Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Georg von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 11.6.1810 (Yverdon)


F. an Georg von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 11.6.1810 (Yverdon)
(BN 494, Bl 63-67, dat. Entwurf, zit. Stiebitz 1913, 79f. 82f.)

Am 11ten Jun. 1810.

Yverdun Nro. 21.
Gnädiger Herr
Ich habe Ihnen nicht wie ich versprachen
letzten Freytag geschrieben. Erlauben
Sie mir daß ich Ihnen eine ganz kurze
Scizze, in welcher ich nur einige der wichtig-
sten Punkte bemerke, von den Umständen
Verhältnißen und Einwirkungen mache in
welchen ich seit einigen Monaten hier
lebe und wirke.
Sie wissen gnädiger Herr welches außer-
ordentliche Zutrauen ich zu Pestalozzis
Wollen un[d] Thun als Direktor des hiesigen Instituts hatte, Sie wissen wie
ich alles aufboth Ihre Zweifel dagegen
zu lösen und bey zu legen, Sie wissen gnädiger
Herr welche Hoffnungen und Versprechungen
ich Ihnen noch von den [sc.: dem] Aufenthalt Ihrer Söhne
hier in Yverdon machte selbst nachdem wir es gefunden hatten wie wir es fanden. Ich bitte Sie
gnädiger Herr alles dieß vor Ihr auf
einige Zeit in Ihr Gedächtniß zurück
zu rufen, ich bitte Sie sich des Inhalts der Briefe
zu erinnern welche ich Ihnen von hieraus
schrieb.
[Bleistiftsatz vom Rand, wohl hierhin:]
Ich werde den Schleyer der
Zweydeutigkeit welchen man
so gern über meinen Charakter und
über mein Handeln werfen
mochte wegreisen [sc.: wegreißen].
Ich bitte Sie der kühnen außerordentl.
Verantwortung zu gedenken zu
welchen [sc.: welcher] ich mich gegen Sie mündlich und
noch von hier aus so oft schriftl. verpflich-
tet habe kurz alles dieß in seinem
ganzen Zusammenhang bitte ich Sie sich
vor Augen zu stellen, jetzt von mir
zu hören was ich that um die Pflichten der großen
Verantwortung die ich auf mir [sc.: mich] genommen
hatte zu erfüllen, und dann
einige der Handlungen P-s zu beurtheilen die
er sich gegenwärtig ------- erlaubt
und [zu] prüfen ob ich nicht genöthigt bin
so zu handeln wie ich in der Zukunft
bestimmt handeln werde.
Einige Monate lebte ich hier in
Yverdon in der festen Hoffnung in
dem unerschütterlichen Glauben /
[63R]
[auf Rand neben dem folgenden Absatz]
Ich bitte Sie diesen Brief Ihrer Fr.
Gemahlin zu geben um mir [sc.: ihr] durch
diese außerordentl. schwache Scizze zu zeigen wie
leicht mir eine Verantwortung ge-
gen alle gege mir gemachten An-
schuldigung werden wird.
das [sc.: daß] Pestalozzi die Versprechen erfüllen
werde die er nicht nur uns, sondern
allen Eltern in Bezug auf das Institut
gegeben hatte. Jene Monate ver-
strichen, anstatt ältere Fehler
abgeändert zu sehen traten neue
Verbrechen ein. Ich dachte der
Verantwortung die ich nicht nur jetzt
Ihnen sondern später Ihren Kindern
schuldig sey, ich empfand tief die
Forderung meine Pflicht zu erfüllen sprach
laut in mir, ich schwieg nicht mehr[.]
Ich wandte mich wegen mit der Bitte um der [sc.: die] Abstellung
der Mißbräuche an wen ich nur
konnte, und namentlich an Pestalozzi
ich stellte ihnen ihre Unordnung in den
Klassen das Mangelhafte ihres
Unterrichtes, ihrer Disciplin, die
Vernachlässigung der religiösen und sittl.
Bildung vor, immer Versprechen und
dann und wann Abänderung im Einzeln[en]
aber nie eine radikale Verbesserung[.]
Jetzt riß mit einem male eine
so außerordentl. Unordnung in den
Unterricht in der dritten Klasse ein
daß ich es nicht mehr aus ertragen
konnte schon hatte ich mich gegen
einzellne [sc.: einzelne] Lehrer darüber [aus]gesprochen
da aber alles nichts mehr helfen
wollte, so sahe ich mich öffentl.
genöthigt aufzutre[te]n. Das sämtl.
