Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karoline-Luise Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt in Rudolstadt v. 1.-21.4.1809 (Yverdon)


F. an Karoline-Luise Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt in Rudolstadt v. 1.-21.4.1809 (Yverdon)
(ThStA Rudolstadt, Geheimes Ratskollegium, E IX 2h Nr.1, Bl 127, 136-186R, Brieforiginal 26 B 4° 103 S.; Abschr. Otto Wächter KN 12,2, 90 S. - Editionen: Wichard Lange 1861 in: Erziehung der Gegenwart Nr. 18, 145-149 (Auszug) und 1862 in: L I, 1, 154-213 (unvollständig); ferner Zimmermann 1914, 11-70, der nach eigenen Angaben den ”unveränderten Originaltext” des Dokuments aus dem Landesarchiv Rudolstadt ediert. Es bestehen aber Differenzen zwischen vorliegendem Reinschrifttext und Zimmermanns Edition, die Abschnittsnumerierung und Kürzung enthält)

    Kurze Darstellung

Pestalozzi’s Grundsätze der Erziehung und des
Unterrichtes.

(: Nach Pestalozzi selbst: ) /

[136]
Durchlauchtigste Fürstin,
Gnädigste Fürstin Regentin!

Pestalozzis Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts
und dessen davon ausgehenden Anweisungen und Mittel zur
Ausübung derselben, gründen sich ganz auf die Art und
Weise, wie der Mensch als Geschöpf erscheint.
Der Mensch aber so wie er sich uns darstellt ist ein
Verein von drei Hauptkräften: Körper, Seele, Geist; sie
harmonisch und zu Einem Ganzen, sie gleichmäßig aus-
zubilden ist seine Bestimmung als Erscheinung.
Pestalozzi geht von diesem Seyn des Menschen in der
Erscheinung, d. i von dem aus, was derselbe durch diese
Gesammtheit seiner Anlagen und nach seiner Bestim-
mung (:gleichmäßige Ausbildung derselben:) ist. Er nimmt
daher den Menschen nach dieser Gesammtheit seiner Anlagen /
[136R]
als: körperliches, gemüthliches (: beseeltes :), geistiges Wesen
in Anspruch, und wirkt auf denselben in dieser Gesammtheit
seiner Anlagen und zur harmonischen Entwickelung und Aus-
bildung derselben, wodurch eigentlich erst das Ganze, welches
Mensch heißt entsteht.
Pestalozzi wirkt daher nicht etwa:
blos auf die Körper-Anlagen und ihre Entwickelung, oder
blos auf die Anlagen des Geistes und ihre Entwickelung, oder
blos auf die der Seele (:dem Gemüthe:) und ihre Entwik-
kelung, ob man ihm gleich jedes beschuldigte;
oder vielleicht blos auf zwei vereint, als etwa:
Körper und Geist, oder Körper und Seele, oder Seele und
Geist. Nein! - Pestalozzi entwickelt den Menschen,
wirkt auf den Menschen in der Totalität seiner Anlagen.
Der Mensch in der Erscheinung, muß nach seinen Anlagen
drei Hauptepochen: die des Körpers,
die der Seele,
die des Geistes
durchlaufen; allein er durchläuft sie nicht abgeschnitten
einzeln, so, daß er erst die des Körpers,
dann die der Seele,
und endlich die des Geistes durchliefe.
Nein, bei dem sich vollkommen und unter ungestörten
natürlichen Verhältnißen entwickelnden Menschen, wech-
seln diese Epochen ab; ihr Kreislauf kehrt immer wieder,
bis - jemehr der Mensch vollkommner wird, die Grenzen
seiner Anlagen, so wie die, der Epochen derselben, zu-
sammenfallen, sich aufheben, und das stetige (:fort- /
[137]
laufende:) Ganze - Mensch - entsteht.
Es würde daher höchst unrichtig seyn, von Pestalozzi
sagen zu wollen: er entwickele den Menschen, die
Kräfte des Menschen, jede Kraft einzeln abgeschnitten
in drei verschiedenen Epochen, erst den Körper, dann die
Seele, endlich den Geist; da er dagegen sie immer Alle
zugleich, Alle in brüderlichem und harmonischem Vereine
in Anspruch nimmt; und so wie Pestalozzi vielleicht
zu einer Zeit blos die physischen Anlagen zu behandeln
und auf sie zu wirken scheint, bemerkt und berücksich-
tigt er zugleich unverwandt, den Einfluß seiner Hand-
lung auf Geist und Seele.
Er hat daher den Menschen, so wie derselbe ein
unzertrenntes und unzertrennbares Ganze ist, auch
bei alle dem, was er für ihn und zu seiner Ausbil-
dung ”will” und thut, nur als dieses Ganze im Auge. Pesta-
lozzi handelt daher auch nie in einem Zeitraume nur
für die Entwickelung einer Kraft, und läßt die anderen
unbefriedigt und ohne Nahrung, z.B. daß er zu einer
Zeit nur für den Geist sorge und Seele und Körper unbe-
rücksichtigt, unbefriedigt und in Unthätigkeit ließe; nein!
alle Anlagen werden zugleich berücksichtigt, zugleich be-
friedigt.
So wie aber der Mensch erscheint, so tritt eine oder
die andere der 3 genannten Hauptkräfte (:Hauptan-
lagen:) in einem oder dem andern Zeitraume (:Epoche:)
besonders hervor, sie erscheint als herrschend. /
[137R]
Pestalozzi aber, welcher den Menschen nach und in seiner
Erscheinung, nach den Gesetzen der Natur, und nach denen,
die im Seyn des Menschen selbst gegründet sind, in An-
spruch nimmt, wirkt jetzt besonders auf, die hervortre-
tende Anlage; aber nicht auf sie isolirt und abgeschnitten,
sondern durch sie hindurch, auf die andern gleichsam noch
schlummernden und ruhenden Anlagen.
So z.B in der einen Epoche auf die Sinne, oder auch
blos auf die ganze Masse des Körpers, und
durch diese hindurch, auf das Gemüth, und
so umgekehrt.
Pestalozzi nimmt den Menschen in und nach seiner Er-
scheinung; der Mensch erscheint aber nicht allein, nicht
für, nicht durch sich selbst; er erscheint bedingt; bedingt
durch Vater und Mutter, und durch das diese beiden bin-
dende und Vereinende, durch die Liebe.
So wird der Mensch – Kind, d.h. Innbegriff der Vater-
und Mutter-Liebe.
Pestalozzi will also, daß der Mensch in seiner Erschein-
ung als Kind, durch die Bedingungen selbst unter welchen
er erscheint, d.i.
durch Mutter,
durch Vater,
und (: durch das sie beide Einende :)
durch Liebe /
[138]
entwickelt und gebildet werde.
Man denke sich: - Vater und Mutter durch Liebe verei-
nigt, wie das Kind, den Innbegriff dieser ihrer
Liebe, das Kind die, zu einem selbständi-
gen Wesen sich erhobene Vater- und Mutterliebe.
Kann es, Erhabene Fürstin Regentin! treuere, sorgende-
re Pflegerinnen Entwicklerinnen
dieser sichtbar gewordenen Liebe,
dieses selbstständigen Wesens,
dieses Kindes geben,
als:
eben die Mutter,
eben den Vater,
eben die, diese beide für immer verbindende,
gegenseitige Liebe, welcher es
sein Daseyn verdankt, ja deren
Innbegriff es selbst ist? -
Pestalozzi will also, Höchstverehrte gnädigste Fürstin!
blos das, was die Natur und das Wesen des Menschen
selbst will: er will, das [sc.: daß] der Mensch in seiner Er-
scheinung als Kind, von Mutter und Vater und
ihrer gegenseitigen Liebe entwickelt, und nach seinen
Anlagen als:
körperliches,
beseeltes (: gemüthliches :),
geistiges Wesen
ausgebildet und erzogen werde. - /
[138R]

