Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 25.6.1811 (Göttingen)


F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 25.6.1811 (Göttingen)
(KN 14,4, Brieforiginal 1 ½ B 4° 6 S., ed. H V, 36-45; zit. Halfter 1931, 312-318, Weise 1918, 136,141, Palm 1940, 209. - Ergänzungen an umgeklappten Seitenrändern aufgrund Edition von 1986, wo wiederum eine von Otto Wächter korrigierte Abschrift v. zwischen 1908 u. 1914 verwendet wird, vgl. H V, 395.- Die Edition von 1986 ist insgesamt sehr fehlerhaft und läßt einzelne Wörter/Sätze aus.)

Göttingen am 25sten Juny 1811.


Mein lieber Bruder;

Nach einem Streben von 10 Jahren, bin ich endlich durch die sonderbarsten Wege, scheinbar die größten
Um-
schweife endlich zu dem Ziele gekommen was ich mit größerem oder geringern Grade von Bewußtseyn
so sehnlich suchte und wünschte. Der Himmel segne mich!- Ob mir gleich wohl manchmal warm ums
Herz wird, ob mir gleichwohl manchmal Gedanken und Empfindungen stille stehen, wenn ich an dem
Koloß dessen was für mich zu thun ist hinauf blicke, so hoffe ich doch, daß ich für mich erreiche was
ich will; denn unerschütterlich fest ist meine Überzeugung: wenn der Mensch sich nicht selbst verläßt, so
verläßt ihn auch die Leitung der Schutz des höhern Wesens nicht, denn Eins ist das Wesen des Menschen
mit dem Göttlichen Eine Kraft Eine Intelligenz nur in uns noch sehr gebunden, dennoch berührt
unser Geist unmittelbar den Göttlichen. Ebenso verläßt die Natur unsern Genius gewiß nicht;
sie sind ja beyde wieder eins, und welche Mutter verläßt ihr Kind?
Hätte ich Deinen letzten lieben Brief früher bekommen, so hätte es vielleicht möglich seyn können
daß ich den sehnlichen Wunsch meines Herzens: Dich und die Deinen einmal wieder zu sehen, dem Du so
liebreich begegnet bist Gehör gegeben hätte, da ein so schweres Gewicht: Dein Wunsch noch dazu kam
doch ich erhielt Deinen Brief, erst den Tag vor meiner Abreise wo ich meinen Platz in der Diligence
schon bestellt u bezahlt hatte.- Da ich nun mit allem was ohne mein Zuthun, d.h. ohne
meine ausdrückliche und klare Wahl und Bestimmung geschieht ein für alle mal vom ganzem Herzen
zu frieden bin, ja alles was auf eine solche Weise mit mir geschieht, für das beste halte was mit
mir geschehen könnte, so bin ich [es] auch mit dem wie sich jetzt meine Reise fügte und daß ich Dich
und die Geliebten Deinen nicht sahe.- Suche ich jetzt Ursachen auf warum ich Dich wohl nicht sahe
so finde ich deren mehrere, die erste und wesentlste ist, daß wenn ich zu Dir gekommen wäre, ich
Dir doch nichts anders hätte sagen können als: was ich erst thun will; ach! dies habe ich ja schon
länger als 10 Jahre auf so mancherley Weise ausgesprochen, daß ich jetzt doch endlich einmal mit Ernst
daran denken und daran mit Ernst u. ohne den geringsten Zeitverlust arbeiten muß es darzu-
stellen, es auszuführen. Natürl. hättest Du mich auch fragen müßen was ich eigentl. will, - ob mir
dieses nun gleich klar und deutlich in meinem Gemüth und in der innern Anschauung dem innern Be-
wußtseyn liegt, so hätte ich mich doch gegen Dich darüber nicht so klar nicht so bestimmt aus sprechen
können als Du wünschen wirst, wünschen mußt, dieß hätte Dich können an mir irre machen, es
hätte Mißverständniße, durch mich, zwischen uns bringen können, das hätte mir nun doch sehr leid gethan.