Lehrer personale hat nämlich alle
Sonnabende abends eine Versamml.
worinne ich sie über die Mängel
und Verbrechen des Instituts und
der Zögl. sprechen (:dieß ist die
pädag[og]ische Gesellschaft deren ich auch früher
dachte wenn ich von den Vorzügen /
[64]
der Einrichtung in dem Ifertschen
Institut sprach, und von welcher
ich so viel erwartete, es ist wahr
was darinne gesprochen ausgemacht
u. festgesetzt wird ist oft sehr gut
allein dabey bleibt es auch, es
werden Gesetze pp auf Gesetze
gemacht, das neue verdrängt das
alte und von alle dem was festge-
setzt wird, wird kaum der 30ste Theil
ausgeführt:) In dieser Versammlung
sprach ich frey und offen, worüber
ich klag
meine Klagen wurden vor
dem versammelten Lehrer Personale
wahr gefunden, und provisorisch
eine ganz neue Einrichtung der 3ten Klasse
gemacht.
Ein Hauptgegenstand meiner dort-
maligen Klage war auch der Religions-
unterricht; da ich dem [sc.: den] Lehrer
den [sc.: dem] für die Zukunft der R. U. in
dieser Klasse übertragen wurde
nicht diesem Fache gewachsen hielt,
so that ich Fritz welcher in dieser
Kl. war in d. R. U. zu Karln in
die 5te Kl. wo He. Niederer R. L.
war.
So ging es einige Zeit so zieml.
ich hoffte wieder aber wurde wieder
gedeutscht [sc.: getäuscht].
Seit einiger Zeit waren Comittees
errichtet worden dieß waren
Ausschüsse von Lehrern, die über
die beste Einrichtung einzelner Fächer bestimmen
sollten.
So gab es auch eine religiöse [sc.: ein religiöses]
Komitteé. Ohne Pest: jetzt mich mehr
an einzelne zu wenden sagte ich P.
eines Tages daß ich vor diese [sc.: dieses]
Komittee kommen und mich beschweren /
[64R]
(würde. P. erlaubte es. Ich
sprach jetzt hier vor einer Versamml.
von wenigstens 20 Personen, frey
und offen wie ich dachte aber stark
und bestimmt. Hauptsächl. sprach
ich gegen He. Niederer. Am Ende
Nach dieser Versammlung sagte P.
einmal zu mir: Ihr habt Recht
in allen [sc.: allem], was ihr sagtet, He. N.
sieht es auch ein, nur hättet ihr
nicht so stark u. heftig sprechen u ihn schonen sollen er ist krank pp[.]
Nein sagte ich He. Niederer sieht
es nicht ein. Pest: gewiß sieht er
es ein ihr werdet es sehen, er
arbeitet jetzt an einer allgem:
Verbesserung des R. U. u Es ist
wahr nach einigen Wochen kam
diese zu stande; doch sahe ich
wieder mich genöthigt bey P.
zu klagen, die Anwort [sc.: Antwort] übergehe
ich jetzt, da es hier der Ort nicht
ist sie aus einander zu setzen doch geschieht es sicher an einem andern Orte[.]
So war ich genöthigt über mehreres
zu sprechen, um nur alles Gute
was ich wünschte das ihre S meine
Zögl. von hier mit zurück bringen sollten
mußte ich durch ununterbrochene[s]
Streiten erwerben, ich wandte
mich an einzelne wie ich sahe das [sc.: daß]
P-- nicht das Ganze beherrschte
da er doch einzig mir hätte sagen
sollen die Forderung der [sc.: die] ihm übertragen
zu befriedigen, ich bat wo ich durch Sie als Vater bevollmächtig[t] hätte fordern
können.
[links neben dem letzten Absatz:]
ich bitte in 8 Tagen an-
fragen an zu dürfen was beschl.
wird damit ich meine Einrichtung dar-
nach treffen kann
Da ich sahe daß alles mein Handeln
Bitten Fordern Streiten nichts half
zog ich mich in aben [sc.: eben] dem Maße
von Pest: und seiner Frau
zurück als ich vorher liebend /
[65]
und zutrauensvoll gewesen
war, ich empfand die Verant-
wortung die auf mich wartete
ich wollte und suchte die Forderungen
derselben durch mich selbst zu
erfüllen, ich weiß was ich that,
mein Körper war nicht immer stark genug es zu tragen er unterlag oft. Ich
habe nie geklagt, unter alle dem
Kampf trat keine Bitterkeit über
in dem Urtheile aus dem Inst: hervor.
