Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Adolph von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 30.6.1811 (Göttingen)


F. an Adolph von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 30.6.1811 (Göttingen)
(BN 490, Bl 1-4, dat. Entwurf 1 Bl fol + 2 B 8° 8 S., tw. ed. Hoffmann 1952, 9-12.)

Göttingen am 30sten Juny 1811.


Mein herzlich geliebter, guter Adolph:

Hast Du denn, seit ich Dich verlassen habe, wohl
noch dann und wann an mich gedacht?- Ob
ich Dir gleich, mein lieber Knabe, so spät schreibe
so habe ich doch recht oft an Dich gedacht, und wenn
ich etwas sahe, daß Dir Freude machen oder Dich
belehren konnte, dann habe ich Dich zu mir und
in meine Gesellschaft gewünscht.
Von der Reise selbst aber kann ich Dir nicht
recht viel schreiben, weil ich selbst nicht recht viel
bemerkt habe; denn einmal that es mir doch recht
sehr leid, daß ich nicht <habe> im Stande gewesen war bey Dir und Deinen
Geschwistern bleiben zu können, weil ich Euch sämtl.
recht lieb habe, und weil ich doch weiß <daß Ihr mich etwas lieb habt> und fest über[-]
zeugt bin, daß jedes von Euch nach seiner Art strebt
gut und immer besser zu werden; dieser Gedanke
machte mich nun natürlich für das, was außer mir vorging nicht
sehr empfänglich; dazu kam noch, daß ich während
der Reise sehr große Hitze und vielen Staub zu er-
tragen hatte, dieß stumpfte die Aufmerksamkeit
sehr ab auf die Äußeren Umgebungen sehr ab, und
man war froh von einem Orte zu dem andern
gekommen zu seyn, um das Ziel seiner Reise immer
näher rücken zu sehen; überdieß war einer von
der Gesellschaft ein Franzos welcher fast immer Zahnweh
hatte ein gar krämlicher Mann; unter diesen Umständen
war mir nun die Empfindung u. Erfahrung: daß
freundl. und gute Behandlung der Menschen noch
nach Jahren, <und> wenn auch nicht gerade zu auf uns /
[1R]
doch auf uns werthe Freunde und Bekannte u auf Menschen oft durch das 2te, 3te Glied gut
und mit Zinsen zurückwirkt.- Viell .....
Vielleicht hat Dir der Joh. gesagt daß ich da ich etwas zu
spät zur Post kam mich <zum Conduc.> außer die Diligence setzen mußte
was mir auch lieb war. Hier saß der Conduct[e]ur /
Führer der Diligence natürl. macht man am ersten unser erstes Gespräch war natürl. das
Reisen mit der Diligence ich sagte ihm daß ich einmal mit einer [sc.: eine] ganze
Gesellschaft Fam. die D. gem. habe - (wie der Vater nach der Schw. reiste) - u. sagte ihm daß ich auch in jener
Gesellschaft gewesen wäre. Das freut mich jemand v. jener
Gese. kennen zu lernen, jener Conducteur mein Gevatter
fuhr er fort hat mir viel von jener Reise erzählt; er hat
oft gesagt daß jenes seine beste Reise gewesen sey und nun
erzählte er mir u. meinem Nachbar jede Kleinigkeit von
jener Reise bis Offenburg (d[enn] Du erinnerst Dich daß
wir nachher einen andern C. erhielten) - so war also
durch die dortmalige Güte Deiner Eltern auch dieser jetzige
Conducteur gut für mich gestimmt u. ohne daß es Deine
Eltern wußte[n] so verdankte ich Ihnen doch nun manche Beq.
der Reise wenigstens war er von dem Augenbl. an besonders
für meine Sachen besorgt u. wie er uns verlassen mußte
empfahl er mich und meine Sachen besonders dem folgenden Conducteur.
Diese Bemerkung des Vorwirken[s] des Guten hat mir nachher
oft Freude gemacht, u. ich entschl. mich gleich es Dir zu
schreiben weil Du gewiß nicht geglaubt hättest, daß
von der Güte Deiner Eltern während jener Reise noch eine
Wirkung sogar durch die 3te Hand nach Jahren her auf mich wirken
würde.
