Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 26.10.1810 (Frankfurt/M.)


F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 26.10.1810 (Frankfurt/M.)
(KN 13,9, Brieforiginal 1 ½ B 4° 6 S.)

Auf der Öde am 26sten Octobr. 1810


Mein innig geliebter Bruder.

Dein letzter Brief hat mir sehr viele Freude gemacht ich danke Dir herzlich für
denselben und für Dein brüderliches Zutrauen welches mir derselbe versichert.
Es ist und wird mir immer Pflicht seyn mich des Zutrauens welches Du mir
schenkst ununterbrochen werth zu machen. - Grüße herzlich Deine Frau von mir
und danke ihr auch ihr sehr dafür daß sie mit Dir übereinstimmte mir meinen
Wunsch zu erfüllen. Ihr habt mir durch diese Erfüllung viele Freude gemacht,
die um so mehr wächst, je mehr ich überdenke daß ich Deiner Familie nun
wieder um so viel näher gerückt bin, und weil Du mir dadurch erlaubst
so bald als ich nur kann einige Deiner Sorgen mit Dir theilen zu können. Wer
verpflichtet sich nicht gerne gegen die Personen welche man liebt, und
wer fühlt sich nicht um so mehr geliebt und dünkt sich selbst liebender
je mehr P man Pflichten zu tragen erhält, die man zu erfüllen sich fähig
dünkt. - Grüße Deine Kinder herzlich von mir, sage Dorchen daß ich mich
oft bemühe mir ein Bild von ihr zu entwerfen, und daß ich mir sie jetzt
in ämsiger Geschäftigkeit um ihr kleines Brüderchen denke, das sie recht
lieb haben soll, weil es doppelt ihr Brüderchen seye, denn es habe ge-
meinschaftlich mit ihr einen Pathen, der sie beyde sehr liebe. - Ich freu-
e mich sehr einst diese beyden Kinder zu sehen. Du schreibst mir in Deinem
Briefe daß Du mich zum MitPahten gewählt hättest in der Hoffnung daß
mir die andern Pathen lieb seyn würden; sie sind mir alle lieb, beson-
ders aber Carl, denn ich freue mich jedes Bandes was uns als Glieder
einer Familie immer näher und enger zusammen verbindet. Was ich
vielleicht früher einmal aussprach bezog sich nicht auf ihn als meinen
Bruder, sondern auf sein Handeln welches mir nicht überlegt genug schien, und
ich fürchtete. Lebt er glücklich und ist er mit den Folgen seines Handelns zu-
frieden, so wüßte ich nicht wie er dadurch meinen [sc.: meinem] Herzen fremder ge-
worden seyn sollte, deßhalb freue ich mich daß Dein brüderl. Zutrauen
uns beyde als umschlingt. Grüße Karln gelegentl. herzlich von
mir und sage ihm daß ich ihn [sc.: ihm] für die Bekanntmachung seiner Verhey-
rathung danke; sprichst Du seine Frau so empfiehl mich derselben.-
Von mir kann ich Dir in der Hauptsache wenig schreiben. Bisher war
noch mannigmal ein Schwanken in mir: ob ich mein jetziges Verhält-
niß nicht früher oder später abbrechen sollte, jetzt aber bin ich fest
bestimmt, daß ich meine jetzige Stelle wenigstens nicht früher verlassen werde; bis
ich einer ganz sorgenfreyen Zukunft mit Sicherheit entgegen sehen /
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kann, überdieß bindet mich auch ein aufs neue den Eltern meiner Eleven nach
meiner Zurückkunft aus der Schweiz gegebenes Wort. Wir wer-
den nun sämtlich noch so lange im elterlichen Hause zusammen bleiben
bis der Älteste hinlänglich zur Universität vorbereitet ist, dieß
hoffe ich soll bis Michaelis 1812 statt finden. So lange bleibe
ich nun sicher in Frankfurt. - Ich gestehe daß mir früher der Gedanke
außerordentlich viel Freude machte unmittelbar und persönlich in
und für mein Vaterland zu handeln, und ich wirkte denn auch in jener
Freude für diesen Zweck. Zwar bereue ich keinen einzigen meiner des-
halb gethanenen [sc.: gethanen] Schritte, vielmehr würde es mir außerordentlich
leid thun irgend einen nicht gethan zu haben, dennoch danke ich sehr
dem mich immer so gütevoll leitenden Schicksale, daß es meinen Wunsch
nicht erfüllt hat, denn ich würde mich, wie ich jetzt das Ganze ein-
sehe und erkenne sehr geteuscht gefunden haben, weil man mich nicht
verstanden hat auch in der Zukunft schwerlich verstanden haben würde
denn mir lag weder Anstellung, noch Brod, noch irgend ein anderes
persönliches Interesse, als allein die Sache am Herzen, und ein solches
Betragen ist besonders unter bestimmten Umständen schwer zu begreifen.