Doch weil ich es eben berühre, und damit Du wenigstens hoffen kannst daß das was ich will ein
Ganzes ist, und damit Du ohngefähr ahnden kannst wie die mancherley Mittel, die ich zu meinem
Zweck gebrauche zu und für ein Ganzes zu, für etwas höheres dem Menschen würdiges wirken
sollen, so sage ich Dir darüber nur folgendes: - Alles was ich suche und was ich will bezieht [sich] einzig
und ganz allein auf den Menschen (:oder was eins u. dasselbe ist: die Menschheit; denn die Gesetze
die im einzelnen wirken kehren im Ganzen wieder, so liegt für mich u. nach meiner Ansicht in der
Geschichtsentwickelung des einzelnen, die ganze Masse der Geschichte die vor uns liegt, in ihrer großen
Allgemeinheit u. in ihrem <uns> unwandelbaren angedeutet.- Dieser Satz läßt sich mathem. beweisen - das
was vom Ganzen gilt, gilt von seinen Theilen u. umgekehrt:) - Auf den Menschen bezieht sich also alles
was ich will, ganz allein, weil wenn ich diesen kenne, so kenne ich, wie mir es jetzt scheint, alles
andere, durch die Kenntniß des Menschen erkenne ich alles andere. Der Mensch ist (die Menschheit)
ist der Wendepunkt alles Existirenden, alles anderes was nicht Mensch ist liegt höher oder
Tiefer; das nun alles auf die von ihm kann ich hinabsteigen, von ihm d[urc]h Schlüs[s]e mich erheben,
daß nun alles auf die Beantwortung der Frage ankommt: was ist der Mensch - nicht der Mensch
der Erscheinung d.h. wie wir ihn gerade jetzt in unserer Zeit sehen, sondern was ist der Mensch [nach]
seinem absoluten Seyn. Mit der <Auf[fassung]> dieser Frage fallen die <Auf[fassungen]> aller andern zusammen, z.B.
wie der Mensch das geworden ist w[a]s jetzt ist, zweitens und was wird er noch werden d.h. w[as ist]
seine Bestimmung. Nun habe ich aber vorhin gesagt: der Mensch steht [in der Mit]te zwischen der <Sinn> /
[1R]
[ic]h will es so nennen, weil ich keinen besseren Ausdruck kenne, Übersinnlichen; folglich muß der Mensch die
Natur, die Natur den Menschen; der Mensch das Übersinnliche, die unmittelbare Ahndung des Übersinnlichen
den Menschen; und so ebenfalls; die Natur die Ahndung des Übersinnlichen, die Ahndung des Übersinnlichen
- (:was ich auch recht gut Offenbarung nennen kann, denn für mich kann ich Offenbarung nicht anders
erklären als durch unmittelbare Ahndung des Übers ja ich könnte wohl gar sage[n] unmittelbare
Anschauung des Übersinnlichen:) - Also auch die Ahndung des Übersinnlichen die Natur, und so
eines das andere Erklären. So wie ich sagte daß das Leben des Menschen in seiner eine wieder[-]
kehrende Geschichte in ihren Hauptmomenten ist, so muß also der einzelne Mensch die Geschichte
die Geschichte das Wesen des Einzelnen Menschen erklären. Die Sprache ist der Abdruck, das Bild
des geistigen und empfindenden Standpunkts, wo uns das Volk fehlt, müssen wir die Sprache
studiren.- Das Geistige muß das Empfindende, die und umgekehrt, die {Wissenschaft / Mathematik} die Kunst
und umgekehrt; der Mann das Weib und umgekehrt erklären und zur hohe wahren Erkennt[-]
niß bringen.-
In dem Ganzen Existierengen [sc.: Existierenden] herrscht Einheit - d.h. Gesetze die auf jeder Stufe wirkend wieder[-]
kehren, es müssen deren nur so viel seyn als absolut nöthig sind, sich das Gleichgewicht zu halten
sich einander zu erheben, zu vervollkommnen, zu steigern, zu stärken. In der physischen wie in
der hyperphysischen [Welt] können nur 2 Gesetze statt finden, alle andern müssen sich darinne auflößen,
Nenne man es strebend, - widerstrebend; denkend, empfindend; - Geist Seele; bildend,
{erforschend / erkennend}; Wissenschaft- Kunst pp pp keine Bezeichnung wird es erschöpfend aussprechen.
Sind aber 2 solche bestimmte Gegensätze (weiter soll alles das vorige nichts sagen) sind 2
solche bestimmte Gegensätze in der Natur so müssen sie sich durchgehend in der Geschichte
wie in der Natur im physischen wie im hyperphysischen nachweisen für jeden Menschen, der
nur natürlichen unverdorbenen Sinn hat nachweisen lassen.