Von Giesen an welches ein unansehnliches für mich
schlechtes übelgebautes etwas verfallenes Städtchen ist, wo selbst aber auch eine Universität
und zwar für des Großherzogthum Hessen /
[2]
wo aber nicht mehr als ohngef. <189> junge Leute sind, weil die sich in den höhern Wissenschaften
unterrichten lassen weil fast lauter Landeskinder, d.h. größtentheils blos
solche die aus dem Großherzogthum sind, daselbst
sind von diesem Giesen aus sage ich, bin ich nie mehr aus
dem Weser Gebiete gekommen
Von Frkf. bis Marburg bin ich noch im Rheingebiet
gereißt, hinter Marburg erhob sich führt dann die Chaussee
nach u. nach über die hier sehr beträchtl. Berghöhe welche das Rheingebie[t]
vom Weser Gebiete trennt u von dort an bin ich
immer Fried im Weser Gebiete geblieben.
Friedberg, welches auf dem
östl. Fuße der sich hinter Frankf. weiter nord / östl. fortziehenden Höhe liegt (von woher oft Schützen nach Roßbach kommen, wie Du weißt) besteht aus hat hat nun
eine aber sehr breite Straße. Von hie Von hier Nun
kam[en] ich wir nach Buzbach oder Butochbach einem kleinen Städtchen
von da nach Giesen. Friedberg sieht [sc.: hat] von der nördl. Seite an wirkl. eine inter[e]ss. Lage weil
es da auf einem Hügel liegt der ganz abgeschnitten ist,
es [hat eine] mauer mit Thürmen u. auch eine auf der höchsten Höhe dieses Hügels
liegende Kirche. <allerdings bald>
hinter Friedberg fuhren wir auf der außer ordentl. Saline[.]
Von Giesen fuhren wir Nachts weg u. kamen morgens nachdem wir <nochmals> über die Lahn gefahren nach
Marburg welches ebenfalls von der Lahn umfloßen wird
Marburg obgleich <im innern> wegen der bergichten Straßen
Straßen nicht angenehm so hat es doch eine ganz herrl.
Lage, so schön daß ich wohl gewünscht hätte einige Tage
in dem es umgebenden Gebirge herum wandern zu dürfen[.]
N --- heim [sc.: Nauheim]. Hier hatte ich gewünscht zu
Fuß zu seyn um alle die außer ordentl. Maschinery besonders
Pumpwerke die wohl auch z. Zeiten durch Windkräfte getrieben
werden, d[enn] ich sahe viele Häuschen = d[en] Windmühlen mit
Flüge[l]n eines gerade so wie Du letzthin gezeichnet ha[s]t
u. mehrere Windmühlen Flügel. Diese Saline hörte ich habe
Napoleon einem General Davoust geschenkt der jetzt
die Resourcen Einkünfte davon zieht, sie soll sehr viel Eintragen
der Vater wird Dir sagen ob es gegründet ist[.] /
[2R]
Die Gebirge sind zieml. nahe u. hohe ja Marburg liegt
liegt auf einem kleinen Hügel des Westl. gebirges, in dem
Th breiten Thal fließt die Lahn welche von schon breit
genug ist um einer Gegend leben zu geben. Hinter die[sem]
nahen Gebirge Östl. wogen die entfernten höhen hervor,
die z. Theil mit alten Schlößern geziert prangen welches
die Gegend noch angenehmer macht. Dieß war Donnerstags
morgen. Den Morgen darauf also Fr. Morgen kamen wir nach
Cassel. Cassel ist nun eine der schönsten Städte mittlerer
Größe die man sehen kann. Der Vater, die Mutter
welche da waren können Dir mehr davon erzählen als
ich, sie liegt an der Fulda. Auf der westlich[en] Seite
ist eine bedeutende Anhöhe deren einen Pkt. man den Weisen-
stein, unter der alten Regierung Wilhelmshöhe, dem Landgrafen
Wilhelm zu Ehren u. jetzt Napoleons höhe dem jetzigen
Könige von Westphalen <Hgre> Napoleon zu Ehren nennt.
auf dieser Anhöhe ist eine sogen. <Wassirte> wo das Wasser
durch Pumpwerke künstl. vorrichtung auf eine bedeutende
Höhe gebracht wird u. dann als in dem es sich ins
Thal ergießt Wasserfälle Springbrunnen pp füllt. Ich
habe es nicht gesehen, da es ganz trocken ist wenn es
nicht angelassen wird so macht es keine Freude. Die
Mutter aber kann Dir ebenfalls davon erzählen u. dHe.
