Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 5.6.1808 (Frankfurt/M.)


F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 5.6.1808 (Frankfurt/M.)
(KN 11,2, Brieforiginal 1 B 4° 3 S., mehrfach zit.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1:1)

Auf der Öde am 5ten Juni 1808/.·.


Mein theurer Bruder!

Ich freue mich sehr darüber, daß ich durch Zufall aufgefordert werde, Dir wenigstens ein paar Zeilen zu schreiben. Die Frau v. Holzhausen, in einigen Tagen Deinen Rath: eine Haushälterinn durch den R. Anz: zu suchen, befolgen werdend, läßt Dich durch mich bitten: beiliegenden Dienstantrag in dem Rudolstädter Wochenblatt abdrucken zu lassen. <               > Die Ursache dieser Bitte ist der Wunsch: unter mehreren tauglichen Subjecten für diese Stelle, die Wahl zu haben, um nicht genöthigt zu seyn eine Person wählen zu müßen; welche den Forderungen dieser Stelle nicht wenigstens in den Hauptpunkten entspräche. Ob ich nun gleich nicht glaube, daß diese Einrückung Nutzen bringen wird, so habe ich doch keine Gründe dafür, die Möglichkeit eines guten Erfolges zu widerlegen[.] Dieß ist der Grund warum ich die Bitte der Fr[au] v[on] H[olzhausen] erfülle und auch Dich bitte ersuche diese Bitte nicht übel zu nehmen.- Du brauchst ja nur den Antrag mit den Worten: - den Betrag der Einrückungs-Gebühr welchen sie mir - an die Exped: des Wochenbl[attes] zu schicken, so hoffe ich, daß Du wenig mit dieser Bitte beschwert wirst. Den Betrag der Einrückungsgebühr und das Postgeld zu berichtigen lege ich hier 3 <?> bei, was Du mehr zu bezahlen hast melde mir.
Ich wünsche nicht, daß dies, außer der Exped: des W[ochenblattes] jemand als Besorger jenes Antrags kennte; noch weniger wünschte ich, daß sonst durch meine Bitte Geschichte und Beschwerden auf Dich fielen.
Jetzt zu uns.
Von Dir wünschte ich eine Menge Fragen beantwortet: Wie ist die Gesundheit von Dir und Deiner Familie? - Was macht besonders Dein jüngster Knabe? Dessen Namen ich wohl wissen mögte, den Du aber mir zu schreiben vergeßen hast. Ist meinem Pathchen - dem lieben <  > Dorchen der <Afterdaum> abgelöset? - Besonders aber ist Bruder Traugotts Hochzeit noch nicht gewesen? - Kurz die Summe meiner Wünsche faßt der sehr herzliche Wunsch in sich, daß ich <  > sehr gern einige Tage bei Euch Brüdern und mit Euch leben mögte. Aber zur Erfüllung dieser Wünsche sehe ich keine Aussicht. Ich hatte den sehnl[ichen] Wunsch diese Pfingsten mit meinen Knaben nach Schnepfenthal zu reisen, und dann wollte ich auch Dich wenigstens auf einen Tag besuchen, aber auch dieser für mein ganzes Wirken so heilbringende Wunsch blieb unerfüllt und ich sehe leider, <  > um meiner Knaben willen leider keine Hoffnung daß er je erfüllt werde.
Was mich persönl[ich] betrifft so wird mein Leben mit jeder mehr abgezogner und einfacher, alles mein Wirken <  > muß sich blos unmittelbar auf meine Knaben beziehen, auf mich darf ich gar keine Rücksicht mehr nehmen. Alles mein Denken alles mein Handeln hat einen einzigen Brennpunkt - die Erziehung, Pflege Unterricht meiner Kind Zöglinge. Ich bin vom Aufstehen bis Niederlegen angestrengt beschäftigt. Und doch - leider <  kenne> ich beinahe gar nichts. Glaube mir ich biete auf was ich nur kann, handle gewissenhaft und streng, lege mir so viel auf als ich kaum ertragen kann. Aber großer Gott da ist keine Frucht die das Herz erfreut die den Geist stärkt, mein ältester /
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Zögling wird in 10 Tagen 14 Jahr alt. Dieser kritische Zeitpunkt ist für mir eine Zeit der Angst und des Schrekkens, alles mein Hoffen mein Handeln scheint <wie Ein> umsonst zu seyn, er entwickelt sich zum bemittleiden erbärmlich - Gemeinheit Niedrigkeit nur lebend an dem Thierischen des Menschen, Oberflächlichkeit und dabei abbrechendes Urtheil mit Eigendünkel, Herzlos für alles hohe heilige im Menschen und in der Natur, keine Ahndung etwas bessern im Gemüth - alles blos als Sache des schneidenden Verstandes betrachtend. Dieß sind die Hauptzüge seines Seyns und Wesens.- Und dabei hilft kein Bitten, keine Vorstellung, kein Ernst keine Strafe, alles gleitet wie über Kiesel hin. Aber wie soll es wirken - der Knabe hat keinen Vater, aber eine Person in Manns Gestalt steht da die sich Vater nennt, und laut der Vollmacht die dieses Wort giebt - heimlich ohne daß ich es oft ahne, und weiß alles niederreißt was ich baue, und - mit lachendem Mund mit - Perßflange ach mit Witzelei, einem Vater der spottet über dasjenige was mein bestes im Herzen mir zu thun befiehlt mein Verstand - der sich nur einzig mit dem beschäftigt was das Wohl seiner Kinder befördern begründen kann, - als das beste erkennen läßt.