Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 21.5./23.5.1809 (Yverdon)


F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 21.5./23.5.1809 (Yverdon)
(KN 12,4, Brieforiginal 4 B 4° 16 S., ed. H I, 13-28 u. mehrfach zit.)

Yverdun am 21. Mai 1809.
Leider erhälst Du geliebter Bruder die Dir in den letzten Brief zu übersenden versprochenen Briefe Bücher um 8 Tage
später als ich glaubte, da der Drucker dieselben um so viel später lieferte. In dem so eben geöffne-
ten Packt erhälst Du demnach,
1., Ein Exemplar Pestalozzische Wochenschriften 1. u. 2. Bd.
2., Lienhardt und Gerdrut [sc.: Gertrud] von Pestalozzi (Als Lesebuch fürs Volk abgedruckt) Ein Exemplar
3., Wie Gerdrut ihre Kinder lehrte von Pestalozzi 1 Exemplar.
4., Die Elemente des Zeichnens nach Pestalozzi von Schmidt 4 Exemplare.
5., Die Elemente der Form und Größe nach Pestalozzi von Schmidt 2 Theile 4 Exempl.
6., eine Abhandl. über die Gesangbildungslehre. 7[.] Eine der[g]l. über das Rechnen. 8[.] Ankündigungen.
Über ihren Gebrauch habe ich Dir folgendes zu sagen. Um Pestalozzis liebenden Sinn, und
Pestalozzi in seinem Wollen, und in seiner Achtung des Volkes kennen zu lernen
um sein Streben im allgemeinen, - auch die niedern im Volk zur Erkenntniß
ihrer hohen MenschenWürde zu bringen - <kennen> zu würdigen bitte ich Dich, zuerst Lienhardt
und Gertrud
zu lesen. Mehrseitigen Nutzen wird es Dir bringen wenn Du mir diese
Bitte erfüllst, und auch in einer trüben Stunde in einer niedergedrückten Lage wird
es Dich aufheitern und Deinem Geist neue Kraft zum Gegendruck, Deiner Seele Frohsinn
Deinem Gemüthe Ruhe, und Deinem ganzen Wesen gestärkte Kraft zur Erringung Deines
Lebenszieles geben.- Bei der Überschickung dieses Buchs hatte ich noch einen zwei-
ten Zweck von dem ich wohl wünschte d[a]ß er erreicht werden könnte. Ich glaubte
nämlich, daß Du es mehreren der brävsten Männer, Mütter Deiner Gemeinden
zum Lesen mittheilen solltest, damit auch diese, durch die Achtung die Pestalozzi
dem gedrückten rechtschaffenen Niedern erweißt, Pestalozzi mit Liebe und Acht-
ung zu Pestalozzi erfüllt werden mögten. Ich kenne die Kultur Stufe Deiner
Gemeind[e]s Glieder zu wenig als daß ich über die Unfehlbarkeit meines Wunsches
entscheiden könnte, allein lieb, sehr lieb wäre es mir, wie ich unten noch be-
stimmter aussprechen werde, wenn mein Wunsch erfüllt werden könnte. Wie ich
OWB verlies so existirte daselbst eine Gesellschaft gebildeter Einwohner
sollte eine änhnliche [sc.: ähnliche] solche SonntagsGesellschaft in Deinen Gemeinden existiren,
so würde es sehr für meinen Zweck seyn, wenn man Lienhardt u. Gertrud
darinne vorlesen könnte. Um Dich persönl. zum Lesen dieses Buchs aufzumuntern
sage ich Dir, daß Du oft Vorfälle aus Deiner Amtsführung in Eyba (wenn ich
nicht sehr irre) treffend geschildert finden wirst.
Wie Gertrud ihre Kinder lehrt: Obgleich dieses Buch besonders in Hinsicht auf die
Ausbildung und Entstehung der Idee des Pestalozzischen Unterrichts das wichtigste
Buch ist, und ob es gleich jeder studiren muß der tiefer in Pestalozzis Wollen
eindringen will, so rathe ich Dir doch jetzt noch nicht jenes Buch zu lesen, da
es oft dunkel und verworren geschrieben ist, so wie bei dem Niederschreiben
jenes Buches noch selbst in Pest. Geist die Idee seiner UnterrichtsMethode
noch dunkel und verworren lag. Die Gründe die mich bestimmten Dir dennoch
dieses Buch bei zu legen sind verschiedene. Einmal ist es das Hauptbuch /
[1R]
was Pestalozzi in Bezug auf seine Methode schrieb, und alle seine besten Ideen sind darinne
wenn auch oft dunkel niedergelegt. Zur Erkenntniß Pestalozzis individuellen Wollen
und Streben ist es also unumgänglich nöthig. Die Zukunft könnte vielleicht seinen
Gebrauch im Vaterland fordern, ich überschicke Dir es daher bei dieser Gelegenheit,
weil es nicht mehr im Buchhandel zu haben ist und man es in der Schweiz selbst
schon um das Doppelte kauft, damit Du im Besitz wenigstens der Hauptmittel zur
Vorbereitung zur Verbreitung und Einführung der P-schen Methode bist, damit, wenn
sich jemand an Dich wenden, wenn Deine Freunde, Obern rc von Dir <Aufklärung>
und Rath fordern Du ihnen denselben wenigstens durch Lehnung der Schriften nützlich
seyn kannst.
Außer dem dem Dir hier überschickten Buche: Lienhardt u. Gertrud existirt noch
ein zweites Volksbuch Pestalozzis, und [sc.: um] das Volk und den Landmann empfänglich
für einen bessern und naturgemäßen Unterricht zu machen, der Titel ist:
Christoph und Else, ein Volksbuch in 3 Bänden. Ich selbst besitze es nicht, sonst
hätte ich es Dir überschickt, auch ist es hier nicht zu haben. Sollte es einer
Deiner Freunde zu haben wünschen so müßte man sich an Orell und Füßeli in
Zürich direkte wenden, durch die gewöhnl. Buchhandlungen wird es schwer zu bekommen
seyn. Vielleicht kann ich es Dir und Deinem [sc.: Deinen] besten Freunden wenigstens in einiger
Zeit zum Lesen mittheilen.
Die Andern Dir überschickten Schriften sind wesentlich zu kennen nöthig um den
Standpunkt zu erkennen auf welchem so wohl jetzt die Methode in ihrem Wesen als die einzel-
neln Mitteln [sc.: einzelnen Mittel] zu ihrer Darstellung (einzelnen Unterrichtsfächern)
steht. Ich würde mich um Deinet- um meinet- und um der Sache und um
unsers beiderseitigen Zweckes willen außerordentl. freuen, wenn Du Dich wenig-
stens einigermassen mit diesen Dir überschickten Schriften bekannt machen könntest.
