Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an <August> Schwartz in Königsee v. 21.4.1809 (Yverdon)


F. an <August> Schwartz in Königsee v. 21.4.1809 (Yverdon)
(ThStA Rudolstadt, Geheimes Ratskollegium, E IX 2h Nr.1, Bl 128-129, Brieforiginal 1 B 4° 4 S., ed. Zimmermann 1914, 3-5)

      Hochwürdiger Herr,
Freund und Stellvertreter meines Vaterlandes;

Das Schicksal begünstigte mich, mich schon seit länger als 4 Jahren
mit dem Studium der Pestalozzischen UnterrichtsMethode beschäftigen
und ihren Einfluß auf das Volk erkennen zu können. Da mein Va-
terland und die Bewohner deßelben mir über alles theuer sind, so
prüfte ich Pestalozzis Methode in besonderer Rücksicht auf mein Va-
terland, meine Seele erfüllte deßhalb längst der Wunsch: daß mein
Vaterland sich der allgemeinen Einführung der Methode Pestalozzi[s] in
den Schulen, freuen möge.
Die hohe und mütterliche Vorsorge unserer Erhabensten Regentin
für die Erziehung unserer Mitbürger hat mir den Muth gegeben Ihr [sc.: ihr]
eine Darstellung der Pestalozzischen Methode zur Prüfung für die
Einführung im Vaterlande vorzulegen.
Sie hochverehrter ädler Mann! stehen unsrer gnädigen Fürstin
bei Organisation des Schulwesens im Vaterlande als Stellvertreter
desselben und als Rath zur Seite. Mit Ihnen wird sich unsere Erha-
bene verehrte Fürstin über den Werth der Pestalozzischen Methode
und die Erfüllung meiner Bitte berathen. Ich bitte Sie prüfen Sie
beide, die Pestalozzische Methode und meine Bitte streng. Auf
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Ihrer Entscheidung ruht das Wohl und das Wehe meines Volkes, nicht
nur des jetzt lebenden auch des künftigen für viele Generationen.
Vergeßen Sie ädler Mann! nicht, daß kaum ein halbes Jahrhun-
dert einen Regenten auf den Thron führt der wahrhaft die Erzieh-
ung seiner Unterthanen und sie mit Ernst und That will. Benutzen
Sie diesen Zeitpunkt um reelles Gutes für die jetzt lebenden
Mitbürger, und für ihre Nachkommen wahrhaft zu begründen.
Benutzen Sie ihn, erfüllen Sie dadurch Ihre heilige hohe Pflicht, die
Pflicht die Sie als Volkslehrer auf sich haben, Sie erfüllen dadurch
die Hoffnung des Vaterlandes, die Hoffnung welche alle Ädle des-
selben auf Sie setzen. Teuschen [sc.: Enttäuschen] Sie diese Hoffnung nicht; erfüllen
Sie die gerechten Ansprüche und Forderungen, die das Vaterland
die kommenden und die jetzigen Bewohner deßelben an Sie machen.
Prüfen Sie streng und unpartheiisch Pestalozzi[s] Methode, und
- erkennen Sie dieselbe für naturgemäß und in den Land-
schulen im Volke einführbar - und gewiß Sie erkennen Sie [sc.: sie ] mit
so vielen Hunderten dafür, dann wirken Sie für die Einführ-
ung derselben mit allen Ihren Kräften; die Nachkommen des Va-
terlands werden Sie und Ihr Geschlecht dafür segnen.
Freilich wünschte ich, daß ein vollkommenerer Mann als ich, als
Wortführer der Pestalozzischen Methode vor unserer verehrten Fürst[in]
und vor Ihnen aufgetreten wäre, allein lassen Sie meine Per-
sönlichkeit der Guten Sache nicht Hinderniß seyn. Prüfen Sie
rücksichtslos Pestalozzi[s] Grundsätze, Pestalozzi[s] Methode.
Ich bitte Sie, zu diesem Zweck Pestalozzis Schriften, worinn[en]
seine Grundsätze und seine Methode am reinsten bis jetzt au[s-]
gesprochen sind, von mir anzunehmen.
Nicht Nachahmung soll und darf Sie bei Ihrer Prüfung bestim[men,]
allein bedenken Sie, die ersteren Männer der preußischen Regier-
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ung stimmen und wirken auf[s] thätigste für die Einführung
der Pestalozzischen Methode, und der König von Preußen hat öffentlich
die Einführung im ganzen Königreiche dekretirt. Drei Fünfzehen
junge Männer sendet derselbe jetzt hieher zu Pestalozzi die Me-
thode desselben in ihren [sc.: ihrem ] ganzen Umfange zu erlernen. So
bedrängt dieser König ist hat er Fonds zu ihrer Unterhaltung
und zur Bestreitung aller Kosten für die Einführung der Pesta-
lozzischen Methode angewießen. So wie jetzt 15 junge Männer
gesendet werden, deren jeder die bestimmte Erlaubniß hat, so
lange bei Pestalozzi zu bleiben bis er sich die Methode ganz zu
eigen gemacht hat, so werden immer von Zeit zu Zeit mehrere
nachfolgen, daß die Pestalozzische Methode im ganzen Lande
zugleich Wurzel faße. Alle Waisenhäußer werden in Nor-
mal-Institute zur Bildung junger Lehrer nach Pestalozzis-
Methode umgeschaffen; und so wie [sich] daselbst Männer vollkommen
und praktisch zu Lehrern gebildet haben werden sie im Lande
angestellt. Alles dieß ist vom König nicht nur beschloßen son-
dern wirklich schon dekretirt worden. In Königsberg selbst wird
mit der Einrichtung der Waisenhäuser der Anfang gemacht.
Meine Mittheilung gründet sich auf officielle Schreiben der
preußischen Regierung an Pestalozzi. Ich werde die Ehre
haben Ihnen dieses officielle, wovon der Anfang schon in
dem letzten Bande der Pestalozzischen Wochenschrift steht
mitzutheilen.
Ädler Mann! viel, sehr viel ruht auf Ihnen, teuschen [sc.: enttäuschen]
Sie das Vaterland nicht! Seyn Sie treuer Representant
desselben! vergessen Sie nicht:- hoher freudiger Dank
der Ädlen, der Vaterlandsfreunde erwartet Ihre Entschei- /
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[d]ung, oder tiefe schmerzliche Trauer derselben.-
Vergeßen Sie bei Ihrer Entscheidung nie:- Sie stimmen
für das Wohl der jetzigen und künftiger Generationen
Ihrer Mitbürger!-
Voll des höchsten Zutrauens und wahrer Verehrung für Sie:
Friedrich Wilhelm August Fröbel,
jüngster Sohn ersterer Ehe des verstorbenen
Pfarrers zu Oberweißbach: Joh: Jac: Fröbel;
jetzt Erzieher der drei Söhne des Herrn
Georg von Holzhausen in Frankfurt a. Main,
gegenwärtig in Yverdun.

Yverdun am Neuschâteler See,
am 21sten April 1809.