Der Mensch in seiner Erscheinung als Kind.
Das Daseyn des Geistes und der Seele im Kinde, spricht sich
blos durch das einfache Leben aus. Geist und Seele erscheint
noch beschränkt durch und in der Masse - Körper; denn
noch sind alle Theile im Körper Eins, noch sind in ihm
die Sinne und ihre Werkzeuge nicht abgeschieden, durch
welche die Außenwelt durch ihn, durch den Körper hin-
durch, auf Geist und Seele wirkt.
Noch ist der Körper des Kindes Eine Masse.
So zart und zerbrechlich er erscheint, so ist er viel zu
materiell, unbehülflich, daß der Geist und die Seele
des Kindes, beide noch schlummernd noch schwach, durch
ihn hindurch wirken könnten.
Nach und nach entwickeln, nach und nach scheiden sich
die Sinne ab: das Gefühl, das Auge rc das Kind fühlt
die Wärme des Mutterbusens, und den Hauch, die Lippe
der liebenden Mutter - (:es lächelt: ersteres Heraus-
treten der Seele, erstes Zeichen vom Daseyn derselben:)
- es nimmt die Mutter wahr (noch nicht eigentliches
Sehen) es empfindet ihre Nähe, Form rc - (:das Kind
blickt: erstes Heraustreten des Geistes, erstes Zeichen
vom Daseyn desselben.
Mit dem Augenblicke des Anfangs dieser Abscheidung
der Sinne, wirkt die treue Mutter für die Entfaltung
und Entwikklung derselben, und dadurch für die Ent- /
[139]
faltung und Entwickelung des Kindes nach seinen verschiede-
nen Anlagen; die Liebe der Mutter macht das Kind:
fühlend,
sehend,
hörend.
Sie entwickelt ohne sich Rechenschaft abzulegen,
sich blos dem heiligen Gefühle der Forderung ihrer Natur
hingebend, die Sinne des Kindes, welche die Wege zu
Geist und Seele sind.
Hier ist der erste Punkt, gnädigste Fürstin Regentinn!
wo Pestalozzi die Eltern in Anspruch nahm und nimmt
wo er sich an sie wandte und wendet: das Wesen ihrer
Liebe zum höhern Leben, zur bewußten Selbstständigkeit
zu erheben, wo er ihnen Mittel und Anleitung an die
Hand gab und giebt: die Anlagen ihres Kindes zu ent-
wickeln und auszubilden.
Was Pestalozzi wollte und noch will deutete er im
Buche der Mütter, dem vielverkannten und doch dem
Höchsten an, was dem Menschen als Entwickelungsmittel
werden, was Pestalozzis liebendes Gemüth schaffen
konnte, dem höchsten und besten Geschenke, was ein
Mensch in der jetzigen Zeit seinen Brüdern und Schwe-
stern geben konnte.
Was Pestalozzi in jenem Buche ausspricht, sind nur
Andeutungen deßen, was in seiner Seele als großes
herrliches, als lebendiges und unaussprechbares Ganze
lag und noch liegt.
Himmelsfreuden empfand seine Seele bei der Anschau- /
[139R]
ung der Wesen die entstünden, wenn Vater und Mutter dem
Rufe der Natur bei Erziehung ihrer Kinder folgten; über-
wältigt von diesen Himmelsfreuden setzte er sich und schrieb,
nicht für Wortklauber und Vernünftler, Nein! für El-
tern, für Väter, für Mütter schrieb er, von denen er
glaubte, sie empfänden, fühlten wie er; denen er nur
anzudeuten brauche, was sie sollten, was sie könnten, und
wie sie es sollten, wie sie es könnten.
Dem Menschen ist der höchste Gegenstand des Erkennnens
des geist- und seelenvollen Anschauens der Mensch. Pesta-
lozzi
wählte daher auch, um im Buche der Mütter allsei-
tig anzudeuten was er will, den Menschen; und konnte er
um Alles anzudeuten, was er wollte und will, etwas
höheres und vollkommeneres wählen als eben den Menschen,
dessen Körper für die Erde, dessen Wesen für den Himmel
bestimmt ist? - und gerade, daß er das Höchste das
Vollkommendste wählte, macht man ihm, Erhabenste
Fürstin! zum strengen Vorwurfe.
Allein, giebt es einen herrlichern, erhabenern – einen
schönern, würdigern Gegenstand des Anschauens des
Erkennens als den Menschen? - Und ist der Körper nicht
das Haus unseres Geistes, unserer Seele; des Geistes,
der Seele, die zur Ewigkeit zur Gemeinschaft mit Gott
bestimmt ist? Kann es falsch, kann es sogar, wie man
sagt, widernatürlich seyn, ihn früh kennen, ihn früh achten,
sich früh seiner freuen zu lehren, damit er uns heilig
sey? - Kann es, wie man Pestalozzi beschuldigt, wi-
dernatürlich seyn, mich früh zu orientieren wo ich zu Hause bin? /
[140]
Es kann, indem ich vor Ihnen Ädelste Fürstin! stehe, mein
Zweck nicht seyn, die Einwürfe der Gegner Pestalozzis, wel-
che größtentheils auf Mißverständnißen beruhen, zu wi-
derlegen, da ich blos strebe, das Wesen der Pestalozzischen
Grundsätze und Methode treu, nach Pestalozzis eigener Dar-
stellung faktisch darzustellen; deßhalb führe ich blos an, daß
ein großer Theil der Einwendungen gegen Pestalozzi[s] Grund-
sätze sich darinne vereinigen: daß Pestalozzi aus mancher-
lei Gründen sehr irre, wenn er die erste Erkenntniß-
Entwickelung des Kindes an den Menschen an das Kind
selbst anknüpfe, und sogar von dem Körper des Kindes
selbst ausgehe.
Aber wie kann es Verbrechen, wie kann es wider die Natur
des Menschen seyn, den Körper früh zu achten, früh seine
Kräfte und früh den Gebrauch derselben kennen zu lehren:
dem wir einst alles verdanken, durch welchen wir nur
die Außenwelt und uns selbst erkennen lernen; der uns
einst unser Leben erhalten erkämpfen hilft, so wie er uns
hilft Gott zu erkennen; der uns hilft uns zu erfreuen,
so wie er uns hilft Gutes zu thun, und unsere Brüder
und Schwestern mit starkem Arme vom Rande des Ver-
derbens zu erretten? -
Freilich, wer das Kind lehren will seinen Körper zu achten,
der muß ihn selbst achten; wer ihn demselben kennen
lehren will, der muß ihn selbst kennen; wer es über
den Gebrauch desselben unterrichten will, der muß den-
selben selbst kennen, dem muß alles dieß selbst zum
Bewußtseyn gekommen seyn; wer dem Kinde die Hei- /
[140R]
ligkeit seines Körpers fühlbar machen will, dem muß er
selbst heilig seyn.
Freilich konnte man Pestalozzi nicht verstehen, da
von alle dem, was er menschlich erhaben fühlte, nichts
in der Seele derer, des Vater, der Mutter stand, welchen
Pestalozzis Elementarbücher zuerst in die Hand fielen;
es waren ihnen todte Formen ohne Sinn und Bedeutung,
und später sprach vielleicht einer das Urtheil eines andern
welches ihm geltend schien, sogar nach, ohne selbst zu
prüfen. Waren dieß alles aber auch die Eltern,
die Männer zu denen Pestalozzi sprach? -
Fürchtete ich nicht, durchlauchtigste, gnädigste Fürstin!
Sie zu ermüden, vieles könnte ich noch über den Werth
und die Vorzüge [von] Pestalozzis Buch der Mütter sagen;
nur eines erlauben Sie Vaterlands liebende Fürstin
Regentin! mir noch auszusprechen, weil es als tief-
ste Überzeugung in meiner Seele und in meinem
Geiste liegt. Viele nach der Natur ihrer gesammten
Anlagen, kraftvolle Jünglinge und Knaben, würde
das Vaterland nicht in der Blüthe ihrer Jahre verloh-
ren haben, wäre es von ihren Eltern, oder auch blos
von ihren Lehrern möglich geweßen, Pestalozzi[s] im
Buch der Mütter aufgestellte Grundsätze bei der
Erziehung derselben zu befolgen. Mancher junge
Mann würde dem Vaterlande, in den Jahren der Reife
des Verstandes nützlich und ein achtbarer Unterthan
seyn können, könnte sein Körper die Forderungen /
[141]
seines Geistes und Herzens erfüllen.
Pestalozzi Buch der Mütter selbst, war und ist nur Andeut-
ung dessen was er will; deutlich schrieb er selbst:
oder Anleitung für Mütter ihre Kinder bemerken und
reden zu lehren.
Der Mensch ist aber nicht allein auf der Erde, die ganze
Außenwelt ist Gegenstand seines Erkennens, und Mittel
zu seiner Entwickelung und Ausbildung. Pestalozzi wollte
also sagen und sagte es auch:
”Mütter, Väter, Lehrer! so wie ich euch gezeigt habe,
”daß ihr den Menschen nach und nach, nach der stufen-
”weisen Selbstentwickelung des Kindes, zum bewußten
”Anschauen und Erkennen desselben bringen könnet,
”so bringt jeden andern Gegenstand der Außenwelt
”zur Erkenntniß und zum Anschauen des Kindes;
”jeden Gegenstand welcher dem Kinde nahe, in sei-
”nem Kreise, seiner Welt liegt, und wie er in der-
”selben liegt."
Höchstverehrte Fürstin! kaum scheint es möglich, daß
auch hierinne etwas Widernatürliches, schwer zu Erkennendes
und schwer Auszuführendes liegen könne, und doch fan-
den die Gegner Pestalozzis noch mehr als alles dieß darinne.
Pestalozzis Gegner, machten es ihm zum strengen /
[141R]
Vorwurfe daß er blos vom Bemerken, blos vom Anschauen
sprach, allein wir bemerken ja mit allen unsern Sinnen,
und wie konnte Pestalozzi glauben, daß Jemand auf-
treten, und ihn beschuldigen würde: er spräche, wenn
er vom Anschauen rede blos von dem einfachen Ansehen
mit den Augen.
Das Buch der Mütter soll also:
Erstlich:   die Mutter lehren: die Sinne und Kräfte des Kin-
des einzeln und in ihrem harmonischen Zusam-
menwirken zu entwickeln und auszubilden.
Zweitens: soll es Vorbild seyn, wie und in welcher na-
türlichen Stufenreihe man dem Kinde die Gegen-
stände der Welt in welcher es lebt, zum Anschau-
en und zum Erkennen bringen könne.
Drittens:   soll es die Mutter und den Lehrer in den Stand
setzen, das Kind, sowohl über den Gebrauch und
die Bestimmung seiner Kräfte und Anlagen,
als auch über den Gebrauch und die Bestimmung
rc der Gegenstände der Außenwelt belehren;
dem Kinde den Gebrauch seiner Sinne, seiner
Kräfte, seiner Glieder, den Gebrauch der Gegen-
stände seiner Außenwelt zum Erkennen, zum
Bewußtseyn zu bringen.
Und bei allem diesen beschuldigte man und beschuldigt
noch Pestalozzis im Buche der Mütter ausgesprochene
Grundsätze und UnterrichtsMethode der Einseitigkeit,
da es doch gewiß unmöglich ist, die Bedingungen Pesta- /
[142]
lozzis zu erfüllen, ohne den Menschen nach allen Richtungen
seiner Hauptkräfte zu entwickeln und auszubilden.
Andere traten auf und sagten: Pestalozzi wolle todtes
Vor- und Nachsprechen, was er gäbe wäre todt und daher
tödtend. Noch andere traten auf und sagten: was Pesta-
lozzi dem Kinde gelehrt wissen wolle, sey demselben schon
früher und besser gelehrt worden; sie beriefen sich auf die
Unzahl der erschienenen Kinderschriften für jedes Alter,
auf die, für Kinder aller Stände und Jahre geschriebenen
Naturgeschichten, Spaziergänge, Reisen, Erzählungs-, Geschichts-
und Bilderbücher aller Art rc. Allein durch alles dieß
ist nicht gethan worden was Pestalozzi will: erzählt hat
man dem Kinde, ihm alles schon ganz zubereitet gegeben,
daß der Verstand desselben gar nichts zu verarbeiten, sich
an nichts Festes zu halten hatte. Die Geisteskraft des Kindes
wurde nicht in thätigen und selbstwirkenden Anspruch ge-
nommen, der Verstand der Erwachsenen hatte schon alles
so zerarbeitet, daß für die Verstandes und Erkenntnißthä-
tigkeit des Kindes gar nichts zu thun übrig blieb. Die Folge
davon war: Schwächung der Geistes- und besonders der selbst-
thätigen Urtheilskraft des Kindes; und Herausführen aus
seiner Welt, statt es in derselben bekannt und einheimisch
zu machen.
Noch machte man Pestalozzi die Form des Buches der Mütter
zum Vorwurf; indem er aber dasselbe schrieb, war seine
Meinung gar nicht, daß die Mutter, der Vater, der Leh-
rer, deren Handbuch es werden sollte, sich streng und /
[142R]
ängstlich an seine Darstellung halten sollten. Er strebte nur
das Wesentliche eines Ganzen so viel ihm möglich war dar-
zustellen und alle Theile dieses Ganzen zu berühren.
Einige klagten im Buche der Mütter darüber, daß die
Folge nicht logisch genug sey; allein Pestalozzi wollte eine
strenge logische Folge weder aufstellen, noch viel weniger
bei der Anwendung und dem Gebrauche deßelben beobach-
tet wissen. Andern war die Folge welche Pestalozzi beobach-
tet hatte zu abgemessen und zu steif. Ob es gleich nun
nicht leicht anders möglich war, als das [sc.: daß] Pestalozzi bei An-
ordnung der Theile des menschlichen Körpers beim Kopfe
anfing: so sagt er dadurch noch nicht, daß wenn ein ande-
rer Theil z.B. die Hand die Aufmerksamkeit des Kindes
zuerst auf sich zöge, man dasselbe davon abziehen und
zuerst auf den Kopf aufmerksam machen solle, weil die-
ser früher im Buche der Mütter steht. Pestalozzi sagt
ausdrücklich, das eigentliche Buch der Mutter, ist die Natur
des Kindes in der Erscheinung.
Ich kenne eine Mutter die im Geiste Pestalozzis, und nach
seinem Sinne ihr jetzt 9/4tel jähriges Kind vom Anfang
behandelte und noch behandelt. Es ist hocherfreuend und
herzerhebend Mutter und Kind zu sehen. Und Gewiß
der Geist die Lebhaftigkeit der Mutter, ihr inneres Leben,
besonders ihre innige herzliche Liebe zu ihrem Kinde, würden
es ihr nicht erlauben, ja würden es ihr unmöglich machen
sich streng an den Buchstaben Pestalozzis Vorschrift zu
halten; aber dennoch fand diese Mutter seine Vorschrift /
[143]
nie, weder widernatürlich, weder ihren, noch den Geist ihres
so sehr geliebten Kindes tödtend. Nein! Sie wurde von dem
was Pestalozzi wollte in ihrem Innersten ergriffen. Es
ist eine Freude das Kind mit seinem Engelssinn, mit sei-
ner kindlichen Unschuld, nicht nur mit seiner Liebe zur Mut-
ter, sondern mit seiner Liebe zu Allem was es umgiebt
zu sehen. Es gewährt den höchsten Genuß zu bemerken,
wie das Kind in seiner Welt zu Hause, wie es immer be-
schäftigt und selbstthätig ist. Es steht jetzt auf einen großen
Punkt des Erkennens und Benennens der ihn es umgebenden
Außenwelt, aber unbeschadet seiner unschuldsvollen Kindlichkeit;
dieses Kind lebt ein sanftes inneres Leben, es erfreut sich
jetzt innig der erwachenden Natur, und ergreift alles das,
was dieselbe seinen Sinnen zeigt mit Aufmerksamkeit,
welches ihm seine früh geweckte Geistes[-] und Körperkraft
leicht möglich macht.
Die Mutter folgte Pestalozzi, was sie that ging durch die
Sinne hindurch, in der Wirkung ist es nicht möglich die
Gränzen der Körper- der Seelen, der Geistes-Bildung zu
sehen.
Oft und gerne sagt diese Mutter, die, ehe sie Pesta-
lozzis Wollen und Streben kannte, sich schon immer bestrebte
ihre Pflicht zu erfüllen:
”Pestalozzi hat mich gelehrt Mutter zu seyn!"
Vielleicht weniger unrichtig würde man Pestalozzis Buch der
Mütter beurtheilt haben, wäre auch der zweite Heft desselben /
[143R]
schon erschienen. Leider fehlt dieser noch bis jetzt. Pesta-
lozzi sprach daher, nicht einmal in der Andeutung seine
Idee ganz durchgeführt aus; dieß scheint mir daher auch
eine wesentliche Rücksicht, welche man, bei Beurtheilung
desselben nehmen muß. Ebenso sehr und gewiß noch
mehr muß man bei Beurtheilung Pestalozzis Buch der
Mütter berücksichtigen, daß dasjenige was es will,
keinesweges blos auf die Zeit beschränkt ist, wo sich die
Sprachfähigkeit des Kindes äußert, oder gar wo es schon
zu sprechen anfängt. Nein! Es tritt von dem Augen-
blick in seine Wirkung und Anwendung ein, wo das Kind
mit Bestimmtheit äußere Eindrücke z.B. Licht und Dunkelheit
aufnimmt. Die Mutter kann das Kind schon gelehrt haben
alles zu bemerken, alles zu unterscheiden, was sich im
Kreise des Kindes befindet, ehe noch der Zeitpunkt der eigent-
lichen Sprachentwickelung herbei gekommen ist. Ich kenne
so behandelte Kinder, die lange noch nicht sprachen, ohnge-
fähr 1 1/2 Jahr alt waren, und die alles unterschieden was
sie zunächst umgab, die alles erkannten und sogar ganz
deutliche Begriffe davon zu haben schienen.
Ist das Kind so behandelt worden, so hat es dann, wenn
es zu sprechen anfängt, wenn es sprechen lernt, den sehr we-
sentlichen Nutzen und Vortheil, daß es schon den Gegen-
stand den es benennen soll kennt, und daher seine Kraft
nicht zu zertheilen braucht, sondern dieselbe einzig auf
die Benennung des Gegenstandes verwenden kann. Daher
macht es nun sehr bedeutende Vorschritte im Sprechen,
welches auch wirklich bei den gedachten Kindern der Fall war und ist. /
[144]
Das Buch der Mütter gab zuerst Anleitung das Kind bemerken
zu lehren. Sprache ist das Medium der Mit[t]heilung; na-
türlich muß die Mutter zugleich auch auf die Sprachfähig-
keit des Kindes, und zur Entwickelung derselben wirken, und
sie thut dieß, sie stärkt entwickelt die Sprachfähigkeit des
Kindes und lehrt es endlich sprechen. Das gemeinschaftliche
Leben zwischen Kind, Mutter und Vater zu erhöhen, er-
weitert die Mutter die Sprachkraft des Kindes. Die Mutter, der
Vater, die Glieder der Familie, aber ganz besonders die Mut-
ter lehrt jetzt dem Kinde, die Bedeutung der Sprache kennen,
die sie sprechen, damit sie sich gegenseitig leichter verstehen,
damit sie sich über viel, über alles zunächst Umgebende
mittheilen können.
Pestalozzi will aber nicht nur, daß sich jenes, was unbe-
wußt theilweis wirklich geschieht, zum Bewußtseyn erhebe,
sondern auch, daß sein Geschehen nicht dem Zufalle, dem Ohn-
gefähr überlassen sey, und daß es besonders lückenlos, daß
es allseitig und umfaßend, daß es dem Entwickelungs-
Gange des Kindes gemäß geschehe.
Die Sprachbedeutung, welche Pestalozzi jetzt dem Kinde
gelehrt wissen will, ist die Bedeutung der Sprache im eng-
sten Sinne, ist specielle Sprachbedeutung; denn nur von der
Kenntniß des besonderen, Einzeln, erhebt sich der Mensch
zur Kenntniß, zur Übersicht des Allgemeinen. Das Kind
lernt also jetzt die Bedeutung jedes einzelnen Wortes, je-
des einzelnen Ausdrucks der Rede kennen. Die Art wie dieß /
[144R]
geschehen soll, liegt deutlich in der Forderung bestimmt; haupt-
sächlich aber giebt auch das Buch der Mütter dazu Anlei-
tung.
Nach Pestalozzi soll also das Kind z.B. die Bedeutung nach
stehender Worte, die es entweder hört, oder selbst schon
deutlich spricht durch die Anschauung kennen lernen:
dunkel - hell, schwer - leicht,
schwarz - weiß, durchsichtig - undurchsichtig,
hin - her, Hausgerät - Werkzeug,
auf - zu, Thier - Stein,
gehen - sitzen, Fisch - Vogel,
laufen - kriechen, dort - hier,
mehr - weniger, grob - fein,
einer - viele, flüssig - fest,
stechen - schneiden, lebend - todt.
Pestalozzi zeigt hier besonders wie der Gegensatz, da er
immer das Charakteristische jedes Begriffes heraushebt,
besonders bildend ist.
Bis hieher entwickelte die Mutter, nach Pestalozzi, in dem
Kinde die Sprachfähigkeit, sie lehrte es sprechen; aber
indem sie nun das Kind so immer weiter führt, bildet sie
vereint mit den übrigen Gliedern der Familie, die Sprachfäh-
igkeit desselben aus; das Sprechen des Kindes erhebt sich
nach und nach zur zusammenhängenden Sprache, das Kind /
[145]
kommt und erhebt sich zur bestimmten Kenntniß der Bedeu-
tung des Ganzen, was es spricht.
Durch alles dasjenige was bisher von der Mutter für das Kind
geschehen ist, ist dasselbe jetzt im Stande, die Gegenstände
welche es umgeben genau zu erkennen, sie einzeln anzu-
schauen, sie von einander zu unterscheiden. Seine Anschauungs[-]
kraft ist vollkommen geweckt und in ihrer ganzen Thätig-
keit. Der Erkenntnißkreis des Kindes erweitert sich, so wie sich
die Welt desselben erweitert; es begleitet die Mutter überall
hin, wohin Geschäfte dieselbe rufen. Es lernt jetzt immer
mehrere Gegenstände der es Umgebenden Außenwelt kennen. Die Gegen-
stände derselben treten jetzt immer mehr einzeln aus dem
Chaos heraus, welches früher vor seinen Sinnen lag und
theils noch für [sc.: vor] denselben liegt, und mehr oder weniger noch
so lange vor ihnen liegen wird, bis es einen bestimmten Theil
der Außenwelt mit Bewußtseyn überschaut, mit Bewußt-
seyn erkennt, und in sich selbst, frei und unabhängig von der
Außenwelt wieder darstellen, schaffen kann. Das Kind zu
diesem vollkommenen bewußten Erkennen seiner Außen-
welt zu erheben, dieß soll, dieß muß jetzt das Streben der
Mutter seyn.
Das herrliche Reich der Natur öffnet sich jetzt nach und nach
dem Kinde, es tritt geleitet von der Hand der Mutter
in dasselbe ein. Die Natur wird jetzt seine Welt; das Kind /
[145R]
schafft die Natur zu seiner Welt. Hundert Steinchen, Hundert
Pflänzchen, Blumen, Blätter, Hundert Thierchen, unzählige
Gegenstände der Natur begegnen jetzt dem Kinde. Sein Herz
schlägt. Es empfindet Freude. Es trägt, es pflegt die Ge-
genstände, aber es weiß nicht warum es sich freut, war-
um es die Gegenstände trägt und pflegt, warum sein
Herz ihm so gewaltig schlägt.
Sollten diese Eindrücke verschwinden ohne daß sie festge-
halten werden? -
Die Mutter nach Pestalozzi lehrt jetzt dem Kinde, diese Ge-
genstände allseitig, nach allem dem Geiste und Seyn des
Kindes in diesem Zeitraume erkennbaren Eindrücken und
Eigenschaften wahrnehmen, d.h. mit allen Sinnen, durch
Hülfe aller Sinne, sie lehrt es, seine Anschauung im gan-
zen Umfange bezeichnen, sich und andern Rechenschaft da-
von abzulegen. Und jetzt, jetzt erhält das Kind feste
Punkte, woran es seine Freude anknüpfen kann: an
den Ton, an die Bewegung, die Farbe, die Gestalt, die
Form, die Glätte, an den Glanz, an die Verbindung, und
hundert andere, theils bestimmbare, theils blos empfind-
bare Eigenschaften; ja das Kind wird sich selbst erst
seiner Freude bewußt. - Wie glücklich ist jetzt das
Kind, dem die Mutter alle diese Eindrücke zum Bewußt-
seyn bringt: damit das Kind einen festen Punkt habe
durch welchen die Außenwelt mit ihm in Berührung
stehe, damit dasselbe nicht einem dunkeln, das Herz des
Kindes beklemmenden, sehnenden Gefühle überlassen
bleibe, damit es nicht im Nebel wandle, gleich einem /
[146]
Reisenden, der in einer anmuthsvollen Gegend am Frühlings-
morgen reist, wo die Natur noch ganz in Nebel gehüllt ist,
und doch verkündet ihm das Licht welches durch den Nebel hin-
durchschimmert einen genußvollen Anblick, so wie da der
Mensch der Zerstreuung des Nebels durch die Sonne mit Sehn-
sucht har[r]t, daß ihm die Gegenstände der Natur in Licht und
Klarheit erscheinen mögen, so har[r]t das in die Natur getre-
tene Kind der Leitung der liebenden Mutter, welche ihm die
Wonne seines Herzens erkläre, welche ihm dasjenige erleuchte
erkläre worüber es [sich] schon in der Ahndung so innig freut. Welch‘
ein schöner Beruf der Mutter, sie lehrt dem Kind seine Freude
den Gegenstand seiner Freude seiner Wonne zum Bewußtseyn
bringen, sie lehrt es, sich von dem, was es sieht, empfindet
Rechenschaft abzulegen, es auszusprechen, es andern mitzutheilen;
sie, die Mutter erhebt so das Kind zum vernünftigen, gemüth-
lichen Geschöpfe; sie lehrt das Kind sich im Raume mit Be-
wußtseyn und Gefühl finden. Die Mutter lehrt das Kind
die Gegenstände nach seinen Eigenschaften zu erkennen; sie
horcht jeder Bemerkung, jeder Entdeckung, jedem Worte des Kin-
des, sie freut sich mit ihm, sie nimmt seine Mittheilung mit
Liebe in sich auf, erwiedert und berichtiget sie mit Leben und
Wonne. So bekommt die Natur dem Kinde Leben und Bedeu-
tung, so die Sprache die es selbst, die die Mutter, der Vater
die Geliebten der Familie sprechen. Jedes Wort wird Ge-
genstand Eindruck Bild, an jedes Wort knüpft sich dem
Kinde eine Welt d.i. ein Cyklus von Eindrücken Gegen-
ständen an.
Das Kind geht hier in der Bemerkung der Eigenschaften /
[146R]
selbst vom Leichten zum Schweren, vom Einfachen zum Zusam-
mengesetzten. Sehr gern sucht und findet das Kind alles
selbst.
”Mutter, liebe Mutter! laß es (:die Eigenschaft:) mich
selbst finden, selbst suchen!"
so hörte ich mit Freude und Lebhaftigkeit, mit glänzenden
und funkelnden Augen, schon einige so geleitete Kinder bitten.
Später leitet die Mutter das Kind zum Zusammenstellen
des Ähnlichen - (:worauf es auch leicht von sich selbst fällt:)
- zur Trennung und Absonderung des Verschiedenen, sie
lehrt das Kind, was es sieht, vergleichen.
Außerdem daß das Kind erkennt, ahmt es auch nach; Nach-
ahmung ist der Weg zum bessern, vollkommenern Erkennen.
Die Mutter duldet nicht nur diese Nachahmung, sie freut
sich nicht nur darüber, nein! sie fordert es vielmehr noch
dazu auf.
Am liebsten ahmt das Kind den Ton nach; den Ton welchen
der von ihm bemerkte, vielleicht leblose Gegenstand wirk-
lich von sich giebt, oder für die Empfindungsweise des Kin-
des auch nur von sich zu geben scheint. Alles versucht
das Kind durch Ton nachzuahmen: den Fall, das Hüpfen
das Athmen, das Bewegen rc. rc. des Gegenstandes.
Die ganze Natur belebt und leblos erscheint dem Kinde
tönend, sie spricht hörbar zu dem Kinde. Die Mutter,
nach Pestalozzi Forderung freuet sich der Wonne des Kindes
wie es besonders im Frühling die Naturtöne nachahmt,
und sie fordert es dazu auf; sie thut es unbewußt, je unge- /
[147]
störter sie ihrem Naturtriebe folgt. Wer hat nicht oft die
arme Mutter sich mit ihrem Kinde unterhalten und sie sagen
hören: Wie macht das Schaf? - Wie der Hund; der Ochse der
Finke, wie der Käfer, die Hummel? u. s. w.
Die Nachahmung des Kindes erhöht sich; es ahmt das Zwitschern,
den Gesang der Vögel nach, und so wird sein eigner mensch-
licher Ton in ihm geweckt. Hört es gar die Mutter singen,
hört es den Gesang der Vögel mit menschlichen Tönen begleiten,
so wird es auch diese nachahmen, und so wird sein Gefühl
für das höchste menschliche, für Gesang nicht nur geweckt,
nein! sein Wesen wird sich, - so geleitet vom Nachsum-
ßen der Biene, bis zur Darstellung seiner eigenen kindlichen
Gefühle durch einfache, und verbundene und veränderte mensch-
liche Töne erheben.
Die Außenwelt ist also dem, nach Pestalozzis Forderungen geleite-
ten Kinde, jetzt nicht mehr die chaotisch verworrene, in Nebel
gehüllte Masse, die es ihm früher war. Sie ist ihm jetzt:
1) gesondert;
2) Das Gesonderte kann es benennen
3) Es kann das Gesonderte unabhängig von einem andern
Gegenstande, und nach seinen Verhältnißen zu sich und
andern ins Auge fassen.
4) Es kann dasjenige was es bemerkt und alle Verhält-
nisse desselben, durch die Sprache bezeichnen; es kann die
Sprache und kennt die Bedeutung der Sprache seiner Eltern. /
[147R]
5) Es kann einen Gegenstand nicht nur einseitig sondern mehr-
    seitig; nicht nur
6) nach einem, sondern nach mehreren Verhältnißen ins Auge
    faßen.
7) Es kann die Gegenstände vergleichen, folglich allgemeine al-
    len Gegenständen eigene Eigenschaften erkennen. Das
    dunkle Erkennen dieser allgemeinen Eigenschaften, muß
    jetzt zum bewußten Erkennen zum Wissen und zum Be-
    wußtseyn erhoben werden.
Die erste allgemeine Eigenschaft der Gegenstände ist ihre
Zählbarkeit. Die Gegenstände sind jetzt dem Kinde einzeln
abgesondert, folglich in der Zeit aufeinander folgend also
zählbar erschienen.
Die Mutter lehrt jetzt, nach Pestalozzi, dem Kinde die
Gegenstände in Hinsicht ihrer Zählbarkeit, und die Eigen-
schaften und Verhältniße zählbarer Gegenstände zu einan-
der kennen, in der Natur, in der Wirklichkeit selbst; nicht
erst dann, wenn von ihrer Abstraktion beim Rechnen selbst
die Rede ist.
Durch die von Pestalozzi gefordert werdenden Übungen,
bringt die Mutter etwas im Kinde zum Bewußtseyn, was
bisher blos einem dunkeln Ahnen, einem dunkeln kaum
bewußten Gefühle im Kinde überlassen wurde: sie
bringt ihm den Begriff einer Zahl, die genaue Kenntniß
der Eigenschaften und der Verhältniße des Zählbaren zum
klaren deutlichen Bewußtseyn.
Die Mutter lehrt das Kind: 1 Stein und 1 Stein sind 2 Steine; /
[148]
2 Steine und ein Stein sind 3 Steine; 3 Steine und 1 Stein sind
4 Steine pp. Ferner lehrt sie ihm den Werth jeder Zahl durch
den entgegen gesetzten Weg kennen z.B. 10 Nüsse we-
niger 1 Nuß sind 9 Nüsse; von 9 Nüssen 1 Nuß weg
bleiben noch 8 Nüsse; von 8 Nüßen 1 weg bleiben
7 Nüsse rc. Schon diese kleine Übung bringt Unter-
haltung in das Leben zwischen Mutter und Kind
wenn sie z.B. im ersten Falle, dem Entstehen der Zahl,
dem Kinde sagt: lege zu 3 Blumen 1 Blume hinzu
wie viel hast Du Blumen? – wie viel mal hast du
eine Blume rc: oder im zweiten Fall, dem Auflösen
der Zahlen, dem Kinde sagt: thue von 6 Bohnen eine
weg; wie viel Bohnen behältst du? – wie viel mal
eine Bohne hast du noch?
Die Mutter geht einen Schritt weiter, so wie sie vor-
her immer 1 hinzusetzen ließ, so läßt sie jetzt immer
2, oder immer 3, oder immer 4 rc: gleiche Gegenstände hin-
zusetzen. z.B. 1 Steinchen und 2 Steinchen sind 3 Stein-
chen; 3 und 2 sind 5; 5 und 2 sind 7 rc: Dadurch lernt
das Kind durch die Anschauung, daß z.B. 5 außer 5 mal
1 mal [sc.: auch] 4 und 1, auch noch 3 und 2 ist rc: oder 1 und 3
gleich 4; 4 und 3 sind 7; 7 und 3 sind 10 Gegenstände[.]
Auch hier geht die Mutter wieder wie in der vorigen
Übung den gleichen Weg rückwärts z.B. 2 von 15
bleiben noch 13; 2 von 13 bleiben noch 11; 2 von 11 bleiben
noch 9; 2 von 9 bleiben noch 7 rc: oder indem die
Mutter immer 3 wegnehmen läßt: 3 von 16 bleiben
13; 3 von 13 bleiben 10; 3 von 10 bleiben 7; 3 von 7
bleiben 4 rc: Fragen erhöhen und beleben auch hier /
[148R]
in beiden Fällen wieder die Unterhaltung zwischen Mutter
und Kind. Die Mutter arbeitet im Feld oder im Zimmer;
das Kind sitzt neben ihr und spielt mit Steinchen, oder
Bohnen oder Blumen, die Mutter fragt: wenn du zu
1 noch 2 thust wie viel hast du? - wenn du zu 9 noch
2 thust wie viel hast du? - thue einmal zu 15 noch
3 und sage mir dann wie viel du hast? oder für den
entgegen gesetzten Fall: nimm von 7, 2 hinweg wie-
viel behältst du? oder nimm von 10, 3 hinweg was
bleibt dir? - Alles dieß ist für das Kind Spiel, es
hat seine ihm lieben Gegenstände, es bewegt sie; es
hat dabei einen Zweck; denn das Kind giebt sich gleich-
sam bei allen seinen Spielen selbst eine Aufgabe; es
ist bei der Mutter; so ist es fröhlich, so wird sein Geist
und sein Gemüth geweckt.
Kennt das Kind diese verschiedene Art zu zählen und die
ihm sich hier darstellenden Eigenschaften der Zahlen,
so wird es bald finden: ein Erbsenblatt hat 2 mal 2
Blättchen, ein Rosenblatt hat 2 mal 3 und 1 Blatt rc:
Ein Wink für die Mutter und sie führt ihr Kind wieder
um einen Schritt in der Kenntniß des Zählbaren wei-
ter. Das Kind hat wieder mehrere einzelne Gegen-
stände um sich. Mutter: lege mir einmal deine Hölz-
chen so, daß auf jedem Haufen 2 liegen. Hast du
es gethan? - Zähle mir, wie viel 2 hast du?
Das Kind wird zählen: ich habe 1 zwei, 2 zwei, 3 zwei
4 zwei; oder: ich habe 1 mal 2, 2 mal 2, oder 3 mal 2
4 mal 2; oder es wird sagen, doch dieß vielleicht erst /
[149]
später: ich habe 1 zweier Häufchen, 2 zweier Häufchen rc:
im Gegensatz von dreier Häufchen, welches immer drei Ge-
genstände enthält. So geht die Mutter weiter und sagt,
lege deine Gegenstände so, daß immer 3, oder 4, oder immer
5 zusammen liegen, und sage mir, wie viel mal 3, oder
4 rc: du hast? - Die Mutter geht auch hier wieder ganz
so als sie beim einfachen Zählen, beim Zählen der Ein-
heit ging; auch kann sie noch, sowohl dort als hier zu einer
gleichen Menge eine gleiche hinzusetzen, als beim Einfachen
Einheiten 2 und 2 ist 4; 4 und 2 ist 6; 6 und 2 ist 8; oder
3 und 3 ist 9; 9 und 3 ist 12; 12 und 3 ist 15. Sind
alle Zahlen, oder wenigstens einige so durch geführt, so
werden sie wieder ganz auf dieselbe Weise aufgelößt
z.B. 2 von 8 bleiben 6; 2 von 6 bleiben 4; oder 3 von 9
bleiben 6 rc. - Und bei zusammengesetzten Einheiten
2 mal 2 und 2 mal 2 sind 4 mal 2; 4 mal 2 und 2 mal 2
sind 6 mal 2 u. s. w.
Das Legen der Gegenstände giebt hier dem Kinde viel
Beschäftigung, und es hat nun Gelegenheit und Kraft sich
zweckmäßig und für seinen Verstand bildend zu beschäf-
tigen auch wenn es sich, selbst längere Zeit, selbst über-
lassen seyn sollte.
Durch diese schon vielseitige Betrachtung der Zahl wird
das Kind vielleicht durch sich selbst auf die nun folgende
Übung fallen, oder es bedarf nur eines Winkes, nur
der Aufforderung: auf wie viel verschiedene Arten kannst
du die Zahl 3 legen? – Ich kann Siehe Mutter hier ist es!
und es wird zeigen; 1 mal 3 (III) dann 2 und 1, (II I) und
3mal 1 (I I I). Auf wie viel verschiedene Arten kannst /
[149R]
du 4 Steinchen legen? - Das Kind wird finden: 4 (IIII) dann
3 und 1 (III I); dann 2 und 2 (II II), dann 2 und 1 und 1 (II I I)
endlich 4mal 1 (I I I I).
Diese Übungen sind für das Kind sehr angenehm, es fin-
det dabei mehreres was ihm Vergnügen macht; es wird,
ist es gesund am Geist selbst größere Zahlen 6 und 7
wählen, um die verschiedenen Formen aufzusuchen unter
welchen sie darzustellen sind. Eben so wie hier die Zahl
eine und dieselbe Zahl unter mehreren Formen dargestellt
wurde, so läßt man sie auch hier wieder wie oben,
unter mehreren und allen den aufgefundenen
Formen auflösen.
Fragen geben auch hier nicht nur der Thätigkeit des Kindes
höheres Interesse, Sie bringen auch alles das was das
Kind fand, zur freithätigen Darstellung, zur reinen
klaren Erkenntniß des Kindes.
Ist das Kind mit alle dem was die vorigen Übungen
sagen genau bekannt so geht die Mutter den letzten
Schritt ihrer Übungen mit dem Kinde. Sie sagt ihm:
z.B. auf wie viel verschiedene Weisen kannst du 4
in gleichgroße Häufchen legen? - Das Kind wird suchen
und finden, 4 mal 1; (I I I I) und 2 und 2    (II , II); so 6
in 6 mal 1 (I I I I I I); 2 mal 3 (III III); 3 mal 2 (II II II)
Fragen, und Auflösung bringen das Ganze dem Kinde
wieder zum klaren deutlichen Bewußtseyn.
Diese Darstellung deßen was Pestalozzi will, wird dem
Einwurfe begegnen und widerlegen: daß auch bei der
bisherigen Behandlungsweise, die Kinder zu diesem klaren /
[150]
deutlichen Bewußtseyn der Zahl gekommen wären, und
daß dasjenige was Pestalozzi wolle, überflüssig sey. Daß
jenes nicht der Fall war, dem wird Jeder beistimmen, der
auf seine, auf dem gewöhnlichen Wege erhaltene Erkennt-
niß der Zahl und ihrer Eigenschaften acht gehabt hat;
denn die Kinder lernten die Reihenfolge der ZahlenNamen
mechanisch: daß auf zwei, drei folge rc. allein sie
lernten weder die Zahl 2 noch 3 kennen. Eben so lernten
sie mechanisch auswendig 2 mal 2 ist 4 rc. ohne sich im
Mindesten etwas anders zu denken als höchstens: 2 mal
die Ziffer, das Zeichen 2 macht einmal das Zeichen 4; allein
sie dachten dabei weder an die Zahlen selbst, noch weniger
erkannten sie das Verhältniß der Zahl 2 zur Zahl 4.
Wie sehr dieß gegründet ist wird dadurch bewiesen, daß
sogar Erwachsene den Begriff Zahl und Ziffer nicht tren-
nen können, sondern ihn immer verwechseln.
Überall wo es Gelegenheit ist (: und diese findet sich
überall wo das Kind sich befindet :) führt nach Pestalozzi
die Mutter oder die Glieder der Familie, führen das Kind
so zur Erkenntniß der Zahl und ihrer Eigenschaften
es wird dann beide bald durch die Anschauung und
Wirklichkeit erkennen.
Daß dasjenige was hier geschieht nach Pestalozzi
in den Kreis der Familie gehört, spricht er deutlich im
Buche der Mütter aus.
/
[150R]
Schon früher lernte das nach Pestalozzi geleitete Kind die
Gegenstände der Form nach unterscheiden; nunmehr ist
es durch die vorhergehenden Reihefolgen von Übungen
im Stande die Form allein, abgesondert von dem Gegen-
stande, und den Gegenstand wieder für sich allein, abge-
sondert von der Form, blos in Hinsicht seiner Größe
ins Auge zu faßen.
Das Kind sieht eine Latte, Stange, sie ist gerad;
einen Ast, er ist krumm; einen Reif, er ist gleich
krumm. Es bemerkt die Latten am StakketenZaun
die Zähne im Rechen [Zimmermann: Rachen] rc. sie sind immer gleichweit von-
einander entfernt, sie sind gleichlaufend; oder es
bemerkt mit Vergnügen die Regelmäßigkeit der Rippen
im Blatte der Haynbuche: die Mutter sagt ihm sie
sind gleichlaufend. Die Rippen im Blatte des großen
Wegebreits vereinigen sich in einem Punkt, sie sind
strahlend; die Mutter geht mit dem Kinde im Walde,
es sieht die Tanne, die Kiefer es sieht ihre Verschieden-
heit; welche Freude es kann sie bezeichnen. Die Nadeln
der Tanne laufen gleichlaufend, die der Kiefer verei-
nigen sich in einem Punkte. Die Mutter hat dem Kinde
gelehrt den Winkel anzuschauen. Das Kind
bemerkt das Verhältniß der Äste zum Stamm sie
bilden einen Winkel; allein dieselbe Verbindung
macht bei dem einen Baume einen ganz andern
Eindruck auf das Kind als bei dem andern: Wie
sehr freut sich jetzt das Kind, daß es diese Verschieden- /
[151]
heit erkennt, daß es einen festen Punkt hat, an welchen
es seinen Eindruck anknüpfen kann: Es ist die größere
oder kleinere Neigung der Äste zu dem Stamme.
So erkennt es in seinen Umgebungen, in der Natur
die seine Welt ist, geleitet von der Mutter 3, 4, viel-
eckige Formen z.B. der Durchschnitt eines Schierlings-
stengels bildet ein regelmäßiges Fünfeck; Sie leite
es zum einfachen Vergleichen dieser Formen, und zum
Aufsuchen ihrer Verschiedenheit. Das Kind wird bald
selbst Gegenstände: Blätter rc. in Hinsicht ihrer Form
zusammenlegen, und mit kindisch kritischem Sinne
untersuchen, zu welcher dieser oder jener Gegenstand
den es eben hat, gehören möge. Das Kind wird wei-
ter gehen als ich mir auszusprechen getraue.
”Siehe, Mutter! wie viele gleichrunde Blätter ich habe".
Und das Kind zeigt der Mutter viele mit Fleiß, streng
nach der Abstufung vom Größern zum Kleinern geord-
nete Blätter.
”Siehe, wie so ganz klein ist dieß und wie groß dieß"!
Das Kind führt so selbst die Mutter auf die Betrach-
tung der Größe. Ein Wink, ein Wort von der Mut-
ter und das Kind erhält ein neues BildungsMittel.
Sie hebt z.B. drei Blätter heraus, legt sie auf einander
und sagt dem Kinde: dieß ist das größte Blatt, dieß
ist kleiner, aber dieß ist doch das kleinste.
”Siehe Mutter! den langen Halm hier, der Stengel
vom Flachse ist nur halb so lang [”] wird das Kind /
[151R]
vielleicht gleich selbst sagen, wenn es die Bedeutung des
Wortes halb schon kennt; oder nachdem die Mutter
zweimal den Flachsstengel an den Kornhalm legte,
wird es sagen: Dieser ist 2 mal so lang, oder noch ein-
mal so lang als jener.
Oder das Kind bricht ein Kirsch- oder Birnenblatt in der
Mitte (: der Länge nach :) zusammen, und findet, daß
die beiden Hälften gleich groß sind; es findet dieß, allein
es kann das was es fand noch nicht bezeichnen. Die Mut-
ter sagt ihm nun: daß man den einen von 2 Theilen
eines Ganzen die Hälfte nenne, und so erweitert
sich der Erkenntniß Kreis des Kindes durch die Mutter
immer mehr.
Möge durch dieß Wenige deutlich geworden seyn, was
Pestalozzi, so wohl in Rücksicht auf Erkenntniß der Form
und ihrer Eigenschaften, als in Rücksicht des Erkennens
der Größe und ihrer Eigenschaften, von der Mutter
zur Entwickelung des Kindes gethan wissen will.
Das Kind wird die aufmerksame Mutter den auf-
merksamen Vater schon selbst weiter führen. Es wird
zur Betrachtung gleich großer, ungleich großer Ge-
genstände kommen; es wird endlich finden: der Theil
ist kleiner als das Ganze, das Ganze ist größer als
der Theil. Gegenstände der Natur, wie Produkte der
Kunst werden das Kind dahin führen. Alles was
in seinem Kreis, seiner Welt liegt, wird ihm auch
hier Mittel der Belehrung, Stoff der Entwickelung.
Ist das Kind nur in den ersten Jahren, wo es doch /
[152]
die Mutter größtentheils um und bei sich haben muß,
richtig geleitet worden, so kostet es später nur eine
Andeutung, und das Kind kann sich mehrere Stunden
selbst beschäftigen; es hebt auf, sammelt, ordnet; es
untersucht, erkennt, es ist ruhig und still; kaum glaubt
man daß das Kind beschäftigt sey und doch erstarken,
üben und entwickeln sich so wohl die Kräfte der Seele
als die des Geistes.
Alle Anlagen und Kräfte sind jetzt in dem, nach Pestalozzi
behandelten Kinde entwickelt; seine Sinne gebildet, sein
Inneres und äußeres Leben zum wahren Leben erhoben;
es irrt nicht mehr bewußtlos und vom Nebel umgeben
im Raume, zu jeder Erkenntniß zu jedem Gefühle ist
ihm der Weg geöffnet. Mittheilung, dieses ausschließen-
de Gut des Menschen ist im ganzen Umfange ihm mög-
lich, seine Sprache ist gebildet.
Mit Liebe innigster Liebe hängt sein Blick an der
Mutter und dem Vater, denen es alles dieß verdankt.
Alles was bisher von der Mutter geschahe, war Ge-
genstand des Buches der Mütter, und liegt in demselben
angedeutet, wenigstens wollte Pestalozzi alles dieß,
als in den Kreis der Mutter, der Familie gehörend,
in demselben angedeutet wissen.
/
[152R]
So will Pestalozzi, daß das Kind sieben frohe genußvolle
Lebensjahre durchlebt habe[.]
Jetzt hat das, nach Pestalozzi von der Mutter geleitete
Kind seine Bildung (: im engsten Sinne :) durch die Mutter
erhalten; denn was jetzt das Kind ist, was jetzt in ihm,
auch noch so verborgen lebt, was es jetzt entzückt, das
mögte wohl immer in ihm leben, seinem Leben Werth
und seinem Seyn Würde geben; - sie übergiebt es
nun so vorbereitet dem Vater als natürlichem Lehrer
oder seinem Stellvertreter, dem Lehrer, Erzieher, zum
bestimmten Unterrichte, zur bestimmten Lehre.
Seinen Unterricht, dasjenige, was er das Kind lehrt
worinne er es unterrichtet, knüpft er genau da an, wo
die Mutter endete. Das Kind darf in dem Anfange seines
Unterrichtes keinen andern Unterschied zwischen seiner
Lehre, und derjenigen der Mutter finden als den:
daß ihm jeder Gegenstand des Unterrichtes jetzt ge-
sondert erscheint, daß jetzt für jeden UnterrichtsGe-
genstand eine bestimmte Zeit festgesetzt ist. Die Be-
handlungsweise der Unterrichtsgegenstände selbst,
muß dem Wesen nach der gleich seyn, welche die Mutter
beobachtete.