Hauptsächl. empfehle ich Dir, und ich bitte Dich sehr meinen Wunsch zu erfüllen,
recht sehr empfehle ich Dir die Vorreden zu Schmidts Schriften zu lesen.
Der zweite Zweck warum ich Dir diese Schriften überschicke ist der: leider
lieferte noch bis jetzt der Drucker die Velin Ausgaben der Schmidschen Schriften nicht und deßhalb werde ich vielleicht kaum in 14 Tagen die Pestalozzischen
Schriften an unsere gnädige Fürstin und an den He. S. Schwarz absenden können.
Ginge es nun an daß Du dem He. S. Schwarz aus Deinem eigenen Antrieb,
und durch Dich selbst und ohne mich weiter als daran Antheil habend, zu nennen
ein Exemplar der Schmidtschen Schriften mittheilen könntest, vielleicht blos
indem Du es ih sie ihm lehntest, so geschehe mir ein großer Gefalle. Sollte
er vielleicht auch die Wochenschrift nicht besitzen - (die er übrigens so
wie die Fürstin auch durch mich erhält) so könntest Du ihm ja auch diese lehnen.
Ein drittes Exemplar der Schmidtschen Schriften (die Elemente des Zeichnens,
der Form u. der Größe) sind für den Bruder in Osterode bestimmt; es wäre
mir lieb, wenn Du ihm dieselben so bald als möglich durch die Post überschicktest.
Jetzt etwas über die Vorbereitung zur Einführung der Pestalozzischen Methode im Vater- /
[2]
lande.
Zuerst ist nöthig, daß das Volk wenigstens vom Daseyn und Existiren eines Pestalozzis und
seines Wollens und Strebens etwas erfahre, wenn auch nur im allgemeinen unter
der Form einer neuen Lehre. Ob man im allgemeinen dafür oder dawieder gestimmt
ist dieß thut dem, wer das Volk kennt nichts zur Sache sobald es noch nicht Sache der
Publizität ist. Oft nützt das Wider mehr als das Für; doch ist es gut, wenn das Volks [sc.: Volk]
drauf aufmerksam gemacht wird, daß alles was jetzt geschieht blos aus Lieb
daß Pestalozzi die Niedern im Volk sehr achtet und liebt, und wünscht ihnen ein
zufriedenes und glückliches Leben schon hier zu zubereiten, der es wünscht sie durch Lehre
und Unterricht dahin zu bringen, daß sie sich selbst achten lehren und sich die Achtung anderer zu verdienen und zu erhalten, daß sie lehren,
sich in allen Umständen des Lebens selbst zu rathen und zu helfen, und nicht nur
sich allein sondern auch ihren Nachbar ihren Gemeindsgliedern und allen die Hülfe
Rath, Trost und Unterstützung bedürfen und so Liebe zu nehmen und zu geben,
daß Pestalozzi sie durch Lehre und Unterricht dahin führen will, daß sie
alle gemeinsam ihr Bestes erkennen, ihnen durch Lehre und Unterricht er-
kennend zu machen, daß in der Wahrheit und eigentlich daß vollkommene
Gute des Beste des Einen auch das wahrste Beste des andern und aller ist, da-
mit sie in der Zeit der Noth nicht von einanderlassen, sondern einander ge-
meinsam unterstützen, und der Wille des Einen dann der Wille aller ist,
und so jederzeit Einer für Alle und Alle für Einen stehen. Daß Pestalozzi[s]
festes Streben sey den Eltern durch Lehre und Unterricht ihrer Kinder, ihnen
die Achtung Liebe treue Kindessorge bis in das späteste Alter und bei der
größten Unvermögendheit zu sichern, dagegen den Kindern rechtschaffen
sorgende Eltern zu bilden, deren höchster Wunsch ist, daß ihren Kindern
möglich werden möge durch Lehre u Unterricht besser und in allen guten Geschickter zu werden
und daß sie alles anwenden diesen höchsten Wunsch
ihres Elterlichen Herzens zu erfüllen, daß Pest. Lehre Eintracht und
Friede in die Familie bringen Kindes- und Eltern Treue und Eheliches Glück
Vater- und Mutterfreuden ihren Verehrern schenken wird man ihnen dieß
zwar erst sagen, aber auch so gleich thätigst arbeiten daß sie die Be-
weise des Gesagten wenigstens im <Keinen [sc.: Keimen]> in der Blüthe sehen, so
werden sie, selbst der Niedrigste Ärmste, selbst die Gattenlose Mutter
im Druck ihrer Leiden das Streben des große liebenden Mannes im Herzen
bewußt oder unbewußt für die Darstellung seines Zweck[s] handeln.
Dein Zweck muß zunächst sein Geliebter Bruder, wenigstens Pestalozzi[s]
Namen auszusprechen, als einen Freund der Bauern und des Landmanns
des Volk[es], der Stifter einer einfachen reinen das Herz und den Geist stärken[den]
Lehre, oder wie der StandPunkt Deiner Pfarrkinder es erfordert, ihnen den-
selben kennen zu lehren, der in allem was er denke und thue am mehresten auf
dem Niedrigsten und Verlassensten Dürftigsten sehe, und Tag u Nacht sänne stets dar- /
[2R]
auf sänne wie er denselben durch Lehre u Unterricht helfen könne. Zu diesem End-
zweck hätte ich gewünscht, daß Lienhardt und Gertrud in die Hände einiger Deiner recht-
schaffensten Gemeinde Glieder käme, oder daß es sogar in einer Gesellschaft wo mehrere
derselben vereinigt wären vorgelesen würde. Doch über den Werth und den Gebrauch
dieses Vorschlages lasse ich Dich sorgen, nur das Resultat ist mir wichtig: daß
daß man Pestalozzi so viel als möglich und ihn als
einen Freund des Volks kennen lerne, als Freund
der Niederen Ärmsten.
Dieses Kennen Pestalozzis kann seine Wirkung nicht verfehlen, denn ich weiß
daß früher schon Liebe Anhänglichkeit Achtung im Herzen meiner teuern Lands-
leute für Gellert u Rochow wohnte die doch nicht so unmittelbar auf die
Niedere Volksklasse und zur Verbesserung ihres Zustandes wirkten. Daß Du
von nun an unablässig in Deinem Kreise zur Erreichung jenes Resulta-
tes wirkst hoffe und erwarte ich in mehrseitiger Hinsicht von Dir, als
Volkslehrer, Verwahrer des Guten, Arbeiter für Menschenglück, und als
Bruder.
