Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karoline-Luise Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt v. 1.5.1809 (Yverdon)


F. an Karoline-Luise Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt v. 1.5.1809 (Yverdon)
(ThStA Rudolstadt, Geheimes Ratskollegium, E IX 2h Nr.1, Bl 130-135, Brieforiginal 3 B 4° 11 S., ed. Zimmermann 1914, 5-10)

Erhabenste Fürstin,
Gnädigste Fürstin Regentin,
Höchstverehrte Mutter meines Vaterlandes!

Sie lieben mein Vaterland und wünschen das Beste desselben, Sie lieben
die mit mir auf gleichem Boden Gebornen, die mit mir das hohe Glück
theilen: Erhabenste Fürstin! Ihr Unterthan zu seyn; Sie kennen
nur einen Wunsch: das Glück derselben, durch Verbesserung der
Erziehung und des Unterrichts zu begründen und zu befestigen, /
nur ein Streben: jenen Wunsch darzustellen zur That werden zu lassen[.]
Dieß hocherhebende Bewußtseyn bestimmt mich und giebt mir den
Muth und die Kraft: vor die erhabenste ädelste der Fürstinnen, vor
die verehrte Fürstin Regentin meines Vaterlandes: vor Sie meine
gnädigste Fürstin zu treten, und vor Ihrem Throne meine Erfahr[-]
ungen über, und die Resultate meines Studiums der Pestalozzischen
Erziehungs- und Unterrichts-Methode, als Eigenthum meines von
mir innigst geliebten Vaterlandes in tiefster Ehrfurcht nieder
zu legen.
Ich darf kühn und frei gestehen, ich darf es vor der ädelsten
der fürstlichen Frauen aussprechen: mich beschäftigte seit dem
ersten Augenblick meiner selbstthätigen Denkkraft nichts als
Erziehung; bis vor einigen Jahren allein, und noch jetzt ununter[-]
brochen meine eigene Erziehung und Ausbildung, seit einigen
Jahren zugleich mit derselben, die, mir öffentlich und privat
anvertraute Erziehung Anderer. Ununterbrochen prüfte ich
die Einwirkungen und Eindrücke meiner eigenen und anderer
Handlungen auf mich und andere.
Nur damit und mit dem Wesen der Erziehung und des Un-
terrichtes, und den Wirkungen derselben auf das Seyn des
Menschen, beschäftigt, reiste ich vor beinahe 4 Jahren von Deutsch-
land aus zu Pestalozzi und hielt mich einige Wochen bei demselben auf. /
[131]
Ob ich gleich bisher immer über das Wesen und Seyn des Menschen
wie er in der Welt erscheint, und die Einwirkung der Außen-
welt auf ihn zur Erziehung und zum Unterrichte desselben,
nachgedacht hatte, so lernte ich aber doch dort erst das Wesen
der Erziehung kennen; dort sah ich erst was es hieße den Men-
schen seiner Natur nach zu erziehen und zu unterrichten, seine
Kräfte und Anlagen nach den Forderungen ihrer Natur zu
entwickeln; jetzt verstand ich selbst erst die Natur die mich
erzogen hatte, ich überschaute die Wege die sie bei meiner Er-
ziehung gegangen war, dort bekamen erst meine eigenen an
mir und andern gemachten Erfahrungen, und mein Nachden-
ken über mich und andere ihre wahre Bedeutung.
Von dieser Zeit an arbeitete ich ununterbrochen, tiefer in
das Wesen der Erziehung einzudringen, die Einfachheit des Unter-
richts zu erkennen, die natürlichen Gesetze und Bedingungen
desselben und seine Anfangspunkte in der Natur selbst, im Leben
aufzusuchen; das was ich in Bezug auf Erziehung sowohl als auf
Unterricht erkannte, zu prüfen, an mir und andern, in meinen
Verhältnißen als öffentlicher und privat Lehrer und Erzieher, durch
meine Denkkraft und durch mein Gemüth streng und wiederholt zu
prüfen, war mir unerläßliche Pflicht. /
[131R]
Je tiefer ich eindrang je näher ich der Natur der Erziehung und des
Unterrichtes kam, desto einfacher und allgemeiner wurde das, was ich
durch Pestalozzi[s] Idee erkannte und fand. Ich sahe jetzt deutlich die
Wirkung deßen, was Pestalozzi als Mittel zur Erziehung des Volks
aufstellte, auf ein ganzes Volk, auf die Höheren wie auf die Niedern
im Volk. Meine innige Anhänglichkeit an mein Vaterland und
an die Bewohner meines vaterländischen Gebirgs lebte immer
gleich warm in meiner Seele; was war natürlicher als die stete
Anknüpfung deßen was einzig mich belebte, an den von mir geliebten
Gegenstand: an mein Vaterland, an die Bewohner deßelben.