Der Mensch als Schüler (: Lehrling :)
Die Sprachentwicklung des Kindes ist nun vollendet; der /
[153]
Lehrer nach Pestalozzi führt es jetzt in der Erkenntniß
der Sprachbedeutung weiter.
Erster UnterrichtsGegenstand wird daher die Mutter-
sprache in Bezug auf Bedeutung.
Die Betrachtung der Sprache in Hinsicht ihrer Bedeu-
tung ist aber wie schon oben bestimmt wurde, zwei-
erlei:
Einmal oder erstlich: spezielle Sprachbedeutung; Be-
        deutung jedes einzelnen Ausdrucks, Wortes;
Dann zweitens: generelle oder allgemeine Sprachbe-
        deutung; Bedeutung einer ganzen Gattung
        von Wörtern und Ausdrücken
und daher ist auch der Unterricht in bezug auf Sprach-
bedeutung zweifach
erstlich: Darstellung der Bedeutung jedes einzelnen
        Ausdrucks und Wortes,
zweitens:Darstellung der Bedeutung ganzer Gat-
        tungen Wörter und Ausdrücke.
Die spezielle Bedeutung deßen was das Kind spricht
lernte es durch die Mutter und Familien-Glieder ken-
nen. Das erste was der Lehrer nach Pestalozzi Forderungen
jetzt thut ist: daß er das Kind zum deutlichen Bewußt-
seyn, und zum Überblick deßen was es weiß bringt,
um darauf den Unterricht der allgemeinen Sprachbe-
deutung zu gründen. Der Lehrer läßt dem Kinde Ge-
genstände unter einem Gesichts Punkte ins Auge fassen,
wodurch ihm dieser Eine Gesichts Punkt und die Beziehungs- /
[153R]
weise noch mehr erklärt wird.
Der Lehrer läßt z.B. Gegenstände unter den Gesichts-
punkten: dünn, spröde; angenehm, schön; gehen,
hüpfen; Werkzeug, Hausgeräthe; morgen, heute; hier,
dort; in, auf; über, unter; wechselnd, fließend;
entweder - oder, weder - noch; folglich, aber; rc rc
ins Auge faßen und betrachten, wodurch dem Kinde
daher vielseitig die Bedeutung dieser Worte erklärt
wird.
Die Übungen selbst sind: der Lehrer bestimmt die Rücksicht
unter welcher mehrere Gegenstände betrachtet werden
sollen, und läßt den Kindern Gegenstände aufsuchen
welcher unter dieser Rücksicht betrachtet werden können.
z.B. der Lehrer sagt: Der Schüler ist hier,
    die Kinder finden: Die Feder ist hier,
         das Buch ist hier;
rc    rc.
oder der Lehrer sagt: Der Schnee ist weiß was ist
mehr weiß. Die Kinder finden: Zucker ist weiß;
ungefärbte Baumwolle ist weiß;
vieles Papier ist weiß,
das Salz ist weiß,
   rc    rc.
Oder der Lehrer sagt: Der Hammer ist ein Werkzeug,
Die Kinder finden:           Der Pflug ist ein Werkzeug,
die Schere ist ein Werkzeug, /
[154]
Oder der Lehrer sagt: Der Mensch kann gehen.
Wer kann noch gehen?
Die Kinder finden:          Das Thier kann gehen,
die Uhr kann gehen,
die Arbeit kann gehen,
der Wagen kann gehen,
das Eis kann gehen;
   rc    rc.
Auf diese Übungen gründet der Lehrer nun zweitens:
die Darstellung der allgemeinen Sprachbedeutung.
Alles was ist, was in der Natur ist, alles was die
Innen- und Außenwelt erfüllt, ist den drei allgemeinen
Grundverhältnißen unter welchen alles erscheint unter-
worfen, dem Verhältniße
des Seins,
des Habens,
des Werdens;
Allem was daher auch die Sprache immer bezeichnen,
was auch immer die Bedeutung deßen was sie ausdrückt
seyn mag, allem muß eines dieser drei Grundver-
hältnisse zum Grunde liegen, muß durch eines der-
selben bedingt, und von einem derselben abhängig
seyn.
Die verschiedenen Arten des Seyns, die verschiedenen /
[154R]
Arten des Werdens, die verschiedenen Arten des Habens
bestimmen die Sprache und ihre Bedeutung.
Auch den Übungen in der Darstellung der allgemeinen
Sprachbedeutung, liegen daher diese Verhältnisse zum
Grunde, und jene Darstellung geht von demselben aus.
Insofern also der Lehrer die verschiedenen Arten des
Seyns, Habens und Werdens durchführt; insofern und
unzertrennlich damit verbunden lehrt er dem Schüler
die Beziehungsweise derselben in seiner Sprache und
folglich die allgemeine Bedeutung derselben kennen.
Die Übungen die zu diesem Zweck der Lehrer vornimmt
sind in dem Gesagten bestimmt und gehen aus demsel-
ben hervor.
z.B. der Lehrer sagt: Der Vogel ist ein Thier;
die Kinder finden dazu:   Der Fisch ist ein Thier,
die Biene ist ein Insekt,
der Nachbar ist ein Bauer,
der Bruder ist ein Kaufmann.
Rc      rc:
und finden so selbst, daß Thier, Insekt, Bauer,
Kaufmann: Gattungen von Gegenständen bezeichnen
Oder der Lehrer sagt: Der Vogel ist ein befiedertes Thier;
die Kinder finden dazu:   Der Fisch ist ein kaltblütiges Thier,
die Biene ist ein nützliches Insekt,
der Nachbar ist ein fleißiger Bauer.
Die Schüler werden nun leicht dem Lehrer die Frage: /
[155]
Was bezeichnen die Wörter: befiedertes, kaltblütiges,
nützliches, fleißiger? - mit: sie bezeichnen Eigen-
schaften beantworten.
Oder der Lehrer sagte:    Der Schüler wird durch diese
Übungen auf eine leichte Weise zu einer
umfassenden und genauen Kenntniß
seiner Muttersprache gebracht; weil
sie vom Einfachen zum Zusammenge-
setztern gehen, und so endlich die ganze
Masse der Sprache umfassen.
So zusammengesetzt auch das hier vom Lehrer Gesagte
erscheint, so werden die Schüler, wenn alle Übungen
bis zu diesem Punkte vorgenommen sind, mit
Berücksichtigung der verschiedenen unterstrichenen, auch
in dem andern Satze beizubehaltenen Wörtergat-
tungen, doch leicht Beispiele dazu finden[.]
Möge jenes Beispiel zeigen, wohin diese Dar-
stellung der allgemeinen Sprachbedeutung, die vom
Einfachen nach und nach immer zum Zusammenge-
setztern übergeht, endlich führt, und daß sie die
ganze Sprache umfasse.