In Stadtilm muß es jetzt unter den Bürgern manchen achtungswerthen
Mann geben. Ich erinnere mich vieler derer die mit mir die Schule besuchten
wo ich mich nicht sehr irre so müssen zu den besten jungen Bürgern Stadtilm[s]
jetzt gehören Röhr (auf den Holzmarkt) drei bis vier Schöniger (der Kirche gegen
überwohnend, der Schule gegen überwohnend, dann einer der zu meiner Zeit zur Miethe
und dem oberilmer Thore gegenüber wohnte) dann der Sohn des Cämmerer Jahn. Zu den
Söhnen der weniger begünstigtern Bürger die aber viel Bildungstrieb hatten gehört
ein junger Markgraf, Sohn eines Schusters in der Mittelgasse, und obiger Schöniger
die immer Freunde waren, dann ein gewisser Jeremias Jahn, Sohn eines Tuchmachers
in der Holzgasse. Zu den ältern vorzüglichern Bürgern Stadtilms gehört
so viel ich mich erinnere Cämmerer Fischer (Cämmerer Jahn ist wohl gestorben?) und
ein gewisser Heiland Lohgerber in der Gasse wo Tischler Hoffmann wohnt.
Es würde mich außerordentlich freuen wenn Du mehreren der genannten
ein Exemplar von Schmidts Schriften zum Lesen mittheilen könntest zu diesem
Zweck habe ich ein 4tes Exemplar bei gelegt. Wesentlichen Nutzen möchte
es vielleicht bringen wenn Du es zu erst Herrn Cämmerer Jahn Fischer mit-
theiltest, ihn bätest es bald zu lesen und es dann so bei den vorzüglichern
der obengenannten jungen Männer zirkuliren ließest. Du kannst alle von
mir recht freundlich und herzlich grüßen, denn ich habe sie alle sehr
lieb.
Was ich Dich hier bitte ist alles zu einem Ganzen berechnet und es wird
mir außerordentlich lieb seyn, wenn davon so viel als möglich ausge-
übt werden kann. Bei allen diesem darfst Du wenigstens im Anfang
der Einführung der Pestalozzischen Methode keinesweges gedenken, /
[3]
noch weniger sogar den Wunsch: daß sie eingeführt werden möchte aussprechen,
denn dieß würde wenn nicht alles, doch vieles vereiteln, jener Wunsch
muß wenn auch unbewußt im Gemüthe derer auf welche Du wirkst ent-
stehen, und zu seiner Zeit muß dieser Wunsch geweckt, gestärkt und sogleich
genährt und erfüllt werden. Du theilst jene Bücher ihnen nur geschichtlich
mit, Du bemerkst den Eindruck und darnach handelst Du. Ist Traugott
wie ich ihn mir wünsche so könnte dieser vieles Gute stiften. Doch unten werde
ich mich noch besonders an ihn wenden.
Zur Bearbeitung der Stadtilmer und zur Vorbereitung derselben für die
Einführung der P-schen Methode habe ich noch einen zweiten Plan.
Die Waldbewohner, Rudolstädter und Königseer müssen jede auf ihre eigne
Weise behandelt werden.
Beiliegend erhältst Du eine Abhandlung über die Pestalozzische Gesangbildungs
Lehre von einem der ersten Componisten und Virtuosen - Nageli in Zürich
der diesen Theil des Unterrichts, die Bildung für Gesang gemeinschaftl. mit
Pestalozzi hier und Pfeiffer in Lenzburg ausarbeitet.
Diese Abhandlung, bitte ich zuerst Dich, zu lesen, dann theile dieselbe mit
meinem freundschaftl. Gruß dHe. Sup. Scheer in Stadtilm mit. Sollten noch
die Conzerte in Stadtilm existiren oder sonst Mus eine Musikalische Ge-
sellschaft so wäre es mir sehr lieb, wenn sie öffentlich in derselben abge-
lesen werden könnte. Der erste Theil ist zwar wissenschaftlich und in der
Wissenschaftssprache geschrieben, doch werden die Zuhörer vielleicht ahnden
was der Verfasser will, der zweite Theil möchte aber desto leichter ver-
ständlich seyn. Es wäre deßhalb vielleicht gut wenn der Vorleser den ersten
wissenschaftl. Theil überschlüge. Zur Vorlesung der ganzen Abhandlung
bedarf es 1½ Stunden, so würde dann noch eine Stunde nöthig seyn.
Zugleich erhälst du mit diesem Paket, mehrere Exemplare der
Ankündigung der P-schen Gesangbildungslehre. Würde jene Vorlesung
wenigstens einige von der Vortrefflichkeit der Pest. Gesangbildungs
Methode überzeugen so würde es mir lieb seyn wenn einige solche
Ankündigungen in Stadtilm z.B. mit der National Zeitung für die
Deutschen zirkulirten. An den He. S. Scheer möchte ich einige Bitten
thun erstlich 1) Sich der Subscriptions Sammlung zu unterwerfen,
2tens einige Exemplare der Pestalozzischen Ankündigungen mit seiner
Empfehlung nach den Thüringer Wald zu schicken, und auch dort zur
Subscription aufzufordern.
Den zweiten Gebrauch oder ersten; besser glaube ich aber den zweiten
Gebrauch den [ich] wünsche daß Du von jener Abhandlung machen mögtest ist, daß
Du sie dem He. Sup. Schwarz in K. mittheilst. Ich leg Würde sich /
[3R]
dieser der Sup für die Subscription bestimmen so glaube ich würde dadurch etwas
gewonnen seyn, besonders wenn er es zur Inspections Sache machte; ich lege
deßhalb für dens. 4 Exemplare Ankündigungen bei.
Durch einen Deiner vorigen Briefe hast Du mir gesagt einmal daß Du jetzt in Oberilm
einen fähigen und thätigen jungen Mann zum Lehrer hast, in Deinem zweiten, daß Du jetzt un-
abhängig von Deinem Schwiegervater das Schulwesen leitest. Ging es nicht an lieber
Bruder daß jener Schullehrer einen Versuch entweder mit einer Abtheilung in der
Schule, oder mit einigen die er besonders auf seinen Zimmer lehrte machte, nach
P-s Methode zu lehren?- Du könntest ihm die ihm nöthigen Schriften z.B.
über Formen u. Größenlehre die am faßlichsten Geschrieben sind, und worinne
der Unterricht bei Selbsttrieb und Lust leicht ist, geben um sich erst selbst und
dann einige seiner Schüler unterrichtete [sc.: zu unterrichten]. Es könnte vielleicht viel nützen
wenn dieser junge Mann sich bis etwa in drei Monaten schon etwas darinne
geleistet und Schüler aufzuweisen hätte welche für die Sache durch die That
spräche[n]. Würde sich dieser junge Mann zu einem Versuch verstehen, am
glücklichsten wählte er zu demselben das Rechnen, so würde ich ihn unterstützen
wo ich könnte. Würde es diesen jungen Mann aufmuntern so könntest Du ihm die Schmidtschen Schriften schenken, ich wollte Dir das Exemplar bald ersetzen.
