Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 21.5./24.5.1811 (Frankfurt am Main)


F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 21.5./24.5.1811 (Frankfurt am Main)
(BN 435, Bl 7-9, Brieforiginal 1 ½ B 8° 6 S.)

Auf der Öde am 21. May 1811


Mein treu geliebter Bruder;

Dünkt es mich doch als hätte ich noch nie so lange auf
die Antwort eines Briefes von Dir gehofft als dieß-
mals! ist es wahr? oder verlängert mir die Sehnsucht
mit welcher ich sie erwarte die Zeit? - Sey es aber auch
was es sey, so muß ich Dir aussprechen: daß ich sehr wünsche
vor meiner Abreise von hier einen Brief von Dir zu
erhalten, und - dazu ist nicht viel Zeit mehr übrig
da ich morgen (:Mittwochs:) über 4 Wochen d.i. der Mit[t]-
woch vor Johanni von hier nach Göttingen - dem Orte
meiner nächsten Bestimmung abreisen werde.
Über meinen Abgang von hier und über mein künf-
tiges Leben und Lebensplan kann ich Dir eigentlich jetzt
noch nichts mehr schreiben, als daß ich mich ganz unaussprech-
lich sehne die Forderungen meines Geistes nun bald erfüllen zu
können. - Mit Freuden begrüße ich jeden neuen Tag
hoffend ihn bald vergangen zu sehen, um wieder um
einen Tag meinem Ziele näher zu seyn. Glaube nicht
daß mein Verhältniß meine Lage mir weniger Liebe
weniger Freude als früher gebe, im Gegentheil immer
mehr, und ich würde nochmehr Freude haben, es würde
mir noch mehr innige dankende Liebe werden, wenn
ich meinem Verhältniße jetzt noch leben könnte, wie
ich wohl einsehe daß ich sollte, aber ich kann nun ein-
mal nicht mehr. Vorwärts, vorwärts! ruft es immer in
mir, - und wer ist es der dem Rufe, der Stimme des
Innern widerstehen könnte. --- Könnte ich bleiben
könnte ich einfach ruhig, den Forderungen
meines Berufes gemäß handeln, könnte
mein Geist das hohe in der Einfachheit des
Handelns als Pfleger der göttlichen Keime
im kindlichen Gemüthe empfinden, der
der [2x] unsterbliche Dank
einer treuen Mutter
hohe innige Kinderliebe
würde mir werden.
Aber - wenn mir
das Höchste nach was der Mensch auf Erden strebt geboten
würde [und] ich sollte gegen die Stimme meines Innern handeln
/
[7R]
ich könnte nicht. - Fürchterlich, gewältig ist das Wogen Toben
und Streiten in der menschlichen Brust. Wie mein Inneres
die Stürme die es seid [sc.: seit] Monaten erfüllten, aushalten konnte
begreife ich es nicht aber ich hätte ich auch nicht den Trost
die Hoffnung im Hinderhalt Bewußtseyn das [sc.: daß] es bald mein freyes
Handeln mir wieder gegeben werden wird, ich könnte
es nicht aushalten. Denken Dir eine außerordentliche
Kraft die Dich mit großer Gewalt unaufhaltsam unwiederstehlich [sc.: unwiderstehlich] vorwärts treibt, und
fühle Dich ebenso stark gefesselt jener Kraft nicht folgen
zu können - sage mir kann da das Wesen des
Menschen gesund bleiben, oder muß er der Mensch zu
Grunde gehen - er muß zu Grunde gehen ich fühle es.