Demjenigen welchen es also daran liegt den Menschen und so den Mittel-, den Wendepunkt
alles Wissens und Erkennens zu erkennen, muß streben jene 2 Grundprincipa in der
Natur in Allem u. allen nachzuweisen.
Ich habe drüben ausgesprochen, daß bei einem Streben wie das Meine ist, es blos auf die
Beantwortung der Frage ankommt: was ist der Mensch in Hinsicht seines Absoluten Seyns.-
Nun wäre es freylich eine Thorheit, und die größte in die der Mensch verfallen könnte, die Beantwortung
dieser Frage und die Materialien zur Beantwortung dieser Frage außer mir suchen sie gleichsam
erst außer mir dazu zusammentragen wollte. Die Beantwortung jener Frage muß dem Menschen un-
mittelbar durch sein Inneres kommen; er kann streben; er kann streben, die in ihm noch dunkel liegende
Ahndung zur Beantwortung jener Frage, sich zum klaren u deutlichen Bewußtseyn zu bringen.
Aber die Antwort selbst muß ihn sein Inneres unmittelbar sagen.- Und so ist denn
für mich jene Frage in mir wirklich schon beantwortet. Die Antwort muß aber erst
zum klarsten deutlichsten Bewußtseyn erhoben werden; ich will also keinesweges
durch alles was ich jetzt schreibe u. thue erst streben mir jene Frage zu beantworten
sondern streben will ich blos mir jene Antwort möglichst deutlich auszusprechen, beson-
ders will ich streben sie die Fr das was mein Inneres mir unmittelbar auf jene Frage
als Ahndung oder mit größern u. geringern Bewußtseyn antwortet u. geantwortet hat
an der Natur, wie an der Geschichte, an der Erfahrung wie an der Offenbarung pp pp zu prüfen.
Bey diesem meinem Streben wird mir wie bisher jede Schule so lange ganz fremd bleiben
bis meine Ahndung und Überzeugung sich ganz unabhängig u. frey aus mir heraus, meiner
Individualität gemäß heraus gebildet hat - meine Hauptaufmerksamkeit ist: mein Inneres
meinen Geist sich frey als Kind der Natur, ohne allen Zwang de irgend einer Schule, so wie
bisher sich noch fernerhin ausbilden zu lassen. Bin ich mit mir aufs reine, dann ist mir
das Streben das Gefundene jeder Schule willkommen, um mein Streben um mein Gefundenes
zu prüfen. Habe ich aber erst gestrebt, habe ich also aber treu der Natur gefolgt, so muß [nichts]
[Gutes,] was auch irgend eine Schule irgend ein Lehrer je gefunden hat mir fremd geblieben [seyn,] /
[2]
ob es gleich irgend eine Schule irgend eine Lehre irgend schon besser u. bestimmter ausgesprochen hat;
gut so ergänze ich das meine.-
Von meiner Jugend an widerstrebte meine Natur dem getrennten Einheit ist die Seele alles Lebens
und wo diese fehlt ist todt.- Vereinigen möchte ich deßhalb so gern was bis jetzt als ein getrenntes
vor mir steht. Die Schule u. das Leben muß eins seyn, was die Schule findet erkennt muß das Leben
zeigen, die wahre Schule muß das Leben seyn.- Philosophie u Religion dünkt mich schon nach der
wörtlen Bedeutung des ersten Wortes ein, denn wo das erste ist, ist gewiß das 2te, u[n]d wer das 2te
bewahrt ehrt gewiß das erstere, u.s.w.-
Weil es sich gerade so fügte, nun so freue ich mich, daß ich Dir aussprach was ich Dir aussprach.
Du kannst Dir nun doch eher zusammenreimen, wenn ich Dir sage vielleicht einmal sage, daß ich Collegia über
die Asiatischen Sprachen, daß ich Chemie u. Physik, daß ich Mathematik, daß ich vielleicht Astronomie u.
einige medicinische Collegia, daß ich Naturgeschichte u. Classische Sprachen treibe. Du darfst Dich
jetzt nicht mehr dadurch irre machen lassen oder vielleicht gar darinne ein Nichtwissen dessen was
ich will finden, ich suche nur, mir im größten Umfange die Mittel zu eigen u. zu Gebote stehend zu machen
die mich zu meinem Ziele führen können.