In der Stadtilmer Colaborater Classe
liesse sich viel machen wenn der jetzige
He. Superint. Scheer dafür stimmte. Mann
könnte den Anfang mit dem Rechnen, dann mit den deutschen SprachÜbungen
machen, Formen- und Größenlehre würden die Unterrichtsstunden den Kindern
zu stunden des Vergnügens machen. Wer besorgt jetzt diese Classe?-
Läßt sich von ihm etwas erwarten?- Könnte ich die Stadtilmer Schule organi-
siren es ließe sich viel in derselben thun, besonders da man in derselben nicht
nöthig hat alte Sprachen zu treiben wodurch viel Zeit gewonnen würde. Ich
kenne, nachdem wie die Schule zu meiner Zeit stand keine, in welcher mit
mehr Glück die P-sche Methode allgemein eingeführt werden könnte. Du
sagst sie ist gesunken, dieß ist wichtig denn vom mittelmäßigen trennt der
gewöhnliche Mensch sich schwer aber vom schlechten - dieß flieht er doch.
Für d[en] He. Cantor Methf. erschien der Himmel auf Erden wenn er wisse wohin
man Schüler in der Musik nach P-s Methode bringen könnte. Würde ich dem
Herrn Cantor Methfessel aussprechen können mit welcher Achtung die Bearbeiter
der Pestalozzischen Gesangbildungslehre für die Thüringer Cantoren für ihre
Bestreben für die Verbreitung und Würdigung der Musik erfüllt sind
gewiß würde derselbe alle seine Unversiegbare Kraft zur Ein-
führung derselben anwenden.
In diesem Augenblick erhalte ich eine Abhandlung von Schmidt
über das Rechnen. Rechnen oder Zahlenverhältniße dargestellt für
Lehrer Elementar Lehrer und Mütter. Wie ich eben Deines Lehrers /
[4]
in Oberilm und der Schule in Stadtilm dachte wußte ich nicht bestimmt
ob ich sie noch jetzt erhalten würde deßhalb erwähnte ich dieser Ab-
handlung oben noch nicht.
Ich werde mich augenblicklich setzen um jene Abhandlung Dir abzuschreiben
gieb sie dann Deinem Schulmeister in Oberilm daß er sich dieselbe
abschreiben [sc.: abschreibe]. (Wenn es nöthig ist lasse es auf meine Kosten abschreiben
ich werde es berichtigen.) Wäre es möglich daß nicht nur er diese An-
weisung in seiner Schule gebrauchen anwenden könne, sondern daß sie auch in
der Colaborater Klasse in Stadtilm angewendet würde so wäre
ich sehr glücklich. Sollte in Stadtilm nichts für die Sache geschehen können
so theile, so bald Du oder Dein Schulmeister eine Abschrift dieser Ab-
handlung hast dieselbe dem S. Schwarz in K. mit. Mir für meinen
Zweck aber ist es höchst wichtig daß in Deiner Schule in Oberilm so
viel als nur immer möglich von der P-schen Methode eingeführt
werde.- Auf alles was Du nur einfach besitzt, so wie z.B. auf die
beiden Abhandlungen die Du hier erhältst mußt Du Dir immer das Besitzrecht
vorbehalten. Du magst sie auch mittheilen wem Du willst denn es fäl[l]t
außerordentl. schwer hier etwas zu erhalten weil jeder das Seyne
sehr in Ehren achtet und weil die Zeit zum Abschreiben zu edel ist
und weil man höchstens gegen außerordentl. Bezahlung jemand findet
der etwas abschreibt.
Jetzt einige Bitten an den Bruder Traugott, von deßen Bruderliebe ich
bestimmt hoffe und erwarte daß er mir dieselbe[n] erfüllt.
1. Wünsche ich zu wissen wie groß unser Vaterland hinter u vordere
Herrschaft ohngefähr an Quadratmeilen sey.
2) Wie viele Einwohner beide Theile zus. ohngefähr haben.
3) In der vordern Herrschaft wie viel Schullehrer in derselben
seyn mögen
4) wie viel LandGeistliche oder Pfarreyen und wie
5 wie viel Inspectionen oder Diecösen [sc.: Diözesen].
Außer diesem [sc.: diesen] 5 Fragen wünschte ich noch die beantwortet:
Ob man in dem Distrikt den er durch seine jetzige Praxis kenne
das Bedürfniß des bessern Unterrichts fühle ob die Väter auf
dem Lande mannigmal sagen: "Nein so kann es mit unsern Kinder[n]
nicht mehr gehen
" oder ob auch dem Landm[ann] die Erziehung seiner Kinder
gleichgültig ist.
Die Erfüllung dieser Bitten an Bruder Traugott erwarte ich bestimmt von demselben /
[4R]
da sie mir wichtig ist, so wie überhaupt alles was ich sagte zu meinem be-
stimmten Ganzen und Plan berechnet ist.
Nun noch ein Wort an Dich innig geliebter Bruder! Vielleicht antwortest
Du mir auf alles was ich sagte - und ich nehme es Dir nicht übel wenn Du mir
so antwortest: Was Du bittest, willst, hoffst erwartest ist zwar alles
gut aber Du machst bei allem diesem so viel Forderungen an mich die ich in
meiner Lage und Verhältnissen unmögl. erfüllen kann.
Bruder lieber Bruder! ich fühle tief die Gegründetheit dessen was Du
sagst, allein bei allem diesen kann ich meine Bitten nicht zurücknehmen
vielmehr müßte ich, wenn ich glauben könnte daß Du nicht zur Erfüllung
derselben strebtest sie mit innigster Bruderliebe wiederholen, denn die
Zeit fordert das Handeln des Mannes und läßt nicht einen Augenblick
ungenutzt entfliehen. Auch ich bin diesen Forderungen diesen unerbittlichen
und und erläßlichen [sc.: unerläßlichen] Forderungen der Zeit unterworfen, und kann und darf
nicht anders handeln als ich handle. Bruder Dein Verhältniß drückt Dich
oft tief nieder auch mich ich Bruder leide oft unaussprechlich alle Kraft
in mir ist erschöpft, und ich glaube der Last dessen was ich zu tragen
habe erliegen zu müssen, noch vor wenigen Tagen verlebte ich einen solchen
Tag wo Dumpfheit alle meine Sinne gefangen genommen hatte, und ich den
fürchterlichsten Lebensdruck empfand; dumpf und leidend die Leiden zu
tragen schien mir das einzige Rettungsmittel jede Arbeit eckelte mich an
doch warum will ich diese traurige Lage schildern, in die Erde hätte ich mich ver-
senken mögen. So lebte ich bis am Abend, da faßte ich Muth dem was
mich drückte in die Augen zu schauen. Ein Gedanken zum kräftigsten Entge-
genwirken zum Handeln und zum Wirken fürs Gute und da wo es die
Zeit fordert und nöthig ist erfüllte meine Seele. Dieser Gedanke
der selbstthätigkeit erhob mich über mich selbst und die Fesseln die mich
vorher gebunden hielten lagen zu meinen Füßen, die Dumpfheit
meines Geistes war entflohen - ich, lebte, wirkte handelte wieder.