Hand in Hand mit der Bedeutung der Sprache geht die /
[155R]
Form derselben, beide sind unzertrennbar; so der Unter-
richt. Kennt das Kind einigermaßen die Bedeutung
seiner Muttersprache, so will Pestalozzi, daß es gleich-
laufend mit jenen Übungen zur Erkenntniß der
Abhängigkeit der Sprache vom Sprachgegenstand ge-
führt werde; d.h. daß es Kenntniß des formel-
len Theils der Sprache enthalte [sc.: erhalte]. Diese Kenntniß
darf es aber eben so wenig räsonirend und demon-
strirend, noch mechanisch durch Auswendiglernen
erhalten. Nein! Pestalozzi will: daß es zu jener
Kenntniß, durch eigene Selbstthätigkeit, durch eige-
nes Aufsuchen und Bemerken (:Anschauen:) ge-
lange.
Zweiter UnterrichtsGegenstand wird daher nun die
Darstellung des formellen Theils der Sprache.
Die Sprache erscheint hier dem Schüler als das, was
sie ist: als Zeichen für den Gegenstand und seine
Verhältnisse.
Als Zeichen für den Gegenstand, als Darstellung des
Gegenstandes und seiner Verhältniße, ist sie aber
so wohl von dem einen, als dem andern abhängig.
Der Unterricht muß also hier auf eine entsprechen-
de, dem Schüler anschaubare Weise, das Verhältniß
zwischen:
Gegenstand und Darstellung, /
[156]
Bezeichneten und Zeichen,
     Sprachstoff und Sprache,
     Bemerkung und Mittheilung,
darstellen; oder sie er muß deutlich und bestimmt die
Abhängigkeit zeigen, in welcher die Sprache von dem Sprach-
gegenstand ist, den innigsten Zusammenhang zwischen
der Form der Worte und dem, was ich durch sie bezeich-
nen will.
Die Übungen, die nach Pestalozzi hier statt finden, gehen
daher von dem Grundsatze aus: wenn ein bestimmter
Gegenstand, und ein bestimmtes Verhältniß desselben
zu sich oder andern Gegenständen gegeben ist, so ist da-
durch auch die Form der Sprachtheile, durch die ich es be-
zeichnen will, gegeben und bestimmt; und der Schüler
soll durch die Übungen später selbst, zur Abstraktion
dieses Grundsatzes kommen.
Pestalozzi will, daß man, um Leben in diese Übungen
zu bringen, und um den Zweck derselben vollkommen
zu erreichen, daß man den Schüler selbst handelnd,
d.i. die Verhältniße selbst darstellend einführe
und seine eigene Handlung dann durch die Sprache be-
zeichnen lasse, weil er so bestimmt am besten, den
Zusammenhang der Sprache mit dem Sprachgegenstand
erkennen wird.
Auch hier ist, wie oben, die Art und Form der Übungen,
durch das Gesagte bestimmt; sie gehen von dem
Schüler selbst aus. /
[156R]
Erste Übung.
Der Lehrer sagt, indem er auf sich zeigt:    ich
Alle Schüler sprechen, indem jeder auf sich zeigt: ich.
Lehrer:   wie vorhin ich,
und, indem er auf seinen Nachbar zeigt
und ihn anschaut du
Alle Schüler thun daßelbe und sagen so erst: ich, dann: du.
Lehrer:   Wie vorhin          ich, du,
und, indem er zu seinem Nachbar
spricht aber auf einen entferntern
Schüler zeigt          er
Alle Schüler thun was der Lehrer that, und
sagen erst: ich, dann: du, dann: er.
Diese Übung wird wenn es nöthig ist einige mal mit der
gesammten Klasse vorgenommen, dann werden einzel-
ne Schüler heraus gehoben, um zu prüfen ob jeder den Gebrauch
dieser drei Wörter kenne. Ist dieß, fehlen keine ge-
gen den Gebrauch, so frage der Lehrer entweder den
besten Schüler: wann sagst du ich? - wann du? -
wann er? - er wird mit diesen, oder andern Worten
antworten: spreche ich von mir, sosage ich: ich
spreche ich zu einer Person so sage ich: du
spreche ich von einer Person so sage ich: er
und so wenn er will noch einige andere Schüler;
Oder er spricht sogleich laut vor:
     spreche ich von mir, so sage ich, ich
und alle Schüler sprechen es tacktmäßig und mit /
[157]
natürlicher Stimme nach.
So wird die Verschiedenheit der 3ten Person in der ein-
fachen Zahl, und die Mehrheit durchgeführt.
Der Lehrer kann nun zur Belebung fragen: was hat
mir jeder von sich zu sagen? - Der eine wird antworten:
ich sitze; ein anderer ich habe, ich bin pp, ich werde rc rc.
Der Lehrer hebt heraus: ich bin; und sagt mit denselben
Bewegungen wie oben: ich bin, dann du bist, dann er ist.
Die Schüler sprechen es auf gleiche weise wie ob[en] nach:
ich bin, du bist, er ist. rc.
Und nun folgen Fragen, Vor- und Nachsprechen wie
oben. - Fragen sind wesentlich, denn sie bringen dem
Schüler die Sache zum klaren deutlichen Bewußtseyn,
nur müßen sie einfach und selbst den Worten nach, aus
den Übungen heraus gegriffen seyn.
Der Lehrer sagt nun, in dem er das Fürwort wegläßt
mit obiger Bewegung, bin, bist, ist. rc,rc.
Die Fragen das Vor- und Nachsprechen, das Fragen an
einzelne Schüler folgt nun.
Zur Belebung fragt der Lehrer wieder jedem [sc.. jeden] Schüler
wie? - wer? - oder: was bist du? -
Der eine wird sagen: ich bin fleißig; der andere: ich
bin ein Schüler
; ein dritter: ich bin ein Knabe.
Der Lehrer halte fest was ihm die Reihenfolge gebietet.
und spreche vor:
ich bin ein Knabe
du bist ein Knabe /
[157R]
er ist ein Knabe,
wir sind Knaben,
ihr seyd Knaben,
sie sind Knaben.
Der Lehrer macht hier auf die Darstellung des Plurals
und ihrer seiner verschiedenen Formen aufmerksam
indem er die erste Person der Einheit mit der ersten Per-
son der Mehrheit zusammen stellt:
Erstlich:          ich bin ein Knabe
wir sind Knaben
dann:              Knabe
Knaben
Vor- und Nachsprechen ist ähnlich dem obigen; die Fra-
gen folgen aus der Sache selbst.
Auf gleiche Weise wird auf die Form der Geschlechts-
darstellung: ein Mann, eine Frau, ein Kind.
So wie auf die Darstellung der bestimmten und
unbestimmten Sprechart Rücksicht genommen.
Erst wird jede Weise für sich angeschaut, z.B.
ich bin ein Knabe, wir sind Knaben
dann
ich bin der Knabe, wir sind die Knaben
Hierauf werden beide Darstellungsweisen mit ein-
ander verglichen z.B.
Es möge hier ein Beispiel aus der nächsten Reihefolge
stehen, in welcher die Darstellungsform der Mehr-
heit bei den Eigenschafts Wörtern betrachtet wird. /
[158]
ich bin ein fleißiger Knabe, - ich bin der fleißige Knabe;
wir sind .... fleißige Knaben, - wir sind die fleißigen Knaben.
Die Reihenfolge der Übungen selbst, ist in der Sprache selbst
gegründet, sie weiter zu verfolgen würde zu weit führen,
sie gehen ihrem Wesen nach vom Einfachen zum Zusammen-
gesetzten, und umfaßen so endlich den ganzen Theil der
formellen Sprachlehre.
Ich hebe hier noch ein Beispiel aus der Darstellung
der Präpositionen die den Akkusativ und Dativ regieren
aus.
Lehrer und Schüler befinden sich vor dem Schulzimmer,
sie gehen gemeinschaftl[ich] in dasselbe hinein, der Lehrer spricht:
ich gehe in die Stube,
du gehst in die Stube,
er geht in die Stube,
rc      rc.
Die Schüler sprechen es nach, indem sie es zugleich thun.
So wie alle Schüler in dem Zimmer sind, aber noch gehen,
spricht der Lehrer:          ich gehe in der Stube,
du gehst in der Stube,
er geht in der Stube,
und alle sprechen es ruhig tacktmäßig im natürlichen
Tone nach. Oder, indem Lehrer und Schüler es wieder dar-
stellen:    ich halte die Feder in der Hand pp
und:
ich nehme die Feder in die Hand pp /
[158R]
Fragen: Waren die Handlungen gleich? - Worinne sind
beide Handlungen verschieden? - Ist die Bezeichnungs-
weise der Handlungen verschieden? - Worinne ist sie
verschieden.
Was auf diese Art gemeinschaftlich von den Schülern
selbst gefunden worden ist, wird, wie oben, vom Lehrer
vor- und von den Schülern nachgesprochen. Fragen
an einzelne.
Das unrichtige Vorsprechen ist ein gutes Mittel, sich die
stete Aufmerksamkeit aller Schüler zu versichern, auch
schafft es denselben vieles Vergnügen, so viel Kraft in
sich zu fühlen: die Fehler des Lehrers selbst zu verbessern.
Wesentlich ist zu diesen Übungen wenigstens, ein ge-
räumiges Lehrzimmer; besser ist es noch, wenn mehre-
re derselben im Freien, im Schulgarten oder bei
Spazirgängen vorgenommen werden können. Ist dieß
so werden an dem einen Tage blos die Handlungen vor-
genommen und durch die Sprache bezeichnet, in dem [sc.: den]
nächsten Stunden dann wird der Zusammenhang der
Handlung mit der Darstellungsform in der Sprache
in dem Zimmer angeschaut, und zum Bewußtseyn
gebracht.
Je mehr sich nun die Sprachkenntniß und Sprachkraft /
[159]
des Schülers ausbreitet und erweitert, desto stärker
wird auch sein Streben die Außenwelt zu erkennen;
was er sieht und erkennt zu benennen, und sich und
und [2x] andern von demselben, durch die Sprache Rechen-
schaft zu geben. Es äußert sich dieses Streben bei
jedem Schüler in diesem Alter immer mehr, besonders
aber in dem nach Pestalozzi geleiteten Schüler.
Der Schüler sammelt, sich selbst überlassen, Naturge-
genstände aller Art untersucht und ordnet sie pp.
Er betrachtet und untersucht mit vieler Aufmerk-
samkeit und prüfendem Sinne Maschinen und Hand-
werkzeug, um sich von dem Zweck, den Theilen und der
Zusammensetzung alles deßen zu belehren, nichts entgeht
seiner Aufmerksamkeit, und über alles was er nicht
versteht sucht er bei Erwachsenen Belehrung.
Dieser in der Natur und in der Bestimmung des Men-
schen liegende Trieb, der schon früher durch die Be-
handlungsweise, von der Mutter nach Pestalozzi[s] Sinn,
genährt wurde, muß dem Lehrer Leiter seyn, den Schüler
jetzt, seinem Alter und seinem FaßungsVermögen ge-
mäß, zur bestimmten und klaren Erkenntniß der
Außenwelt zu bringen. Da man aber von einem Ge-
genstand nicht sagen kann, daß man ihn, auch blos der
sinnlichen Anschauung nach kenne, wenn man ihn nicht
in seinen Theilen, und nach dem Zusammenhange und
Eigenschaften derselben kenne, so will Pestalozzi, daß /
[159R]
der Schüler jetzt zu dieser Stufe des Erkennens erhoben
werde.
Zu derselben führt und erhebt aber die Beschreibung
des Gegenstandes, und Pestalozzi will daher, daß der
Schüler einen Gegenstand nach seinen äußeren Wahr-
nehmungen jetzt beschreiben lerne.
So wie aber die Gegenstände der Außenwelt von sich
selbst in zwei Klassen zerfallen, nämlich
einmal in Gegenstände der Natur,
dann in Gegenstände der Kunst;
so zerfällt auch die Sachbeschreibung von sich selbst
in zwei Haupttheile als
erstlich: in Beschreibung der Naturgegenstände
zweitens: in Beschreibung der Kunstgegenstände.
Auch die Naturbeschreibung, in so fern sich die Gegen-
stände der Natur, wenigstens für das Auge des Kin-
des in scharf gesonderte Klassen theilen, theilt sich
wieder in Beschreibung:
der Fossilien,
der Pflanzen, und
der Thiere[.]
Ihre scharfe Sonderung möchte bei dem ersten Unterrichte
nicht zu empfehlen seyn, weil er dadurch an Leben und
Bedeutung verliehren möchte. Selbstständiger tritt
jetzt aus dem Kreise der Naturbeschreibung ein
zweiter Gegenstand hervor, als nicht nur die Erschein- /
[160]
ung jener (: Fossilien, Pflanzen, Thiere :) sondern selbst
die Erscheinung des Menschen, des Kindes bestimmend.
Steine, Pflanzen, Thiere sind Produkte der Erde, sind
auf der Erde; ebenso das Kind, es lebt und wirkt
auf derselben, es freut sich ihres Gewandes in den
verschiedenen Jahreszeiten, der Mannigfaltigkeit der
Formen derselben: Hügel, Berg, Thal, Ebene, und
ihrer verschiedenen Theile und der Erscheinungen auf
derselben: Quelle, Bach, Fluß, Teich, See rc:
Sie selbst, die Erde ist ein Naturkörper, und ihre
Kenntniß folgt jetzt in der Beschreibung derselben,
doch als Beschreibung eines für sich selbst bestehenden,
die andern Naturkörper bedingenden Gegenstandes.
Durch das Vorhergehende bestimmt wird nun:
Dritter Unterrichts-Gegenstand: Naturbeschreibung,
Vierter Unterrichts-Gegenstand: Kunstbeschreibung,
Fünfter Unterrichts-Gegenstand: Erdbeschreibung;


Dritter Unterrichts-Gegenstand: Naturbeschreibung.
In den ersten Übungen sucht der Schüler gemeinschaft-
lich und unter der Leitung des Lehrers an mehreren /
[160R]
Gegenständen dieselbe Eigenschaft und die verschieden-
artige Erscheinung derselben auf z.B. an Foßi-
lien den Bruch und seine verschiedenartige Er-
scheinung
, die sich in dem Kreise worinne das Kind
lebt, anschauen läßt; oder man betrachtet gleichar-
tige Theile
der Gegenstände z.B. die Blätter, aber
zuerst wieder blos nach einer Rücksicht, entweder nach
ihrer Form, oder ihrer Farbe oder der Art ihrer Be-
festigung am Stamm, Ast, Zweig, Stengel u.s.f.
Wenn sich der Schüler so, die für den Kreis wor-
inne er lebt, die nöthige Kenntniß der Theile
eines Gegenstandes, ihrer Eigenschaften und ihres
Zusammenhanges erworben hat, wenn er diese Thei-
le ihre Eigenschaften und die Verschiedenheiten derselben
mit Bestimmtheit benennen und unterscheiden kann,
so geht der Lehrer zur völligen Beschreibung des Ge-
genstandes über, und lehrt so dem Schüler, den Ge-
genstand ganz, nach allen seinen Theilen, ihren Eigen-
schaften und ihrem Zusammenhange ins Auge fassen.
Kennt der Schüler mit dieser Genauigkeit einen
großen Theil von Gegenständen, so leitet der Schü-
Lehrer den Schüler in den letzten Übungen, gleich-
artige Gegenstände, d.h. solche, welche eine bestimm-
te hervorstehende Eigenschaft mit einander gemein
haben, zusammen zu stellen, mit anderen Worten:
er lehrt die Gegenstände ordnen, um dem Schüler
möglich zu machen, daß er sich in der Menge derselben /
[161]
finden könne.
Die Art der Übungen selbst, ist genau durch das Gesagte
bestimmt, sie gehen nach dem Wesen der Pestalozzischen
Methode vom Einfachen zum Zusammengesetztern über.
Ich übergehe die bestimmten Wirkungen dieses Un-
terrichts auf die reine und klare Erkenntniß der Außen-
Welt, der Natur, so wie ich nicht einmal ihre Wirkung
auf die Belebung und Erwärmung des Herzen[s] nach-
weise.


