Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Juliane Müller in Döllstedt v. 3.3.1811 (Frankfurt am Main)


F. an Juliane Müller in Döllstedt v. 3.3.1811 (Frankfurt am Main)
(BN 578, Bl 20, Brieforiginal 1 Bl 8° 2 S.)

Auf der Öde bey Frankfurt a/M am 3ten März 1811.


Meine innig geliebte Schwester.

Ich will Dir nur gleich zu Anfang des Briefes, gestehen damit ich nachher
mit leichterm Herze zu Dir sprechen kann, gestehen, daß ich es tief
empfinde, daß es recht schlecht von mir ist, daß ich Dir auf Deinen
schwesterlichen liebevollen Brief noch nicht geantwortet habe. -
Auch Dir gute Schwester muß ich sagen was ich jetzt bey nicht nur
meinen andern sämtlichen Geschwistern, sondern auch andern ge-
liebten Freunden von mir sagen mußte: wenn mir nicht mein
leben und die so verschiedenartigen Umstände und Verhältniße
meines Lebens durch welche ich seit langer Zeit hindurch mußte
klar vor Augen stünden, so würde ich mich in meinem Stillschwei-
gen gegen meine Freunde über mich selbst wundern. Aber Du
kannst nicht glauben, wie die Weltverhältniße so ganz das We-
sen des Menschen in Anspruch nehmen, der von ihnen seine Existenz
erkämpfen muß. Wochen und Monate verfließen ehe Stunden
kommen, die er seyn nehmen nennen kann, ununterbrochen sind die
Forderungen die von Außen an uns gemacht werden. Denke Dir
mich nun noch von Morgen bis Abend von umgeben von 3 Knaben
die ihre Lebenkraft empfinden wozu gewöhnl. ein auch oft zwey
Mädchen kommen welche den Knaben in Hinsicht auf ihre Lebhaftigkeit
nichts nachgeben, so wirst Du leicht einsehen wie so viele
Monate verfließen konnten ehe ich Deinen lieben Brief
beantworte. - Die Empfindungen der innigsten brüderlichen
Theilnahme mit welchen ich denselben las und nach der Zeit so
oft noch gelesen habe, wolle nicht mit Worten von mir
ausgesprochen wißen. Glücklich höchstglücklich wäre ich gewesen
und wäre es noch, wenn ich auch blos auf kurze Zeit hätte
bey Dir seyn und etwas wenigstens etwas zur Linderung
Deiner vielen schmerzlichen Leiden hätte beytragen können.
Ich darf Dir sagen daß mich der Gedanke es möglich zu machen
längere Zeit beschäftigte, bis ich es endlich einsahe daß es unmögl.
war ihn auszuführen. - Gott im Himmel, der bey allen Leiden
was er uns schickt, doch liebevoller Regierer unserer Schicksale [ist,]
gebe daß dieser Brief Dich wiederhergestellt finde.
Bitte Deinen lieben Mann, mir recht bald wieder Nachricht
von Deinem Befinden zu geben, damit ich als treuer Bruder
die freudigen wie die traurigen Begegniße Deines Lebens /
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theilnehmend mit Dir theilen möge.
Vor einiger Zeit machte mich die Hoffnung daß ich Dich und Dei-
ne Familie bald einmal wieder sehen würde recht glücklich, doch
scheint es als wenn sich dieses jetzt wieder auf längere Zeit hin-
aus schieben würde. Wie Du aus dem Briefe an Deinen lieben
Mann sehen wirst, so habe ich meine Stelle als Hauslehrer
aufgegeben um in Sommer einigen Monaten nach Göttingen
zu gehen und daselbst meine Studien fortzusetzen. -
Ich werde da der älteste meiner Zöglinge noch nicht zur
akademischen Laufbahn gehörig vorbereitet ist, ganz auf
eigene Hand hingehen. Viele Gründe bestimmen mich zu
diesem Schritte ganz besonders aber der, daß ich doch nun
in dem Alter bin um an ein bestimmtes und festes Brod
in der Zukunft zu denken, und so wie ich jetzt in mei-
nem Kennen und Wissen stehe, so kann ich als rechtschaffe-
ner Mann auf keine Anstellung im Staate Anspruch nehmen
für manche weiß ich nicht genug, für andere geringere
Anstellung mehr als ich sollte, so würde ich auf keine
Weise glücklich leben und die Pflichten des eines einst mich
erwartenden Amtes erfüllen können. Um nun das
Fehlende zu ersetzen ist nun gerade die höchste Zeit, denn
wie Du weißt werde ich bald 30 Jahr alt, da hatten
nun 2 Jahre früher zu großen Werth für mich, als daß
ich länger in einer mich mich und meine ganze Thätig-
keit nach Außen hin in Anspruch nehmenden Lage
hätte bleiben können. -
Ich freue mich daß Deine Kinder doch im Ganzen ge-
nommen sehr gesund sind, und daß Dir Deine Söhne beson-
ders Heinrich Freute [sc.: Freude] macht. - Was macht mein
lieber Pathe Ernst; ich habe nicht vergeßen daß
ich sein Pathe ist [sc.: bin] und ich hoffe ja auch daß einst die
Zeit kommen wird, wo ich die Gefühle der Liebe, die ich für
ihn hege, bethätigen kann. -
Herzlichen Dank sage ich Dir meine treue gute Schwester
daß Du mir, obgleich durch Krankheit angegriffen einige
Zeilen schrieb[st]. - Habe festen Glauben an mir, ich habe
Dich und alle die Deinigen recht sehr lieb, und wünsche
nicht[s] mehr als Dir dieß bethätigen zu können. Dein Treuer Bruder
August Fröbel