Lieber will ich Löwen bendigen [sc.: bändigen] als dem [sc.: den] Geist in seinen [sc.: seinem]
Streben aufhalten. Doch wozu nun das, jetzt ist es bald
vorbey. - Der gute liebende Vater im Himmel der mich in jeder
Stunde und bis [zu] diesem Augenblick so väterlich leitete
--- denn es kostete harte Stürme ehe meine Selbstthätig-
keit mein Selbstdenken geweckt wurde ehe ich den ersten
Blick des klaren Selbstbewußtseyns thun könnte -
dieser Gute Vater führe und leite nur eben so liebreich
meine Zöglinge, die in welchen ich auch bey strenge und
härte doch immer seine Kinder sahe und sie zu diesem
Bewußtseyn zu dieser Erkenntniß - der höchsten
und einfachsten welche[r] der Mensch fähig ist - zu leiten
suchte dieser unser aller Vater leite sie nur eben
so liebevoll für mich und sie werden einst die Freude
werden sicher und gewiß - (doch ein hohes Bewußtseyn)
ihrer Eltern einstige Freude Trost und im Alter Stütze
werden. Ihre Selbstthätigkeit - ihr Sinn für fortlaufendes
Erkennen ist geweckt; Ihr[e] Individualität ist gehalten [sc.: erhalten ?]
jeder kann, benutzt er die Mittel die er in seiner
Gewalt hat vertraut erkennt und vertraut er dem
Gotte in seinem Innern, jeder kann einst glücklich
werden und für andere beglückend handelnd. - /
[8]
Am Abend. Aus Deinem langen Schweigen gegen mich vermuthe ich fast
daß Du wegen meiner Zukunft besorgt bist; allein ich bitte Dich deßhalb
nicht in Sorgen zu seyn; ich habe durch den He. Hofrath u. Prof: Heyne in
Göttingen einige kleine Aussichten zur Erleichterung über die ich jedoch nicht
sprechen mag ehe sie in Erfüllung gegangen sind. - Mein Inneres sagt mir:
daß sobald ich nur einmal in Göttingen bin, daß alsdann alles gut
gehen wird nur mag ich meine Hoffnungen und Ahndungen nicht hervortreten
lassen, weil sie durchs kalte Wort oft die Kraft verl ersterben oder
doch wenigstens die Kraft verliehren [sc.: verlieren] Früchte zu tragen. Überdieß
besitze ich doch Manches wodurch ich Jüngern nützen und mich so unter-
stützen kann. - Kurz ich bin froh, heiter und zufrieden - und bin
des guten Ausgangs gewiß. - Als eine sehr freundliche stärkende
und erhebende Zugabe habe ich einen sehr lieben brüderlichen Brief
von unsern [sc.: unserm] guten Bruder in Osterode erhalten, welchen ich in seinen [sc.: seinem]
häuslichen Kreis so bald besuchen werde als ich in Göttingen imma-
triculirt
bin, also ohne Zweifel gegen die letzten Tage des Juny.
Auch habe ich nicht Willens länger als höchstens 8 Tage bey ihm zu
bleiben, weil ich eile die Zeit bis zum Anfang des Wintersemesters
zur SprachenErlernung zu benutzen. Dieß ist nun auch nächst der
herzlichen Bitte mir noch einmal nach Frankfurt zu schreiben, die
zweite Ursache dieses Briefes an Dich. - Der Zweck meines
Studium[s] fordert absolut daß ich mich außer die Kenntniß der klassichen Sprachen
zu besitzen mich noch mit den morgenländischen
Sprachen so vertraut als möglich mache - (:da ich mich gleich
jetzt als Student der Philosophie immatriculiren laßen werde:) -
Nun habe ich mir zwar schon vor beinahe 2 Jahren einen kleinen
Apparat zu diesem Studium angeschafft welcher in
1 Vaters Grammatik der hebräischen Sprache 1 u. 2ter Cursus 2te Aufl. 1802.
2 dessen Hebräisches Lesebuch. 1799.
3 dessen Handbuch der Hebr: Syr: Chald: u. Arabischen Grammatik.
4 dessen Lesebuch für genannte 4 Sprachen Leipzig 1802.
5) Joh: Buxtorfi Lexicon hebraicum et Chaldaicum.
