Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an <August/J.P.> Schwartz in Königsee v. 24.10.1810 (Frankfurt/M.)


F. an <August/J.P.> Schwartz in Königsee v. 24.10.1810 (Frankfurt/M.)
(KN 13,8 Brieforiginal 1 ½ B 4° 6 S., zit. Stiebitz 1913, 85.)

[Eingangsnotiz:] erhalten den 2ten Novembr 1810.
        Hochehrwürdiger Herr.
Hochzuverehrender Herr Superintendent!

Gegen das Ende des Monats Augusts kam ich mit meinen Zöglingen
aus der Schweiz zurück, und da mir seit Ende July keine Briefe
mehr von Frankfurt aus nachgeschickt worden waren so erhielt
ich erst hier Ihr schätzbares Schreiben. Mein Vorsatz war: es so-
gleich zu beantworten, allein die vielen Abhaltungen, die ich
wegen der Einrichtung des fernern Unterrichts meiner Zöglinge hatte ver-
hinderten mich bis jetzt daran. Ich bitte Sie deßhalb schuldigst
um gütevolle Verzeihung und hoffe sie von Ihnen.-
Die gnädigen und huldvollen Gesinnungen Ihrer Hochfürstlichen
Durchlaucht unserer verehrten Fürstin Regentin für mich, für
deren Mittheilung ich Ihnen gehorsamst danke, sind mir um
so unerwarteter und machen einen so tiefern Eindruck auf
mich, je mehr ich mir täglich mehr bewußt werde: daß
an dem Ihrer Hochfürstlichen Durchlaucht übersandten Aufsatze
über die Pestalozzische Methode und deren Anwendbarkeit, kaum
mehr als der gute Wille lebenswerth ist. Diese Nachsichtsvolle
Aufnahme des besten Willens, welcher aber in seinem Wirken so
weit hinter der Tiefe<.> und Umfassentheit zurück bleibt, welche eine /
[1R]
welche die Betrachtung einer so wichtigen in der Anwendung so folgenreichen
Sache erfordert muß mich mit dem größten Dankgefühl erfüllen
und ich empfinde desselben innigst. Dennoch muß ich, will ich
redlich seyn, aufrichtig gestehen; je mehr ich auch täglich im-
mer mehr die Unvollkommenheit meines fortmaligen Han-
delns einsehe, welches keinesweges den so wichtigen Gegen-
stand erschöpfend war, so freue ich mich doch, dasselbe nicht
bereuen zu dürfen, weil es einzig aus reiner Anhänglich-
keit an die Bewohner meines Vaterlandes hervorging, und
da ich nichts wollte als eine Sache in demselben in ernste Anregung und vor
höchste Prüfung zu bringen, die meine Überzeugung zu der-
selben ganz würdig hielt und immer mehr hält. Ich schätze
mich nun höchst glücklich, daß jener einzige Zweck welchen
ich hatte erreicht ist.
Ew: Hochehrwürden, bitte ich mir zu erlauben hier nur noch
einige Andeutung, zum richtigen Verständniß des dort von
mir Gesagten, niederschreiben zu dürfen. Bey dem was ich
dort niederschrieb hatte ich noch nicht unverwandt, klar und
deutlich genug den Grundsatz im Auge daß ehe man über
den Werth eines naturgetreuen Unterrichts im Allgemei-
nen so wohl, als über den Werth irgend einer speziellen
Methode, die sich demselben anzunähern verheißt, mit
Bestimmtheit, Sicherheit und Unfehlbarkeit urtheilen
kann, daß man wahrer klar das Wesen /:Seyn:/ und
die Bestimmung des Menschen vor Augen haben, daß man
klar das Absolute der Mittel erkennen müße, durch
welche der Mensch sich zur Erkenntniß seines Seyns und
