Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 26.6.1810 (Yverdon)


F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 26.6.1810 (Yverdon)
(KN 13,7 Brieforiginal 1 ½ B 4° 6 S.)

Am 26 Juny 1810

Mein innig geliebter Bruder;
Dein letzter Brief vom 13ten May, war und ist mir
ein wahres Himmels Geschenk, ich danke Dir von gan-
zem Herzen für denselben, und für Deine hohe brüder-
liche Liebe, mich durch denselben an Deiner Feyer Deines
jüngsten Geburtstages Antheil nehmen zu lassen.
Wenn ich einst einen Deiner Geburtstage mit Dir
feyere so soll mir dieß ein wahres Fest seyn, und
sicher eines der höchsten und theuersten, die ich noch
je feyerte.-
Von ganzer Seele danke ich Dir für alles was Du
zur Verbreitung einer bessern Unterrichts- und Er-
ziehungs weise im Vaterlande thust. Daß die
Fürstin und Deine Obern Dich schätzen wie Du es ver-
dienst, gereicht ihnen zur wahren Ehre. Wenn sie
in dieser Hinsicht anders handelten als sie handeln
würde ich sie der Unterstützung des Mannes
nicht werth halten.
Handle noch einige Monate so fort wie Du bisher
handelstest, Du wirst dann sicher Hilfe und Beystand
in einiger Zeit finden; so kannst Du es nicht mehr
lange aushalten, dieß sehe ich deutlich ein.
Im May habe ich wieder der Fürstin Regentin ge-
schrieben, Ihr ohngefähr den jetzigen Standpunkt
der Methode angedeutet, und Ihr die neuesten
Schriften von Schmid nämlich seine Elemente der
Zahl, und seine Elemente der Algebra geschickt.
H. v. Türk hatte es von hier mit genommen, und
wollte es in Rudolstadt selbst an die Fürstin abge-
ben, da er aber, nur bis Meiningen kam, so
hat er Bücher und Schreiben wie er mir sagt da-
selbst auf die Post gegeben.- Am 13ten Juny
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[1R]
habe ich Ihr zum 2ten male von hier aus durch die
Post geschrieben, und dieses Schreiben muß sie also
14 Tage früher erhalten haben als, Du diesen Brief er-
hältst. In den letzten Brief habe ich einen Vorschlag
gethan auf welchen ich Antwort erwarte. Glaube
nicht daß ich um eine fixe Stelle, um eine Anstellung
angehalten habe: wenn mein Vaterland meine
Dienste nicht als die Dienste eines freyen Mannes
will, so will ich ihm auch nicht in Fesseln dienen.
Du kannst fest versichert seyn und wenn mein Va-
terland - so sehr ich den Werth des Geldes erkenne
und leider täglich fühle - und wenn mein Vaterland
mir jährlich 10,000 rth verspräche und mich fix an-
stellen wollte, so würde ich es ausschlagen. Ich
will meinem Vaterlande gerne dienen, ich halte es für
Pflicht ihm zu dienen - wenn es anders meine Dienste
will, aber - als freyer Mann will [ich] ihm dienen, sonst
können alle meine Dienste meinem Vaterlande nie
frommen. Wenigstens sehe ich jetzt noch nicht die Zeit
ein wo ich eine fixe Anstellung annehmen könnte
und würde, und ich glaube daß sie nie kommen kann
und wird.- Der Wunsch als freyer Mann zu leben
und zu handeln, dieß bestimmte schon mein Handeln
als Knabe und werdender Jüngling. Ich wäre verach-
tungswürdig wenn ich als Mann mir diesen Preis
rauben ließe, und ich kenne keine Macht keine Ge-
walt die mir ihn rauben könnte: Weltehre! Diese
liegt tief unter meinen Füßen, diese beherrscht mein
Blick; Gunst!- Diese kenne ich - -. Geld!-
Zu meinen großen Glück bemerke ich noch mit inniger
Freude an mir, daß ich keine Bedürfnisse haben
kann; daß ich keine Bedürfnisse kenne, wenn
die /
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Umstände in denen ich lebe mir nicht erlauben sie
zu befrieden, wenn die Umstände in denen ich lebe
nicht eigentlich selbst jene Bedürfnisse fordern.
