennen derselben sind die Resul-
tate
der genauen Beleuchtung,
Vergleichung und Prüfung mei-
ner Erfahrungen.
Da ich mich nun nach den
Forderungen meiner Individuali-
tät zum Erzieher bestimmt fühlte,
und da ich von meinem Leben
als solcher die Realisirung meines
schon so frühe gewünschten – der
Selbstvervollkommnung und
Selbstveredlung gewidmeten Lebens
mit Recht hoffen darf und kann,
so ist es nöthig, daß ich mein Sein,
in Hinsicht des Erkennens und Wis-
sens, nach den eben gefundenen
Forderungen der Pädagogik prüfe.
Thue ich dieß mit Redlichkeit und
Offenherzigkeit, so finde ich, daß mir
am meisten diejenige wissenschaft-
liche Cultur fehlt, die die Erziehung
vom Erzieher als solcher betrachtet,
fordert, nämlich: /
[68]
1) Philosophische Disciplin,
2) Philosophisches Studium,
3) Anthropologie,
4) Physiologie,
5) Reine Ethik,
6) Theoretische Pädagogik oder
Erziehungslehre.
Als Didaktiker aber besonders
1) Sprachkenntniß ( Studium der
Muttersprache),
2) Geschichte,
3) Geographie,
4) Methodik.
Was kann nun wohl ausschließ-
ender mein ganzes Wesen erfüllen,
was kann stärker mein Gemüth
bewegen, was kann mehr mein
Streben in Anspruch nehmen, als
der Wunsch, mir jene Cultur zu
erschaffen; mein ganzes Sein
Erkennen, Wissen und Können) von
vielem Überflüssigem, von mehreren
Auswüchsen z reinigen, kurz in /
[69]
mein ganzes Wesen mehr Be-
stimmtheit zu bringen?
Da ich mir aber durch nichts die
Erfüllung dieses Wunsches in dem
ganzen Umfange verschaffen kann,
als durch Benutzung einer höhern
Bildungs-Anstalt (Universität), so ist
unzertrennlich von diesem Wunsch
daher der zweite, oder vielmehr ganz
derselbe, nur mehr ausgedehnt und
bestimmt ausgedrückt, daß ich auf
einer der vorzüglichsten Universi-
täten abermals solange leben könnte,
als nöthig ist, um mir die zu ein-
em vollkommenen und nützlichen
Erzieher nöthige wissenschaftliche
Cultur verschaffen zu können.
Es würde dazu im dringendsten
Fall eine sehr kurze Zeit nöthig sein,
da ich mir nun nicht erst die Erfahr-
ung verschaffen müßte, wie ich zu
studiren hätte, und da ich mir, bei
deutlichem und vor allem Fremdartigen /
[70]
geschiedenen Zwecke meines Stu-
diums, genau und scharf bestim-
men könnte, wem ich meine Zeit
widmen sollte.
Überdieß sähe ich schon in hell
dämmernder Ferne im bräutlichen
Schmuck den Lohn meiner Anstreng-
ung, meiner Mühe und meines
Fleißes mir entgegen glänzen;
dieß würde mir, bei der großen
Liebe zu meinem Zweck, meine
Kraft vervielfachen und mir keinen
Augenblick unbenutzt zu meinem
Zweck verfließen lassen.
Der größte Vorzug meines
jetzigen akademischen Studiums
vor meinen frühern in Jena
würde sein:
daß ich mit Selbstbewußtsein
und mit Selbstkenntniß
studirte; daher alles, was
ich lernte, sogleich in mir
zu einem organischen /
[71]
Ganzen sich reihen und
mir zum Eigenthum
werden könnte; ich könnte
es meinem mir unbe-
wußten Naturell gemäß
in mich aufnehmen.
