Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 17.1.1810 (Yverdon)


F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 17.1.1810 (Yverdon)
(KN 13,1, dat. Entwurf 1 B 8° 4 S., zit. bei Stiebitz 1913, Halfter 1931, Kuntze 1950.1952)

Nro 4.
Am 17ten Januar 1810.
Ich sollte Ihnen eigentlich heute die Fortsetzung des Unter-
richtes zum Klavierspielen schreiben; da aber in dem
was nun kommt vorausgesetzt wird, daß das Kind
schon etwas für Musik im allgemeinen und zwar durch
Gesang gebildet sey, so will ich Ihnen zuerst Ihnen die
Fragmente mittheilen die ich durch Herrn Thiriodt über
Unterricht zur Musik und zwar durch Gesang, weiß.
Als ich vor einiger Zeit Ihren ersten Brief erhielt in
welchem Sie mich aufforderten Ihnen etwas über den
Gesang Unterricht zu schreiben, sprach ich darüber
mit Herrn Thiriodt, und sagte ihm von Ihnen in
Hinsicht auf Musikalische Kenntniße was ich wußte,
und was Sie mir darüber geschrieben hatten. Er
antwortete mir darauf folgendes:
(doch muß ich vorher noch zweierlei berichtigen
einmal: daß die ersten Übungen die He. Th. mit
seinen Zöglingen vornimmt und vorzunehmen verlangt
nicht etwa einseitig abgesondert, blos der erste Un-
terricht einzig für Gesang seyn soll, nein! das
Kind soll dagegen durch diesen Unterricht im Allgemeinen blos für
den eigentlichen MusikUnterricht, also
auch für den eigentlichen Gesangs Unterricht befäh-
igt, das heißt zu einem eigentlichen Unterricht
für Gesang fähig gemacht, die dazu oder sonst
für Musik in ihm liegenden Anlagen entwickelt
werden. Als eigentlicher Unterricht zum Singen
würde dann etwas anderes, etwas mehr geregel-
tes oder bestimmteres; etwas mehr wissenschaft-
liches eintreten, wie nämlich wie ich glaube
das was Herr Nägeli will und giebt.
Wie mich dünkt soll das was He. Thiriodt
will und giebt mehr dem Kindes alter ange-
messen, es soll gleichsam vorbereitender Unter- /
[1R]
richt zu Nägeli's Gesangslehre seyn. Wenn ich
Herrn Thiriod richtig faße, so soll sein Unterricht
das Kind für Musik im Allgemeinen befähigen
entwickeln, und es für die Zukunft zu jedem Musik-
Unterricht zu dem es Anlage in sich fühlt fähig machen,
so wie dagegen was sich auch aus dem was uns
Herr Nägeli giebt deutlich ausspricht, He. Nägeli
blos die Bildung für Gesang einzig im Auge
hat.
Erlauben Sie mir daß ich Ihnen ausspreche was mir
wahr dünkt:
Was He. Thiriodt will verhält sich zu dem was
He. Nägeli will oder zur Gesangslehre wie
die Sprachübungen (ich nannte es in Adolphs N. J. Heft
den ersten Unterricht) oder mit den formellen Pesta-
lozianern zu reden wie das Buch der Mutter zum
Sprachunterricht.
oder allgemeiner
Dasjenige was He. Thiriodt will, verhält sich
zu den Elementen jeder bestimmten MusikArt, wie
dasjenige was ich [in] Adolphs N. J. Heft den ersten Un-
terricht nenne zu den Elementen der verschiedenen
ab[ge]sonderten Wissenschaften.
Für mich zur Notiz füge ich hier noch hinzu, daß
das was He. Thiriodt will, eine Ergänzung dessen
ist was ich Sprachübungen ersten Unterricht nenne.
noch füge ich für mich hier hinzu, was wie es hier
steht unverständlich seyn wird, nämlich, wenn
eine ebensolche Ergänzung für die plastische
Kunst (Zeichnen, Mahlen, Bildhauen pp.) in Be-
zug auf den ersten Unterricht gefunden ist
dann ist der erste Unterricht ganz vollständig
dann vereinigt er [in] sich die Quellen alles Wissens
und Könnens, alles Empfindens und Darstellens
[Einschub über alle Seiten, Reihenfolge 1R, 2V, 2R, 1V, 2R:]
(:Durch den ersten Unterricht soll das Kind sich erst einen Font erwerben, welcher der Bildung fähig ist, es soll durch eigene
Versuche gleichsam erst zum Bedürfniß des Unter[-]
richtes hingeführt werden und so Unterrichtsfähig
gemacht werden, ehe man es unterrichte. Der Unterricht
soll eine Erfüllung des im Kinde selbst liegenden Wunsches unterrichtet zu werden seyn, z.B. Adolph.