Prof. Pape vielleicht die innere Einrichtung sagen.
Ich reiste bald nach meiner Ankunft weiter u.
kam gegen Mittag noch nach Münden u. <zu> Hannoversch Münden.
Dieses Städtchen ist ich möchte sagen das schönste Land-
städtchen was ich je gesehen habe, es ist Alt, denn ich
habe sehr viele Häuser noch gefunden die in den Jahren von 1500-1600 ge-
baut waren, u. in der Kirche waren sehr alte <Documente>
die ich nicht lesen konnte, doch steht ist müß[en] sie sehr alt seyn[.]
Dieses ganz regelmäß[ig] gebaute Städtchen wo sich alle Straßen /
[3]
in rechtem Winkel schneiden, liegt auf der Land
Spitze welche zwischen der Werra u. der Fulda
liegt gerade da wo die Fulda sich in die Werra
ergießt, Du weißt daß von diesem Punkt an
die Werra den Namen Weser erhält u. sich mit
diesem Namen in die Nordsee ergießt. Münden hat
in seiner Lage viel ähnlichkeit mit Heidelberg nur
sind die Berge näher zusammen gedrückt u. was
das hauptsächlste ist, die Stadt Münden selbst hat keine solche
Anhöhe wie Heidelberg an seinem Schloße hat.
Wie der Weg aus Heidelberg über den Neckar
nach Frkf. fürht [sc.: führt], gerade so führt aus Münden
der Weg über die Brücke der Werra nach
Göttingen, auch zieht er sich an der andern Seite
ebenso wie bey Heidelberg ein Stück am Fuße des Ge-
birgweg[s], bis er bald dar<auf> durch die Porta
Westphalica
welche Du ja aus der Geog. kennst
aus dem Thale <von> Münden heraus zieht.- Von
dieser Seite findest Du eine Zeichnung in einem
Göttingschen Kallender der Mutter v. Jahr 1808. Von hier führte
der Weg nach einigen Stunden durch ein schönes Thal
u nachdem ich den höhen Zug oder Bergrücken
der Sich zwischen der Weser u. Leine hinzieht
u. die Gewässer beyder Flüße trennt überstiegen
hatte kam ich in das breite Thal worinne Göttingen
liegt, welches v. der Leine, von der Göttingen /
[3R]
einem Nebenfluß der Wesser welche zieml. paralle.
mit ihr liegt, an welcher auch Göttingen liegt.
[Der nächste Absatz steht zwischen zwei horizontalen Strichen und gehört sachlich zum Text von 3V:]
Vor Münden lagen auf der Weser viele Schiffe
die <Waren> von Bremmen herauf bringen u. gebracht
haben u. Landesprodukte wieder dahin abfahren.
Die Schiffe, sind da sie Waren fahren die vor dem
Regen geschützt seyn müßen ganz gedeckt, aber
höchstens sogroß als ein Mittlerer Schiff
mittlere Größe wie Du zur Meßzeit auf dem
Main sieh[s]t. Die Dächer sind ganz schwarz, da sieht
es dann wie eine Menge mehrere häuser aus die dicht
nebeneinander auf dem Wasser schwimmen.
Göttingen liegt wie Du aus dieser Zeich[nung] sehen kanns[t]
in einer großen Ebene, und hat ganz der nahe nur
einen Hügel, doch in der Entfernung einiger <ein u. vieler> Stunden
liegen Berge die Theils mit dem Thüringer Wald
theils mit dem Harz in Verbindung stehen.