Immer erhielt ich mir die Hoffnung er [sc.: es]
wird doch noch gut gehen. Was
ich mühsam erkämpfte gab stellte
ich Ihnen freudig als aus dem Geiste
des Inst: hervorgehend dar.
Ich war glückl. Ihnen etwas
gutes von dem Institut schreiben
zu können und ich ließ keine Ge-
legenheit vorbey gehen die es mir
möglich machte, ob es gleich eben
so wahr ist, daß ich Ihnen aber auch nie
etwas Gutes Vortheilhaftes v. Inst: schrieb daß [sc.: das] sich nicht auf
Thatsachen gründet.
In den Zeitpunkten wo ich Ihnen
schrieb stand das Institut immer so
vor mir wie ich es Ihnen schilderte
wo ich Ihnen am weitl. schrieb das
war gewöhnl. nach solchen [sc.: solchem] Sturm
wo entweder durch sich selbst oder durch
mein Kämpfen wieder etwas Gutes
im Inst. war. Ich war nie
weder unredl. noch unwahr gegen
Sie, Unwahrheit habe ich Ihnen
nie geschrieben das. h. [sc.: d.h.] ich habe Ihnen
immer so geschrieben wie die
Sache wie ich da das ganze Verhältniß
in dem Ihre Söhne lebten früher
und jetzt erzogen wurden [sah], und
 /
[65R]
was sie künftig in Hinsicht
auf ihre Erziehung und Unterricht
erwartete, und in Hinsicht auf
den Karakter [sc.: Charakter] und die Kenntniße
Ihrer Söhne
. Ich habe Ihnen immer
so geschrieben wie mir die
ganze Sache in Bezug und mit
Berücksichtigung alles dieß erschien.
Und ob es gleich weder hier
weder Raum noch Zeit erlaubt
so werde ich doch mich mündl.
gegen Sie wegen jeder meiner
Handlungen rechtfertigen können.
Doch ich kehre zurück; da ich
nun so sahe daß alles mein Handeln
und Streiten nichts half da ich in
der Hauptsache nichts dadurch
gewann, so zog ich mich in eben
dem Maße v. P. zurück als
ich vorher liebend u. zutrauend
war. Ich ging nur selten und
wenig zu P.:
[links neben dem nächsten Absatz:]
Ich werde der Welt zeigen wie mich
Pest: ohngeachtet seines vielen Redens
und Versprechens als Erzieher unter-
stützt, ich werde seine Antwort schreiben
die er mir gab als ich ihn einst um
einen solchen Dienst bat.
Hierzu kam noch daß ein <eigener
wirkl.> Oberlehrer am Inst: frey
und
namens Schmidt frey und
offen auftrat und selbst in
Gegenwart [von] wohl mehr als 40
Personen gegen die Gebrechen
des Inst: sprach, dem Pest: Menschen
Mittel und Wege zeigte wie
alles dieß vom Grund aus
gebessert werden könnte. Persönl.
Personen Gunst suchte ich in Yv: nicht ich wollte
Handlungen, Thaten; natürl. schloß
was ich so lange sehnl. gewünscht
hatte zeigte wollte jetzt Schmidt /
[66]
darstellen, natürl. schloß ich
mich an diesen an.
Intriquen [sc.: Intrigen]; Eingenutz [sc.: Eigennutz], Persön-
lichkeit hinderte die Ausführung des
v. Schmidt vor geschlagenen, dieß
kränkte mich nun nochmehr; ich lernte
die Triebfedern der dort vorge-
fallenen Handlungen kennen, und ich
zog mich nun ganz zurück und lebte
mit niemand in wechselseitiger
freundschaftl. Verbindung als Schmidt.
Pest: machte mir wegen meines
in mich gekehrten Lebens Vorwürfe
wie man [sie] nur gegen einem Ver-
brecher machen kann: Pest: forderte
verlangte es beywahr

nach dem alles dieß vorgefallen
nachdem ich in Bezug auf die Stelle in welcher ich vor ihn [sc.: ihm] stand so tief gekränkt war
als Schuldig-
keit von mir
:
ihn und seine Frau so wie
früher zu besuchen, freundlich
gegen ihn zu seyn als wenn
gar nichts vorgefallen sey
ich staunde [sc.: staunte] über diese Forderung
Meine ganze Natur stemmte sich dagegen ich hatte bisher geglaubt, der
Mann könne den [sc.: dem] Mann durch nichts
anders höher u eine höhere und
größere Achtung bezeigen, als
wenn er sich ihm frey zeige, wie
er wäre, und wie kann durch Schmeichel.