Meinem Zweck, mich ganz der
Erziehung und Bildung der jungen
Menschen zu widmen, und dem
Wunsche, mich zur vollkommensten
Erreichung dieses Zweckes, so viel
mir möglich ist, noch tüchtig zu
machen, liegt folgender Plan zum
Grunde, den ich Dir hier zu un-
partheiischen, aber brüderlichen
Prüfung vorlege.
------------------
[72]
Plan.
Bis Michaelis bleibe ich in meiner jetzig-
en Situation, dann lebte ich 1 Jahr auf einer
der vorzüglichsten Universitäten (Heidelberg
oder Göttingen) und widmete mich da
den gedachten, mir noch fehlenden Studien.
Da ich hierdurch fähig würde, ein sehr brauch-
barer Lehrer und Mitarbeiter in einer
Erziehungs-Anstalt zu werden, so würde
ich dann 1 Jahr nach Yverdun gehen; hier
würde Methodik im ganzen Umfange -
besonders Elementar-Unterricht und
die Zueigenmachung desselben nebst
eigenem Studium - mich beschäftigen.
Zugleich würde ich mir hier die nöthigen
Kenntnisse in der praktischen Kinder-
behandlung besonders in physischer
und diätetischer Hinsicht, erwerben.
Nach Verlauf dieses zweiten Jahres
würde ich dann selbstthätig im
eigenen Wirkungskreise zu handeln
suchen. Um dieses möglich zu machen, /
[73]
würde während dieser Zeit eine Haupt-
sorge für mich sein, mich mit vorzüg-
lichen Pädagogen, namentlich Tillich,
Olivier, Plamann, von Türk, Carus, auch
dem Schriftsteller pädagogischer Schrift-
en Arndt, dem viel Gereisten, be-
sonders aber genau mit dem Zu-
stande der Menschenkultur im nörd-
lichen
Deutschland und noch nördlich-
ern
Europa bekannt zu machen,
um in irgend einem Distrikt die-
ser Länder nach Verlauf dieses Jahres,
entweder mit Bewilligung der
obern Gewalt eine eigene Privat-
Bildungs- und Erziehungs-Anstalt
zu bilden, oder unter Autorisation
eine öffentliche Lehr- und Erziehungs-
Anstalt zu verwalten.
Meinem Wunsche gemäß würde
ich suchen in einer angenehmen
angemessenen ländlichen Gegend
eine eigene Erziehungs-Anstalt
anzulegen. Das nun folgende /
[74]
Winter-Halbjahr würde ich zur
Einrichtung meiner Anstalt be-
nutzen, welche ich dann das darauf
folgende Frühjahr eröffnen würde.
Da ich aber allein die Forderung
einer vollkommenen Erziehungs-
Anstalt nicht befriedigen könnte, so
würde es mir sehr lieb sein, wenn
sich Bruder Carl mit mir ver-
bände, und dieses, ich gestehe es, ist
eine Hauptrücksicht, die ich bei Durch-
denkung meines Planes gehabt habe.
Um dieses ausführbar zu machen,
würde ich es mir zur ernstlichen An-
gelegenheit machen, Carl eine Stelle
als Hauslehrer zu verschaffen, was
mir auch - wie ich hoffe - bis Micha-
elis gelingen soll. Carl würde ich
es dadurch möglich machen, die Aus-
führung meines Planes abzuwarten.