Ich dachte meines Zweckes alles was mich an der Ausführung desselben
hindern wollte schien mir unendl. nur klein, und nichts war
mehr im Stande meine innere und äußere Thätigkeit zu hemmen.
So Bruder wirst auch Du in der Thätigkeit für die Vorbereitung
eines naturgemässen Unterrichts Froh[s]in[n], Heiterkeit der Seele und
des Geistes empfinden, die Dich niederdrückenden Lasten die Du doch
nicht entfernen kannst werden ihre Schwere verliehren, sie werden
für Dich nicht da seyn Du wirst über sie erhoben stehen, Du  /
[5]
wirst das Glück Deines Lebens in der Erfüllung Deiner höhern Vaterpflichten
Deines Volkslehrers Berufs empfinden, so werden im Vergleich mit Deinen
höhern Zweck alle Leiden - auch die, die oft des Menschen ganzes Wesen zu
zernichten drohen - endlich in Nichts verschwinden, als kaum der Bemerkung
werth erscheinen.
Überlasse Dich innig und hochgeliebter Bruder einmal dem hohen Gedanken, den Menschen
in ihrer jetzigen unaussprechlichen Bedrängtheit beizustehen ihnen zu helfen wo Du
kannst, wie ein neuer besserer beseligter Mensch wirst Du in Deinen Ver-
hältniß wandeln Gattin Kinder Bruder Pfarrkinder alles wird Dir ganz an-
ders erscheinen; Kraft unaussprechliche Kraft wird Dich erfüllen, die Liebe
die aus Deinem [sc.: Deinen] Augen strahlt wird wo Du erscheinst Thaten thun die Wundern
gleichen. Die Last des Erdenlebens ist von Dir gewichen Du lebst in einem höhern
bessern Beruf.- Doch was spreche ich. Erfahrungen erzähle ich Dir die ich an mir
machte, nie war ich glücklicher als wenn ich das Denken an das drückende
was mich oft im Leben bald zu Boden drückte mit Kraftvollen rastlosen
Handeln mit einem Handeln zu einem ewigen unsterblichen Zweck vertauschte
je mehr ich handelte, je kräftiger ich Hindernisse bess besiegte desto glücklicher
war ich.
Wo ich Möge ich nimmer den Leiden [der] Welt einen solchen Eindruck mehr auf mich erlauben
daß ich der Dumpfheit Preiß gegeben werde, oder meine höchste Pflichterfüllung
darinne suche die Leiden zu tragen, sie geduldig aber ohne sie von mir abzu-
wenden zu tragen; <Nun> die Leiden die uns drücken gehören der Erde an aber sie sind
die Wegweiser zum thätigsten kraftvollsten Handeln für Menschenwohl.
Sey nicht traurig daß Du nicht so viel wie Du möchtest und solltest für Deine
Kinder handeln kannst. Im engern Kreis versagen Hindernisse Dir die
Erfüllung der Pflichten die Dir die höchsten sind, tritt heraus aus jenen beschränkten
Kreis wirkte Gutes für die Gattung Mensch, und in reichen Seegen werden
die Früchte Deines Handelns auf Deine Kinder und die Kinder Deiner Kinder
zurück fallen; Im engen Kreis drängt sich Schranke auf Schranke, tritt
heraus, Dein Amt fordert dieses heraustreten, Dein Handeln schafft Segen
Bumen, Früchte folgen ihnen, in diese von Dir und durch Dein Handeln
geschaffenen Gefilde führe auch aus ihrem Beschränkten, und Hindernißvollen
Kreis Deine Kinder heraus, im [sc.: in] Monaten, Wochen, werden sie jetzt er-
starken an Leib und Seele, und sich besser und natürlicher entfalten als
wenn ein Jahr Du unter Hindernissen und häuslichen Sorgen Du für ihre
Erziehung mit Zusetzung Deiner Gesundheit und Versagung der Lebensfreuden
gewirkt hättest. Das Menschengschlecht steht höher als der Mensch, allein
jenes ist wie
wichtig ist jetzt unmittelbar auf die zu wirken, die eingreifen
in die Zeit und selbst bilden die Zeit, Wirke Du jetzt für das Ganze,
der Dank wird seyn, daß das Ganze für Dich und Deine Kinder wirken
[5R]
wird
 / , und sage Bruder wo wird mehr wo wird besseres für Deine Kinder
geschehen die Du unendlich liebst und die mir bei allem was ich denke und thue
und deren Zukunft mir bei allen meinen Handlungen vor Augen steht, wo wird
mehr und besseres für Deine Kinder geschehen, wenn Du als einzelner unter
bedrängten Verhältnissen und Umständen für ihre Erziehung und Ausbildungen
wirkst oder wenn diese Erziehung und Ausbildung Deiner Kinder die ganze
MenschenGattung in ihrer unendlich[en] Freiheit übernimmt
. Was ich hier sagte
ist tief gegründet und wahr, möchte es auch Dich in seiner ganzen Wahr-
heit erfüllen, möchte es Dich bestimmen: - Deine Kraft dem Ganzen
so viel Du nur kannst zu widmen in der unerschütterl. festen Überzeugung
daß auch Deine Kinder zu diesem Ganzen gehören und daß Du so auch für
Deine Kinder wirk[s]t. Hundert ädle Männer denken und handeln wie
Du, also wirken auch Hundert und mehr ädle kraftvolle rüstige von
Liebe zur That getriebene Männer zum Wohl Deiner Kinder.
Bist
Du im Stande Deinen Kindern in Deinen Verhältnissen besonders zu geben was Hundert ädle Männer
in freyem unbeschränk-
ten Handeln für dieselben thun werden?- Bruder bedenke was ich
sagte prüfe ob es nicht wahr ist.- Bruder wirke jetzt zur bessern Er-
ziehung zunächst unserer Mitmenschen Landsleute wo Du kannst, sie, wir alle, unsere Kinder
bedürfen es, Bruder ich will Bürge seyn, daß Deinen Kindern 100fach
ersetzt werde was Du jetzt in dem Du fürs Allgemeine wirkst
ihnen entzieh[s]t. Bruder ich will Bürge seyn, und gewiß Du kannst mir
trauen ich habe schon manches schwere im Leben versprochen und gehalten, daß
ich will Bürge seyn, daß das Ganze Deinen Kindern und mit Z das was Du für
das Ganze jetzt thust mit Zinses Zinsen zurück bezahle. Nun unterstütze
mich jetzt in meinem Streben, wirke zur Verbreitung der P-schen Metho-
de wo und wie Du kannst.