Vierter Unterrichts-Gegenstand: Kunstproduktenbeschreibung.
Dem Wesen nach ist die Behandlungsweise dieses Unterrichts-
Gegenstandes, ganz jener, der Naturbeschreibung gleich.
Die ersten Übungen können hier kürzer seyn als dort,
da die Benennung der Theile, ihre Gestalt und Eigenschaf-
ten dem Schüler mehr als bei den Naturprodukten
bekannt sind, der Lehrer kann daher auch früher als dort
zur Beschreibung des ganzen Gegenstandes übergehen.
Doch führt hier der Schüler selbst den Lehrer auf eine
Rücksicht, die derselbe bei der Kunstprodukten-Beschreib-
ung mehr zu nehmen hat; dieß ist: der Zweck und
der Nutzen desselben, der Maschine des Handwerk- /
[161R]
zeugs rc. Doch ist dieß immer der letzte Gesichtspunkt nach
welchem ein Gegenstand dieser Art ins Auge gefaßt
wird.
Das Verhältniß des Menschen auch zu der ihn umge-
benden Kunstwelt, bestimmt den Werth dieser Übungen
ihre Nothwendigkeit und Naturgemäßheit; ich erlaube
mir daher nicht, alles dieß besonders nachzuweisen,
so wie besonders seinen großen Einfluß auf jede
Gattung der bürgerlichen Gewerbe.


Fünfter UnterrichtsGegenstand: Beschreibung der Erdoberfläche.
Die ersten Übungen gehören ihrer Natur nach in die
allgemeine Anschauung der Außenwelt, und in so fern
wären sie Gegenstand des Buchs der Mütter; allein
da auch schon die ersten Anschauungen, zu große, für
das noch nicht hinlänglich entwickelte Anschauungs-
Vermögen des Kindes, zu schwer zu überschauende
Massen darbietet z.B. Berg, Thal, so treten die-
se Übungen erst später ein und werden deßhalb
vom Lehrer nachgeholt. Überdieß liegt es auch in der
Natur der Sache selbst, daß das Kind, auch über die
ersten Punkte der Anschauung der Erdoberfläche vom /
[162]
Vater oder deßen Stellvertreter, dem Lehrer, belehrt wer-
de, da der Vater oder Lehrer sie bei ihren Reisen, bei ihren
Gewerben: Handel, Ackerbau, Viehzucht, Jagd rc kennen
lernt.
Die Natur will es also selbst so, der Ort, die Beschaffen-
heit des Ortes wo das Kind lebt, soll demselben nicht
eher zur Anschauung gebracht, es soll über denselben
nicht eher belehrt werden, bis dieß durch den Vater
oder den Lehrer geschehen kann, bis es beide auf kleinen
Wanderungen auf der Erde begleiten, bis es sich selbst
wenigstens in dem Gesichtskreise seines Wohnortes
orientieren und ihn überschauen kann.
Die erste Übung ist also bei diesem Unterrichte, die
wirkliche, oftmals wiederholte Anschauung, der Form und
der Erscheinungen des Theils der Erdoberfläche, welcher
den nächsten und nach und nach immer mehr erweiterten
Gesichtskreis des Wohnorts des Schülers ausmacht.
Der Schüler begleitet seinen Lehrer in die freie Natur,
er bemerkt hier zuerst: Ebenen, Erhöhungen, Vertief-
ungen, Wasser, Land, oder blos Theile derselben und
deren Eigenschaften. Der Lehrer leitet den Schüler
zur Betrachtung der verschiedenen Größe der Erhöhungen
und so zur Benennung: Anhöhe, Hügel, Berg, oder
der Vertiefungen: Thal, Schlucht.
Das Wasser sieht er als Quelle, Bach, Fluß, Teich pp
An den Bergen unterscheidet er: Fuß, Bergwände
Rücken, Gipfel; so die Verschiedenheit des Fußes: fort- /
[162R]
laufend, scharf aufgesetzt rc; die Verschiedenheit der Berg-
wand: einfach oder unterbrochen, (mehrfach); die ver-
schiedenen Formen der Berge im allgemeinen: rund
eckig, oval, kegelförmig, pyramidalisch rc; dann
die verschiedenen Arten der Gipfel (: Bergscheitel:) z.B.
Tafel-Gipfel.
An dem ganzen Berge bemerkt er die Bekleidung des-
selben oder seine Bedeckung; sie ist entweder:
1) wechselnd, als Schnee, oder
2) bleibend, als: Weinstöcke (: Südfrüchte :) Frucht- oder
Obstbäume, Getreide, Viehweiden,
Wälder, Gebüsch, Moos, Schnee, Eis.
Oder der Schüler bemerkt, daß der Berg mit zwei
oder mehreren Gegenständen dieser Art zugleich, in ei-
ner bestimmten Ordnung bekleidet ist z.B. unten
Viehweiden oben Wälder; oder unten Getreidebau,
in der Mitte Viehweiden, oben Wälder rc.
An dem Fluße unterscheidet der Schüler: die Quelle,
den Lauf, die Mündung, seine Ufer, das Bette, die,
Senkung, die Richtung, die Art seiner Entstehung pp
Alles dieß und was der Schüler nur immer selbst,
oder geleitet durch den Lehrer auffinden mag, läßt
derselbe nach Pestalozzi demselben vielseitig anschau-
en, unterscheiden rc und bringt es ihm durch Bezeich-
nung zum deutlichen Bewußtseyn. Am besten ist
es, wenn der Schüler, die Benennung der Theile und
ihrer Eigenschaften selbst findet. /
[163]
Sind durch oftmaliges und wiederholtes Anschauen, alle
die im Gesichtskreise des Schülers liegenden Gegenstände und
Erscheinungen auf der Erdoberfläche dem Schüler bekannt
so führt ihn der Lehrer zur zusammengesetzten Betrach-
tung derselben: mehrere dicht mit einander verbundene
Hügel bilden eine Hügelkette; ebenso bilden mehrere
an einander stoßende und fortlaufende Anhöhen, eine
Anhöhenkette; mehrere so verbundene Berge eine Berg-
kette. An einer Bergkette oder einem Gebirgszuge
kann man wieder unterscheiden, den Stamm, oder den Stamm-
zug, die Äste und Zweige, und der Schüler muß sie unter-
scheiden um in die Grundsätze der Erdbeschreibung nach Pesta-
lozzi[s] Methode einzudringen.
Eben so wie der Schüler an den Flüßen die Richtung beson-
ders betrachtete, so betrachtet er auch die zusammengesetzten
Erhabenheiten in dieser Rücksicht, sie sind dann entweder
gerad fortlaufend, oder sie krümmen sich und bilden dann
einfache oder zusammengesetzte Winkel die dann wieder be-
sonders betrachtet werden.
Wie die Gebirge in ihrer Zusammensetzung betrachtet
wurden, so läßt der Lehrer nach Pestalozzi die Flüße ins
Auge faßen: mehrere Bäche bilden einen Fluß, mehre-
re Flüße einen Strom, und es entstehen so: Ströme (: oder
Stammfluß :); Hauptflüße (: Äste :); Flüße, Bäche (: Zweige :).
Ist der Schüler zu dieser Anschauung der einzelnen und
zusammengesetzten Theile des Ganzen gekommen, so be-
trachten dann Lehrer und Schüler gemeinschaftlich das Ganze,
nach dem natürlichen und vollkommenen Zusammen- /
[163R]
hange seiner Theile und der Eigenschaften derselben, daß
der Schüler zur klaren Übersicht seines gesammten
Kennens und Anschauens der Erdoberfläche komme.
Ich erlaube mir nicht diese Andeutung der ersten
Übung des Pestalozzischen Unterrichtes in der Anschau-
ung der Erdoberfläche weiter durchzuführen; da be-
sonders das Folgende in der Natur der Sache und in dem
Vorhergehenden gegründet ist.
In der folgenden Übung lehrt der Lehrer dem Schüler
sich zu erst in seinem Gesichtskreis zu orientiren, und
die Lage der Gegenstände zu sich und zu einander zu be-
stimmen. Der Schüler wird dahin geführt, daß er seine
gewöhnlichen Ortsbestimmungsbegriffe: hier, dort,
oben, unten, rechts, links, neben bei rc,rc, selbst
unzulänglich findet; er wird so zum Sonnenstand, dessen
Verhältniß zum Horizont, und zu den Himmels-Gegen-
den geführt, die ihm dann in einer einfachen und
natürlichen Reihenfolge zum Anschauen und Erkennen
gebracht werden.
So wie vorher die Lage der Geographischen Gegenstände
unter sich bestimmt wurde, so geschieht dieß jetzt
nach den Himmels-Gegenden.
Der nächste Kurs des Geographischen Unterrichts nach
Pestalozzis Methode, gründet sich hauptsächlich auf
folgende, größtentheils, schon aus der bisherigen An-
schauung der Erdoberfläche fließende Sätze und
Wahrheiten, die der nach Pestalozzi[s] Forderung ge-
führte Schüler, leicht selbst finden wird, und die ihm /
[164]
daher auch nie geradezu vom Lehrer gegeben werden dürfen:
1) Mehrere Anhöhen, Hügel, Berge bilden entweder eine
Anhöhenkette, oder eine Hügelkette oder eine Bergkette.
2) Alle diese Zusammengesetzten Erhöhungen haben ihrer
Länge nach einen obersten Theil oder Rücken; diesen
Rücken nennt man auch Zug, es giebt daher einenen [sc.: einen]
Anhöhenzug, einen Hügelzug, einen Gebirgszug.
3) Eine Bergkette oder ein Gebirgszug kann sehr lang
seyn, und sich durch mehrere Länder ziehen, einen solchen
Gebirgszug nennt man alsdann Landrücken.
4) Immer zwei gegen einander gekehrte Bergwände
(: Gehänge, Abhänge :) bilden ein Thal.
5) Jedes Thal hat eine tiefste Vertiefung in welcher
das Wasser der gegenseitigen Bergabhänge sich sam-
melt, und entweder stehen bleibt, oder sich dort einen
Weg nach der Niederung bahnt, und so den Bach, Fluß
oder Strom bildet.
6) Flüße werden durch Erhöhungen bedingt.
7) Immer zwischen zwei Bächen, Flüßen, Strömen
zieht sich eine Anhöhe, ein Hügel, ein Berg, ein Berg-
rücken oder im allgemeinen ein Höhenzug hin, welcher
das auf ihm entspringende Wasser scheitelt, d.h. wo
der eine Theil auf der einen, der andere Theil auf der
andern Seite abfließt, daher nennt man auch diese zu-
sammengesetzten Erhabenheiten oder HöhenZug
Wasserscheiden, in so fern sie das Wasser des einen
Thals von dem Wasser des andern Thals scheiden./
[164R]
8) Alle Abdachungen, die Einem Fluße oder Strome ihr
Wasser geben, werden von solchen Höhenzügen und
Wasserscheiden begrenzt.
9) Alle Bäche, größere und kleinere Flüße, die ihr
Wasser Einem Strome, d.i. einem sich unmittelbar
ins Meer ergießenden Fluß geben, bilden durch die
Höhenzüge Einen abgesonderten festbegränzten
Raum, sie bilden durch diese ein Flußgebiet.
10) Alles Land, dessen Wasser in Einen Strom fließt,
oder ein Flußgebiet, heißt auch ein Flußland, wel-
ches seinen Namen von dem es durchfließenden
Strom erhält, z.B. Elbegebiet, Elbe-Land.
11) Immer 2 Flußgebiete werden wenigstens durch
einen Höhenzug, durch eine Wasserscheide getrennt
und mehrere derselben vereinigt bezeichnen und
bilden die Grenze des Flußgebietes oder Flußlandes.
12) Alles feste Land der Erdoberfläche, wird durch
Flüße und Höhenzüge, in natürliche Abtheilungen in
Flußgebiete, Flußländer getheilt.
13) Wenn mehrere Ströme ihr Wasser nur einer
einzigen großen Vertiefung, einem einzigen
Becken geben so bilden sie ein Hauptbecken.
Anmerkung. Solcher Hauptbecken, oder Becken der
ersten Ordnung hat die Erdoberfläche sieben, sie sind
das Nordeismeerbecken, das Nordsteppenbecken,
das Indische Becken, das Südeismeerbecken, das
Südsteppen Becken, das West- und Ostmeer-Becken. /
[165]
Jedes Hauptbecken, außer dem Südeismeerbecken, be-
greift mehrere Flüße und Ströme, oder Flußländer
in sich, die aber wieder ihrer Natur nach, und nach
den Forderungen der Form der Erdoberfläche selbst,
in Becken untergeordneter Ordnungen zerfallen.

Zweiter Kursus des Geographischen Unterrichtes.
Um die Anschauung des Schülers von seinem Gesichts-
kreise, an einem bestimmten Punkt anzuknüpfen, ist ein
Gegenstand nöthig, dessen Grenzen scharf bestimmt
sind; diesen Gegenstand giebt die Natur selbst in den
Flüßen.
Der Lehrer geht jetzt von dem Flußdistrikte in welchem
er mit seinem Schüler wohnt aus, führt denselben
in dem Unterrichte nach und nach immer weiter bis ihm
die Grenzen seines ganzen Flußlandes deutlich sind;
und geht dann mit demselben von der Kenntniß der
Begränzung dieses Flußlandes, zur Kenntniß der
Grenzen des zunächst daran stoßenden Flußlandes
über, und so in stetiger Folge immer weiter bis seine
Kenntniß z.B. Europa in dieser Hinsicht umfaßt.
Jetzt wenn der Schüler selbst sieht, daß die Ströme
ihre Neigung nach verschiedenen Gegenden und mehre-
re nach einem Punkte nach einem Meere haben,
wird er leicht den Begriff eines Beckens finden,
wenigstens wenn ihm nur einige leitende Ideen gege-
ben werden.
Das Flußland worinne der Schüler wohnt muß im
Anfang besonders der Feste Punkt seyn, an welchen er die /
[165R]
Kenntniß aller anderen Flußländer anknüpft.
So zerfällt der G-eographische Unterricht nach Pestaloz-
zischen Grundsätzen in folgende einzelne Kursus.
I. Physische Erdbeschreibung 1) Hydrographie; 2) Oro-
graphie. 3) Hydro-orographie, insofern
eine die andere bedingt. 4. Topographie
in so fern die Lage der Orte blos durch die
physische Beschaffenheit der Erdoberfläche
bestimmt ist. z.B. Vorgebürg oder durch
die Mündung eines Flußes. Die Anschau-
ung der Erdoberfläche lehrt nämlich: daß
der größte Theil der Wohnorte der Men-
schen an Vorgebürge, Mündungen von
größeren und kleineren Flüßen und Strö-
men gebaut sind.
II. Politische Erdbeschreibung 1) rein politische. 2) phy-
sischpolitische 3) politischphysische.
III. Physikalische Erdbeschreibung.
Wenn Naturgeschichte beendigt ist, beschließt ein
Naturgemälde der ganzen Erdoberfläche und der
durch sie bedingten Erscheinungen, als Zweck des
ganzen Geographischen Unterrichts
, diesen Lehrkur-
sus.
Ich würde mir nicht erlaubt haben, die Ideen des
Geographischen Unterrichts nach Pestalozzi[s] Grundsätzen
so weit durchzuführen, wäre schon irgend etwas von /
[166]
denselben bekannt, worauf ich mich hätte beziehen können.
Als allgemein verbreitete Eigenschaft aller Gegenstände
lernt das Kind die Zählbarkeit, es lernte die Eigenschaf-
ten des Zählbaren durch die Mutter an Gegenständen
kennen. Der Lehrer faßt den Faden seines Unterrichts
ganz dort auf; allein er führt den Schüler weiter zur
reinen Anschauung und Auffaßung der Zahl und ihrer
Eigenschaften abgesehen vom Gegenstand.