Jetzt seit den letzten sieben Monaten, wo mein glückliches Geschick
mich, zugleich mit, und als Erzieher dreier hoffnungsvollen Knaben
wieder in die Mitte Pestalozzis zurück führte, prüfte und prüfe
ich alles, blos und in Bezug auf mein Vaterland, in Bezug auf
die Möglichkeit der Ausführung und Anwendung in meinem Vaterlande
nicht nur in Bezug auf die Waldbewohner mit welchem ich aufwuchs; sondern auch mit gleicher Liebe und Wärme zu den Bewohnern des
flachen Landes, unter und mit welchem ich meinen ersten Unter-
richt erhielt.
Ich kenne nur einen Prüfstein jeder Erziehungs- und Unterrichts 
Methode, der nach verschiedenen Rücksichten ins Auge gefaßt, sich /
[132]
auch auf verschiedene Weise bezeichnen läßt.
Nach der einen Rücksicht heißt er Einfachheit, und hierinne liegen
die andern Prädikate: Naturgemäßheit u.s.f. schon ausgedrückt.
Nach der andern Rücksicht: Allgemeinheit; ob sie in der einfachen
Hütte des tiefen Gebirgs, wie in dem Hause des Bewohners des
platten Landes; ob sie beim Niedern des Volks, wie bei dem civili-
sirtem Bürger angewandt, mit glücklichem Erfolge angewandt
werden könne; ob die Forderungen dieser Erziehungs- und Un-
terrichts-Methode, selbst der niedern dürftigen Mutter begreiflich
sind, und sie in Verhältniß auf ihre Lage erfüllen kann, wie die
Mutter die in bessern Verhältnißen lebt in Bezug auf die ihrige.
Besonders aber, ob sie der einfache, blos mit natürlich vernünftigem
Verstande und gutem Willen begabte, übrigens keine höhere
Bildung erhaltene Landschullehrer darzustellen im Stande ist.
In jedem Augenblick prüfe ich nach diesen Rücksichten die Grund-
sätze Pestalozzis und die ausgearbeiteten Mittel zur Darstellung
derselben, und immer bewähren sie sich mehr, immer mehr zeigen
sie ihre Gegründetheit auf das Seyn des Menschen.
Verehrte Fürstin Regentin! erlauben Sie mir gnädigst: Pesta-
lozzi[s] Grundsätze hier anzudeuten, und genehmigen Sie huldvoll:
daß ich eine weitere Darstellung derselben, und seiner Unterrichts
[132R]
Mittel Ew: Hochfürstlichen Durchlaucht zur höchsten Prüfung besonders
ehrerbietigst überreichen darf.
Pestalozzi[s] Grundsätze der Erziehung und des Unterrichtes, gehen von
dem Menschen aus wie er erscheint; er nimmt den Menschen gerade
nach seiner Erscheinung, und unter und mit den Bedingungen, unter
und mit welchen er erscheint. Seine Erziehung, sein Unterricht neh-
men das Kind mit allen seinen Anlagen; mit Vater und Mutter,
welche die Bedingungen seiner Erscheinung sind, und mit allen Anla-
gen derselben in Anspruch.
Pestalozzi[s] Grundsätze der Erziehung gehen nicht von dem absoluten
Seyn des Menschen aus, und seine Methode stellt nicht dieses abso-
lute Seyn des Menschen zum obersten Grundsatz auf. Pestalozzi
nimmt den Menschen ganz so wie er ist, und unter den Umständen
Bedingungen und Verhältnissen durch und in welchen er ist; aber
desto größern Anspruch machen daher Pestalozzi[s] Grundsätze auf
praktischem Werth; ihre Welt ist die Welt des Seyns, der Ausübung.