Ebenso darfst Du bey dem, was ich Dir hier im Vorbeygehen aussprach nicht so strenge die Worte prüfen;
der Sinn den ich damit verbinde ist <nur> für jetzt bestimmt, meine Sprache kann nicht anders als noch
unbestimmt seyn, sie wird sich aber zur größern Bestimmtheit immer mehr erheben, jemehr ich selbst
zur klarern u. bestimmtern Einsicht gekommen bin. Logisch streng darfst Du was ich sagte auch noch nicht
prüfen; ich habe noch nie Logik gehört werde es auch sicher nicht eher als bis sich mich selbst mein
Geist logisch ausgebildet hat was gewiß geschieht, dafür will wenn ich ihn nur in seinem
Naturgange <nicht> stöhre; dann will ich mir seinen Naturgang zum Bewußtseyn bringen.- Ferner
darfst Du auch in dem was ich sagte noch nicht die Sprache die Ansichten dieser oder jener Schule, als
Sprache u. Ansichten derselben dieser Schule suchen oder finden; ich kenne noch keine Schule, will auch noch keine
Schule keine Lehre als abgesonderte einzelne Lehre kennen lernen, bis ich mit mir selbst aufs
reine bin, dann will ich unpartheiisch alle Schulen kennen, alle Schulen alle Lehren würdigen.
Bin ich in meinem Streben wahr, naturgetreu; war und ist eine Schule eine Lehre in ihrem Streben
wahr naturgetreu, so müssen wir uns finden, wir müssen übereinstimmen in Eins zusammenfallen.
Noch erkläre ich Dir, daß ich um keines äußeren Zweckes willen mich ausbilde mir Kenntniße er-
werbe, weder um andere zu belehren noch um mir Brot zu verschaffen, <werde ich m> sondern
ganz einzig um meinetwillen. <Wenn> Ist in dem was ich mir zu eigen gemacht was ich erkannt habe ir-
gend etwas was oder wodurch ich andere belehren könnte, gut! so wird sich von selbst dazu Ge-
legenheit finden, denn Niemand darf irgend etwas Gutes für sich behalten alles ist Gemein
Gut der Menschheit u. sollte jenes einst der Fall seyn, so wird sich auch wohl Brot finden.
Nochmals! ich freue mich, daß ich Dir Vorstehendes ausgesprochen habe, denn es möchte nun doch einige Zeit
vergehen, ehe ich Dir wieder einen so weitläuftigen Brief schreiben könnte, denn alles wartet
auf meine Thätigkeit zu dem bestimmten Zweck, alles fordert mich auf, anzufangen de mit Ernst Kraft
und voller Hingabe anzufangen den vor mir stehenden Koloß zu er- u. zu übersteigen d.h. ihn abzubrechen,
zu ebenen, damit sich das dahinter liegende Land sich meinem Blick zeige, daß er es beherrsche, das [sc.: daß]
frey u. leicht es sich darinne ergehen lasse.-
Ich danke Dir für Dein Anerbieten, mich d[urc]h Hülfsmittel zu unterstützen u. zum Beweis wie werth
es mir ist bitte ich Dich, mir: Hetzels Grammatik u. desselben Anleitung zum Arab: 3 Bdchen 8[°], das
alte Test. in hebr: Sprache <Hds> gabe des Reineccius, Eichhorns Einleitung in das a. Test., 3 Bde
u. Dathe lateinische Übersetzungen der Bücher des alten Test: (:weil ich vielleicht doch 2 Zwecke
<vereinigt> mit erreiche:) dann Deinen Heft über das 1e Buch Mosis, Deine Hefte über
die Propheten und Dein syrisches N: Test. gütevoll zu schicken. Was mir noch zum
Studium dieser morgenländischen Sprachen fehlt, hoffe ich von der Bibliothek zu erhalten
u. Gesenius in Halle Wörterbuch werde ich mir wohl kaufen bis ich Eichhorns Ausgabe von
Simonis Lexicon Hebraicum & Chaldacium, welches lateinische Hebr: latein[is]ch ist benutzen kann. /
[2R]
Gestern Morgen habe ich beym Probst u. Prof. Dr. Pott (er ist aus Helmstedt hieher versetzt worden) welcher mich
am verfl. Sonntag immatricul. hat, und in [we]lchen ich einen Mann gefunden habe [we]lcher mir in jeder Hinsicht