zur Erfüllung seiner Bestimmung erheben kann, und
daß dieses frey durch den Geist erkannte und angeschaute /
[2]
Absolute des Entwicklungsganges und der Entwicklungs[-]
Mittel der Menschennatur, daß [sc.: das] einzige Prinzip seyn kann
durch welches man überhaupt das Wesen des Natur
getreuen Unterrichts bestimmen und über den Werth
irgend einer speziellen Methode urtheilen kann, welche
sich diesem anzunähern vorgiebt. Von diesem Prinzip
hätte ich in dem was ich dort sagte ausgehen und Pestalozzis
Unterrichtsmittel prüfend darlegen sollen, theils aber
bestimmten mich Gründe dazu es nicht zu thun, theils stand ich noch
nicht auf dem Standpunkt des Erkennens um es klar und deutlich
durchführen zu können. Später habe ich es für mich mehrmals ge-
than, und es ist mir nun die sich immer mehr befestigende
Überzeugung geworden:- daß, in so fern das Wesen des Men-
schen ein bestimmtes /:gerade dieß z. B. moralisch-intellektuelles, und
kein anderes:/ Seyn und Wesen ist, er sich deßhalb auch nach
bestimmten /:gerade diesen und keinen Andern:/ Gesetzen entwickelt
und daß ihm deßhalb auch ferner bestimmte /:gerade diese und
keine anderen:/ Mittel zur vollkomendsten und besten Ent-
wickelung und Ausbildung /:also Erkennung:/ seines Seyns und
zu vollkomensten und besten Erreichung seiner Bestimmung
gegeben sind, und ferner - daß diese Mittel ewig und unver-
änderlich wie das Wesen des Menschen selbst, seyen, daß sie
nicht abhängig von Zeit, Ort und Meinung seyn müßen.-
Es ist ferner meine unveränderliche Überzeugung - die mich auch
schon bey Niederschreibung jenes Aufsatzes leitete: daß, da also
nach Vorigem, das Wesen eines naturgetreuen Unterrichtes
keinesweges in der Form, sondern in dem Geiste des Unterrichts
liegt, daß deßhalb keinesweges die Pestalozzischen Formen des
Unterrichts
als solche absolute Mittel eines naturge-
treuen Unterrichts sind; daß es aber da es ferner aus[ge]macht ist, daß
der Geist durch und in Formen heraustreten muß, wenn er
wirken soll; und es daher ferner keine Form, oder wenn man /
[2R]
lieber will eine Art und Weise giebt, die dem Geist am mög-
lichst reinsten ausspricht - sich durch manche Formen reiner als durch
andere ausspricht so ist mir bis zur Zeit keine Form des Unter-
richtes bekannt aus welcher sich der Geist eines Naturgetreu-
en Unterrichtes in der Anwendung und dem Gebrauche reiner ausspreche und darstelle, als beson-
ders aus der von J. Schmid
im Geiste Pestalozzis bis jetzt vorläufig aufgestellten Behand-
lungsweise der Zahl Form und Größe.
Commentar zu dem hier Gesagten sind die Berichtigungen jener Darstellung die ich
mir erlaubte Ihrer Hochfürstlichen Durchlaucht verfloßenen Sommer
untherthänig zu überschicken und die Ew: Hochehrwürden sicher
zur Prüfung übersandt worden seyn werden. Eben so muß
ich mich hier auf das dort in Hinsicht auf Quanditative Veränder-
ung oder vielmehr Einschränkungen der naturgetreuer Unter-
richts Mittel Gesagte, beziehen da es mir hier der Raum nicht
erlaubt es auseinander zu setzen.
