Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 11.4.1807 (Frankfurt/M.)


F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 11.4.1807 (Frankfurt/M.)
(BN 435, Bl 5 Brieforiginal 1 Bl 4° 2 S.; Entwurf BlM XXVII, Verschiedene Briefe II, Bl 17. - Beibrief zum bei L I,1, 524-542 "auszugsweise" ed. Brief an Christoph F., zu dem es zwei konkurrierende Datierungen gibt: 26.3.-11.4.1807 [S.524] bzw. 26.3.-3.4.1807 [S.542]. - Zwei Möglichkeiten:
1.) Das Schlußdatum "3.4." bezieht sich nur auf die Niederschrift des "Plans" S. 539-541. Dagegen spricht, daß S. 542 offenbar wieder zum eigentlichen Brief gehört und dann erst das Datum folgt. Unklar bliebe dann auch der "Auszugscharakter" der Edition.
2.) Das Datum "3.4." beendet die mglw. vollständige Edition der bis dahin niedergeschriebenen Briefteile (einschließlich "Plan"); in der Datierung "bis 11.4." wäre dann der Beibrief als Briefbestandteil miteingeschlossen gedacht, auf den aber bei L I,1 verzichtet wird, insofern handelte es sich dann um eine "Teiledition" der Summe von L I,1, 524-542 und Beibrief BN 435, Bl 5).

Auf der Öde am 11ten Apr. 7/
Das was du hier erhältst, mein Lieber Bruder! ist keinesweges ein Brief in dem Sinne, welchen
man gewöhnlich mit - Brief verbindet - sondern es ist eigentlich eine Betrachtung meiner
Selbst, und meines Seyns
wie es jetzt, ist unabhängig von Ort, Verhältnissen und Persönlichkeit
ist, es ist eine Betrachtung die ich dir in jedem andern Verhältniße, an jedem Andern Orte, so wie
ich jetzt in mir stehe, auch gemacht haben würde, ganz bestimmt machen müßte. Es ist kein Brief
der dich mit meiner jetzigen persönlichen Lage und meinen persönlichen Verhältnissen bekannt
macht, was ich dir schreibe, ist unabhängig von diesen, es ist was ich dir sagte:
eine Betrachtung meiner Selbst und meines Seyns.
Da die Mittheilung ders[elben] an Dich ihren Zweck verliehrt, wenn du das was ich dir schreibe, nicht gehörig
würdigst und nicht - wie ich doch so sehr wünsche, denkend in dir aufnimmst, so bitte ich dich
recht sehr: daß du das Lesen deßelben bis zu einem solchen Zeitpunkt verschiebst,
"wo dein Geist sich  frei von häuslichen Sorgen fühlt, wo dein Wesen nicht   durch gehäufte
"Geschäfte bedrängt ist, und wo Ruhe der Seele und brüderlich liebender Sinn in dir wohnt. [*]
Dieß ist alles was ich zur Begleitung der beiliegenden Bogen zu sagen habe.
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Daß du meinen letzten Brief erhalten hast, sehe ich aus der Antwort von Carl, ich wünsche
daß du auch die Bücher ec richtig erhalten haben wirst.
Ich achde [sc.: achte], daß du jetzt sehr mit Br[uder] Traug[ott] heyraths Angelegenheit beschäftigt bist;
du und Bruder Traug[ott] können mir den sehnlichsten Wunsch nicht übel nehmen, daß ich wünsche
Traugott möge sich bemühen, als Hausvater, auch Mann zu seyn, und Traug[ott] möge sich vor sei-
ner Verheirathung, auch ernstlich mit den Pflichten des Gatten, und besonders denen des Vaters be-
schäftigen - letztere scheinen mir Karl Traugotten nach seiner Selbsterziehung zu urtheilen, noch
sehr fern zu liegen. Es thut mir sehr leid, daß ihm seine Ökonomische Lage dieses jenes ver-
leiden wird.- Ich hoffe nicht daß Du und Traugott über mit diese Offenherzigkeit
mit mir böse seyn können, es spricht hier herzliche innigste Liebe zu ihm aus mir, besonders
aber seelenvolle Liebe zu den kleinen Geschöpfen, zu Traugotts einstigen Kindern; denn ich
kenne nichts fürchterlicheres Nichts was mich heftiger in meinem Innern erschüttert als
wenn ich einen Hausvater sehe der nicht Gatte, noch mehr aber wenn ich Kinder sehe [, die] in
ihrem Vater keinen Vater keinen Erzieher und Pfleger ihres Wesens haben. Obgleich
Traugott älter als ich ist, so kann er doch nicht tiefer von den Pflichten des Gatten und Vater[s]
von ihrer Wichtigkeit, Ernst und Würde durchdrungen seyn als ich, da ich durch herzergreifende
Erfahrungen - wo der Hausvater beides nicht ist - stündlich um mich erneue[r]n sehe.- Gott
sey den Kindern gnädig wo dieß nicht der Fall ist.-
Ich grüße Traugotten brüderlich und und [*2x*] wünsche ihm mit einem Herz voll des Liebenden
Sinnes Glück zu seinem Wollen.
Deiner Kinder denke ich mit seelenvollen Gemüth und freue mich recht oft deines Vater-
glücks, wenn ich in Geist die Freuden mit genieße die dein Herz durch sie empfindet. Ich küße
sie. Deiner lieben Frau versichere meine Liebe und bitte sie um die ihrige für mich,
für deinen Herz- und Sinnvollen Bruder, August.- /

[5R]
Vaterglück.
Mir heran zum Herzen! o Knabe, der Liebe
Lieblich Geschenk! und umwind eng mit den Armen mich dir!
Laß ein kräftiges Seyn dir werden im Arme des Vaters,
Jauchzend drohe dorthin, wo dich erwartet die Welt.
Immer verwerfe das Spiel, und trozend fordre zurück es,
Schweife begehrenden Blicks überall, Muthiger, hin!
"Was wir nicht selbst ergreifen, es bleibt uns scheu in Ferne,
"Was nicht erobert der Ernst, reicht uns die Güte nicht dar." --
Siehe glücklicher Knabe, die Mutter! -- Wie lächelnd der Schmeichler
Jetzt den verlangenden Arm breitet der Nahenden hin!
Wie ganz anders der Wilde, wie schnell zur Milde gekehret,
Wie er kosend sich schmiegt, bittend der Stärke vergißt!
So muß weibl. Milde dich Trotzigen zügeln und binden,
Und das Rauhe des Sinns gleichen mit zärtlicher Hand. --
Knüpfe mit dem Band umschlingender Arme jetzt mit der Mutter,
Knabe, mich fest, und Glück -- freundlich umgebe die Drei.

[*] [Einschub, von Christoph Fröbel:]
beides ist nur höchst selten der Fall bei mir, u. war es auch nicht bei der 2 mal[igen]
Durchlesung Deiner Betrachtung.-