Solltest Du das Exemplar der Schmidtschen Schriften welches ich für den Bruder
Christian
in Osterode bestimmt hatte vielleicht zunächst zu Deinem Zweck
gebrauchen, so behalte es; er braucht es so nöthig nicht und ich will ihm
ein anderes schicken.
Sollten sich in Deinen Gemeinden unter Deinen Bekannten in Stadtilm Liebhaber
zu Pestalozzischen oder Schmidtschen Schriften finden, so melde mir ohngefähr
die Anzahl Exemplare die nöthig seyn mögten. Die Elemente des Zeichnens
der Form- und der Größenlehre kosten 54 gr. mit den Zeichnungen und Figuren.
Ich werde die Einrichtung treffen, daß man sie von Rudolstadt erhalten
kann.

Am 23ten Mai. Seid [sc.: Seit] vorgestern habe ich für Dich die Abhandlung von Schmidt geschrieben.
Ich freue mich sehr sie Dir zu schicken, und bitte Dich sie bald zu lesen, da ich über[-] /
[6]
zeugt bin daß sie Dir vieles Vergnügen machten, und Dich mehr über das wesentliche
der P-schen Methode belehren wird, als leider das, was Du von mir darüber ge-
hört hast. Ich bin überzeugt Du wirst Dich freuen, Du wirst den Vorsatz fassen auch
Dorchen - die ich sehr liebe und freundlich grüße - so rechnen zu lehren. Möchte Dir
doch jener Aufsatz über das Rechnen so viel Freude machen daß Du Dich entschließ-
est ihn Deinen Schulmeister in Oberilm zu geben um einen Versuch zu machen
Kinder in seiner Schule darnach zu unterrichten. Möchtest Du dahin wirken können
daß man jenen Aufsatz in der Colaborater Klasse in Stadtiln benutzte. Wird
der Lehrer dort so wohl als in Griesheim in den Geist und das Leben der P-schen
Methode eindringen so werden die Rechenstunden Stunden der Freude, der Er-
holung des Vergnügens für die Schüler seyn. Ich mögte Dir wohl den erquickenden
erhebenden Eindruch gönnen, in der Schule, während dem Lehren, jube[l]nde Kinder
Kinder deren Augen voll Feuer und Freude glänzen zu treffen. Die hohe Freude
wenn der Lehrer ruft, wer weiß es? und alle rufen: Ich! Ich! Ich! oder
wer will das Exempel auflösen?- und wieder Ich! Ich! Ich! oder wenn
der Lehrer vorspricht zu zwar falsch um ihre Aufmerksamkeit zu erhalten
wie da die Knaben mit gespannter Aufmerksamkeit hören und sich schon
zum Voraus freuen den Fehler den der Lehrer macht zu finden, und ist er ge-
funden, alle rufen falsch! falsch! falsch!- Freilich wer diesen Jubel
der Kinder hört und in dem ganzen nicht lebt macht Runzeln; ich habe deren
auch gemacht, aber wenn man Kind mit den Kindern wird, wenn man
bei dem Unterricht gegenwärtig ist so verschwindet alles, denn man sieht
nicht die geringste Unordnung, bei allen dem was vorgeht die größte
Aufmerksamkeit auf den Unterricht, und was uns Runzeln machte erscheint
als das was es ist Kinderjubel. Sagt der Lehrer still, so haften Augen
und Ohren auf dem Lehrer und wie ein Geschenk - es ist wahr was ich sage
wie ein Geschenk werden die Aufgaben vom Lehrer angenommen. Manche
ziehen sich wie mit einer Beute still zurück, verarbeiten die Aufgabe
für sich und sprechen nicht eher bis sie es haben: ich hab's.- Kommt
der Lehrer und fragt: (denn hier hat ein Lehrer oft 3-4 verschiedene Rechen
Abtheilungen zugleich in einer Stunde, daß heißt Schüler die auf verschiedenen
Stufen stehen) fragt der Lehrer habt ihrs?- Ja ertönt, wer es hat
hebe den rechten Arm in die höhe. Da solltest Du sehen wie diejenigen
oft traurig sind die es nicht gelöst haben, und es hebt gewiß keiner den
Arm in die höhe der es nicht hat, weil er Gefahr läuft, daß der Lehrer
sagt: löse es auf! Auch das gemeinsame Sprechen ist angenehm es
ist nicht so monoton wie es den mit der Sache unbekannten erscheint; es
übt außerordentl. die Aufmerksamkeit, gedankenlos nach zu sprechen
möchte nicht leicht möglich seyn, und man entdeckt einen solchen Schwätzer sogl[eich].
Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen daß zum gemeinsamen zusammen[-] /
[6R]
sprechen große Aufmerksamkeit auf die Sache gehört, und daß das gemein-
same zusammensprechen viel zur tiefern Erkenntniß der Sache beiträgt,
weil man jedes Verhältniß welches das Wort bezeichnet Anschauen (innerl. oder
äußerl. gleich viel) und sich Rechenschaft davon ablegen muß.
Eine unaussprechliche Freude würdest Du mir machen wenn mir Dein nächster
Brief sagte daß Du wenigstens mit dem Rechnen in Deiner Oberilmer
Schule den Anfang gemacht hättest. Was könntest Du durch Nacheifrung
stiften. Wenn der Oberilmer Bauer zum Griesheimer oder N.N. sagte
mein Knabe giebt dem Schulmeister aufgaben.
Laße diese Abhandlung abschreiben, und mache daß dieselbe entweder in
Schwarzens Hand oder in die Hand dHe. v. Gleichen kommt.
Wenn es nur der He. Sup. Schwarz ehrlich mit dem Schulwesen meint ich
traue ihn [sc.: ihm] gar nicht recht, ich denke er wird keine gründliche Schulbesser-
ung wollen, er wird die alten Fehler übertünchen. Doch da sey Gott vor
ich werde auch aus der Ferne so bald ich davon überzeugt bin mit eiserner
Kraft dagegen arbeiten und, ich hoffe daß ihm dieser Betrug meines
Vaterlandes nicht gelingen soll. Ich werde auch wenn weder unsere Fürstin
noch die Vorsteher des Schulwesens sich von den [sc.: dem] Werth und der unwider-
sprechlichen Unfehlbarkeit der P-schen Methode überzeugen wollen kein
Mittel welches ich immer erkenne unversucht lassen meine Landleute
über Pestalozzis Wollen zu belehren.