In dieser Lage würde er dann 2 Jahre
bleiben und sich unserm dann ge-
meinschaftlichen Zwecke gemäß ver-/
[75]
vollkommnen. Wäre es möglich, so
würde er dann noch das halbe Jahr, wäh-
rend ich mit Begründung unserer
ökonomischen Lage beschäftigt wäre,
nach Yverdun gehen, um sich dort mit
Methode und praktischer Kinderbehand-
lung, und überhaupt mit dem Geiste
einer guten Bildungsanstalt bekannt
zu machen. Zu Anfang des zur Er-
öffnung unserer Anstalt bestimmten
Frühjahres würde er auf jedem Fall zu
mir kommen. Sollte ich in öffent-
liche Dienste gehen oder als Mitarbeiter
in Verbindung mit irgend einer
anderen Anstalt treten, so würde
beides unter keiner andern Beding-
niß, als mit besonderer Rücksicht
auf Carl geschehen, der immer mit
mir zugleich in eine seiner Bestim-
mung und seinen Kenntnissen
angemessenen Lage kommen müßte,
mit dem ich wenigstens dann immer
den Ertrag der meinigen theilen würde. /
[76]
Dieß ist der Plan, mein lieber
Bruder, welcher mich jetzt beschäftigt,
dessen Ausführung alle meine Kräfte
jetzt aufregt und in Anspruch
nimmt. Du wirst finden, er ist
einfach, durchdacht, meinem Wesen
und Sein, und was hauptsächlich ist,
dem jetzigen Zeitgeiste ganz ange-
messen. Seine Ausführung fällt
in eine Zeit (Ostern 1809), wo hoffent-
lich der Friede des Continents herge-
stellt sein wird, wenigstens die
Throne der nördlichen Regenten so
durch den Frieden befestigt sein wer-
den, daß die Unterthanen die Früchte
derselben genießen, und die Eltern
treu ihre Pflicht, die Erziehung und
Bildung ihrer Kinder, ausführen kön-
nen, also dem Gange der Zeitum-
stände gemäß ganz in den richtigen
Zeitpunkt, weder zu früh, noch zu
spät.
Was die Verbindung mit Carl /
[77]
betrifft, so bestätigt ein Brief, den
ich heute vom Bruder erhalten habe,
meine Idee, meinen Plan. Carl
und ich würden vereinigt dasjen-
ige in uns zusammenfassen, was
zur Erziehung meines Zweckes und
zur Ausführung meine Planes nöth-
ig ist; wir beide würden verein-
igt ein Ganzes bilden, das, was
der eine vermißt, würde der andere
ersetzen, so mit vereinter Kraft
würden wir herrlich unser Ziel
erringen.
Besonders nützlich würden für
mich Carls Sprachkenntnisse sein,
hauptsächlich dann, wenn er Latein
und Griechisch mehr zu seinem
Studium machen würde. Sie
würden mir bei meinem Plan
eine Acquisition sein, und Carl,
will er nicht bloßer Sprachenmeister
oder Lector auf einer Universität
werden, was beides ein übles Leben /
[78]
ist, würde damit doch nicht recht
viel anfangen können, denn
Unterricht, d.h. Stunden-Unterricht
zu geben, ist etwas höchst elendes,
und bei dem Plan, den gegenwärtig
Carl hat (bis zur einstigen Anstellung
als Theolog sich mit Sprachunterricht in
Rudolstadt hinzubringen), daß aus ihm,
dem anlage- und talentvollen
Knaben und Jüngling, als Mann
ein zweiter Weißmann würde,
und dieß wäre doch wahrlich schade.
Dagegen böte ihm die Ausführung
meines Planes Hoffnung dar,
früher als sonst und sicherer Gelegen-
heit zu erhalten, die Mutter und
sich zu unterstützen.
Aber außer allen meinen bis-
her angeführten Gründen zur Aus-
führung und Realisirung mein-
es Planes, stimmt noch besonders
für denselben mein Alter. In wenig-
en Tagen werde ich 25 Jahre alt, und /
[79]
nun ist es doch wohl höchste Zeit,
daß ich mich dem Spiele des Schick-
sals entreiße und mich selbst zu
dem bestimme, was ich will, und
nicht mein künftiges Leben dem
blinden Ungefähr überlasse. So
wie ich jetzt in Hinsicht meines Wis-
sens und Erkennens stehe, ist alles,
was ich anfange, elende, jämmer-
liche Flickerei, bleibe ich so, so kann
ich mich dann unmöglich ja [sc.: je] selbst
zu dem, was ich will, durch eigene
Kraft, durch That, auch wenn ich mich
aufs Äußerste anstrengte, empor-
schwingen, sondern muß es ganz
dem lieben Zufall überlassen, was
er aus mir machen will, aus mir
machen wird, und zu welcher Klasse
der Alltags-Menschen er mich stem-
pelt.