sehr achtungswerth erscheint, hospit in seiner hebr: Grammatik hospitiert. Er hat mir darinne
sehr wohl gefalllen, er fragt viel u. prägt so die Sache ins Gedächtniß u. zeigt alles mit
mehreren Beyspielen belegt an der Tafel über dieß diktiert er die Hauptsache, so daß ich glaube
daß ich in Zukunft viel bey ihm profitiren kann, besonders da er die Sprache aus der Zeit
dem Clima, dem Volke pp erklärt also phylosophisch behandelt.- Für das Studium der die Er-
lernung der {u. asiatischen / morgenländischen} Sprachen ist mir daher gar nicht bange; Aber die sogen. klassi-
schen Sprachen lat. u. grieschisch diese stehen als ein wackerer Berg vor mir.- Dr. Prof:
Feinägel dessen Name Dir bek[annt] seyn wird der Mnemorist dessen Schüler auch ich 4 Wochen war
sagt von lebenden Sprachen treffend: man muß die Grammatik in der Sprache studiren. Dieß
will ich denn auch bey den todten Sprachen versuchen, denn das Durchm abgesonderte, mechanische
Durchmachen u. Auswendiglernen der Grammatik ist gegen meine Natur, alles widersteht
in mir dagegen. Der Himmel weiß wie viel Geld ich schon für Lehrer dafür ausgegeben habe,
aber es geht u. geht nicht, ich kann dieser Behandlung der Sprache keinen Geschmack kein
Interesse abgewinnen. Jetzt will ich mich nun sogleich hinder Schriftsteller setzen u. dies[e]
für mich durchgehen daß [sc.: , das] ist für mich das beste, und meinetwegen an einem Satze einen
Tag sitzen so werde ich hoffentl. schon nach u. nach die Grammatik in den Kopf bekommen
wovon ich die Nothwendigkeit freylich einsehe, d.h. nicht Grammatik fest in der aus
Blättern bestehenden, sondern Grammatik fest in der Grammatik der Sprache zu stehen.
Ob dieß nun freyl. ein etwas sehr verkehrter Weg scheint, so thut es nun meine Natur
nicht anders u. die ist leider ein bischen herrschsüchtig überdieß tröste ich mich damit
daß ich diese Sprache blos um meinetwillen d.h. nicht lerne um sie auf einer Schule
rc zu lehren, wenn ich sie nur in mir besitze die Sprachkenntniß auf die Form u. die
Art wie ich sie bekommen habe kommt mir gar nichts an. Freyl. ist zu diesem Belehrungs[-]
gange ein bedeutender Apparat nöthig damit man bey jeder Gel[egenheit] sich in einem zur Hand haben[den]
Buche Raths erholen kann und leider fehlt mir dieser so wie das Geld dazu. Ich wünschte
nichts mehr als an einem Tische sitzen zu können wo ich ganz eingeschlossen wäre von allen
möglichen Hülfsmitteln die zur Erlernung dieser beyden alten classischen Sprachen nöthig
sind; dann wollte ich denn wohl sehen wie viel in ½ Jahr noch übrig wäre, aber
nun ist freyl. hier eine herrl. Bibliothek wo man 20, 30 und wohl an 100 Bücher
u. auf ein ganzes ½ Jahr haben kann, aber da ist die Hauptsache daß mir selbst
die Kenntniß dieser Quellen dieser Hülfsmittel fehlt - Wer plamiert sich gerne,
wer giebt sich gerne jedem hin, besonders ehe man nur noch einiges Fundament in sich
hat, ehe man nur etwas besitzt ehe rc mit welchem man in wissenschaftl. Verbindung
mit jemandem kommen kann. Hier wäre mir nun ein ganz vertrauter Freund höchst
nöthig, aber wo u. wie diesen erhalten; die Verschiedenheit des Alters der Denkungs-
weise die des Urtheils ist eingetreten, da schließt man sich nicht so leicht an, also
mein lieber Bruder wenn Du mir in diesem Punkte an die Hand gehen willst, so wirst
Du Dich mir Dich unsäglich verpflichten. Es wären also 2 Sachen nöthig einmal u. erstlich
eine Anzeige der mittel <wie / die> ich zu Meinem Zweck zu erhalten hätte d.h. der Hauptsäch[-]
lichsten Schriften aus welchen ich belehrung schöpfen könnte; wenn es vor der Hand auch