Hofmännischen Schein glaubte ich
dürften sich wenigstens die Menschen gegen ander[e] nicht
erlauben die Menschenerzieher
seyn wollte[n].
Aber Pest: suchte alle Mittel
hervor ge um mich gegen meine
Natur, gegen meine Überzeugung
handelnd zu machen. /
[66R]
Besonders bemühte er sich
meine gutmüthige Schwäche die
er wohl kannte dazu zu benutzen.
Dieß alles empörte mich, ich
konnte mich gegen seine Forderungen
gar nicht mehr sicher[n], ich setzte
mich setzte mich [2x mich] und schrieb ihm nach
stehendes Billet u. überreichte
es ihm selbst.
Damit war P. noch nicht
zufrieden er versuchte das höchste
er trat so gegen mich auf
daß ich ihm selbst sagen müßte
Vergessen sie doch die Achtung
nicht die Sie mir als Mensch
schuldig sind.
[links neben dem nächsten Absatz:]
Noch sagte er mir ich habe
ihn [sc.: ihm] die Liebe meiner Zöglinge
entzogen, und wie ich ihm die
Mittel raube auf sie zu wirken.
Ich sagte die Knaben sind ja ein[en] großen
des ganzen Theil [des] Tag[es] im Schloß; übrigens
u.s.w. Hauptsächl. aber wie-
derholte ich ihm was er mir
geantwortet habe als ich seinen
Rath u. seine Hülfe gefordert [das letzte Wort unter- oder durchgestr.?] habe.
Da jedes Mittel fehl schlug
da ich fest auf meinen Charakter
Überzeugung Grundsätz[en] bestand sprach
Pest: diese Worte aus:
Ich habe mich unter meine Würde
erniedrigt ich bin Ihnen nachgegangen; ich habe um Ihre
Gunst gebettelt, gebettelt habe
ich um ihre Gunst, ich habe mich
ihnen ganz hin gegeben und sie
stossen alles von sich.
Unter vielen sehr heftigen Äußerungen
P-s gegen mich wurde dieß ge-
endigt, zu letzt fragte er mich
noch was ich über N. R. U. [sc.: Niederers Religionsunterricht] dächte
ich sagte ihn [sc.: ihm] meine Überzeugung
er wurde wieder heftig und so schie-
den wir.
Außer der oben angeführten
Äußerung, außer dem, daß ich
mich auf meine schriftl. Erklärung
bezog, und daß ich sagte, die /
[67]
Zukunft würde über mein Handeln
entscheiden war ich auch bey den
heftigsten Äußerungen P-s gegen mich
im höchsten Grad ruhig.
Da ich wohl ahndete konnte
das Pest: mich bey Ihnen verklagen
würde so setzte schrieb ich mich Mondtag so gleich
und einen Brief an Sie, worinne
ich nichts sage als daß P-s man abermals
kommen und mich bey Ihnen verklagen
würde.
[links neben dem letzten Absatz:]
das
das
Als ich eben mit dem Entwurf fertig
war kam He. Mieg zu mir; ich
erzählte ihm das Vorgefallene
sagte ihm meinen Entschluß und
las ihm den an Sie aufgesetzten
Brief vor. He. Mieg sagte mir:
Sie dürfen nicht schreiben und was
hülft es wenn die Sache bekannt
wird u.s.w. ich will mit Pest:
reden. Gut sagte ich mir liegt
nichts daran nur will ich mir nicht
v He. P. vorauskommen lassen daß [sc.: das]
sich sie nach-her entschuldigen liebe ich nicht
Sie haben Recht; so schieden wir[.]
Dienstag 12 Uhr begegnete mir P.
u. sagte: ich höre Sie beklagen sich
sehr über das was ich Sonntags gesagt
habe ich nehme bis auf die Haupt-
punkte alles zurück, ich bin krank
gewesen u.s.w.
Ob ich zwar sehr wohl aus dem
Fortgang des Gespräches <sagte>
[Text bricht ab]
[67R und ein weiteres, nichtpaginiertes Blatt leer]