Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karoline-Luise Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt in Rudolstadt v. 16.5.1810 (Yverdon)


F. an Karoline-Luise Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt in Rudolstadt v. 16.5.1810 (Yverdon)
(ThStA Rudolstadt, Geheimes Ratskollegium E IX 2h Nr. 1, Bl 41-43 Brieforiginal 1 B + 1 Bl 4° 6 S., ed. Zimmermann 1914, 73f. mit falscher Dat.16.3.1810; undat. Entwurf 1 Bl 4° ½ S. in BlM II, 2, Bl 3, hier: 3R.)

a) Brieforiginal

Erhabenste Fürstin-Regentin.
Daß ich abermals wage vor Ewr Hochfürstlichen
Durchlaucht zu erscheinen, kann nur durch die
strenge Forderung: daß der Mann nie aufhören
darf zur Erkennung und Verbreitung der Wahrheit
nach aller seiner Kraft zu handeln, Verzeihung /
[41R]
erhalten. Möchte sie mir von Ewr: Hochfürstlichen
Durchlaucht werden!
Seit, Allverehrte Fürstin Regentin! Ihre Liebe
zu meinem Vaterlande und das hohe Streben: die
Bewohner desselben durch naturtreue Erziehung
und Unterricht bleibend zu beglükken, mir den
kühnen Muth gab: Ihnen die wesentlichsten pr[ak-]
tischen Schriften über die theilweise gefundenen
und noch zu findenden naturgemäßen Unterrich[ts-]
mittel in tiefster Ehrerbietung zu überreichen,
ist der, die Zahl betreffende Theil, durch den S[chö-]
pfer der Zeichen- Formen- und Größenlehre tiefer,
erschöpfender, freyer und umfaßender bearbeitet
worden, als dieß in den früher, durch einen G[e-]
hülfen und Freund Pestalozzis erschienenen Zah[len-]
verhältnißen der Fall ist.
Ich bitte: Ewr: Hochfürstlichen Durchlaucht: auch [die-]
se, über die Zahl als Bildungsmittel, von Herrn
Schmid erschienenen Schriften, zu höchster Prüfung/
[42]
ehrerbietigst überreichen zu dürfen.
Wenn diese Schriften die beengten Grenzen und
die fesselnden Formen der früher erschienenen Zahlen-
verhältniße verwerfen, und sich einen neuen,
dem freyen Geiste der Menschennatur würdig-
ern Weg bahnen, wenn diese Schriften dem Men-
schen Mittel an die Hand geben, die in ihm lie-
gende Gotteskraft selbstthätig zu entwickeln und
erstarkend zu machen, ohne durch äußern Zwang
in dieser Entwikkelung und Erstarkung gehemmt
zu werden, so bitte ich Ew: Durchlaucht, hierinne
nicht ein Schwanken in der Idee, in den Grundsätzen des
naturtreuen Unterrichtes, noch ein Schwanken
in den Mitteln selbst, sondern vielmehr die ewig
tiefe Begründetheit und Wahrheit jener Ideen und
Grundsätze zu finden, die demjenigen, der in sie
eingedrungen und von ihnen ergriffen ist, den
Weg bis zu der höchsten Ausbildung bahnt, die
unsere Natur, in ungeschwächter Kraft, fähig ist.
Die Form war und ist jetzt das Wesen der Methode
nicht: sie mußte jetzt schon theilweise, und wird /
[42R]
einst, wie jede andere Form die ihr Zeitalter und
ihre gebietenden Bedingungen, nothwendig hat, g[anz]
untergehen. Doch wenn anders die Idee, durch welche
jene Form da ist, in den Geist der Menschennatur
eingedrungen und von dem Wesen derselben ergriffen,
gedacht worden ist, so wird sie, nicht gebunden an
Zeit, Ort und Form, unvergänglich fortleben und sich ins U[n-]
endliche fortbilden.-
Auch die Formen, welche jetzt noch die Schriften Sch[mids] charakterisiren sollen vergehen, ihre Bestimmung
ist: Selbstvernichtung!- Dazu haben sie einzig ihr
Daseyn erhalten. Aber den Mensch soll in der [An-]
wendung, im Gebrauche, durch den Geist durch w[elchen]
sie da sind, zu der Kraft erhoben werden: sie, [durch]
sich selbst zu vernichten, die - ihm durch diese[lben]
gesetzten Grenzen - selbst zu zerbrechen, und [in]
den Stand gesetzt werden: auf den künftigen Stuf[en]
durch sich selbst freyere, höhere, der Menschenn[atur]
würdigere Bildungs-Mittel, in der Natur zu find[en.]
Diese Sichselbst-Vernichtung - /:künftige Unzuläng[lich-]
keit:/ - ist der einzige Zwekk aller der, dem M[enschen] /
[43]
jetzt unter bestimmten Formen und in eingeschränk-
ten Grenzen gegebenen und noch gegeben werdenden
Unterrichts- und Schulmittel; und es darf nie ein
anderer seyn; denn ist er erreicht, so hat der
Mensch sich selbst wieder gefunden und seine hohe
Natur erkannt. Der Vater ist dann wieder ganz
Vater, wie die Mutter ganz Mutter ist; beide sind
Kinder der Natur und Gottes und sein guter Geist
wird sie leiten. Über das Beschränkte der Form
sind sie erhaben: sie haben, das Leben gewonnen,
und so sind sie im Besitze der Quelle, von welcher
alle Kunst und alle Regel ausgeht, und zu der alle
Kunst, alle Regel und Form, wenn sie wahr ist -
zurück führen muß.-
Das nächste Werk was in Kurzem von Herrn Schmid
erscheint, ist: Die angewandte Zahl, d.i. die Zahl
aufgefaßt und angeschaut im Leben, /:nicht benannte
Zahl:/.
Eben so wird später von demselben die angewand-
te
Formen- und Größenlehre, d.i[.] die Form- und
Größe angeschaut und aufgefaßt im Leben, in den /
[43R]
Beziehungen in welchen der Mensch sich in dieser
Hinsicht überall und im Allgemeinen befindet,
erscheinen. Die Elemente jeder einzelnen realen
Wissenschaft - /:die der Mensch im Allgemeinen, n[icht]
bedarf:/ - in so fern der Gegenstand ihrer Betrach[tung]
Form und Größe ist, werden dann hierdurch beg[rün-]
det und gehen hieraus hervor.
Ich theile die hohe Freude der Edlen meines [Va-]
terlandes: daß es noch immer Ewr: Durchlaucht
fester Entschluß ist, in demselben die Erkennung
und Einführung eines naturgemäßen Unterrich[ts und]
Erziehung zu unterstützen, und bin, durchdrung[en]
von dieser Freude, mit tiefster Verehrung
Erhabenste Regentin!
Ew: Hochfürstlichen Durchl[aucht]

treuer Unterth[an]
August Fröbel

Yverdun
am 16ten May 1810/.·.

b) Entwurf

Eben so wird später von Schmid die angewandte Formen[-]
und Größenlehre
, d.i. die Form und Größe angeschaut
und aufgefaßt im Leben in den Beziehungen, in welchen
der Mensch sich in dieser Hinsicht überall und im Allgemein.
befindet erscheinen die Elemente jeder einzelnen realen Wissen-
schaften (der Mensch im allgem. <nicht> bedarf), in so fern der Gegenstand ihrer Betrachtung Form und Größe ist, werden dann hierdurch diese angewandte Form u Größe begründet und gehen hier aus ihnen hervor.
[Text bricht ab]