Ruhm! - Der süße Ruhm der nie verhallt
      Ist, der aus Herzen wiederschallt.-
Ich habe der Fürstin in meinem letzten Schreiben ge-
meldet, daß ich meine Zöglinge /: - weil das hiesige
Institut durch Trennung der Meinungen [sich] <auflösen> wird :/
im Her[b]ste ins elterliche Haus zurück bringen werde.
Wie ich glaube werden wir zu Ende Augusts oder
Anfang des Septembers nach Deutschland zurückkehren.
Bis zu jener Zeit muß auch von meiner Seite noch viel
geschehen.-
Von Schmid ist jetzt das angewandte Rechnen unter der
Presse, eine Schrift die ich mich freue Dir zu schicken, die
auch Dir wahre Freude machen und Deinen Schulmeistern
ein höchst erfreuliches Geschenk seyn wird. Du wirst
durch jene Schrift erst sehen wohin Schmids Rechnen
führt, Du wirst es auf einer Stufe sehen wo Du nie
ahndetest daß es stehen würde. Deine Schulmeister
werden durch jene Schrift wie neu gebohren werden, das
alte todte Regeln-wesen fällt von ihnen, sie sehen
sich im Stande die Aufgaben vor welche sie sonst
erschraken, die sie nur den Rechnern von Profession zu
lösen zu trauten, die zu lösen sie sonst wohl 1000
Ziffern zu schreiben nöthig hatten, im Kopfe diese Aufgaben
sehen sie sich jetzt fähig im Kopfe zu lösen. Und dennoch
fühlte sich ihr Geist dabey unbeschränkt, er ist kraftvoll
frey, das Formeln und Regeln wesen belastet ihn
nicht mehr. Diese Schrift muß alle kraftvollen <willigen>
Schullehrer für einen naturgemäßern Unterricht ge-
winnen, sie werden durch dieselbe in den Stand gesetzt
mit leichter Mühe Aufgaben in der Anwendung der /
Zahl auf Raum und Zeit zu lösen, die zu lösen sie nur
den Geometer und Mathematiker zutrauten, und die selbst
mancher nicht lösen konnte der doch sagte Mathem: studirt
zu haben, und doch sind alles dieß sachen [sc.: Sachen] die alltäglich
im Leben vorkommen. Ich freue mich recht sehr darauf
Dir ein Geschenk mit jener Schrift zu machen. Das was
man früher Methode nannte ist verschwunden und wird
bald ganz verschwinden. Durch Schmid hat der naturge-
mäße Unterricht eine ganz andere Richtung erhalten -
O! Schmid den 22jährigen Schmid solltest Du kennen.
Dieß ist ein ausgezeichneter Mann, ich freue mich wir
sind Freunde durch gleiches Streben, und wir werden beyde
ewig für ein Ziel arbeiten gemeinsam arbeiten, wenn
mein Wirken es einst nöthig macht, so werde ich von ihm
aus mit aller der hohen Geistes Kraft ausgerüstet werden
die mir noch mangelt. Wie viel, wie so sehr viel ver-
danke ich dem Umgange mit diesem Männe, ich verdanke
ihm, daß ich mich Deiner Achtung für immer würdig halten
darf.-
Jene Schrift wird gegen Michaelis in, Buchhandel kommen
Gegen Neujahr wird durch ihn eine höchst merkwürdige
pädagogische Schrift erscheinen. Eine Schrift welche Dir größte Sensation
welche später ein gänzliche Zurückführung des Erziehungs[-] und
Unterrichtswesens zu der Natur und Einfachheit
von der wir uns verlohren, in allen Ländern wo man
deutsch spricht, wir bewirken wird.
Das Jahr 1810 wird ein EpochenJahr in der Erziehung
des Menschengeschlechts werden wie es lange keines war.
Um Dir nur einige Andeutungen zum Überblick des
Ganzen zu geben, sage ich Dir d[a]ß Schmid später auch
eine angewandte Formen- und Größenlehre, die die
Form und Größe angewandt auf Leben ausar-
beiten wird, eine Schrift die sich ihrem Inhalte nach /
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zu der schon bekannten Form[en-] und Größenlehre verhalten
wird wie das angewandte Rechnen zu den Elementen
der Zahl.
Jetzt wirst Du bald ahnden d[a]ß die wahre Methode etwas