Mein Unternehmen braucht,
soll es anders gelingen, Geist- und
Körper-, braucht volle Manneskraft. /
[80]
Mit Ausführung meines Plan-
es würde ich 28 Jahre alt werden,
ein Alter, das alle Fülle ungeschwächter
Manneskraft in sich vereinigt.
Allein so viele Vorzüglichkeiten
auch mein Plan in sich vereinigt, so
hoch mich auch die Ausführung des-
selben beglücken würde, ein so
nützliches Glied ich auch durch die-
selbe der menschlichen Geselllschaft
werden würde, so stemmt sich
doch dieser Ausführung in meiner
ökonomischen Lage ein großes Hin-
derniß entgegen, welche ich vor-
her aus dem Wege zu räumen
suchen muß.
Mein Etat für Michaelis d.J.
liegt vor mir; das Resultat des-
selben ist der Ausführung meines
Planes sehr ungünstig, da ich nach
demselben sehr glücklich sein würde,
wenn ich, bei keinem Gelde in der
Kasse, auch keine Schulden hätte. Da /
[81]
ich mich also nicht selbst unterstützen
kann, so habe ich zur Erhaltung frem-
der Unterstützung folgenden Plan,
dessen Aechtheit und Haltbarkeit ich
zwar nicht verbürgen kann, Du aber
desto besser, weshalb ich mich auch weg-
en der Prüfung desselben an Dich
wende.
Bruder Christian und der Onkel
in Netta [sc.. Nette] sind die beiden, auf
welche die Ausführung dieses
Planes vor der Hand ganz beruht.
Ich würde während der ersten 2 Jahre
ungefähr 4 bis 500 Thaler gebrauch-
en, diese schöß mir Bruder Christian
nach und nach vor, dessen ökonomische
Lage, glaube ich, ihm dieß er-
lauben könnte, und sollte er
dieß auch nicht durch sich selbst kön-
nen, so glaube ich doch, daß er mir
diese Unterstützung, zur Ausführ-
ung eines so reellen Planes, wohl
vom Onkel in Netta [sc.: Nette] verschaffen könnte. /
[82]
Soviel weiß ich gewiß, lebte der
Onkel in St- [Stadtilm] noch, und legte ich
ihm diesen Plan vor, er würde ge-
wiß bemüht sein, mich, so viel ihm
möglich wäre, gehörig zu unter-
stützen.
Ich bin gesund und stark und
also keine Vermuthung, daß ich vor
der Ausführung meines Planes
stürbe.
Der Plan selbst, müßte, wenn
mir die gedachte Unterstützung
würde, auf jeden Fall durchzu-
setzen sein, da er äußerst einfach,
sich selbst einfach und ganz anspruchs-
los
, nicht als ein großes heilbring-
endes Institut
durch den Reichs-
Anzeiger oder sonst mit Posaunen-
ton der Welt geben würde, sondern
sich innigst freuen, wenn seine An-
stalt sich im kleinen Kreise, blos
im Munde der mir vertrauenden
Eltern, den Namen einer glück- /
[83]
lichen Familien-Anstalt erwürbe;
und da die Ausführung meines
Planes blos auf meiner und mein-
es Bruders Thätigkeit beruht, so
muß sie erreicht werden, denn
meine Thätigkeit würde sich nie
schwächen, da mir dieselbe mein-
en frühesten schönsten, höchsten
Wunsch, einst auf dem Lande der
Selbstveredlung zu leben, ganz
und so schön erfüllte.