Auch gestehe ich ganz aufrichtig, daß ich immer mehr einsehe, daß ich nach
dem mir selbst gemachten und in mir liegenden Maasstabe, noch nicht
fähig war, einen Wirkungskreis auszufüllen, wie der war den ich
mir dort zu zu bereiten strebte. Doch genug, ich freue mich und bin in
meinem Innersten höchst zufrieden, daß das Ganze jetzt steht wie es steht.
Jeder Mensch ist Diener des Schicksals, wird es meinen Dienst verlangen
so werde ich folgen, nur muß man nicht eher dienen wollen als man
gerufen wird, auch dann nicht mehr thun, nicht mehr dienen wollen,
als was gerade für diesen Zeitpunkt von uns gefordert wird. Jetzt
will ich streben mich immer mehr persönlich zu vervollkommenen, und
dazu finde ich täglich und stündlich ja jeder [sc.: jeden] Augenblick in meinem jetzigen
Verhältniße Aufforderung genug, mehr und strengere als in jedem
andern Verhältniße. Werde ich in mir auf der Stufe der Erkenntnis
stehen, wo ich in mir die Aufforderung finde zu stehen, und wird mein
Leben mein Handeln mit meiner Erkenntniß so übereinstimmend seyn als ich glaube
daß es bey jedem Menschen seyn soll und kann so wenn
ich so mein innerstes Erkennen und Denken und mein äußeres Leben und
Handeln in Harmonie gesetzt habe, dann ist noch immer mein fester
Vorsatz und Entschluß mich in einigen Jahren einem strengen und
ernsten Studium der Theologie zu widmen; auch in meinem jetzigen
Verhältniße werde ich als dann Mittel zur Ausführung meines Vorsatzes /
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und Entschlußes finden. - Hier hast Du also mein Bruder einen
kurzen Abriß meines innern und äußeren Stehens für die nächsten Jahre. -
Als Du mir mein Bruder nach der Schweiz schriebst, daß
mir für meine Bemühungen, wegen der Bekanntwerdung der P[estalozzi]schen
Methode im Vaterlande von unserer Regentin 10 Ld'or angewiesen
waren, gestehe ich aufrichtig daß ich keinen besondern Werth dar-
auf legte, jetzt aber nach meiner Zurückkunft aus der Schweiz
wo ich mit allem Ernste und Eifer daran gearbeitet habe und
noch arbeite, mich mit einemmale und für immer, der auf mich
sehr drückend einwirkenden Geldschulden zu entledigen, muß ich eben
so aufrichtig gestehen, daß mir jene Vergütigung meiner Auslagen
sehr willkommen ist, weil dadurch mit einemmale meine
Schuldenlast auf 100 Rheil. Gden. [sc.: Rheinländische Gulden] oder etw. 60 rth. herabsinkt, dennoch
habe ich nicht mehr als den größten Theil meines Gehaltes bis Weih-
nachten
voraus. Das Unangenehme dieser Schuld ist, daß sie Wech-
selschuld ist und daß sie bis Ende Novembr gefällig ist. Um den vieljährigen
Kampf mit diesen [sc.: dieser] vielköpfigen Hyder [sc.: Hydra] - Geldschulden einmal
und mit einem Schlage zu beendigen habe ich einen Schritt gethan, dessen
Erfolg ich von der Leitung meines Schicksals erwarten muß: ich
habe nämlich die Frau Tante in Stadtilm in beyliegendem Briefe gera-
de zu um Vorschuß dieser Summe gebeten. Die Gründe dazu sind folgende:
erstlich ist es meine letzte Schuld, und ich würde durch die Erfüllung dieser
Bitte wirklich ganz mit einemmale eine[s] Druckes überhoben, der oft meinen
Geist in der Erfüllung seiner Pflichten hauptsächlich aber in seiner Thä-
tigkeit hinderte. Zweitens und hauptsächlich bin ich mir überhaupt
bey aller meiner gehabten Schulden gar nichts böses und keine
andere Schuld bewußt, als daß sie aus dem Streben entstanden
mich auszubilden wozu ich aus Unbekanntheit oft ganz falsche oder
wenigstens wenig ergiebige Mittel wählte, sie ha so habe ich
die Erfahrung, daß es für mich unnütze sey, mich von außen bilden zu
wollen, ehe ich selbst in mir und einzig durch Aufmerksamkeit auf