    Basilea [= Basel] 1735
besteht. Jetzt fehlt mir aber noch besonders ein Altes Testament. Du
hast mir von langer Zeit einmal geschrieben daß Du mehrere Bücher
Dir in Willersleben ausgesucht hättest, sollte sich unter denselben ein
altes Testament befinden u. Du wolltest es mir lehnen so thätest
Du mir einen sehr großen Gefallen. Ich muß mich doch so spar-
sam als möglich einrichten, ich wollte es Dir schonen und so bald
als möglich dankend zurück geben. Hast Du noch andere
Hülfsmittel, welche mir das Erlernnen [sc.: Erlernen] dieser Sprachen
erleichtern könnten, so [z.]B. vielleicht einen Heft oder sonst
etwas, so bist Du recht brüderlich gebeten mir es zu lehnen
ich will gewiß Sorge dafür tragen daß Du alles wieder in /
[8R]
dem besten Zustand zurück erhältst. An einigen guten Heften kann es Dir
nicht fehlen da wenn ich nicht sehr irre Jena zu Deiner Zeit sehr
gute Orientalisten hatte. Ehe ich von hier abreise oder bald
nach meiner Ankunft in Göttingen hoffe ich Dir meine Adresse
senden zu können, wohin Du - wenn Du meine Bitte erfüllen
willst, mir jene Hülfsmittel senden kannst. -
Jetzt zur dritten Ursache dieses Briefes. Da ich mit meiner Kasse
jetzt sehr genau zu Rathe gehen muß, und beson-
ders nicht weiß ob ohngefähr 70 Fl. die ich ein paar Freunden
die sich in Verlegenheit befanden vorgestrekt [sc.: vorgestreckt] habe, sicher wie
ich jedoch hoffe vor meiner Abreise von hier noch eingehen
werden - so bitte ich Dich mir das Subscriptions Geld für
die 2 Exemplare Ges. bildungslehre für Oberilm u. Griesheim
zu schicken, ich habe es bereits einstweilen ausgelegt. -
Nimm mir diese Bitte aber ja nicht übel mein guter Bru-
der, ich würde sie nicht an Dich gethan haben, wenn ich
nicht wüßte, daß das Geld von jenen Kirchen ausbezahlt
werden muß. Die ganze Summe beträgt zwar nur
einen Carolin; allein dieß ist für mich jetzt viel, zu[-]
mal da ich nicht sicher weiß ob oben genannte Summe mir
einläuft. - Wenn Du vielleicht auf die Idee kämst mir das
Subscriptions Geld in Ducaten zu schicken, so bitte ich Dich nur
mir keine so leichten als die Tante zu schicken, wo ich an einen bey-
nahe
einen 1/3 Laubrth. [sc.: Laubth.] verlohren habe. Am liebsten sind mir
Kronenrth. oder Kopfstücke. -
Jetzt sehe ich mich noch genöthigt eine Anfrage an Dich zu thun die
mich in Verlegenheit setzt. - Ich war bisher immer in der Meinung
daß wie ich zum letztenmale bey Dir war, und wir das
Geschäft wegen dem Nachlasse des Onkels in Stadtilm beendig-
ten, daß mir dortmals von Dir an der mir zukommenden
Summe zwey Schuldverschreibungen abgerechnet worden
wären; eine die der Onkel selbst von mir in Händen hatte
und die bey der ErbschaftsTheilung an Willersleben
gefallen war, und eine zweite die, ich glaube 36 rth.