Es ist wahr, die Entfernung und das völlige Alleinstehen u meine eigene
Unvollkommenheit macht mir den Muth oft sinken, oft bin ich wirkungslos
aber laß auch diese Kraft Monten [sc. vielleicht: Monate] ruhen so wird sie nur mit mehr Energie
und Gegendruck wirken.- Doch es wird gehen! Unsere Fürstin sagst Du ist
edel ist der Verehrung werth, sie will das Wohl das wahre Wohl ihrer
Unterthanen. Beglückt ist unser Vaterland sind diese Strahlen nicht Strahlen
des Wassertropfens, kommen sie aus dem innersten Selbst wie die Strahlen und
das Licht aus dem unvergänglichen Diamant.- Gut ist wenn man fürchtet und
hofft und auf beides gleich vorbereitet ist, beides mit gleichem ernsten Auge er-
wartet. Was ich begonnen habe will und werde ich vollenden.
Bei dem Lesen der Schmidtschen Schriften bedenke Bruder, daß diese
ein junger Mensch von 20 oder 21 Jahren geschrieben hat, der vor 6 Jahren noch
für seinen Vater die Kühe auf den Bergen im Voralbergischen hüt[e]te, ein
roher Bregenzwälder Bauernbub, der wenig oder nichts konnte. Dieser
Mensch wurde du[rch] Pestalozzi[s] Idee und Methode was er ist. Kenntest Du
ihn in seinen einfachen schon festen männlichen Charakter, du würdest
die größte Achtung für ihn und für Pestalozzis Methode haben.- Ich kenne
keinen Menschen von meinen Alter der mir lieber wäre als er, und /
[7]
dennoch stehen wir unvereinigt neben einander; er ist sich selbst genug, aber
nicht durch sich nur durch seinen Zweck für den er rastlos arbeitet. Wenn
wir oft zusammen sprechen, stehe ich oft in mir als Knabe vor ihm, denn sein starker
Blick durchdringt alles, aber jemehr ich Ursache habe sein[e] Höhe über mir ihn zu zu
gestehen, desto mehr fühle ich mich zu ihm hingezogen, und ich empfinde in mir wahre
Hochachtung für ihn, so finster Kalt in sich gekehrt er oft scheint, so trägt er
in sich ein Herz voll hoher Menschenliebe. Schon vor drei Jahren schrieb er mir in
mein Stammbuch: Nur wer sich selbst vergißt um andern zu leben, ist
edel groß. Und diese Worte charakterisiren Schmidts Seyn.- Möchte Schmidt
einst das Bedürfniß fühlen einen Freund zu haben und möchte er mich wählen. Jetzt steht
er (so scheints mir) allein wie ich allein stehe.
Die Abhandl. die Du hier erhältst ist im März 1808 geschrieben, sie ist lange
noch nicht vollkommen, allein in 3 Monaten wird ein Buch über diesen Gegen-
stand erscheinen, welches ihn erschöpfen wird, seit Neujahr trägt er uns
Erwachsenen schon den Inhalt desselben vor.
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Nun einige Worte an Dich an [sc.: als] Bruder! Ich sehne mich oft unbeschreiblich nach
Euch und in euern Kreis. Seid [sc.: Seit] ich Frankfurth verlassen habe stehe ich ganz allein
und ohne alle Mittheilung, denn so viele Menschen auch hier sind, so hat jeder
seine eigene gleichsam geschlossene Welt, und man hat nur gerade dann Berührungs
Punkte mit ihnen wenn wenn man in ihre Welt eintritt. Die Forderungen des Herzens
einer freyen Mittheilung seines Innern muß man entbehren; oft
lange fühlt man diesen Mangel nicht, aber je mehr man früher durch ihn die Mittheilung beglückt
wurde, desto drückender ist oft ihr Mangel, ja er drückt oft
zu Boden, so wie uns Gedanken und Ideen betrüben und niederdrücken können
wenn man sie nicht Aussprechen kann. So lebe ich mannichmal ein hohes oftmals
ein trauriges niedergedrücktes Leben, dazu kommt noch besonders, daß die Welt
seit meinen frühesten Jahren fürchterlich auf mich eingewirkt, hat und mich verdeckt
hat. Es ist unglaublich welche Anstrengung es kostet Vernachläßig[ung] und Fehler
der frühern Erziehung später unschädlich zu machen, und nach Jahre langen Kampf
und Streit sich einen Moment aus den Augen gelassen so kann man in sich
herab sinken daß man für sich selbst erschreckt. Doch es kann mich niemand
verstehen, bei dem klarsten Selbstbewußtseyn, bei steter Aufmerksamkeit
auf sich, immer seine Fehler sein Gebrechen vor Augen zu sehen und sie
nicht heilen zu können ist fürchterlich. Die Umstände haben an mir ein
Meisterstück der Erziehung gemacht, auf der einen Seite haben sie mich
vergiftet wo sie konnten, auf der andern Seite meinen Verstand
aufgeklärt, daß ich meine Gebrechen immer sehe. Doch vielleicht ist auch dieses
gut, und ich will dieses kampfvolle Leben als höchstes Himmelsgeschenk ansehen
wenn es gut ist, wenn es für andere gut wirkt; Wenige Menschen mag es geben /
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welche die Zeit mit ihren giftigen Mund so vergiftete als mich und die doch dabei
ihr volles Bewußtseyn erhielten. Damit Du mich hier nicht mißversteh[s]t und
mich nicht zu Menschen zählst zu denen ich doch den [sc.: dem] Himmel sey großer Dank nicht ge-
höre, so sage ich Dir daß ich nie etw eine Handlung gethan hab die man schändl.
und schlecht nennt allein es kann in dem Menschen der Keim zu jedem Bösen
gelegt worden seyn, der Mensch kann ohne daß je das mindeste Böse
aus ihm heraus getreten ist in stetem Kampfe mit dem Bösen seyn, und nur
seine stete Aufmerksamkeit auf sich kann ihn seine eigene, und die Achtung
anderer erhalten; Leidenschaftlichkeit, Selbstsucht (Egoismus) Eitelkeit
Oberflächlicher Sinn, vergiftete Phantasie sind fürchterliche Gegner des sich bilden-
den Menschen, des vernachlässigten und [der] doch ein natürl[iche]s in jedem Menschen
liegenden [sc.: liegendes] Streben nach Verädlung in sich trägt.
In diesem Bekenntniß von meinem Seyn hast Du Bruder den Schlüssel
warum ich mit aller Kraft für die Einwirku Verbreitung und Allgemeinmachung
der P-schen Methode arbeite. Hätte ich ein Jahr in meiner Jugend solchen
Unterricht gehabt so wären mir die andern nicht ungenutzt verflossen,
und, und die Stunden die Erholung meinem Geist und Körper seyn sollten,
würden mir nicht Stunden der höchsten Vernachlässigung geworden seyn.