mich selbst und durch mich selbst, abgesehen von jedem positiven
Bildungs- und UnterrichtsMittel auf einer gewissen und bestimmten
Stufe der Voll Erkenntniß stehe, ungeheuer theuer bezahlen
müßen, ich wollte das Widerstreben meiner Natur gegen alles
mir positiv von außen Gegebene, ehe ich diese Eigenschaft meiner
Natur noch als Widerstreben, und für mich widernatürlich er-
kannte für mich durch Durchlaufung solcher äußerer Unterrichts /
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Mittel und durch die Masse des auf mich einwirken lassenden
Unterrichtenden besiegen und überwinden, allem um sonst. Ich
muß deßhalb gestehen, weil ich von jenem Streben mich von außen
ausbilden und unterrichten zu wollen gar nicht abstehen, und meine
eigene Geisteskraft mich durch mich auszubilden und zu unterrichten
in mir selbst die Quelle alles Unterrichtes und aller Bildung finden
zu wollen können
gar nicht erkennen wollte, daß ich deßhalb außer-
ordentliche Summen mich zu unterrichten, bezahlte und bezahlen mußte
ohne daß ich je das gehoffte Ziel erreichte. Es ist also zwar wohl wahr
daß die Ursache meines bisherigen Schuldigseyns in einem ungeheuren Miß-
griffe meiner Bildungs- und Unterrichts Mittel liegt; allein diese Ursache
darf mir nicht als Schuld zu gerechnet werden, sie lag in der
Zeitansicht von unterrichtet- und gebildetseyn, in der ich geboren und
erzogen, welche[r] ich deßhalb auch meinen Zoll bezahlen mußte. Das
verscherzte und verlohrne Geld thut mir aus anderer Hinsicht sehr leid.
Noch mehr und im eigentlichen Sinne aber schmerzt mich die verlohrne Zeit,
doch bey alle diesem freue ich mich nur noch, daß ich wenigstens zum
Preis noch die Überzeugung noch die Erkenntniß meiner selbst er-
halten habe der ich mich jetzt freue. Bey dieser mir dadurch gewor-
denen Erkenntniß meiner selbst, des Stehens und der Kraft des
Menschen, bin ich bey dieser mir nun so und auf diesem Wege gewordenen
wahren Würdigung alles Äußeren alles Fremden und Fremdartigen
bin ich bey allem dem was ich an Gelde und Geldwerth verlohren habe
dennoch reich und dabey noch überdieß zur Zugabe zufrieden ge-
worden. Wenn ich alles dieß, wenn ich mein Stehen in mir, wenn ich das
Verhältniß in welchem die Tante zu mir und ich zur Tante doch stehe
zusammen faße, so finde ich meine Bitte weder unbescheiden noch ge-
wagt vielmehr hoffe ich vertrauensvoll Erfüllung derselben. Gern
werde ich pünktlich die jährigen Interessen abtragen und ich werde um
mein selbst willen Streben das Capital selbst in den nächsten Jahren
abzutragen. - Ich habe der Fr: Tante geschrieben und es ist sicher wahr
ich könnte zwar den He. v. Holzhaußen bitten mir jene 65 rth. abschläglich
auf das Vierteljahr von Weihnachten bis Ostern zu geben und er würde
es thun, aber erstens haben die Güter- und Häußerbesitzer in den au-
genblick hier so außerordentl. viel zu bezahlen, daß ich es doch billig
halte einige Rücksicht zu nehmen; zweytens habe ich d. He. v. Holz-
haußen schon so oft um Vorausbezahlung gebeten die er mir nie abgeschlagen hat, daß ich wirk- /
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lich jetzt nur mit schwerem Herzen nochmals diese Bitte thue; haupt-
sächlich und besonders aber stehen mir bis Ostern wieder bestimmte Aus-
gaben für Equipirung [sc.: Ausrüstung] bevor. Lasse ich mir nun auch jetzt jene Summe
von He. v. Holzhausen vorschießen so würde dadurch in der Hauptsache
so viel nicht gewonnen seyn, denn Ostern würde ich dann wenn auch
nicht ganz doch eines Theils wieder in demselben Fall seyn in welchem