Da nun die Erscheinung, das Wesen und die Art der Erscheinung des
Menschen durch sein absolutes (:höchstes:) Seyn bestimmt und von
demselben abhängig ist, so müßen auch Pestalozzi[s] Grundsätze
dem höchsten, absoluten Seyn des Menschen angemessen seyn, und sie sind es.
Sie bestätigen sich an der Erziehung des Denkers, wie an der Erzieh-
[133]
ung des Kindes in der niedern Hütte, sie entsprechen und befriedigen
die Forderungen des Gebildetsten der Menschen, wie den Forderungen
des noch rohen Kindes der Natur: des GebirgsBewohners. Sie sind
zugänglich und verständlich dem [sc.: der] einfachen Mutter die selbst blos ein
Kind der Natur ist, so wie sie die Denkkraft des Weisen in Anspruch
nimmt beschäftiget und weiter führt, der den Menschen vom höchsten
Standpunkte aus ins Auge faßt.
Eben so sind die Mittel zu ihrer Darstellung einfach: wo die El-
tern mit dem Kinde sind, finden sie die Mittel zur Ausführung
der Pestalozzischen Grundsätze der Menschenerziehung: sie, die
Eltern finden sich, ihr Kind und die Natur. Mehr als diese unzer-
trennbare Drei bedarf es nicht, um ihre Pflicht als Eltern zu er-
füllen und ihr Kind zu einem natürlich gutem vernünftigen
Menschen zu bilden. Und doch liegt auch in denselben Mitteln
das Fundament der höchsten menschlichen Bildung, deren je ein
Weiser, Philosoph fähig war und ihr je fähig sein wird. Gegen-
wart und Vergangenheit spricht laut für ihre Wahrheit, Naturge-
mäßheit. Lebende wie lange verstorbene Denker denen der Mensch
das Höchste war und ist, sprechen laut und unwiderlegbar: daß
die Grundsätze Pestalozzis wahr, daß sie im Seyn des Menschen
gegründet sind, wie seine Mittel zu ihrer Darstellung. /
[133R]
Werden Sie Erhabenste Fürstin Regentin! mir wohl nun den Wunsch ver-
zeihen, daß es Ew: Hochfürstlichen Durchlaucht gefallen gemöge diese Methode zu
prüfen? Werden Sie mir gnädigst verzeihen daß ich aus keiner andern
Ursache vor Sie getreten bin, als Sie, Erhabenste Fürstin höchstverehrte
Regentin! als treuester sein Vaterland und seine Mitunterthanen lieb[-]
ender Unterthan in tiefster Ehrfurcht zu bitten:
Pestalozzi[s] Methode in Bezug auf die Einführung und Allgemein[-]
machung in meinem Vaterlande, und in Bezug auf die jetzt
bezweckte Verbesserung der Schulen im Lande huldvoll und gnädigst
zu prüfen.
Daß es Ihnen, Durchlauchtigste gnädigste Fürstin Regentin gefallen
möge, diese ehrfurchtsvolle Bitte Ihres allertreuesten Unterthans
gnädigst zu erfüllen; denn meine Hoffnung, mein Glaube und meine
Überzeugung, und das hohe Bewußtseyn; daß Sie streng für die Aus[-]
führung Ihres höchsten Wunsches - bessere Erziehung Ihrer Unter-
thanen - alles prüfen, alles dieß vereinigt sagt mir, läßt mich
mit kindlich frohem Gemüthe ahnden: Pestalozzi's Grundsätze und
seine Mittel zur Darstellung derselben, werden Ihren erhabenen
fürstlichen Wünschen, werden den Wünschen der ädelsten fürstlichen
Frau entsprechen; ich hoffe und glaube: Ew: Hochfürstliche Durchlaucht
werden finden was Sie jetzt so ernstlich für das Wohl Ihrer, Sie, /
[134]
gnädigste Fürstin! hochverehrenden Unterthanen suchen: - eine
einfache, dem Seyn und Wesen des Menschen würdige, natur-
gemäße Erziehung, und dieser entsprechende UnterrichtsMittel.