Sechster UnterrichtsGegenstand: Kenntniß der Zahl

In verschiedenen Kursen und Übungen lernt der Schüler
hier 1) den reinen Begriff der Zahl kennen 2) Lernt
er jede Zahl genau nach ihren Eigenschaften kennen;
er lernt 3) jede Zahl mit sich und 4) mit andern
vergleichen. 5) Lernt er die einfachen und 6) die zu-
sammengesetzten Verhältniße der Zahlen kennen
anschauen und selbstthätig darstellen.
So wird erstlich: die Einheit, das durch sich geschloßene
Ganze betrachtet;
     zweitens: das einfach getheilte Ganze, bei
deßen Behandlung von der Vergleichung /
[166R]
ung ausgegangen wird, und
drittens: der sogenannte doppelte Bruch; der sei-
nem Wesen nach übrigens ganz dem ein-
fach getheilten Ganzen gleich kommt.
So bald der Schüler die Einheit ihre Eigenschaften und
Verhältniße kennt, geht er zur Anwendung derselben
oder zum ”eigentl[ichen]” Rechnen über.
Eine nur einigermaßen deutliche Darstellung des Ganges
und der einzelnen Übungen und Kurse der Pestalozzischen
Rechenmethode würde zu weit führen, und zu weitläuf-
tig werden, als daß ich mir dieselbe erlauben dürfte;
ich beziehe mich deßhalb auf Pestalozzis Elementar-
Bücher der Zahlenverhältniße und ganz besonders
aber auf eine neue nächstens erscheinende Schrift, welche
die Zahl und das Rechnen nach Pestalozzis Grundsätzen
behandelt, und welche zugleich Anleitung giebt: in der
Kenntniß der Zahl und im Rechnen nach diesen Grund-
sätzen zu unterrichten.
Für unerläßliche Pflicht halte ich, noch zu bemerken:
daß sich die Pestalozzische Methode, in dem Erkennen
der Zahl, ihrer Eigenschaften und Verhältniße zu ei-
ner Allseitigkeit nach nach allen Richtungen sich
erhoben hat, von der man sich – so wie von der
außerordentlichen, kaum glaublichen Freiheit in der
Behandlung und Darstellung derselben – keinen
Begriff machen kann, außer selbst Zeuge davon ge-
wesen zu seyn; die vorigen steifen Formeln und Formen /
[167]
wie sie noch an mehreren Orten das Elementarbuch der Zahlen-
Verhältniße aufstellt, sind zerbrochen, Freiheit des
Geistes waltet jetzt, wo sonst beengte und beengende
Schranken geboten. Die Zöglinge selbst die durch Pe-
stalozzi und durch jene Anleitung, die die Elementar-
bücher der Zahlenverhältniße geben, gebildet worden
sind, haben sie zerbrochen; sie haben sich, geleitet durch
jene,selbst zu dieser Freiheit des Geistes, durch eigene
Kraft erhoben, und erheben jetzt ihre Schüler dazu.
Sehr viel hat man über das Tödtende der Pestalozzischen
Rechenmethode gesprochen; allein, wer sie anwenden, wer
ihre Wirkung auf Schüler und Erwachsene sahe, wer
selbst sie – von dem Geiste und dem Wesen derselben
durchdrungen
, bei mehreren oder wenigern, öffentlich
oder privat anwendete, dieser wird ganz bestimmt
nichts anders als das Gegentheil versichern können.
Sie giebt wie dem Geiste, so der Seele Nahrung; dem
Geiste durch die Wahrheiten die der Schüler durch sie
findet, und durch die Aufmerksamkeit die sie übt, da
sie die Zahl in ihrem innigsten und allseitigsten Seyn,
Beziehungen und Verhältnißen erkennen läßt. -
Der Seele giebt sie Nahrung, stärkt bildet und ent-
wickelt sie, durch die innige Freude die der Schüler,
theils über seine Aufmerksamkeit, theils über die
gefundenen Wahrheiten, theils über die Klarheit
mit der er sie anschaut, theils über das Licht welches
sie (die Pestalozzische Methode) über seinen Verstand und /
[167R]
über seine Erkenntniß im allgemeinen verbreitet.
Frohe Gesichter sieht man in den Rechenstunden, die
zugleich der Ausdruck der Freude und der Aufmerk-
samkeit sind; der Körper und der Geist der Schüler
bewegen sich frei, und doch verliehren sie nie die
Forderungen ihrer Übungen und Aufgaben aus den
Augen.
Die fortschreitenden Übungen so wohl hier, als in
den beiden nächsten Unterrichtsgegenständen – übri-
gens gilt alles bisher Gesagte, ohne Einschränkung, auch
für diese, für Formen und Größenlehre – erheben
den Geist zu einer bewunderungswürdigen Kraft.
Mögen Sie Durchlauchtigste Fürstin, Erhabene
Regentin! durch baldige Erfahrung an den Kindern
Ihrer getreuen, gnädigste Fürstin Sie verehrenden
Unterthanen, von der Wahrheit deßen was ich sagte
überzeugt werden! -

Siebenter UnterrichtsGegenstand: Formenlehre.

Die zweite allgemein verbreitete Eigenschaft die /
[168]
das Kind an der leitenden Hand der Mutter erkannte, war
die Form. Der Lehrer knüpft seinen Unterricht da an, wo
die Mutter endete; allein er führt das Kind wie beim
Rechnen eine Stufe höher. Er läßt dem Schüler nicht nur
in einer bestimmten Reihenfolge alle einfachen Grund-
formen und ihre Eigenschaften selbst auffinden und dar-
stellen, sondern er lehrt ihm auch diese einfachen Grund-
formen verbinden, und hier wieder ihre Verhältniße
und Eigenschaften anschauen und bestimmen.
Die Formenlehre geht vom Punkte zur geraden, von
dieser zur einfach gebogenen (: Kreis- :) Linie,von die-
ser zur gemischten Linie ihren Verhältnißen unter
sich, zu den gebildeten oder geschloßenen Figuren rc rc.
Ich erlaube mir keine weitere Darstellung, da Schmidts
Schriften, des genievollsten Schülers Pestalozzis, der
sie - durchdrungen und belebt von Pestalozzi Idee
neu schuf - sie besser selbst aussprechen, und An-
leitungen zum Unterricht in derselben geben.

Achter UnterrichtsGegenstand. Lehre von den stetigen Größen.

Auch in Rücksicht des Wesens und der Darstellung dieses Un-
terrichtsGegenstandes, welcher von Pestalozzi, ausschließ- /
[168R]
end die Größenlehren genannt wird, beziehe ich mich
ganz auf Schmidts Schrift darüber. Formen- und
Zahlenlehre sind die Stützen deßelben; der Gang des
Unterrichts ist gleich dem der Formenlehre.
Alle die bisher aufgeführten, in dem Wesen der Pesta-
lozzischen Methode gegründeten und nach ihren Grund-
sätzen von Pestalozzi und seinen Freunden bearbeite-
ten UnterrichtsGegenstände wirkten, außer denen
welche mit unmittelbarer Anschauung der Natur ver-
bunden sind: Natur- und Erdbeschreibung, mehr
oder weniger, blos mittelbar auf das Gemüth, auf
die Bildung der Seele des Menschen. Einen Weg
zur Bildung der Seele, des Gemüths des Menschen,
welchen das Seyn der Mutter mit dem Kinde, in dem
Kinde öffnete, hat der Lehrer noch unbetreten gelassen:
- den Gesang. Gesang, diese höchste Himmelsgabe
die dem Menschen wurde, ist der reine Ausdruck sei-
nes Wesens, er kommt vom Gemüthe und geht zum
Gemüthe. Gesang ist das ausschließende Entwick-
lungsmittel der Seele, das eigenthümliche Bildungs-
Mttel des Gemüths. Pestalozzi will und fordert daher
ganz besonders, daß in der Erziehung die größte
Sorgfalt auf die Ausbildung des jugendlichen Gemüths für /
[169]
Gesang verwendet werden solle.
Was bisher von Pestalozzi und seinen Freunden na-
mentlich Herrn Pfeiffer, dafür geschahe, mögen Pe-
stalozzi eigene Worte sagen, die ich zu diesem Zweck
aus: seiner Aufforderung an seine Freunde wegen der
Herausgabe einer Gesangbildungslehre, ziehe.
[aus: Pestalozzi: Wochenschrift für Menschenbildung 2. Band, 2.A. 1815,218ff]
”Die Wichtigkeit des Gesanges als eines Haupttheils
der Menschenbildung, sein Eingreifen in das
Ganze derselben, und das diesfällige Bedürf-
niß der Volkes und der Volksschulen, sind so
unbedingt anerkannt, daß es völlig überflüßig
wäre, hierüber noch ein Wort zu sagen. In-
zwischen sind die Bemühungen meines Freundes
Pfeiffer, den Unterricht im Gesang zu verein-
fachen, ihn auf allgemeine in der Natur des
Menschen selbst, liegende Fundamente zu
bauen, und ihn dadurch in jeder Gesang
liebenden Familie und in jeder Volksschule
nicht nur möglich, sondern bei Anlage und
Willen und gehörigem Fleiße leicht und sicher
zu machen, von den Freunden meines Unter-
nehmens und von einem großen Theil des
Publikums, das davon Kunde nahm, mit sehr
ausgezeichnetem Beifalle belohnt worden.
Die Resultate, die er praktisch, in und mit
seinen Gesangsübungen aufstellt, haben in /
[169R]
einem ziemlich weiten Kreise um ihn her Auf-
merksamkeit erregt; sie sind anerkannt und
unwidersprechlich und bewähren sich auch in
meiner Anstalt. Sie erweckten bei jedem
Beobachter derselben große Erwartungen und
eine gespannte Begierde auf die Bekannt-
machung der Anleitung selbst. Auch wurden
wir zu ihrer Herausgabe vielseitig aufge-
fordert.”
”Die bisherige Nichtbefriedigung eines solchen
Wunsches lag nicht in unserm Willen. Die
Wichtigkeit dieses Bildungsmittels der Menschen-
Natur, der Umfang und die Tiefe, in der es
in Pfeiffers Ansichten und Arbeiten erscheint,
erzeugte das Bedürfniß, etwas umfaßendes,
etwas durchaus gründliches, praktisch voll-
ständiges und befriedigendes zu leisten. Die
Ausführung aber, erforderte einen der sel-
tensten Glückszufälle: - die Vereinigung des
gründlichen Pädagogen und des gründlichen
Musikers: - die Fähigkeit, in das Wesen
der Elementarbildung und in das Wesen des
Gesanges auf gleiche Weise einzudringen.
Sie erforderte, zu der begeisterten Wärme
des Freundes des Volkes und der Kunst, noch
die Kraft und die Ausdauer des schöpferischen
Talents, das sich einer Sache ganz hinzugeben /
[170]
fähig ist.”
”Gottes Vorsehung hat meiner Unternehm-
ung auch dieses seltene Glück, in den Personen
des Herrn Pfeiffer aus Würzburg und des Herrn
Nägeli von Zürich gewährt. Nägeli ein Mann
von vielseitig gebildetem Geiste, von umfassen-
der Kenntniß und reifer Einsicht als Kunstge-
lehrter, von tiefem ästhetischen Gefühle als
praktischer Künstler, achtungswürdig und ge-
achtet durch sein eigenthümliches hohes Kunst-
streben und durch seinen Eifer und seine Ver-
dienste um die Aufnahme des Gesangs in seiner
Vaterstadt, erst neuerlich wieder in einem wei-
tern vaterländischen Kreise und in Deutschland
rühmlichst bekannt geworden, durch seine
Toccata als ernster, gediegener Componist
für das Piano, und wieder als schön rythmi
sirender und richtig deklamirender Gesang-
componist durch seine Teutonia, durch welche
beide Werke er seine individuelle Geniali-
tät und die innigste Vertrautheit sowohl mit
den klassischen deutschen Harmonikern des
letztern Jahrhunderts, als mit dem Besten
und Schönsten der modernen Kunst kräftig
beurkundete, - dieser will, in freundschaftl[iche]r
belehrender Verbindung mit mir, im Vereine
mit Herrn Pfeiffer, als demjenigen, der die /
[170R]
ersten Versuche machte, den Unterricht im
Gesange nach den Grundsätzen der Methode
und nach denen die in seiner Natur und
seinem Wesen gegründet sind zu bearbeiten
- und mit Berathung meiner übrigen Freunde
in Yverdun, die Ausarbeitung und Heraus-
gabe einer methodischen Gesangsschule über-
nehmen. Wir glauben, etwas dem Musiker
und Erzieher gleich willkommenes und für
beide vorzügliches versprechen zu dürfen.
Form und Inhalt, ganz die Bedürfniße der
Menschenbildung in diesem Punkte befrie-
digend, sollen wie sie auf der einen Seite
den Forderungen des Tonkünstlers entsprechen
nicht minder dem, was der praktische Er-
zieher wünschen muß, und selbst den Kräften
des Landschullehrers angemessen seyn. Ja,
jede singfähige Mutter wird ihr Kind, und
das ältere Geschwister wird das jüngere
nach dieser Anweisung leicht zum Gesang
anführen können. - Wenigstens werden
wir unsere ganzen Einsichten Kraft und
bisherigen Erfahrungen gemeinschaftlich auf-
bieten, um etwas würdiges und dauerndes
zu Stande zu bringen."
Dieß die Worte der Aufforderung, welche nun folgt.
Wahrheit gebietet mir hier noch zu bemerken, um durch
dieß Pestalozzi in der Einfachheit seines Charakters und
Handelns nicht zu verkennen, - daß diese Aufforderung /
[171]
nicht unmittelbar von Pestalozzi selbst niedergeschrieben
ist, einer seiner Freunde und Mitarbeiter in der An-
stalt: Herr Niederer hat sie im Auftrag Pesta-
lozzis gefertigt. Alles, was ich auszuziehen mich
genöthigt sahe um den Standpunkt zu bezeichnen wo
die Pestalozzische Methode in der Bearbeitung des
Gesangs als BildungsMittel steht, ist vollkommen
wahr; allein würde Pestalozzi jenen Aufsatz per-
sönlich niedergeschrieben haben, so würde er bestimmt
einfacher, bündiger und kräftig seyn; er würde das
eigentlich Charakteristische der Pfeifferschen Gesangbil-
dungsMethode: Einfachheit, und Naturgemäßheit be-
stimmter ausgesprochen haben

Zehnter UnterrichtsGegenstand: Gesang als Unterricht.

Er zerfällt in Takt- und Tonlehre, dann in deren Ver-
bindung oder die Melodie, später in die Kenntniß der
Musikalischen Zeichen und führt so lückenlos zur
Kenntniß der verschiedenen Tonarten u. s. f.
Die erste Übung ist die Übung des Taktes, dieser
liegt in der Natur des Menschen, welches schon das
noch zum Laufen unfähige Kind beweist, und drückt
sich in allen seinen Bewegungen, besonders aber in
seinem Gang aus. Dieses bestimmt den Punkt wo /
[171R]
diese Übungen angeknüpft und wie sie fortgesetzt und
verbunden werden.
In der zweiten Übung wird blos auf den reinen Ton
in seinen verschiedenen Rücksichten: auf seine Ausbildung und
seine Erkennung durchs Gehör rc: Rücksicht genommen.
Die dritte Übung verbindet Ton und Takt, und so
geht man weiter vom Einfachen zum Zusammengesetz-
tern über.
Um das Wesen dieser GesangbildungsMethode
kennen zu lernen um mich von ihrer Einfachheit
und Naturgemäßheit zu überzeugen habe ich selbst
mehrere Monate Unterricht genommen, und bin auf
leichtem und natürlichem Wege über Gegenstände
der Musik belehrt worden, die mir früher immer sehr
schwer verständlich und von der Willkühr abhäng-
ig schienen.
Außerdem, daß die Seele das Gemüth des Menschen sich durch
den Gesang bildet und ihre Empfindung und Gefühle durch
Gesang mittheilt und durch diesen nach ihrem innersten
Wesen heraustritt, so bildet sie sich auch nach einer an-
dern Richtung, durch die darstellende Kunst aus, und
sie theilt sich hier mit, indem sie bildend darstellt
was sie erfüllt, empfindet. Das Fundament der
bildend darstellenden Kunst ist das Zeichnen. /
[172]

Eilfter UnterrichtsGegenstand: Zeichnen.

Die Pestalozzische Methode suchte auch das Zeichnen in
seinen Elementen zu erkennen, und stellt, nach
dem Wesen derselben: daß sie, die in der Natur jeder
Sache, jedes UnterrichtsGegenstandes selbst liegende
absolute Einheit (: Eins :) aufsucht, einen vom Ein-
fachen zum Zusammengesetzten übergehenden lücken-
losen Gang auf.
Auch in Rücksicht der Darstellung des Wesens desselben,
und der Art nach der Pestalozzischen Methode Zeichnen zu
lehren und zu lernen, muß ich mich abermals ganz
auf Schmidts Schriften beziehen, der, da er durchdrungen
und belebt von Pestalozzis Idee, auch diesen Unterrichts-
Gang einzig durch sich selbst auffand, mit tieferer
Sachkenntniß davon sprechen und darüber urtheilen wird
als mir, einem durch ihn erst Belehrten möglich seyn
würde.

Nicht immer ist es möglich sich unmittelbar gegenseitig /
[172R]
durch die Tonsprache, die das eigenthümliche und unmittel-
bare Mittheilungsmittel des Geistes und deßen was er
weiß und erkennt ist, mitzutheilen; Entfernung, und
- je mehr sich das Wissen und Erkennen des Menschen
mehrt, viele andere Ursachen machen es unmöglich.
Entfernung, Ausdehnung des Wissens rc, erfordern
daher ein Mittel, sich auch dann, wenn unmittelbare Mit-
theilung durch die Tonsprache unmöglich ist, mittheilen zu
können. Dieses Mittel sind Zeichen, die man willkührlich
wählte, die man aber gegenseitig anerkannte, und so
entstand, neben der Tonsprache eine zweite, ganz von ihr
abhängige Sprache, die Schrift- oder Buchstabensprache.
Sie entstand aber weit später als jene; denn erst
mußte man die Sprache selbst einigermaßen kennen,
ehe ein einfaches Zeichen, ein Zeichen ganz anderer Art
und Natur als der lebendige Ton, ehe Buchstaben die
Stelle derselben vertreten konnten.
Die Mittheilung durch die Schriftsprache ist aberzwei-
fach: entweder wird etwas durch dieselbe von einer
andern Person mitgetheilt, und dann muß man das
durch sie und in ihr Dargestellte wieder erkennen
können (: Lesen :), oder man theilt selbst etwas in
derselben oder durch dieselbe andern Personen mit,
und dann muß man in ihr und durch dieselbe etwas
darstellen können (: Schreiben :).
Auch der Unterricht in diesen beiden Theilen der Schrift-
sprache ist deßhalb dem Schüler nötig. /
[173]
Da die Schriftsprache nicht absolut durch die MenschenNatur
bedingt ist, so trägt sie auch für dieselbe nichts absolut
Bildendes in sich. Alles was sie scheinbar Bildendes in
sich trägt, liegt in der Natur der Tonsprache, deren
Abdruck, Zeichen sie ist, sie, die Schriftsprache selbst ist
blos Sache der Übereinkunft, und in so fern, Sache des
Gedächtnißes, sie fordert nichts, als zu wissen; wie ist
gegenseitig angenommen worden, Ton, Artikulation
Wort rc zu bezeichnen, und dann einmal die Fertigkeit
das so Bezeichnete zu erkennen (: Lesen :) und zweitens
die Fertigkeit jener Übereinkunft gemäß selbst Ton,
Artikulation, Wort rc bezeichnen zu können (: Schreiben :)
Aus diesen Gründen tritt der Unterricht in beiden,
der Lese- und der Schreibunterricht, als blose Sache
des Gedächtnißes und der mechanischen Fertigkeit aus
der Reihe der, das Kind, den Schüler als Mensch bilden-
den und entwickelnden Unterrichts-Mittel heraus, als
ein Unterricht ganz anderer Art, als bloser Unterricht
zur Erlangung gewisser einseitiger Fertigkeiten, die
das jetzige menschliche Verhältniß von jeden [sc.: jedem] Menschen
zu können fordert.
Daß der Mensch nicht mehr Kind sey wenn er hierinne
Unterricht erhalte, liegt in der Natur der Sache; er,
dieser Unterricht giebt und fordert gewisse Fertigkei-
ten; zu beiden ist Kraft erfordert, und zwar schon
ein bestimmter Grad sowohl physischer als geistiger
Kraft, denn er erfordert mechanische Fertigkeit und Ge- /
[173R]
dächtnißkraft. Sind die ersten Kurse der bildenden Un-
terrichts-Gegenstände durchgeführt, so sind die Geistes-
und Körperkräfte des Schülers erstarkt, sein Gedächtniß-
vermögen kann z.B. die Verhältniße und Formen der
angenommenen Schriftzeichen fest behalten und sein
Körper und die Theile desselben, können eine anhaltende
Thätigkeit nach einer Richtung ertragen, welches eben-
falls zum Schreiben wesentlich ist, und jetzt wird der
Schüler mit dem glücklichsten Erfolge Lesen und Schreiben
erlernen können, ja er wird jetzt - da er nicht nur einen
bestimmten Grad Körper- und Geisteskraft besitzt,
sondern da es ihm auch möglich ist, diese Kräfte, mit
Sicherheit und Bestimmtheit freithätig zu gebrauchen
- in weniger als 1/3tel der gewöhnlich nöthigen Zeit,
und mit mehr Sicherheit und Bewußtseyn, eben diese
Fortschritte machen, als er sonst in drei Drittel machte.
Der Lese- und Schreibunterricht, tritt also nach dem
Vorstehenden erst nach dem achten Jahre bei dem Schü-
ler ein.