Und was würde, bei den Verhältnißen unter welchen ich erzogen wurde aus mir
geworden seyn, hätte nicht ein unvertilgbares Gefühl des für [das] Gute in meinen
Gemüthe gelegen was alle Verdorbenheit der Welt nicht zernichten konnte, und
welches Gefühl später die stärke meines Geistes unterstützte, was würde
ohne jenes Gefühl ohne jenes letztes Geschenk der sterbenden Mutter aus mir
geworden seyn?- Ein schrecklicher Mensch. Durch dieses Gefühl muß
es Dir erklärbar seyn wie bei meiner Phantasie alles in mir Eingang
finden alles sich in mir eindrücken unvertilgbar eindrücken konnte und
doch nie im Leben wieder aus mir heraus trat, so muß es Dir erklär-
bar seyn wie ich bei meiner tiefsten inneren Verdorbenheit mir doch meine
Selbstachtung und die Achtung anderer erhalten konnte. Doch bei allem
diesen blieb und bin ich verdorben.
Auf dieses hier gesagte bezieht sich was ich oben sagte, daß ich aber
doch gerne und mit Gedult dieses verdorbene kampfvolle Leben ja mit
Freuden um der andern willen tragen will, wenn dadurch etwas gutes
befördert wird; denn nur der, der durch die Verdorbenheit der Welt hindurch
gegangen ist und alle ihre Folgen an sich trägt dabei aber sein Be-
wußtseyn
erhalten hat, nur der kennt das Seyn der Welt in seiner
Schrecklichkeit, nur der wird sich zum Kampf gegen den Strom der Zeit in die Schranken des Kampfes stellen, nur der, der wenn er sich anschaut /
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schmerzlich fühlend das Bild der Zeit an sich sieht und fühlt nur der wird gerne
sein Leben hingeben um die Reinheit derer zu sichern die er liebt.
Wirst Du diese einzelne[n] Scizzen meines Seyns fassen, so wirst Du mich nach
und nach in meinem Seyn und Handeln, besonders jetzt in meinem Wirken
für die P-sche Methode erkennen. Denn Siehe soll der der entweder die
Welt gar nicht kennt, oder was eben so viel ist der durch sein Hindurchgehen
durch die Welt sein Bewußtseyn verlohr, soll dieser der Welt nützen?
Die Welt ist nicht so schlecht wie ihr sagt, wird er sagen, und wenn ihm
nun die andern daß Seyn der Welt an den Fingern hererzählen, so wird
er sich aus diesen ein Luftgebäude höchstens bauen, soll er um ein Phan-
tom um etwas was nicht ist im [sc.: in den] Kampf? Von diesen ist also keine Rettung
für unsere Nachkommen zu hoffen. Von einem Engel dürfen u können wir keine
Hülfe erwarten, denn diesen muß das Unreine immer fremd bleiben.
Möge[st] Du mich nun in meinem Seyn und meinen Handeln erkennen, mögtest Du
mich nun in demselben unterstützen, mögtest Du Dich von der Wichtigkeit und uner-
läßlichkeit meines Wirkens und Strebens mit mir überzeugen.
Bruder es ist ein fürchterl. Gefühl sich in den Jahren des Verstandes, wenn
man sich von an Geist und Seele kraftvollen reinen unverdorbenen Menschen
umgeben sieht u die ihr Streben von einer Stufe der Verädlung zur andern empor
hebt, sich dann sagen zu müssen: da könntest Du auch stehen so rein könntest
Du auch seyn, so könntest Du auch kraftvoll ädel fürs Gute handeln hätte
frühere Erziehung Dich nicht verdorben, zuerst für diesem [sc.: dieses] Gefühl und vor
dem Gefühl der höchsten der inneren Sclaverey alle die zu sicher[n] die uns lieb sind
sey unser höchstes Streben.
Noch will ich Dir einen Wunsch aussprechen mittheilen den ich Dir vorhin in [sc.: im] höchsten Gefühl
aussprach dieß ist der: daß ich wohl wünsche einst von denen die ein Urtheil über
mich fällen wollen billig beurtheilt zu werden, und nicht nach dem Maaßstab
was kann, was soll der Mensch in günstigen Verhältnißen seyn.
Im Kreise Deiner Kinder mußt Du doch oft ein sehr glückliches Leben führen, es
müssen liebende gute Kinder seyn; grüße alle von mir, auch die mich nicht
kennen, erhalte mir bei meiner Pathe bei Dorchen mein Andenken. Es
würde mir ein wahres Fest seyn auf 8 Tage bei Dir seyn zu können, und
Deine Vaterfreuden mit Dir zu genießen; doch ist dieß jetzt beinahe so gut als
unmöglich (die Verhältniße müßten sich außerordentl. ändern) deßhalb bin
ich auch persönlich deßhalb beruhigt, denn einen Wunsch zu hegen dessen Er-
füllung unmögl. ist, ist Thorheit. Sage Dorchen daß ich Ihr recht sehr für ihre
mit so vielem Fleiße für mich geschriebenen Buchstaben dankte, daß sie
mir, so wie ihre Zeichnungen Freude viele Freude gemacht hätten; ich werde sie aufheben /
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und ihr auch einmal etwas zeichnen.
Was macht Traugott ist er verheirathet? Grüße Ihn und seine Frau oder Ver-
lobte herzlich von mir; auch ihren Brüdern sage meinen Gruß.
Weißt Du lieber Bruder, daß ich, wenn Du diesen Brief erhältst schon einige Tage
länger als 4 Jahre Euch sämtlich nicht gesehen habe?- Es wird sich doch
manches bei Euch verändert haben.
Wenn Du diesen Brief erhältst, hoffe ich sicher, daß Du schon eine Antwort
auf meinen vor 8 Tagen an Dich abgeschickten Brief auf die Post gegeben
hast. Solltest Du mir wieder direkte schreiben, so ist das Beste Du
schickst den Brief nach Rudolstadt, und schreibst darauf über Coburg und
Nürnberg; ich glaube nicht daß Du den Brief frankiren mußt, da von hier
aus nach Sachsen nicht frankirt wird.
In Deinem letzten Brief grüßtest Du Pestalozzi, ich laß ihm Deinen
Gruß vor, und er dankte Dir sehr freundlich und trug mir auf Dich auch
herzlich von ihm zu grüßen. Ich wünschte daß Du einige Wochen mit ihm leben
könntest. Pestalozzi hat ein selten liebendes Gemüth, und Du würdest Dich glück-
lich bei ihm fühlen.
Grüße Deine Frau recht herzlich von mir, und sage ihr, daß sie sich
wenn ich Euch einmal besuchte sie sich nur auf einen etwas verwöhnten
Schwager gefaßt machen sollte. Nochmals grüße Sie brüderlich.
Lebe mit Deiner ganzen Familie recht wohl und denkt recht oft meiner in
Liebe. Ich bin unverändert Euer treuer Bruder
August Froebel.