- <     > Zwar eine Mutter:) aber eine Mutter der es nicht erlaubt ist Mutter zu seyn, das zu thun was ihr ihr Muttergefühl zu thun befiehlt.- Wie soll ich unter diesen Umständen auf einen Knaben wirken können der schon, da ich ihn im 11ten Jahre erhielt so verdorben war, daß er seine Verdorbenheit so tief in sich verbarg, daß sie in diesem Umfange <   > zu ahnden, mir unmöglich wurde. Doch diesen Knaben wollte ich wohl noch ertragen, wenn er nur nicht gleich dem Krebs an den Menschen auch <    > das Wohl seiner jüngern Geschwister untergrübe und ihr Herz vergiftete. - <Oft denke> Du kannst vielleicht mit mir meine Empfindung nach fühlen kannst ahnden was ich meine wenn Du daß Dich des <    > H. v. Cl. in <E> und seiner Thaten erinnerst. Oft denke ich an jenen und frage mich, was soll aus Deinen Zöglingen werden? - Gott mag es wissen ich will thun was ich kann; aber unter solchen Umständen, Umgebungen, Hindernissen als Erzieher zu handeln, Du wirst einsehen welchen unbeschreiblichen Kampf welche Aufopferung es kostet, Du wirst es wahr finden wenn ich Dir sage daß ich oft < > kaum mehr wirken kann.
Doch ich will aufhören Dich mit <meinen> den Wirkungen meines Strebens bekannt zu machen. Frage nicht warum mir dieß? - Siehe Du bist der Einzige Mann, - bedenke und fühle es, der einzige Mann gegen den ich mich aussprechen kann. - Sage mir nicht es ist unmännlich zu klagen, siehe ich klage nicht nur theile ich Dir mit was tief mich bedrückt. Und Mittheilung fordert ja das Herz, und Forderung des Herzens muß es seyn es war nicht Vorsatz von mir, Dir dieß zu schreiben; mein Herz sprach blos zu Dir. Hauptsächlich bedenke, daß ich keinen Menschen kenne der über mich mein Handeln und Wirken als Richter <  > auftreten könne - als Dich. Und eine solche Person muß, so glaub ich, der Mensch haben. Wirst Du nicht einst mir Gerechtigkeit widerfahren lassen, so wird mich die Zufriedenheit keines Mannes krämen. Möge Gott einst geben, daß Du in meinem Handeln einen Mann siehst der seine Pflicht Würde als Mensch erkennt, und die Kraft /
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die ihm Gott u. Natur gab Pflicht getreu zum Wohl seiner Brüder zur Pflege des Heiligen - göttlichen was im Menschen lebt anwende. Möge mir da kein glücklicher Erfolg mein Wollen mein Streben bezeugt - möge mir einst Gerechtigkeit vor Gott werden.
Mein Körper ist gesund, mein Geist wünscht kraftvoller außer sich zu wirken als es ihm zu thun erlaubt ist.
Du bist wohl in Verlegenheit mir auf meinen letzten Brief eine kahle verneinende Antwort zu schreiben?- Du hast recht unzufrieden mit mir zu seyn und ich mache mir selbst Vorwürfe, daß ich mich immer mit so unangenehmen Bitten an Dich wende.
An den Schwager in Kochberg habe ich seit 1 Jahr u an den Bruder in Oster[ode] seit Weihnachten nicht geschrieben. Allein die Zeit erla[ubt] zu beiden fehlt mir.
Ich habe mir ein Mineralien Kabinet - (:wozu? - zum Besten meiner Zöglinge!:) von mehr als 580 Exempl[aren] gekauft, kannst Du mir vielleicht von Ilmenau - Reichmannsdorf oder sonst Beiträge gelegentlich dazu sammeln so geschieht mir ein Gefalle[n], wenn ich sie ja nur in Jahren erhalte[.] Schreibe mir immmer den FundOrt und die Art des Vorfindens dazu. Versteinerungen aus der Gegend Stadtilms sind mir auch lieb. Gelegentl[ich] will ich diese Bitte auch nach Osterode schreiben.
Behüte Dich Gott! - grüße Deine Frau, küsse Deine Kinder von mir[.] Sage dem Br[u]d[e]r Traugott daß ich mich nach Nachricht von ihm sehne, daß ich ihn liebe u. grüße.
Möchtet ihr einen so herrlichen Frühling gehabt haben u noch haben als wir hier, mögte er Freude und Wonne über Dich u. Deine Familie verbreiten. Der Landmann nennt das jetzige Wetter wo es abwechselnd feucht u. warm ist, ein sehr fruchtbares Wetter. Die Baumblüte war so lieblich so schön, daß ich nie etwas schöneres etwas herrlicheres sahe. Oft habe ich Dich recht oft zu mir gewünscht. Die hiesige Gegend ist fruchtbar und liebl[ich], lieblicher als jede Gegend die Du kennst.
In dieser schönen Gegend denke ich recht oft Deiner und immer tiefer gräbt sich meine Liebe zu Dir und Deiner Familie in mein Herz[.]
Dein Bruder August Fröbel

Mann sagt hier der französische Kaiser wird sich diesem Herbst in Augsburg zum deutschen Kaiser der Deutschen krönen lassen. Was in Italien mit dem Papst, mit Luzian in Spanien, mit Portugall die nun Provinz Spaniens ist, dessen König Luzian Bonaparte wird neuestens <vorgefallen> ist weißt Du schon aus den Zeitungen.
Willst Du <   > Männer[n] die Zeit haben den Zeitvorfällen zu folgen eine interessante Zeitschrift empfehlen, so ist dieß der Schwäbische Merkur[.] /
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