ich jetzt bin, oder ich würde wieder zum Credit meine Zuflucht nehmen
müßen was ich da ich nun einmal, da stehe wo ich stehe nicht mehr
will und mit aller Kraft zu vermeiden strebe, denn das Cre-
dit und leicht Credit haben ist die erste Ursache zu unangenehmen
Lagen. So habe ich mir gedacht als ich jene Bitte an die Tante nie-
derschrieb und ich sage nochmals daß ich nicht fürchtete eine Fehlbitte
zu thun; ich will gerne die Interessen <arg> richtig bezahlen. Spricht
die Frau Tante vielleicht mit Dir darüber so kannst Du ihr blos
mit aller Sicherheit sagen, daß mein jetziges Verhältniß für
mehrere Jahre gewiß und fest sey. - Du wirst bald erfahren
was zu hoffen oder nicht zu hoffen ist, ich bitte Dich dann mir
auf jedem Fall recht bald Nachricht zu geben, damit ich weiß
woran ich bin. Wechselschulden müßen prombt bezahlt werden
und im Fall ich an die Fr. Tante eine Fehlbitte gethan hätte
und also in die Nothwendigkeit gesetzt würde den He. v. Holz-
haußen um diese Summe zu bitten, so könnte ich dieß doch nicht
bis auf den letzten Tag aufschieben.
Vor ohngefähr 8 Tagen habe ich dem He. Superintendent Schwarz geschrie-
ben und ich erwarte nun bald Antwort von demselben; ich habe mich
aber sehr gewundert, daß derselbe in seinem Briefe gar nichts
von der Bezahlung der überschickten 100 Exemplare Schmidts Formen-
und Größenlehre und Zeichnen gesprochen hat, ich habe ihn sehr
gebeten mir im nächsten Briefe doch etwas darüber zu schrei-
ben, ich glaube daß ihm dieß, da Du mir geschrieben hast das
Geld sey angewiesen oder würde an eine öffentl. Casse zur
Bezahlung angewiesen werden, leicht werden wird. Hast
Du etwas darüber gehört so bitte ich Dich, mir im nächsten
Briefe etwas davon zu schreiben. -
Über den Gebrauch und die Anwendung der Schmidtschen
Schriften in den Schulen, besonders auch in den Landstädten habe
ich jetzt weiter nichts zu sagen als daß ich dieselbe um so [mehr] /
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wünschen muß, je mehr die jetzige Zeit bürgerliche Verhältnisse auf-
hebt und von dem Menschen ein Auf-sich-selbst-ruhen und Verlassen auf
sich fordert. -
Von Frankfurt könnte ich Dir viel, für jetzt und auch wohl für
lange Zukunft höchst Unangenehmes schreiben, doch zu was
nützt dieß, die Zeitung wird Dir es noch immer früh genug
sagen; heute wird in allen privat Häußern die man mit Kaufleuten in Verbindung glaubt Haussuchung wegen
Colonial- und englischen Waaren gethan. Man spricht von trau-
rigen Folgen nicht blos auf die Kaufmanns- sondern auch auf alle
andere[n] Familien, denn Du weißt daß hier alles mit dem Handel
in Verbindung steht. Handelshäuser welche sonst 3-4 Ausläufer hatten
(welches Männer mit Familien sind) haben jetzt nicht für einen zu
thun. Die Deklarationen welche hier von Colonial- und englischen
Waaren gemacht worden sind, sind außerordentlich: eine Kaufmann
Berens hat für 800,000 fl. deklarirt, ein anderer blos <600,000 fl. / oder: 60.000 Pfund>
Pfeffer, jetzt sind alle Gewölbe und Läden von dergleichen Waaren
versiegelt, und aller Handel damit hat aufgehört. Das Schicksal
welches diesen Waaren bevorsteht ist noch ganz unbekannt. Von
der Entscheidung hängt die bürgerliche Existenz vieler Familien ab.
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Ich muß jetzt eilend schließen. Halte Dein Versprechen und
schreibe mir bald grüße alle die Deinen besonders Dorchen
sage Traugotten und dessen Frau herzliche Grüße.
Lebe recht wohl ich bin unveränderlich
Dein Dich herzlich liebender
   Bruder

     August Fröbel

Empfiehl mich unbekannt der meiner Frau Mitgevatterin [= Mitpatin]
der Frau v. <Henel>.