Leseunterricht

Was Pestalozzi selbst für das Lesen that ist noch un-
vollendet. Da Pestalozzis Streben ist: seine Unter-
richtsMethode auf die Natur des Menschen und das
Wesen des Unterrichts-Gegenstandes zu gründen, und eben /
[174]
dieses Streben Herr Krug, Lehrer an der Bürgerschule in
Leipzig, bei seiner LeselehrMethode hat, so ist natürlich,
daß im Wesentlichen beide mit einander übereinkommen;
und Pestalozzi eigene Versuche, so wie das was in der
Anstalt geschieht, sprechen für ihre Sicherheit und Natur-
gemäßheit im Allgemeinen, und man hat sie daher auch
wenn auch nicht vollständig und rein, weil sie als ein
zu großes und künstliches Gebäude erscheint, doch ihrem
Wesen nach und Theilweise in der Pestalozzischen Anstalt
aufgenommen.
Die Künstlichkeit und Weitläuftigkeit der Krugschen
Leselehrmethode mag wohl in der Anwendung ganz ver-
schwinden, und sie führt - wenn auch nicht ängstlich nach
jedem einzelnen Theile und jeder speziellen Forderung
durchgeführt - dennoch zu sehr entsprechenden Resultaten
Meine persönlichen Erfahrungen, die ich schon vor 3
Jahren an der Bürgerschule in Frankfurt am Main
machte, wo ich Herrn Krugs Methode nach einer schrift-
lichen Anleitung von denselben in 2 Klassen, wo in
einer mehr als 20 Kinder waren, und beim privat
Unterrichte anwandte, sprechen bestimmt für ihre Na-
turgemäßheit und Unfehlbarkeit, um so mehr, da sie
in so wesentlicher Verbindung und Einwirkung auf
die Orthographie steht.
Da die Grundsätze der Krugschen LeselehrMethode, selbst
in der Anwendung beweisen, daß sie ihrem Wesen
nach
einfach und naturgemäß sind, so bedarf sie selbst /
[174R]
keiner Empfehlung; und aus demselben Grunde stimmen sie
ganz mit den Grundsätzen Pestalozzis überein.
Herr Krug hat in einer eigenen Schrift, über das Wesen
und die Grundsätze seiner Leselehrmethode gesprochen,
so wie über die Art nach derselben zu unterrichten, ich
beziehe mich deßhalb ganz auf diese Schrift.

Schreibunterricht.

Da das Schreiben sich an die Darstellung bestimmter,
fester, allgemein von einer Nation angenommenen
Zeichen oder Charaktere bindet, so ließ Pestalozzi
früher die Buchstaben in Quadrate schreiben. Der
Erfolg entsprach der Forderung nicht, Leichtigkeit und
eigenthümliche freithätige charakteristische Darstellung
vermißte man. Man verließ diese Methode, und be-
trat einen von Herrn Tillich in Dessau vorgeschlage-
nen Weg, welcher von dem Grundsatze ausgeht:
daß man bei der Schreiblehrmethode sich an den Cha-
rakter der Schriftzeichen halten, von diesen ausgehen
und darauf die Art des Unterrichts gründen müsse.
Er verwarf deßhalb, die deutschen Buchstaben ins
Quadrat zu schreiben, und wählte, da ihr Charakter /
[175]
das Liegende sey, zur Auffassung und Darstellung der
Form der Buchstaben und Schriftzeichen den Rhombus
oder die Raute.
Von diesem Grundsatz geht man auch jetzt in der Pe-
stalozzischen Anstalt aus. Die Buchstaben werden zuerst
größer, ihrem angenommenen Verhältniße nach, in
schiefwinklich sich durchschneidende, und deßhalb lauter
Rauten bildende Paralellinien geschrieben. Doch ist man
noch nicht zu dem gewünschten Erfolg gekommen.
Eine nur der Pestalozzischen Methode eigene, dem Schreib-
unterricht vorangehen sollende Übung ist die Übung
des Körpers und aller Theile desselben, Arme, Hand
Finger rc zum Schreiben. Diese Übungen sollen unabhäng-
ig vom Schreiben selbst vorgenommen werden. Herr
Schmidt, dessen Grundsatz nach Pestalozzi es ist, daß
der Schreibunterricht von diesen Übungen ausgehen
müsse, um ihn von allen zwängenden Formen zu be-
freien, und das Schreiben selbst zu einer freithätigen
charakteristischen Darstellung zu erheben, nennt die-
se Übungen: Gymnastick des Körpers zum Schreiben,
den sich besonders auf die Hand beziehenden Theil:
Gymnastik der Hand zum Schreiben. Diesen Übungen
sollen den allseitigen freien, natürlichen und zweck-
mäßigen Gebrauch des Körpers rc: beim Schreiben
bezwecken.
Daß ich bei der Darstellung des Lese- und Schreibe-Un- /
[175R]
terrichtes so lange verweilte, ob er gleich nach Pestaloz-
zi[s] Grundsätzen nicht zu den bildenden Unterrichts-Gegen-
ständen gehört, dazu konnte mich blos die Rücksicht be-
stimmen, daß er in den gemeinen Landschulen nach der
Religion oft der einzige Unterrichts-Gegenstand ist, deß-
halb hielt ich mich verpflichtet, ihn so wie die andern
bildenden UnterrichtsGegenstände, nach Pestalozzis Grundsätzen
darzustellen, um seine Stelle, und seinen Werth als
dienendes Glied in dem organischen Ganzen des Pe-
stalozzischen Gesammtunterrichtes bestimmen zu können.

Je wesentlicher und bestimmter Pestalozzis Streben
seinen Grundsätzen getreu ist, nicht nur im Kinde und
Schüler bestimmte Religiöse Grund Gesinnungen zu
wecken, sondern auch jene religiösen Gesinnungen so
zu religiösen Grundsätzen zu befestigen, daß sie ihm
unzertrennliche tröstende und leitende Gefährten des
Lebens werden mögen, um desto weniger darf ich
mir erlauben, darüber, als dem Höchsten des Mensch-
en, etwas auszusprechen.

[176]
Durchlauchtigste Fürstin, Erhabene Regentin! Möge
diese Darstellung der Pestalozzischen Grundsätze und
des Organischen Zusammenhangs seiner Unterrichts-
Methode, ob sie gleich das Wesen beider nicht umfaß-
end und in allen ihren Theilen darstellen konnte, Ihnen
dennoch nicht mißfallen, möchten Sie dieselbe als eine
Frucht innigster Vaterlandsliebe eines Ihrer getreuesten
Unterthanen huldvoll aufnehmen.
Möchte die Darstellung selbst, Gnädigste Fürstin!
Ihnen den bestimmten Einfluß zeigen, den die Pestalozzi-
sche Erziehungs- und UnterrichtsMethode, auf häus-
liches und bürgerliches, auf das Familien-Glück des
Niedern im Volk, wie auf das, des vom Schicksal Be-
günstigtern hat, den Einfluß, - den sie nicht nur auf
alle bürgerlichen Gewerbe, sondern den sie sogar
auf das kleinste häusliche Geschäft hat, da sie demselben
Bestimmtheit, Ordnung Überlegtheit giebt.
Möchte sie Ihnen die Überzeugung geben, daß, da die
Pestalozzische Methode, den Menschen nicht oberflächlich
entwickelt, da sie auf sein ganzes Wesen eingreift,
daß sie deßhalb den [sc.: dem] Menschen Festigkeit des Charak-
ters, seinem Geist und seinem Körper Kraft, ihm
Liebe zu seinen Mitbrüdern und Bestimmtheit im Den-
ken und Handeln giebt[.]
Möchte diese Darstellung, Ädelste, Allverehrteste
Fürstin! Sie, genügend überzeugen: daß sie, die /
[176R]
Pestalozzische Methode der Erziehung des Menschen in
allen Stände[n] angemessen, daß sie deßhalb der allge-
meinen Anwendung und Einführung in den Schulen
und im Volk würdig ist, daß diese allgemeine
Einführung bestimmt heilbringend für Alle im
Volk seyn wird, daß der gegenwärtige Standpunkt
des Erziehungs- und Unterrichts Wesens, daß das
jetzige und und [2x] das künftige Glück des Volkes ihre
Einführung fordert. /
[177]

Erlauben Sie mir Durchlauchtigste Fürstin nun noch, daß
ich etwas über die Möglichkeit und die Art der Einführung
der Pestalozzischen Methode besonders auf dem Lande,
so wohl 1) in den Schulen als [2.] in den Familienkreis be-
sonders der Landbewohner sage, und [3.] den Zusammenhang
des Elementarunterrichts mit dem höhern wissenschaft-
lichen andeute.

Über die Einführung der Pestalozzischen Methode in den
Schulen.

Die Forderungen die Pestalozzi an den Lehrer macht, sind
einfach und natürlich, sie sind in der Natur des Leh-
rers, wie in der Natur des Schülers gegründet, deß-
halb werden sie jedem, selbst dem Landschullehrer,
der Kraft und natürlichen Verstand mit gutem Willen
verbindet, so bald er auf eine angemessene Weise
über dieselbe belehrt worden ist, leicht verständlich und
eben so leicht erfüllbar und darstellbar seyn. Eben
so die Gegenstände worinne Pestalozzi den Schüler un- /
[177R]
terrichtet wissen will. Auch sie gehen vom Einfachen aus,
ihr Fortgehen ist an festbestimmte in der Natur jedes
Unterrichts-Gegenstandes selbst liegende Gesetze gebun-
den; hat daher nur der Lehrer den ersten Punkt, ist er
über die Natur und das Wesen seines Unterrichts-Ge-
genstandes durch die Anschauung besonders Selbstübung
belehrt worden, so kann er nicht nur leicht sich selbst
nach den Forderungen seines Unterrichts-Gegenstandes
fortbilden, sondern mit Erfolg Schüler in demselben un-
terrichten.
Der Lehrer mit gutem Willen und Selbstvervollkommnungs-
Trieb, - und an welchen Lehrer, der andere vervollkomm-
nen will, sollte man diese Forderung nicht machen dür-
fen, wird bald, sehr bald die herrlichen Wirkungen
der Pestalozzischen Methode auf sich selbst mit der innig-
sten Freude bemerken, er wird sie selbst in seiner
Natur gegründet finden, sie, die Pestalozzischen Grund-
sätze werden so seine eigenen werden, sie werden in
sein eigenes Leben übergehen, und so wird er die
Pestalozzische Methode, mit Geist, Liebe, Wärme, Leben
und Freiheit in allen seinen Handeln außer sich dar-
stellen und seine Schüler nach den Forderungen derselben
als seine Kinder und Brüder unterrichten.
Würden daher Schullehrer oder solche die sich dazu be-
stimmt fühlen und welche jene Eigenschaften besitzen,
von mehreren, welche sich nicht nur mit den Pesta-
lozzischen Grundsätzen vertraut gemacht, sondern sich auch die
Kenntniß seiner Unterrichts Methode, hauptsächlich und /
[178]
besonders aber die vollkommene Fertigkeit und Gewandtheit
darnach selbst unterrichten zu können an Ort und Stelle
an der Quelle bei Pestalozzi und in seinem Institute selbst
erworben haben, würden Lehrer im Lande von Solchen
unmittelbar unterrichtet werden, so würde die Einführung
in den Schulen nur wenigen Schwierigkeiten unterworfen
seyn, denn vorausgesetzt, daß der Schullehrer die Pflich-
ten und Forderungen seines Berufes kennt und ehrt,
und sie zu erfüllen kraftvoll strebt und nicht nur mecha-
nisch
sondern denkend handelt, so erleichtert ihm
1) die Pestalozzische Methode dieses Streben, weil sie
den Forderungen seiner Natur, und der des Schülers
angemessen und entsprechend ist.
2) Durch ihre Wirkungen erfüllt sie ihn und seine
Zöglinge mit inniger Freude und anfeuernder Lust,
sie macht deßhalb, daß er seinen Beruf nicht nur
mit Liebe und Freude, sondern auch mit Kraft
und Wärme erfülle.
3) Er bleibt durch diese Methode auch dann, wenn er
er [2x] die Niedern im Volk, wenn er die Schüler in den
Anfangs-Punkten jedes Gegenstandes unterrichtet
in seiner Selbstvervollkommnung nicht zurück,
überall hat er Gelegenheit zum Denken welches
seinen Geist weiter führt, überall bekommt
sein menschlich fühlendes Herz, seine liebende
Seele Nahrung. Nie! wird er, auch wenn er
das Einfachste unterrichtet, nie! Maschine, da er
nie von willkürlich angenommenen Regeln /
[178R]
abhängt, die er regelmäßig jeden Tag befolgt, und
zu deren Ausübung er sich gleichsam abgerichtet
hat, ohne weiter bei denselben zu denken. Ja
wollte er nach Pestalozzi[s] Grundsätzen unter-
richten, so wäre er genöthigt bei seinem Unter-
richte zu denken, das was er unterrichten will
selbst lebendig und thätig in sich zu tragen um
es lebend und warm zur Erweckung des Lebens
und der That außer sich darstellen zu können.
4) Der Lehrer würde sich, bei einiger Kenntniß der
Pestalozzischen Methode um so lieber zur Einführ-
ung derselben verstehen, um je mehr sie ihm
nicht nur möglich macht seine Pflicht in weit größe-
rem Umfange und besser als früher zu erfüllen,
sondern ihm bei allem diesen dennoch seine Arbeit
viel erleichtert; weil dieselbe, durch ihre Natur-
gemäßheit und Einfachheit die Eigenschaft in
sich trägt, daß jeder, um eine Stufe Fortge-
rücktere, schon wieder andere unterrichten und
belehren kann. Deßhalb würden fortgerücktere,
erwachsenere Schüler, den Lehrer leicht in seinem
Amte unterstützen können. Hierdurch würde
für die Schulen und für die Schüler sehr wesentlicher
und vielseitiger Nutzen entstehen.
A.       Einmal würden Alle Schüler, ihrer Forderung
nach, unmittelbar immer von einer lehrenden
Person beschäftigt und immer unter Aufsicht
und daher nie, was bisher so oft in den Schulen
geschehen mußte, sich selbst und der Langen- /
[179]
weile überlassen seyn, und es würde so immer
berechnet und planmäßig, direkte und geradezu
für ihre Entwickelung und Ausbildung gewirkt
werden.
B.       Dann würden die unterrichtenden und lehrenden
Schüler so selbst tiefer eindringen, und daher
den Unterricht des Lehrers selbst besser fassen.
Ihre Denk- und Urtheilskraft würde geübt, ihr
Gemüth ihre Seele erhielt Gelegenheit Liebe und
Dienstfertigkeit zu üben, und so wie auf der
einen Seite sie ihre Vernunft ausbildeten, erhöben
sie sich auf der Andern Seite zur praktischen
Humanität. Die Schule selbst würde so zur
Familie, der Lehrer Vater, die Schüler, seine
Kinder sie unter sich Geschwister wo das Schwächere
würde unterstützt von dem Stärkeren.
Wem schlägt nicht das Herz hoch auf die
Schulen des von ihm geliebten Vaterlandes dahin
erhoben zu sehen! -
C.       Durch jenes erhielt der Lehrer den höchst wesent-
lichen Vortheil, daß er seine Kraft nie durch
Zertheilung und Zerstückelung schwächen
müsse, sondern daß er sie immer ganz nur
der von ihm unterrichtet werdenden Abtheil-
ung widmen könne.
D.       Die Schule erhielt den wesentlichen Vortheil,
daß Einheit in dem ganzen, in ihr ertheilt
werdenden Unterricht herrsche. Um so bedeutend- /
[179R]
ere Fortschritte würden die Schüler machen. Sie, die
Schule könnte so den natürlichen Forderungen
der Eltern vollkommener entsprechen; zu
jeder Zeit die Kinder derselben zweckmäßig und
unmittelbar zu beschäftigen, und zu ihrer
Bildung und Unterricht[ung] zu wirken[.]
E.      Der Unterricht würde dadurch, daß jede Schüler-
abtheilung besonders und unmittelbar ihrem
Alter rc angemessen beschäftigt würde, an Leben, Viel-
seitigkeit und Interesse gewinnen.
Die Anzahl der Unterrichts-Gegenstände worinne Pestalozzi
will, daß der Schüler seiner Natur nach unterrichtet
werden soll, kann nichts weniger als gegen ihre Ein-
führung seyn. Würde man in Betreibung und in der
Ausdehnung derselben auch in den Volks- und Landschulen
genau auf das Bedürfniß des Volks Rücksicht
nehmen, so würde
auch in einer niedern Land- und Dorfschule Ein Lehrer,
unterstützt von einigen seiner fähigsten Schüler
bei täglich 7 Stunden Unterricht (: zwei Nachmittage
ganz abgerechnet :) und bei auch einer sehr bedeuten-
den Anzahl von 80 und noch mehr Schülern, die
Forderungen Pestalozzis erfüllen können.
Da mit dem 8ten Jahre das Kind erst fähig ist, als
Schüler nach den Grundsätzen Pestalozzis behandelt
zu werden, und da aber bisher von Seiten der Eltern
und der Mütter wenig für die Entwickelung des Kindes
geschieht, so würde man die Kinder in einem fest be- /
[180]
stimmten Alter, welches zwischen das 6te und 7te
Jahr fiele, und welches durch Lokal-Verhältnisse bestimmt
werden müßte, schon in der Schule auf nehmen müßen,
um nachzuholen was die häusliche erste Erziehung an
dem Kinde versäumt habe.
So würden zu erst alle Kinder welche die Schule be-
suchen in zwei Hauptklassen, oder HauptAbtheilungen
sich abtheilen;
Die erste Abtheilung würde die Kinderklasse ausmachen.
und hierinne wären die Zöglinge unter und bis
zum 8ten Jahre begriffen. Die Art ihrer Behand-
lung würde dadurch bestimmt werden, daß sie
Kinder im engern Sinne des Wortes sind, sie würde
nicht außer dem, in vorstehender Darstellung be-
stimmten Kreise des Buchs der Mütter heraus
fallen.
Die zweite Abtheilung würde die Schülerklasse ausmachen.
Und hierinne wären die Zöglinge vom 8ten Jahre
bis zu dem Alter in welchem sie gewöhnlich die
Schule verlassen begriffen. Die Art ihrer Behandlung
würde durch die Pestalozzische UnterrichtsMethode
bestimmt.
Diese zweite Abtheilung würde wieder in zwei
Klassen getheilt:
in die untere Schülerklasse, in welcher die
Schüler ohngefähr vom 8[ten] bis 11ten Jahre
begriffen wären, und
in die höhere Schülerklasse, welche die Schüler
ohngefähr vom 11ten Jahre bis zum Ende /
[180R]
der Schulzeit enthielte.
So würde die ganze Schule, in drei Klassen getheilt werden:
die erste, oder die Kinderklasse,
die zweite, oder die untere Schülerklasse, und in
die dritte, oder die obere Schülerklasse[.]
Nach dieser Eintheilung der Klassen würden folgende Ab-
theilungen der Unterrichts-Gegenstände möglich seyn.
      Wöchentlich könnte erhalten
die 2 te Kl. 2 Stunden Naturbeschreibung,
die dritte Klasse, 2 Stunden Naturgeschichte.
Dadurch würden die Schüler nicht nur den größten Theil
der Naturprodukte ihres Vaterlandes, besonders der
Gegend worinne sie leben, sondern auch die für den
Kreis derselben
wesentlich zu wissen nöthigen fremden
Naturprodukte kennen lernen.
      Eben so wöchentlich
die zweite Klasse, 2 Stunden KunstproduktenBeschreibung,
die dritte Klasse 2 Stunden Technologie.
Auch hier würde blos und einzig dasjenige ausgehoben
was wesentlich für den Schüler, in dem Kreis worinne
er lebt nöthig wäre
      dann:
die zweite Klasse, 2 Stunden Erdbeschreibung,
die dritte Klasse, 2 Stunden Länderkunde.
Die 2te Klasse könnte eine dieser Stunden Mittwochs
beim Spatzirengehen erhalten. Der Schüler würde
hier Deutschland (: das physisch begrenzte :) besonders
aber sein Vaterland genau kennen lernen und
von Europa nur eine ganz allgemeine Übersicht /
[181]
erhalten. In der Länderkunde würde er über die
Natur- und Kunstprodukte jedes Landes, über die
Lebensweise und bürgerliche Verfassung der Be-
wohner desselben, und über die Verhältnisse jedes
Landes und der Bewohner desselben zu seinen Gränz-
Ländern und ihren Bewohnern belehrt.
Das Vaterland des Schülers steht natürlich in alle
diesen drei UnterrichtsGegenständen immer oben an.
      Ferner:
die zweite Klasse, 6 Stunden Rechnen,
die dritte Klasse, 6 Stunden Rechnen.
Bei der zweiten Klasse würde es hauptsächlich
Kopfrechnen; bei der dritten Klasse hauptsächlich
Ziffern- oder Tafelrechnen (:Rechnen auf Schiefer-
tafeln:) seyn.
      Ferner:
die zweite Klasse, 4 Stunden Formenlehre und Zeichnen,
die dritte Klasse, 4 Stunden Größenlehre und Zeichnen.
Um das Verhältniß der Stunden zwischen: Rechnen,
Formenlehre, Größenlehre und Zeich[n]en schärfer zu
bestimmen, würde theils genaue Lokalkenntniß
nöthig seyn, theils würde viel davon abhängen mit
welchen Kenntnissen der Zögling aus der Kinder-
klasse in die untere Schülerklasse überträte.
      Dann:
die zweite Klasse 6 Stunden Lesen, später Muttersprache,
die dritte Klasse 6 Stunden Sprache als Bedeutung.
Bei dem Leseunterricht würde zuerst auf mecha- /
[181R]
nische Fertigkeit dann auf Gedankenausdruck und
Grammatik gesehen. Der Sprachunterricht in der
dritten Klasse würde endlich schriftliche Darstellung
in Bezug auf Gedanken Ausdruck, Styl rc [sein.]
      Ferner:
die zweite Klasse 6 Stunden: Schönschreiben,
die dritte Klasse 4 Stunden: formelle Sprachlehre.
Auch die Übungen im Schönschreiben können später
mit grammatischen Übungen verbunden werden
Die dritte Klasse bedarf weder besonderer Stunden
im Lesen noch Schönschreiben, da der Schüler in
beiden fest und sicher ist ehe er in die dritte
Klasse über geht. Sich in beiden zu üben und
noch mehr auszubilden erhält er durch die andern
UnterrichtsGegenstände Gelegenheit genug.
      Weiter:
die zweite Klasse 3 Stunden: Singen.
die dritte Klasse 3 Stunden: Singen.
      Und endlich:
die zweite Klasse 6 Stunden Religion
die dritte Klasse 9 Stunden Religion.
In der dritten Klasse würde hier besonders auf
Predigt-Wiederholung, Sprüche und Liederlernen
gesehen; beim sogenannten Hersagen der Bibel-
sprüche und Lieder müsse der Lehrer, nicht nur
auf die Worte sondern hauptsächlich auf den Sinn
sehen, mit welchem der Schüler beide gefaßt habe.
Die Ausführung des Unterrichtes in der ersten oder /
[182]
Kinderklasse übergehe ich da die Gegenstände desselben, so wie
wie [2x] ihre Behandlung genau durch die Darstellung bestimmt
ist.
Bei keiner andern als der Pestalozzischen Unterrichts-
Methode, würde das Kind so vielseitig beschäftigt wer-
den können, und würde man auch, bei nur wenigen
Stunden zu einem so bestimmten Ziele, in jedem Un-
terrichtsGegenstande kommen. Nur sie macht dieß durch
die Einheit von der sie ausgeht
, durch ihr Lückenloses Fort-
schreiten und durch den innern organischen Zusammen-
hang in welchem alle UnterrichtsGegenstände stehen
und durch welchen sie sich wechselseitig unterstützen und
die Hand reichen, möglich. Nach Pestalozzis Sinn und
Grundsätzen darf kein UnterrichtsGegenstand isolirt
stehen, nur sie im organischen Vereine führen zum Ziele:
Bildung, und Erziehung des Kindes, des Schülers.
Jene Andeutung einer Stunden- und Unterrichts-Eintheil-
ung, war blos auf gemeine Landschulen berechnet,
für eine Stadtschule, müßte sie, da an derselben wenig-
stens drei angestellte Lehrer gewöhnlich arbeiten um
so vollkommener geworden seyn.
Doch macht die Organisation einer Schule nach Pesta-
lozzi[s] Grundsätzen zwei wesentliche Forderungen,
einmal:     daß die Schulfähigen Kinder nur zu zwei,
festbestimmten Zeiten in die Schule aufgenommen
werden,
dann: daß alle Schulkinder, außer den Fehrien die Schulen
pünktlich und unausgesetzt besuchen. Eine einzige
vom Schüler versäumte Stunde, ist er, ohne großen /
[182R]
Nachtheil für seine Mittheilnehmer an diesem Un-
terrichte, nachzuholen, ganz nachzuholen nie möglich,
da die Pestalozzische Methode ein ununterbrochenes
Fortschreiten oder treffender bezeichnet ein con-
tinuirlicher [sc.: kontinuierliches] Fortfließen charakterisirt.
Alle Fehler welche bisher Stadt- und Landschulen drückten
würde die Einführung der Pestalozzischen Methode in den-
selben beseitigen. Ordnung, beständige selbstthätige,
den Geist und das Gemüth umfaßend in Anspruch nehmen-
de Beschäftigung, stufenweises Fortschreiten in der Aus-
bildung, lebendiges und gründliches Wissen und Erkennen
der Schüler, Liebe wahre Liebe derselben zum Unterricht
zur Schule zum Lehrer, Verbannung alles oberflächlichen
Wissen aus den Schulen aller Art und aus dem Volke
würden die wesentlichsten Gefolge einer Schuleinrichtung
nach Pestalozzischen Grundsätzen seyn.
Jedem der die Schule verließe, wäre für seine Erkennt-
nißkraft der Weg zur wahren Selbstvervollkommnung,
Selbstveredlung gebahnt.
Seine Liebe zu Lehrer und Mitschüler, seine Eltern-
und Geschwisterliebe würde sich im reifern Alter zur
hohen Vaterlandsliebe, zur innigsten Verehrung seines
Fürsten in dem er seinen höhern Vater erkennte,
erheben.
Seine vielseitig geübte Kraft, die Stärke seines
Geistes und seines Körpers würde ihm möglich
machen, nicht nur kraftvoll für das Wohl seiner Fa-
milie zu handeln, sondern auch für das Wohl seines
Volks, thätig wirkender Unterthan zu seyn. /
[183]
Einfachheit, Zufriedenheit mit seinem Stande, fester
selbstständiger Charakter, denkendes Handeln, praktische
Tugenden, wahre Religion, würden den nach Pestalozzi
erzogenen Bürger, Familien[-] und Bürgerglück würden
sein Vaterland auszeichnen. - -