nur wenige wären, aus jenen lernt man wieder andere kennen u. so vergrößert
sich leicht diese litterarische Kenntniß. Zweitens daß Du so gütig wärest mir von Deinen
HülfsMitteln zu lehnen u. zu schicken was Du für mich passend glaubst u. was ich
nicht besitze.- Mein Apparat zu dem Studium ist klein, namentl. fehlen mir Wörterbücher
jetzt will ich mir weil ich es nicht vermeiden kann, den Mittleren Scheller kaufen ver[-]
bessert von Lünemann der vor 2 Jahren heraus gekommen ist, d.h. blos den wenn es mögl. ist
blos den lateinisch deutschen theil, den als deutsch lateinischen Theil will ich mir den Bauer /
[3]
wenn es nöthig ist anschaffen d.h. weil ich sehr ökonomisch zu Werke gehen muß will ich doch vorher
abwarten was ich von Dir erhalte oder erhalten kann. Als Grammatik besitze ich den größten Bröder,
als Schriftsteller den Justin, den Cornelius, den Tacitus, den Ovid, Paterculus und vielleicht noch einige die mir
nicht einfallen aber Plinius und alles andere fehlt mir. Doch Classiker kann man wie ich höre noch leicht auf
der hiesigen Bibliothek haben[;] dann habe ich noch Geßners Chrestomati des Cicero.- Für die Griechische Sprache besitze ich Mathia und Buttmanns Grammatik < ? >, Riemers
griechisch deutsches Wörterbuch. Da fehlt mir aber Dilenius etymologisches Wörterbuch.- Von Schrift-
stellern habe ich gar wenig; die Anabasis, die Argonautica, weiter glaube ich, habe ich nichts - (:Ich kann es näml.
deßhalb nicht ganz bestimmt sagen, weil ich meine Bücher die ich hier zu haben wünsche noch nicht hier habe:) - Als
Hülfs Mittel zur Erlernung habe ich noch Jacobs Elementarbuch der Griech: Sprache 3 Cursus. Hier siehst
Du also daß mir noch viel sehr viel fehlt und daß es mir sehr willkommen sein wird, wenn Du mich
unterstützt besonders durch Rath durch Angabe der Mittel. Habe ich nur einmal einen Grund, Gelegen-
heit, auf denselben fortzubauen, giebt es hier genug.
Willst Du also so gut seyn mir die angebotenen HülfsMittel zum Studium der morgenländis. Sprachen u. was
Du glaubst daß mir nützen könnte zum Studium und zur Erlernung der classischen Sprachen recht bald [zu] schicken, so geschähe
mir ein großer Gefalle; Wenn Du ja auch wie Du Dir vorgesetzt hast das bekannte
Geld noch nicht beylegen kannst so hat ja dieß gar nichts zu sagen.- Wenn es anging würde
es mich freuen wenn ich jene Bücher durch Fracht erhalten könnte, doch wenn du glaubst daß
das Päcktchen nicht so gar groß wird, u. daß es zu lange dauern mögte ehe ich es erhielte
- worauf ich auch sehen muß, so kannst Du mir es ja auch durch die Post schicken. Doch eben
fällt mir ein, daß die Materialien die ich besitze, mich immer mehrere Wochen recht gut beschäftigen
können, daß mir es also um den Preiß des Portos willen immer am liebsten ist, wenn ich es durch sichere
Fracht erhalten kann, wenigstens von Gotha aus. Vielleicht übernimmt da der
Kaufmann Wenigen, den Traugott ja kennt u. der Verwandter vom Schwager in Volkstädt ist
die Spedition hieher; oder was noch besser ist vielleicht der Buchhändler Kaiser in Erfurt, wenn Du
ihn darum bittest. Doch überlege es, so gar teuer kann es doch wohl auch nicht mit der Post kommen. Doch
eben fällt mir noch etwas ein, was Hauptbestimmungs Grund wird es nicht mit der Post zu schicken;
denn da ist es jetzt nöthig es bis zur Gränze Westphalens frey zu machen, und Du sollst Dir
jede Auslage so viel als möglich meiden; ich will lieber etwas warten und schreibst [Du] mir
bald einige Notizen, so ist es am besten[.]
