Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt am Main v. 5.6.1810 (Yverdon)


F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt am Main v. 5.6.1810 (Yverdon)
(BN 492, Bl 3-4, dat. Entwurf 1 B 8° 4 S., zit. Halfter 1930. 1931 u. Stiebitz 1913)

Am 5ten Juny.


Gnädige Frau;

Ich habe gestern Ihren Brief vom 29sten May
erhalten. Aufrichtig gestehe ich, daß nachdem
ich fünf Jahr so lange mit der größten Aufrichtigkeit
unter Ihren Augen gehandelt habe, daß ich
gerade in dem jetzigen Zeitpunkt, und unter
den Umständen unter welchen und wie ich jetzt
als Erzieher Ihrer Söhne handle, daß ich in
Rücksicht auf alles dieses jetzt keinen solchen
Brief von Ihnen erwartet hätte, als der
letzte ebengedachte ist, welchen Sie mir
schreiben. Doch das Schicksal fand, um das
Maß meiner Erfahrungen ganz voll zu
machen auch dieses nöthig, und ich ehre es.
Seyn Sie versichert gnädige Frau: ich habe
mir nicht nur wegen meinem Handeln son-
dern so gar wegen den gverborgensten <mir>
meiner Gedanken keinen Vorwurf weder vor Gott noch der Welt zu
machen; aber ich habe gegen die Schwächen des Alters eine
Nachsicht gehabt, wegen welcher ich mir,
in so ferne sie in derselben gegen alle Natur, sich der für Wahrheit und Recht em-
porstrebenden Jugendkraft
entgegen stämmt
und in so ferne sie, diese Schwäche des Alters, die ihr
anvertrauten Menschenkeime einer himmelschreienden Vernachlässig[un]g hingiebt
- aber wegen welcher ich mir Nachsicht
die Schwächen des Alter[s] habe ich mir oft Vorwürfe gemacht.
Deshalb Bald nach meiner Rückkehr nach
Deutschland, werde ich öffentlich meine Recht-
fertigung
gegen die Anschuldigung P[estalozzis] u. seiner Freunde
schreiben, und Sie werden darinne
über mein Handeln als Erzieher gegen P[estalozzi] völlig beruhigt /
[3R]
werden, Sie werden es von einer Seite sehen
wie Sie es bis jetzt noch nicht kennen, bis dahin
kann ich nichts sagen als das Pestalozzi sich
mit größtem Unrechte gegen mich beschwert.
Würde ich als Erzieher Ihrer Söhne nur in einem Punkt noch
weniger streng gewesen seyn als ich bis es war, so würde ich ihnen [sc.: Ihnen]
wortbrüchiger und das wollte ich nicht. Wegen meinem Handeln
als Privat Person bin ich nur mir Rechenschaft schuldig.
Sie haben an H. Pestalozzi geschrieben ich
kann nichts darüber sagen es liegt außer den
Grenzen meines Urtheils, aber leid, sehr
leid würde es mir thun, wenn Sie in jenem
Brief jene eine Meinung, geschweige ein
Urtheil über mein Betragen und mein
Handeln ausgesprochen hätten. IMein
Handeln ist vor Gott gerecht und wenn alle
Welt es verdammen könnte, das Urtheil dar-
über habe ich nunmehr in die Hand des
unerbittlichen Schicksals gelegt, es entscheide,
ich kann Dir folgen, ich müßte denn meine
Selbstständigkeit verläugnen nicht mehr
aufhalten.
Der Kampf der Männer für Wahrheit ist ein fürchter-
licher Kampf
, ich habe was kommen wird
geahndet, ich habe alles gethan um den Sturm
vor Ihnen gnädige Frau vorbey zu führen;
ich habe Sie so weit unterrichtet als nöthig
war[um] haben Sie haben mir nicht geglaubt daß
kann ich ist dieß thut mir leid aber es ist nicht meine Schuld.
Sie wissen gnädige Frau wie sehr ich
Ihre Handl[un]g[en] verehre und hochachte, um so /
[4]
weniger kann ich mich über den Gedanken beruhigen
daß jener Brief an P[estalozzi] ein Urtheil
über mich u. von mir enthalte welches man vielleicht
öffentlich gegen mich gebrauchen könne
und gegen welches ich mich ebenfalls öffent[lich] rechtfertigen
werde müßte. Doch <der    > Jedermann
würde dadurch überzeugt werden, daß
kein anderes Interesse mich je an die
Erziehung Ihrer Söhne band als d[a]s künftige
Wohl derselben bleibend zu begründen,
daß alles mein Handeln gegen Sie gnädige
Frau, keinen andern Grund keinen
andern Zweck hatte als Ihre Bitte
zu erfüllen Ihre Sie bey der Erfüllung
Ihrer Pflichten als Mutter, so wie in
meinen Kräften stand und durch alle die
Mittel die in meiner Gewalt waren Hand lagen
leitend zu unterstützen.
Ich überdenke alles, mein Handeln, habe
es sehr oft prüfend überdacht und ich
bin mir keiner Schuld bewußt, und
wenn alle Welt mich verdammen sollte.
Ich bin unvollkommen, aber nicht schuldvoll.
Ich ehre mit der tiefsten Ergebung die
Wege durch welche d[a]s Schicksal die Menschen
zu ihrer vollkommenheit [sc.: Vollkommenheit] führt. /
[4R]
Es kostet manchen harten manchen bittern
Kampf ehe der Mensch sich selbst ergreift
ehe er zurückgeführt wird auf in sich selbst
ehe er auf sich selbst ruht, aber hat er
endlich durch alle die fürchterlichen Stürme
des Lebens sich selbst gewonnen, so sind
die Mühen die Beschwerden des Lebens
von ihm gewichen sie brechen sich
an ihm wie die Wogen des vom Orkan
gebeitschten [sc.: gepeitschten] Meeres am Felsenrif[f], er< ? >
ist sich treu.
Gleich ruhig ist der Mensch in dessen Innern
vollstes Vertrauen auf Gott kindliche Hingabe
in seinem Willen herrscht.
Sie wissen gn[ädige] Fr[au] was ich als das eigentl[iche]
Wesen des Menschen erkenne. Was ich je darüber
aussprach sind nicht Worte die der Wind verwirft
mes ist meine feste Überzeugung, es
[Einfügung:] in der ich nur leben mag,
es lebt in mir
u. ich habe es <nur in mein[em] Handeln gegen P[estalozzi]> vergessen in meinem Handeln
gegen P-
. Jene Überzeugung leitet
alle meine Handlungen gegen die Menschen[.]
Jene Kraft verehre ich in tiefster Ehrerbietung
in Ihnen gnädige Frau, und ich bin fest überzeugt
sie wird sich durch Stürme des Lebens von menschl[ichen] Mängeln geläutert
einst als göttl[icher] Friede in Ihrem Innren offenbaren
A Fröbel

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