ganz anders ist, als das, was aus den frühern Elemen-
tarbüchern hervorging.-
In dem Schreiben an die Fürstin habe ich auch meine
frühere Darstellung der P-schen Methode berichtigt, um so
viel Zeit u. Raum nur erlaubte, gerade zu sagt [sc.: sagen]
worinne ich falsch hatte, ich muß sehr wünschen daß
man Euch die ihr als Richter über die Sache da steht eine
Abschrift jenes Theils des Briefes mittheilte, besonders
wichtig ist es, daß man sie an Thierbach nach Franken-
hausen schicke. Denn was ich im vorigen Jahre schrieb ist
noch gar zu unvollkommen
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Daß mich eine Anstellung erwartet hat, weiß ich,
ich habe die beyden Briefe vom He. v. Beulwitz in dieser Sache,
gelesen, übrigens muß dieß ganz unter uns bleiben.
Ich erwarte mit Sehnsucht H. Hofrath Axt; ich werde
mit der größten Ruhe nach meinen Kräften für die
Sache handeln; das Wenige ausgesprochene wird Dir sagen
daß ich seit der Zeit daß Du nichts von mir hörtest
wenigstens nicht ganz müßig war.
Hast Du Die Krankheit Deiner lieben Frau sgrämt mich
wirklich, Deine Kinder freuen mich. Mit Innigkeit danke
ich Dir dafür daß Du mir die Liebe meines Dorchens
erhältst und nährst ich grüße sie, gehst Du einmal
nach Stadtilm oder sonst wohin so bringe ihr einen schönen
Blumenstrauß von mir mit.
Hör Bruder, wenn Dein gutes Weib mit einem Knaben
niederkommt, und Du hast nicht schon jemand bestimmt
so nimm mich zum Pathen desselben, und Du mußt ihn
dann mir zu Liebe den Namen Herrmann geben
Daß Bruder Traugott zufrieden lebt, macht mich glücklich
nur thut es mir so leid daß er sich von uns zu trennen
scheint, mir hat er doch noch nie geschrieben; weder hat
er mir gesagt, daß er verheyrathet ist, noch daß er /
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ihm seine Frau mit einen Knaben beschenkt hat. Er glaubt
gewiß, daß ich fremd zu ihn in mir stehe, und doch ist
dieß nicht der Fall, ich liebe ihn nicht weniger
als alle meine Geschwister. Nun man muß ihn ruhig
seinen Weg gehen lassen, er wird es ja auch noch einsehen
Grüße ihn und seine Frau aufrichtig von mir.
Es thut mir recht wehe, daß ich ärmer bin als ich
ich wirklich selbst weiß
und so also nicht im Stande bin Dir Deine ökonomischen
Sorgen zu erleichtern, vielleicht bin ich einst noch so glück-
lich es thun zu können; ich habe schon recht oft daran ge-
dacht, aber Du glaubst nicht was es in gewissen Welt-
verhältnissen für außerordentle Geldausgaben kostet
um - in den Weltstrom mit fort zu kommen. Jedem
der einen freundlich an sieht muß man es bezahlen,
jeden Dienst muß man erkaufen
Mein Aufenthalt in Yverdun hat mir durch Umstände
außerordentlich viel gekostet, besonders hat meine in
der letzten Zeit so geschwächte Gesundheit diese vermehrt;
Ich glaubte in Y - höchst wenig zu brauchen und mag die
Summe nicht aussprechen die es mich gekostet hat
Vergiß mein Bruder was ich Dir hierüber sagte
es war gutgemeint allein es darf zwischen
uns gar nicht in Betracht kommen.
Ich liebe Dich Deine Frau und Deine Kinder und
grüße Sie alle.
Dein treuer Bruder
        August Fröbel

Strenge Dich jetzt nicht zu viel an, es
wird noch alles gut gehen, ich danke Dir
nochmals für alles was Du thust[.] Ich freue
mich auch über Deine Kinder und die Art wie Du
sie leitest, nur hüte sie für niedrigen Eindruck
Gott! Dieses machen sicher auf unser jugendliches
Gemüth Eindruck als wir man glaubte, und als
Männer haben wir oft noch gegen jene zu käm[p]fen
Lasse Deine Kinder lieber ganz allein, als mit Mägden pp

[am linken Rand:]
Deinen Brief habe ich erst d. 23 Juny erhalten