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Seit verflossenen Freytag Abend bin ich hier (heute ist Mittwoch) also 5 Tage. Gerne wäre ich schon
nach Osterode gegangen, aber ich hätte gerne erst noch die Ankunft von mehreren meiner Effecten er-
wartet, die wenn es gut geht morgen längstens übermorgen ankommen sollen. Bis jetzt bin ich noch nicht
schlüßig ob ich die Ankunft der Sachen abwarten oder früher nach Osterode gehen soll. Auf der einen
Seite sehne ich mich außerordentl. den Bruder den ich nun in 11 Jahren nicht sahe wieder zu sehen, auf
der andern Seite thut mir auch jeder Tag wehe den ich verschwinden lassen muß ehe ich ans Werk
gehen kann. Sehr Willens bin ich jedoch es so einzurichten daß ich nächsten Sontag in Osterode
bin. Lange werde ich mich jedoch nicht aufhalten, ich glaube kaum 1 Woche sondern werde eilen
hieher zurück zu kommen; nach Nette werde ich schwerl. kommen, finde auch wirkl. in mir jetzt
keinen Beruf dazu.-
Wenn ich es nur erst einmal mit den classsischen Sprachen auf einen bestimmten Punkt hätte, dann könnte es
seyn, daß ich d[urc]h Heyne einige Erleichterung vielleicht einen Tisch erhielte wornach ich sehr strebe, doch
alles muß zum Ablaufen seyne Zeit haben. Ich bin beym alten Heyne gewesen, er sag war
sehr gut, u. sagte mir beym Weggehen: er würde sich freuen mir nützl. seyn zu können. Ein Frankfur[ter]
Prof: hat ihn auch mit meinen Wunsch bekannt gemacht. Nun muß ich abwarten, wer mag gleich in
dem ersten Augenblick mit Gesuchen bestürmen.
Du wirst mir nicht übel nehmen wenn vielleicht u. ich möchte so gerade zu sagen, wenn jetzt eine
bedeutende Zeit verfließt, ehe ich Dir wieder einen so ausführlichen Brief schreibe, denn die
Zeit ist mir gar zu kostbar. Doch noch etwas ökonomisches. Warum ich einen Frey Tisch haben [möch-]
te das ist besonders deßhalb daß ich wenigstens im ersten ½ wohl mögl. ganzen 1sten Jahre meine /
[3R]
Collegia bezahlen möchte, später wenn man sein Streben u. seinen Fleiß dokumentiert hat
dann geht so etwas eher aber im Anfange!! -- ja man möchte die Herrn doch zu seiner
Belehrung gerne etwas näher kennen u. dieß geht doch nicht gut wenn man sie nicht
bezahlt hat, man hat nicht recht den Muth zu ihnen zu kommen zu fragen rc; deßhalb wünschte
ich besonders einen Tisch zu erhalten, weil man diese hier auf sein Zimmer bekommt so geht
es recht gut.
Wegen der 10 rth von Carln will ich besorgt seyn daß er sie bald bekommt; er hat mir seit
kurzem 2 mal geschrieben aber nicht daran gedacht; er hat von seinen Bücherkäufen zu mir
gesprochen aber an jene 10 rth nicht gedacht; gut! glaubte ich er hat eine reiche Frau u. braucht
so nöthig das Geld nicht er will es Dir noch einige Zeit lassen - Jetzt will ich aber besorgt
seyn daß er es erhält oder besser ich will ihn fragen ob er die A[llgemeine] W[elt] H[istorie] selbst kaufen
will. Ich werde in Zukunft es sey auch wo es sey, wenn mir es nöthig seyn sollte
immer an Orten leben wo es große Bibliotheken giebt, da will ich sie ihm wohl abtreten.
Noch muß ich sagen, daß bey dem Gelde an die Vettern wohl nicht von Interesse
die Rede ist, denn ich habe das Kassenbuch gesehen da steht nichts als die 10 Ducaten
oder die 32 rth 12 gr so viel ich mich erinnere. Nein Interessen werden sie nicht fordern
und wenn sie solche fordern sol[l]ten so muß ich sie bis 20 <Jan / Jun> 1805 also 3 Jahre tragen.