beträgt und die die Limbacher Vettern von mir in Händen
haben. In dieser Meinung lebend hatte ich nicht mehr jener
von den Vettern erhaltenen Summe gedacht, als in ver-
flossener Herbstmesse Gotthelf scheinbar im Spaß zu
mir sagte, jetzt stehst Du <grün> lieber Vetter, ich werde
Dir noch eine Rechnung machen. Mir viel [sc.: fiel] Weitersrode
ein, worauf ich glaubte daß er anspiele, und ich antwor-
te scherzend: diese Rechnung quittirt nur, dafür be-
kommt ihr nichts (:ich erinnerte mich näml. daß unser sel. /
[9]
sel. Vater sich schon mit den Vettern darüber vereinigt hatte:) -
und so war es gut. Wir waren noch einige mal zusammen ohne
daß wieder ein ähnl. Gespräch kam, welches ich wirkl. ganz im
Scherz von Gotthelfen genommen und noch weiter gesagt hatte, Weitersrode im Sinne habend:
wenn ihr mir eine Rechnung macht,
so mache ich Euch noch eine HaferRechnung. - Diese Ostermesse
kam Gotthelf wieder, wie ich ihn einige mal gesprochen hatte
so sagte er mir, sichtbar verlegen: hör l. V. [sc.: lieber Vetter] weil wir eben
von Geldgeschäften sprechen, wie siehst [sc.: sieht es] denn mit dem Gelde was Dir
meine Brüder gelehnt haben aus, kannst Du's und willst Du's
bezahlen. Jetzt viel [sc.: fiel] mehr mir das 1802 erhaltene Geld ein, das
ich längst bezahlt geglaubt hatte. - Er sagte "Ich habe Deine
Antwort die Du mir in voriger Messe gegeben hast meinen Brü-
dern gesagt, sie meinten aber es sey doch baar vorgestrecktes
Geld rc:" - Jener unbedachtsamer [sc.: unbedachtsame] Scherz war mir jetzt
höchst unangenehm, da die Vettern leicht nach demselben mich als
einen sehr flüchtigen Passagier beurtheilen konnten. - Ich sagte
jetzt Gotthelfen daß ich dieß Geld längst bezahlt geglaubt
habe rc und daß ich dortmals geglaubt habe er scherze rc.
Gotthelf betrug sich recht gut und sagte mir es wäre blos
darum zu thun, damit die Bücher in Ordnung kämen rc.
Ich versprach ihn [sc.: ihm] dagegen für die Zahlung besorgt zu seyn. Und
jetzt bitte ich Dich mir zu sagen: ob wirkl. jene 36 rth.
mir nach des sel. Onkels Tode abgezogen worden sind oder
nicht; meine Dir ausgestellte Generalquittung muß
am besten Rechenschaft darüber geben; sey so gut mir bald
zu schreiben wie es steht. -
Noch sehe ich, daß ich Dir gar nicht für Deine liebevolle Besorgung
der Dir vor einiger Zeit übersandten Briefe gedankt habe; es
hat mich sehr gefreut, daß Du sämtl. Briefe so bald bestelltest.
Vielen Dank dafür. -
Durch einen Auftrag die v. Brabecksche Gallerie [sc.: Galerie] betreffend
war ich aufgefordert d[em] He. Onkel in Nette zu schreiben; er hat
mir sehr freundschaftl. u. gütig geantwortet, und mich im
letzten Briefe seinen innigst geliebtesten He. Vetter genannt. Da ich
glaubte, daß d[er] He. Onkel nach seinen Ansichten es immer noch zu frühe
erführe, daß ich meine Stelle verlassen werde, so habe ich ihn [sc.: ihm] noch
nichts darüber geschrieben, er fordert mich sehr auf ihn zu besuchen,
vielleicht thue ich es gegen den Herbst. /
[9R]
Jetzt weiß ich Dir nichts mehr zu schreiben, da es mir doch unm[ö]gl.
ist mich schriftl. so mit Dir zu unterhalten als ich wohl wünschte.
Grüße den Bruder Traugott und seine Frau von mir. Ver-
sichere Deiner Frau und allen Deinen lieben Kinder die meine innige
Liebe.
Lebe recht wohl mein geliebter Bruder und schreibe
mir bald.
August Fröbel.

Nachschrift am 24sten May. - Seit einigen Tagen ängstiget
mich doch Dein Schweigen, indem ich es mir kaum an-
ders erklären kann, als durch das Krankseyn irgend
jemand der Deinigen; der Himmel gebe daß meine
Besorgniß ungegründet ist, sey so gut mein lieber
Bruder und beruhige mich bald darüber; ich erwarte
sicher vor meiner Abreise von hier noch einen Brief
von Dir, aber wenn er erst die Antwort auf
diesen seyn soll, so hast Du wenige Zeit mehr übrig
da leider dieser Brief einige Tage später zur
Post kommt, als ich glaubte. -
Sehnlichst wünsche Ich daß Ihr sämtlich recht ge-
sund seit [sc.: seid], und Geschäfte Dich abgehalten haben mir
zu schreiben.
Von ganzen [sc.: ganzem] Herzen
           Dein
   Dich innigst liebender u.
   hochschätzender Bruder

          August.