Über die Bildung des Inneres [sc.: Inneren] - ein Kind soll nicht alles lernen[:)] /
[2]
welches die Natur und das Wesen des Menschen
fähig ist. Dieser erste Unterricht für die plastische
Kunst ist liegt wie ich ahnde darinne; laße das
Kind durch Linien durch Materie, kurz durch was
es will nachbilden was es sieht
. Dieser Satz ist
noch rohe ausgesprochen, es muß auch zugleich noch
eine gewiße Reihenfolge gegeben werden.
Pestalozzi's Unterrichts Methode ist wahr, mehr kann
ich von ihr nicht sagen, aber sie hätte zur größten
Unwa[h]rheit zum häßlichsten Unsinn werden können
wenn man sie so wie sie uns Pestalozzi gab gleich
auf das früheste Alter angewendet hätte. Dasjenige
was uns Pestalozzi wirklich als Unterrichtsmittel
giebt, Zeichnen, Formen[-] u Größenlehre, Kopfrechnen
Nägelis GesangUnterricht darf nicht früher als
höchstens im 8ten Jahre gegeben werden, und muß
auf jeden Fall durch einen frühern lebendigern
natürlichern Kindlicheren Unterricht begründet
werden welchen ich den ersten Unterricht nenne[n]
will
, dieser Muß die Quellen alles künftigen
Unterrichts enthalten, und jeder einzelne Un-
terrichts Gegenstand, jede die Elemente einer jeden
einzelnen Wissenschaft, müssen spiegelrein
und klar und lebendig aus ihm hervorgehen.
Was ich will daß der erste Unterricht dem
Kinde sey, liegt dunkel, aber kaum heraus zu
finden, im Buche der Mütter angedeutet, aber
dort auch viel zu beschränkt, und sich selbst nicht
deutlich bewußt, sonst hätte nicht das Sce Todten
Scelett entstehen können was uns das Buch der
Mütter giebt. Aber weil doch dieser erste /
[2R]
Unterricht - es sey nun noch so dunkel im Buche
der Mütter angedeutet ist, so bleibt immer das
Buch der Mütter bei Weitem das höchste was
Pestalozzis liebendes Gemüth dem Menschengeschlecht
zur Pflege der Kindheit geben konnte.
Bin ich nun einmal so weit von dem mir jetzt vorge[-]
setzten abgekommen so will ich noch etwas zur Er-
klärung und Bestättung [sc.: Bestätigung] des Gesagten erwähnen.
Ich Sie haben mir bei nahe nichts über den Zeichen
Unterricht Ihrer S. geschrieben und es sollte mich
sehr wundern wenn ich mich deutschte [sc: täuschte]: S- der
muß es sehr häufig an Ideen zu Figuren fehlen.
Der Zeichenunterricht muß ihr oft zu wieder
seyn, in der Formenlehre wird es wenigstens größ-
tentheils sehr schläfrig hergehen. Warum bei-
des? - es fehlen dem Kinde die Anschauungen in
der Natur es fehlt i[h]m dasjenige was ich den
ersten Unterricht nenne und den ich vom 1sten bis
ins 7te Jahr oder 8te setze.
Ich kenne Mariane nur aus Schilderungen von Ihnen
allein sollte diese von Ihnen nun nach ihrem bisherigen Leben den Unterricht er-
halten, den die Sophie
bekommt, der Effect würde ein ganz anderer seyn[.]
Würde z.B. Mariane bei Ihnen zeichnen
so würde sie weit reicher an Erfindungen seyn
weil ihre Einbildungskraft reicher an Anschau-
ungen und Erfahrungen ist als die der Sophie.
[Text bricht ab]