Aber gewiß von Interessen Du kannst mir es glauben, ist keine gar keine Rede
ich will Dir noch einen 2ten u. hauptgrund sagen: Vetter Daniel, der es eigentlich ist den
die Sache am mehresten angeht hat dieß immer als baaren Cassenbestand im Cassen-
buche fort geführt bis vor einigen oder einem Jahre wo ich er seine Casse abgeschlossen
hat. Von Capital kann u. ist also gar keine Rede. Siehe also blos daß Du, wenn
auch nicht das Ganze wenigstens erst die Hälfte schickst, oder wenn Dir dieß unange-
nehm ist, so schreibe mir wenn Du so viel also 5 Dukaten zusammen hast, dann will
ich Dir einen Brief dazu schicken u. die Sache ganz auf mich nehmen. Die Vettern sind
gut Du kannst es glauben, sie wollten nur gerne wissen woran sie waren; hätte
es der Zufall gewollt, daß Du ebenso gut mit dem Vetter Daniel als dem Breiten-
bacher gesprochen hättest so wäre alles gut.- Oder, eben lese ich Deinen Brief, schrei-
be auch so ist es auch schon gut, aber an Daniel in Alsbach weil dieser die Casse hat.
Es thut mir wirkl. recht leid daß ich Dich bey Deiner so sorgenvollen Lage - die ich wahrhaftig
fühle da ich aus meinem letzten Verhältniß die Sorgen eines Hausvaters freyl. nach einen
großen Maaßstabe habe kennen lernen, aber die Billancia ist sich bey nahe immer gleich.
Ja wehe thut es mir oft mals u. es klopft mir das Herze wenn ich Dir bey Deiner sorgenvollen
Lage noch mehr Geschäfte u Sorgen mache und fast möchte ich sagen ich könnte nicht anders
immer denke ich u. hoffe daß doch auch mal eine Zeit kommen möchte daß ich Dir Deine
Lage erleichtern könnte, Gott im Himmel wird ja geben, daß mein Glaube, meine
Hoffnung und Ahndung mich nicht trügt. Ich bin noch so ganz frey durch gar nichts für die
Welt für äußere Verhältniße gebunden, da denke u. hoffe ich doch daß wenn ich einmal
etwas kann, etwas rechtes gelernt habe, daß ich doch wohl auch wieder etwas verdienen
könnte; ich lerne zwar nicht deßhalb, aber Leute die etwas können braucht man ja doch
immer u. niemand benutzt sie besser als der jetzige Allgewaltige, ja u. für seine Dienste
muß man doch auch bezahlt werden u. wird bezahlt.- Ich gestehe es Dir frey wenn ich etwas
kann so hat auf der Welt niemand als meine Familie u. einige befreundete Seelen Anspruch
auf mich. Äußerlich stehe ich ganz allein auf mich und werde es wenn das Schicksal nicht sonder-
bar geböte, es immer bleiben.- Was unter den jetzigen Weltverhältnissen die Welt mir geben
kann kenne ich. Die letzten 6 Jahre waren reiche Jahre für mich. Die Schweiz war mit das härteste
Lehrjahr, ich bin frey gesprochen. Ich kenne keine Seite im Leben die noch berührt werden könnte. Das
Schicksal hat in mein Leben hart eingegriffen wie in das Leben weniger, jetzt ist es vorbey. Genug
was ich ich Dir sage darauf kannst Du Dich verlassen, ich spreche nicht wie ein Erfahrungsloser, ich wüßte nichts
was ich noch zu erfahren nöthig hätte.- Der Wissenschaft der Kunst, meiner Familie u. den paar befreundeten
Seelen, wil[l] ich leben, wenn Gott will, als freyer Mann leben. Ich freue mich daß Dir Deine Kinder Freude
machen, Grüße sie sämtl. meine Pathen u. besonders den wackern Theodor. Grüße alle auch Deine Frau.
Es liebt Euch sämtlich mit wahrer Innigkeit Dein Bruder August

[Nachschrift am Seitenrand, nicht ediert:]
<nichts fern[er]> bedaure ich sehr so wie m[an] als liebender Gatte & Vater <ich wünsche sich> das der Fall nichts möge zu <sagen arb>
Ich grüße <Euch ? >