Bey dieser meiner festen Überzeugung von dem hohen Werthe
der uns bis jetzt gegebenen naturgemäßen Unterrichts Mittel
welcher mir durch meine täglichen Erfahrungen immer auch als
Thatsache klarer vor Augen tritt, konnte es mir nichts anders
als die innigste Freude, das reinste Vergnügen machen, daß
auch mein Vaterland wenn auch nur langsam, sich doch sicher
einstens derselben freuen wird, wovon Sie so gütig
waren mir die Versicherung zu geben.-
Doch nun zur eigentlichen Beantwortung Ihres schätzbaren
und gütigen Briefes. Gern hätte ich Ihren Wunsch erfüllt und
Ihnen ein hiesiges Handelshaus in diesem Briefe gemeldet
von welchem ich jene mir von Ihrer Durchlaucht unser verehrten
Regentin mir gnädigst bestimmten 10 Louis d'or entweder
schon erhoben hätte oder noch erheben könnte, allein ich habe
kein solches Haus finden können, da zwar hiesige Handelshäußer
von dort Zahlungen zu heben [sc.: haben pflegen], allein ich keines gefunden habe, welches /
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welches dorthin Zahlung hat. Wollen Sie die Güte haben
und mir eine Anweisung überschicken so würde mir
dieses wegen des Postgeldes am angenehmsten seyn. Das
Handelshaus welches Sie oder die Handlung in Rudolstadt
zur Erhebung bestimmen werden ist mir ganz gleichgültig
es sey Heyder, oder Metzlir oder Bothmann. Doch gestehe
ich daß es mir lieb seyn würde den Betrag in den ersten
Tagen des nächsten Monats hier erheben zu können, weil
ich in jener Zeit einen für mich bedeutenden Wechsel zu
bezahlen habe; auch muß ich bitten daß der Wechsel
auch so ausgefertigt werde, daß er hier aus bezahlt
wird; so mußte ich kürzlich einen Wechsel zurückschicken
der von Gotha aus an mich ausgestellt überschickt worden
war. Übrigens soll Vorstehendes keinesweges für Ew: Hoch-
ehrwürden bestimmend seyn, wenn es für Sie weniger beschwer-
lich wäre die Übersendung durch die Post zu wählen.
In einiger Zeit werde ich meine Pflicht erfüllen Ihrer Hochfürstl.
Durchlaucht für diesen gnädigen Beweis höchster Zufriedenheit
unterthänig zu danken.-
In meinen letzten Briefe bat ich Sie gehorsamst die Güte zu
haben, die an das Waisenhaus geschickten 100 Exemplar[e] der
Schmidschen ersten Schriften, wenn die Benutzung von dort aus
wie ich sie glaubte nicht möglich wäre, als dann die Güte zu
haben jene Bücher gegen Erstattung der Unkosten an die
Langbein- und Klügersche Buchhandlung abgeben zu lassen, Ihre
Geschäfte haben Ihnen nicht erlaubt mir darauf zu antworten
auch Ihr letztes schatzbares Schreiben erwähnt nichts davon;
mir kann es aber nicht anders als höchst wichtig seyn, zu
wissen was mit jenen Schriften geworden ist, zu mal da
/
[3R]
ich jetzt Herrn Schmid, welcher sie auf seine eigene Kosten
verlegte, Rechnung darüber ablegen muß. Herr Schmid
ist schon früher als ich von Yverdon abgegangen und priva-
tisirt gegenwärtig in München um mit mehr Muße der
fernern Ausarbeitung seiner Schriften leben zu können.
Ihn in der Ausführung seiner Vorsätze zu unterstützen muß
mir Pflicht seyn, deßhalb wünschte ich sehr ihn so bald als
möglich den Betrag jener Bücher übersenden zu können.
Ich bitte Sie daher gehorsamst mir so bald als möglich gütigst
zu melden was mit jenen Büchern geworden oder darüber
beschloßen ist. Im Fall dieselben für die Geistlichen oder Schul-
lehrer im Lande gebraucht werden können wird es mir
sehr lieb und ich würde sehr dankbar dafür seyn, wenn ich
bald eine Anweisung zur Erhebung der Bezahlung erhalten
könnte. Erlauben Sie mir nur Ihnen noch sagen zu dürfen
daß H. Schmid seinen sämtlichen Verlag verkauft hat,
und daß hier sicher jene Schriften unverhältnißmäßig theu-
er im Buchhandel seyn werden und schon sind, wovon Sie sich in
jedem Augenblick überzeugen können.- Was übrigens auch
die Bestimmung jener Schriften sey, so muß ich Ew: HochEhr-
würden recht sehr bitten mir baldigst darüber gütevoll
Nachricht zu geben.-
Was meinen künftigen Aufenthaltsort mit meinen Zöglingen
betrif[f]t, so ist es nun fest bestimmt daß ich noch da ohngefähr
nach 2 Jahren der älteste derselben auf Universitäten gehen
wird, ich bis dahin unverändert die Erziehung in dem elter-
lichen Hause beendigen werde.
Ich bitte Sie von mir die Versicherung der ausgezeichnetsten
Verehrung anzunehmen mit welche ich die Ehre habe zu seyn
Ew: Hochehrwürden
      gehorsamster Diener
            August Fröbel

Auf der Öde bey Frankfurt a/m
am 24sten October 1810.