Über die Möglichkeit der Einführung der Pestalozzischen Me-
thode unter den Müttern und Eltern im Volke, zur natur-
gemäßen Erziehung und Behandlung ihrer Kinder bis ins
6
te Jahr.

Selbst die Einführung der Pestalozzischen Methode im
Volk ist nicht so schwer als man glaubt, weil jede Mutter
ihr Kind sehr liebt, dasselbe bis zu einem bestimmten
Alter viel um und bei sich hat, und sich gerne mit ihm
unterhält und beschäftigt. Wenige Anleitung bedarf
es daher auch bei der niedern Mutter sie zu lehren ihr
Kind natürlich zu behandeln und es weiter als gewöhn-
lich zu führen; einzig kommt es auf die Art an, wie man
ihr dieselbe giebt. Mündliche Mittheilung, würde fast
durchgehends das Gegentheil bewirken. Allein jede
Mutter freut sich wenn man sich mit ihrem Kinde be-
schäftigt; würde diese Neigung der Mütter [Zimmermann: Mutter], der mit
Pestalozzi[s] Grundsätzen und Methode Vertraute benutzen,
und sich unter den Augen derselben mit ihren Kindern
auf eine vernünftige und zweckmäßige Weise (: ohne
weiter etwas darüber zu sagen :) unterhalten und /
[183R]
beschäftigen, würde er es versuchen die Mütter [Z: Mütter] selbst
mit einzumischen, so würden dieselben bald das Wohl-
gefallen und die Freude des Kindes an der Beschäftigung
mit ihnen, wahrnehmen, sie würden auch allein mit
ihren Kindern, sie auf jene ihnen angenehme Weise
beschäftigen, und so, sich und das Kind weiter nach
den Forderungen Pestalozzis fortbilden. Nur müßte
natürlich das was gegeben wird, weder das Faßungs-
noch das DarstellungsVermögen der Mütter [Z: Mutter] übersteigen.
Je einfacher, faßlicher und leichter darzustellen dasjeni-
ge ist, was den Müttern gegeben wird, desto besser
ist es. Und welcher Landschullehrer und Landgeistlicher
hat nicht oft Gelegenheit, so auf Eltern und Kind zu
wirken.
Wenn auch wenig, doch schon Wesentliches ließe sich
thun wenn ein Landschullehrer verbunden mit einigen
rechtschaffenen Gemeinde-Gliedern, ein ädler Land-
Geistlicher verbunden mit jenen beiden zu jenem
Zweck; Verbreitung einer bessern naturgemäße-
ren Kinderbehandlung hinarbeiteten.
Durch die Einrichtung der Schulen nach Pestalozzi[s]
Grundsätzen, wo der erwachsenere und fortge-
rücktere Schüler den Schwächern lehrt, wird die Ein-
führung und Allgemeinmachung der Pestalozzischen
Grundsätze der Kinderbehandlung noch leichter
ja unfehlbar möglich, da den ältern Geschwistern
so oft von den Vätern und Müttern die Aufsicht
über die jüngern und ihre Unterhaltung übertragen /
[184]
wird. Durch jene Einrichtung der Schulen erhalten nun
diese Stellvertreter der Eltern, des Vaters, der Mutter
Stoff sich zweckmäßig und entwickelnd und ausbildend
mit ihrem Pfleglinge mit ihrem kleinen Bruder ihrer
kleinen Schwester zu unterhalten. Wie vielem Übeln
welche oft schon so frühe das Kind ergreifen wird
dadurch vorgebeugt: es giebt sich nie aus Langerweile
übeln Gewohnheiten hin, und früh an zweckmäßige,
die Denkkraft und das Gemüth in Anspruch nehmende
Thätigkeit gewöhnt wird es nie Vergnügen am Müßig-
gange finden. Die Zahl der bemittleidungswerthen
Kinder die jetzt, unter dem verworfenen Namen: Gaßen-
Buben herumlaufen und nicht wissen womit sie die Zeit
ausfüllen sollen, würde endlich ganz verschwinden. Alles
würde bewußt und unbewußt zu dem hohen Ziele streben:
rechtschaffener achtungswerther Bürger zu werden und
Schwächere zur Erreichung jenes Zieles zu unterstützen. -
Vaterlandsliebende Fürstin! verweilen Sie einen Augen-
blick bei diesem Bilde, finden Sie in demselben das Glück
welches die Einführung der Pestalozzischen Methode über
alle Stände verbreitet. Und wie noch weit herrlicher
werden die Wirkungen jener Schuleinrichtung seyn, wird
der so geleitete Schüler und Jüngling, einst Mann und
Vater, wird die nach diesen Grundsätzen, erzogene und
in ihrer Anwendung geübte Jungfrau einst Mutter,
sie wird Mutter, wahre Mutter werden, unbewußt /
[184R]
und ohne weitere Anleitung wird sie auf ihr Kind über-
tragen was in ihr lebt, sie wird ihr Kind natürlich,
sie wird ihr Kind nach Pestalozzi[s] Sinn behandeln und
erziehen.
Fähige Jünglinge die Beruf in sich fühlen und tragen, kön-
nen so, zu noch höhern Wirken sich ausbilden, um lehrend
wieder Gutes zu stiften, oder Männer und Väter einst,
als Älteste und Ortsvorsteher, durch Belehrung, Rath
und That nützen.
Um aber auch jetzt schon die den Schuljahren entwach-
senen Jünglinge und Jungfrauen zur natürlichen
Behandlung kleiner Kinder hinzuführen, benutze der
Lehrer oder der Geistliche den Geist der Zeit *der immer
sich zu vergnügen strebt; sie verbinden sich mit einigen
ihrer Gemeinde die für das Wohl derselben am thätigsten
sind, sie benutzen diesen Geist der Zeit * [*-* fehlt bei Zimmermann]
um Gutes zu
stiften; Sonn- und Festtags versammeln sie wechsel-
seitig wenn auch nur einige aber für das Gute empfäng-
liche Jünglinge und Jungfrauen um sich; sie laden einige
Väter und Mütter dazu ein um die Sache allgemeiner
zu machen. Kenntniß der Natur und der Außen-
welt sey der Gegenstand ihrer Unterhaltung, allein
nicht erzählend nicht discursiv, nein! von eigener
Anschauung und Untersuchung gehe sie aus, wie bei
dem Kinde und Schüler vom Einfachen zum Zusammenge-
setz[t]en, daß sie auch so Kinder beschäftigen lernen[.]
Möge dieß wenigstens die Möglichkeit der Einführ-
ung der Pestalozzischen Methode im Volk zeigen.
Durch die Einführung in den Schulen ist ihr Einfließen ins
Volk desto sichrer und folgenreicher. /
[185]

Über den Zusammenhang des Pestalozzischen Elementar-
Unterrichtes mit dem höhern wissenschaftlichen
Unterrichte
.

Ununterbrochen geht die Reihenfolge vom Elementar-
Unterrichte zum höhern wissenschaftlichen fort. Den
jedesmaligen Übergang darzustellen würde zu weit
führen. Erlauben Sie mir gnädigste Fürstin, daß ich
blos den Zusammenhang andeuten darf.
Die Sprache behält auch als höherer und wissenschaftlicher
Unterricht, ihre beiden Richtungen die sie als Elementar-
Unterricht hatte ganz bei:
Nach der einen Richtungen [sc.: Richtung] und zwar in formeller
Hinsicht erhebt sie sich zur Sprachwissenschaft. (: Form
wird hier im weitern Sinne genommen :)
Nach der anderen Richtung, und zwar in Hinsicht ihrer
Bedeutung erhebt sie sich zur Wissenschaftlichen und
Kunstdarstellung.
Aus der Naturbeschreibung, geht nach der einen Richtung
unmittelbar die Classifikation oder das System
und nach der andern Richtung die Geschichte der Natur-
produkte hervor. Beide gehen gleichlaufend. So
wie sich die Naturbeschreibung des Einzelnen zur Classi-
fikation erhob, so geht aus der Naturgeschichte des
Einzelnen die Geschichte der Gattung hervor. /
[185R]
Die Erdoberflächenbeschreibung, wird in lückenloser
Folge zur Erdoberflächengeschichte, später fällt diese
nohtwendig in Eins zusammen mit der alten Geo-
graphie. Da die alte Geographie ihrem Elemente
nach von dem höchsten Punkt der Erdoberfläche aus-
geht so bestimmt dieß die biblische Geographie zum
Anfangspunkte derselben.
Beschreibung des Menschen wird zur Anthropologie
Physiologie und Psychologie (: welche der Geschichte vor-
ausgehen müßen und durch welche diese erst ihre
wahre Bedeutung erhält :), endlich zur Menschenge-
schichte
. Hier erst die Geschichte des Einzelnen als
für sich bestehend, dann die Geschichte desselben als
Familien-Vater
, dann die Geschichte der ganzen Fa-
milie
des Volkes und der Nation.
(: Nur die biblische Geschichte entspricht diesen na-
turgemäßen stätigen Gang, da sie vom Einzeln[en]
bis zur Nation hinauf steigt; mit ihr würde
daher der Umfang gemacht in ihr läge der An-
fangs-Punkt zum weitern Fortschreiten :)
Hier schließt sich das Erlernen und Studium der alten
Sprachen an. Geschichte und alte Geographie gehen
nun gleichlaufend.
(: Der Einfluß der Pestalozzischen Methode des Geo-
graphischen Unterrichts auf alte Geographie ist
hier höchst wesentlich :)
Zahlenlehre wird in lückenlosem Fortschreiten zur /
[186]
Mathematik der abgesonderten zählbaren Größen
nach allen ihren Verzweigungen.
Größenlehre wird in gleicher lückenloser Folge
zur Mathematik der stetigen Größen in ihrer ganzen
Ausdehnung und nach allen ihren Abteilungen.
Die Kenntniß der Elementarkräfte der Natur, wird
zur Naturlehre im weitern Sinne, und nach ihrem
ganzen Umfange.
Kunstprodukten-Beschreibung wird zur Kunstprodukten-
Geschichte in ihrer größten Ausdehnung.
ElementarZeichnen erhebt sich zum Zeichnen als Kunst
und geht über zur plastischen Darstellung nach ihren
verschiedenen Arten.
Formenlehre muß ihrem Wesen nach in einer höhern
Berührung mit der Ästhetik stehen, ihr Zusammenhang mit
derselben ist noch nicht aufgefunden.
Gesang erhebt sich zur Kunst und begründet die Instru-
mentalmusik nach ihrer verschiedenen Form.

So ließe sich nach Pestalozzi das Ganze durchführen bis
alle diese Wissenschaften und Künste, eben so wieder in
einem Punkte: - Mensch - zusammenträfen, wie
sie von demselben ausgingen. Die Frucht dieses Zusammen-
treffens ist: - Philosophie - sie zu erkennen macht den
Schüler zum Gelehrten. Denn erst auf diesen Punkt sich
befindend, kann er die Richtung und den Zweck seines /
[186R]
Lebens mit Klarheit und wahrem Bewußtseyn durch sich
selbst bestimmen. -
Und so setzt die Pestalozzische Methode dem Menschen
in seiner bis ins Unendliche fortgehenden Entwickelung
und Ausbildung, in seinem an keine Zeit und keinen
Raum gebundenen Erkennen, nirgends eine Grenze
nirgends ein Hinderniß, nirgends eine Schranke! –
Yverdun von 1sten bis 21sten April 1809

AFröbel.