Jetzt lebe recht wohl mein guter Adolph
Du siehst aus der Länge dieses Briefes wie
gerne ich noch immer mit Dir spreche u. ich ge-
stehe Dir ich würde mich noch länger mit Dir unter[-]
halten wenn mich nicht andere Geschäfte ruften[.]
Daß [sc.: Das] nächstemal schreibe ich an Deine Ge-
schwister u dann grüße ich Dich auch wieder ihr dürft es mir ja nicht übel
nehmen, daß ich so einzeln und so langsam
an Euch schreibe, ihr wißt ich bin <nun da> aber ich habe gar zu viel
zu thun, besonders weil ich noch gar nicht einge[-]
richtet bin u. also mit meiner Zeit nicht /
[4]
ordentlich <genau> umgehen kann.
Nun habe ich eine Bitte an Dich. seit einigen Tagen
warte ich vergebl. auf meine Sachen ohne die ich
mich gar nicht ordentl. einrichten kann, sey doch so
gut u. schicke einmal den Krost zum He. Kaufmann
Fink in der Kartaune auf der Friedberg Gasse
u. lasse ihn fragen: ob meine Sachen hieher abgegangen sind oder
nicht und im ersten Fall wann Sie abgegangen sind
u. wie lange er glaubt daß sie unterweges seyn
müssen bis sie hieher kommen. bitte aber He. Fink
Dir es ganz aufrichtig sagen zu lassen ob sie abge-
gangen sind, damit u. dann sey so gut u. schreibe
es mir mit wenigen Worten.-
Wenn ich so viel schönes u. gutes sehe so
viel belehrendes höhre u. dann Deiner gedenke
lieber Adolph dann freue ich mich recht in Dir
einen guten fleißigen Knaben zu wissen, weil ich
sicher hoffe daß wir uns in der Zukunft wieder
auf dem gemeinschaftl. Weg uns auszubilden
gut zu werden u. uns zu unterrichten
begegnen werden und daß wir dann gemein[-]
schaftl. mit einander oder wechselseitig von ein[an]der lernen und uns unterrichten.
Schone mir Deine
Gesundheit, arbeite oder spiele im Garten, lebe recht
friedl. mit Deinen Geschwistern beson[ders] Carln daß euch
die Eltern erlauben gemeinschaftl. auch etwas
weitere Spaziergänge zu machen, damit Du /
[4R]
durch alles dieß Deinen Körper hinlänglich
stärkst, denn ohne einen gesunden Körper der
etwas aushalten kann, kann man nicht viel
sehen u. sich unterrichten.- Ließ jetzt noch nicht
so viel, mache lieber Deinen Körper durch Arbeit
schnitzen graben oder Spielen oder durch sonst etwas
bewegen, daß Du ihn stärkst, das lerne Deine
Lectionen ordentl. präparire Dich gut, das Lesen
hat Zeit bis Du manches noch besser verstehst.
Anstatt daß Du ließt was andere Kinder
gemacht gebaut, gearbeitet gespielt haben ist
es besser Du baut machst baust, arbeite[s]t, spiel[s]t es
selbst, denn dadurch hast Du nicht nur alle die
Freude was jene Kinder hatten sondern lernst
auch viel dabey wie jene Kinder dabey lernten
Du weißt jetzt auswendig was Robinson
alles gethan gebaut verfertigt hat, jetzt suche
Du für Dein Alter aus u. Deine Kräfte auch
so etwas zu thun zu bauen zu verfertigen.
Erdenke welche Gelegenheit in Eurem Garten dazu, Euer Vater
ist gut u. liebt Euch u. Dich so sehr er erlaubt
Dir gewiß zu thun was Du willst.
Ich muß nun mit Gewalt aufhören mit Dir
länger zu sprechen, es war mir es wir gingen so
Arm in Arm den geraden Weg auf u. Ab am
Hüttchen vorbey u. nach den Platanen hin. Lebe
wohl. Empfie[h]l mich Deinen Eltern, Deiner Groß<m[utter]> u. Fr. <Tr / He>
Grüße recht herzl. Deine Geschwister von mir, die S. [sc.: Sophie]