Mögten Sie Durchlauchtigste Fürstin! es nicht zu kühn fin-
den, daß ich, um eine strenge und gründliche Prüfung mög-
lich zu machen es wage: Ihnen diejenigen Schriften Pestalozzis
ehrerbietigst zu überreichen, die an [sc.: am] reinsten und bestimmte-
sten sowohl Pestalozzis Grundsätze, als seine UnterrichtsMe-
thode darstellen. Möchten es Ihnen gefallen, durch Pesta-
lozzi
, in dessen Gemüthe das Ganze lebt, besonders in dem
was er in dem Buche der Mütter und in den Vorreden zu den
neuesten Schriften sagt, die Bestätigung deßen finden,
was ich aussprach; möchten Sie dann selbst entscheiden ob
Pestalozzi[s] Forderungen natürlich ob sie dem gesunden und
einfachen Menschenverstande zugänglich und ob sie darstellbar
sind.
Gestützt und gestärkt durch jene Hoffnung, jenen Glauben:
daß Pestalozzis Methode den hohen Wünschen Ew: Durchlaucht
entspreche, wage ich in tiefster Ehrfurcht eine zweite Bitte:
Senden Sie gnädigste Fürstin! einige fähige junge
Männer zu Pestalozzi und in sein Institut, beauf- /
[134R]
tragt von Ew: Durchlaucht: sich mit seiner Methode nach
allen ihren Theilen, und nach ihrem Geiste vollkommen
bekannt und sich dieselbe ganz zu eigen zu machen.- Pesta[-]
lozzis
Methode des Unterricht[s] aber besonders praktisch in
ihrem ganzen Umfange so zu erlernen, daß sie ganz
fähig sind: sie wieder, freithätig und lebendig durch Lehre
und Unterricht im Vaterlande Andern [zu] lehren, sie an-
wenden und außer sich rein und in ihrem Zusammen-
hange darstellen zu können.
Wählen Sie erhabene Regentin! zur Ausführung dieses Auftrags
junge unverbildete einfache Männer, von starkem und natürlich
gutem, gesundem Verstande aus, von liebenden Gemüth mit brü-
derlicher Menschlichkeit, mit dem thätigsten und kraftvollsten
Willen, dasjenige darzustellen was ihre Seele erfüllt.
Durchlauchtigste, gnädigste Fürstin! lassen Sie unser Vaterland
nicht das letzte, nein! lassen Sie es das erste seyn, welches sich
der Einführung Pestalozzis naturgemäßer Unterrichts-Methode
erfreut, daß es leuchte vor den benachbarten Ländern, daß die
Nachbarn die Bewohner desselben doppelt glücklich preißen,
welches sie jetzt schon wegen der erhabenen Regentin thun,
durch welche diese regiert werden. Gönnen Sie, Ihren Unter[-] /
[135]
thanen den Stolz: daß die Erhabenste Verehrteste Regentin ihnen
das höchste beste Geschenk gab was dem Menschen jedes Standes
nur immer werden kann: naturgemäße Erziehung!
Ruhig erwarte ich das Schicksal meines Volkes aus Ewr.
Durchlaucht Hand; obgleich über das Schicksal Tausender und
über das Heil von Generationen dieser Tausende entschieden
werden soll, denn es liegt in der Hand einer menschlich fühlenden,
einer, ihr Volk ihre Unterthanen mütterlich liebenden ädlen
Fürstin.
Schweigend, von der tiefsten Ehrfurcht für die Erhabenste
Regentin, die huldvollste Allverehrte Fürstin meines Vaterlandes
erfüllt, trete ich demuthsvoll zurück.
Durchlauchtigste, Gnädigste Fürstin Regentin!
Eurer Hochfürstlichen Durchlaucht
getreuester Unterthan

Friedrich Wilhelm August Fröbel,
jüngster Sohn ersterer Ehe des verstorbenen
Pfarrers zu Oberweißbach: Joh. Jacob Fröbel,
Erzieher der drei Söhne des Herrn Georg von Holzhausen in Frank-
furt am Main, gegenwärtig in Yverdun.

Yverdun
am Neufchâteler See
am 1sten Mai
1809.