Sollte ich aber ja [sc.. je] vor Ausführ-
ung meines Planes sterben und
also das Anlehen nicht bezahlen
können, so will ich an euch sämmt-
liche Geschwister eine Bitte thun;
Thut dann bei der einstigen Erb-
schaft in W. - als ob ich noch lebte
und Theilnehmer wäre. Diesen
meinen Antheil, welcher mit dem
Werth meiner Hinterlassenschaft
gewiß so viel betragen würde,
als das dann erhaltene Darlehn, /
[84]
überließt ihr alsdann dem Bruder
Christian, wodurch dieser bezahlt würde.-
Doch die Anwendung dieses Vorschlag-
es soll hoffentlich gar nicht nöthig
sein, da ich überzeugt bin, daß ich,
werde ich unterstützt, nicht allein
gut meinen Plan durchführen,
sondern ihn auch bald nachher mit
dem erwünschtesten Fortgang ge-
krönt sehen werde.
Da ich aber seit langer Zeit
mit dem Bruder Christian nicht in
Verbindung stehe, er auch mein
Sein, meinen Charakter, meine
Denk- und Handlungsweise,
mein Wollen und Streben zu
wenig kennt, ich auch von seiner
ökonomischen Lage nicht so un-
terrichtet bin, daß ich mich mit mein-
em Gesuch direkt an ihn wenden
könne, so bedarf ich bei ihm des
Vermittlers
und meine Sache bei
ihm der Autorität, und ich, um /
[85]
jenes zu können, einer Kenntniß
seiner Lage und seines Verhältnisses
zum Onkel in N-.
Dieses durch Dich zu erhalten, ist der
Zweck der Mittheilung meines Planes
und dieses Briefes, den ich mit folgender
persönlichen Bitte an Dich schließe.
1) Bitte um Prüfung meines Planes
     als Plan, in Bezug auf die Gründe,
     worauf er beruht, und
     2) Bitte um Prüfung der Triftigkeit
     der Gründe für und zur Ausführ-
     ung desselben.
     3) Prüfung meiner Idee über
     die Art der Ausführung desselben
     und Mittheilung Deiner Meinung
     über die Möglichkeit der Aus-
     führung auf diese Weise und
     nach jenen Ideen.
     4) Bekanntmachung mit des
     Bruders Lage und seinem Ver-
     hältniß zum Onkel in N.-, in
     Bezug auf meine Forderungen /
[86]
an und Erwartungen von ihm,
und
     5) Wenn Du von der Aechtheit meines
     Planes, von der Möglichkeit der
     Ausführung desselben eben so wie
     ich überzeugt bist, Deine Autorität,
     mit der ich meinen Plan dem
     Bruder bekannt machen darf und
     dann anwende.
     6) Deine Vermittlung zwischen
     ihm und mir.
     Erfüllung dieser Bitten von Dir
zu erhalten, war der Zweck der so
weitläufig gewordenen Ausein-
andersetzung meines Planes.
     Für meinen Plan selbst
habe ich nichts mehr zu sagen, er
ist in sich selbst gegründet, so
wie er seine Consequenz und
Vollkommenheit in sich selbst
trägt.
   *
*    *
[87]
Um Dir die Mittheilung Deiner
Meinung zu erleichtern, habe ich alles auf
gebrochenem Papier geschrieben, und ich
bitte Dich, diesen Plan, so bald Dir Deine
gehäuften Geschäfte die Prüfung desselben
erlaubt haben werden, mir geprüft zu-
rück zu schicken. Ich schließe zwar aus
Deinem bisherigen Stillschweigen, daß
Du schon mit der Regulirung vom Bruder
Traugotts Angelegenheiten beschäftigt bist,
allein da die Gründe, die ich für meinen
Plan und dessen Ausführung habe, offen
und frei liegen, so ist die Entscheidung
mit dafür oder dawider ja leicht.
Niedergeschrieben auf der Oede bei Frankfurt am Main,
vom 26. März bis 3 April 1807

August Fröbel