Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Susanne von Heyden in Frankfurt/M. v. 2.8.1811 (Göttingen)


F. an Susanne von Heyden in Frankfurt/M. v. 2.8.1811 (Göttingen)
(BlM F 1031, Bl. 75R-72R, dat. Entwurf 2 B 8° 7 S. ohne Anrede und Schlußfloskel, kompilierender Auszug bei H V, 47f. mit Lesefehlern.)

[75R]
Ihren Brief, hochverehrte Freundin
erlauben Sie mir daß ich Sie so nennen
darf, welcher mir Freude gemacht hat
werde ich sicher beantworten, sobald als meine
Denkweise und mein Innerstes Ihnen nicht
mehr so ganz fremd ist Jetzt <Dienstags> erlauben
Sie aber zugleich auch verzeihen sie [sc.. Sie] mir mir [2x] auch ,
daß ich Ihnen ein paar Früchte <Keime>
Blüthen viel-
leicht Früchte aus, des dem <sicheren> Garten der Einsam[-]
keit mittheile. Ich nenne es dort
anders man befindet sich jene <Bewegung>
führt auf die Zimmer am Bauplatz nun
gut! mein Grundsatz ist: was der
Geist <glaubt> regelt, der Gehülfe das Gemüth gestaltet
u geboren hat, soll der Verstand
nicht auslöschen sonst greift der /
[75]
der sonst recht gute Freund zu weit, u
es ist zu Zeiten immer gut wenn man wie
Appelles hinter dem Vorhang hervor[-]
gukt schaut u jeder Kraft in uns auch
an in seinen Kreis erinnert zurückführt[.]
Überdieß ein Garten in der Einsamkeit
ohne Haus ohne Obdach was auf festen
Stützen ruht um den Regen abzuhalten u Stürmen die doch
auch kommen, Trotz zu bieten
ist doch auch ein schlechter
Aufenthalts Ort, Liebe ohne Heymath
<braucht> nichts, die Flitterwochen wo
man sich wohl mit einem Laubdach
begnügt verfließen nur einmal in
dieser Irdischkeit und man sucht
doch etwas <ernstes>: die Freundschaft
die uns das feste Gebäude der Wissen[-]
schaft zeigt, und uns in dasselbe einführt. –
Seyn Sie ja und ja nicht böse
mit mir daß ich diesen Brief an
sie [sc.: Sie] abschicke, ich habe mich nun
[Einschub*] doch ich dränge zurück was noch da stehen sollte
um nicht noch mehr v.[on] Ihnen mißverstanden zu w[erden*] /
[74R]
[Zeile 1-14 v.o. vollständig gestrichen]
einmal seit langen Zeiten unter das
Zepter der Laune gefügt, und ich ge-
stehe es frey auch zu
, da behauptet sie
denn auch jetzt ihr verjährtes Recht
was will ich thun? –
Doch genug? –
Es ist eine sehr böse Angewohnheit von mir daß
ich zu denen die sich mal gütig gegen mich gezeigt haben
immer mit Bitten komme und ich will es
nur gerade zu gestehen[:] sie immer ver-
mehre je mehr mir gewährt werde[.]
Deßhalb bitte ich Sie Verehrte Fr recht sehr mir
in der Zukunft ja nicht zu viel zu
gewähren, aber doch jetzt diese – zwey
erst bitte ich Sie begleitet mit dem innigsten
Dank für Ihre vorige Güte, diesen
beyliegenden Brief der Freundin güte[-]
voll einzuhändigen, und ihr zugl smeine
zweite Bitte zu erlauben, denselben
bey Ihnen zu lesen zu dürfen. Ich hoffe
daß dieser Brief Donnerstags oder Mitt-
wochs ankommt, wo es ja recht wenn
Sie es erlauben ohne etwas besonderes /
[74]
angeht, denn wäre das erstere [der] Fall so
bitte ich Sie ihm eine Nachtherberge zu schenken.
Lassen Sie sich gütigst nicht von der Erfüllung
der meiner Bitte durch die Sorge abhalten
er möge, eine Ihnen für Ihre Umgebung
unangenehme Folgen abhalten [Hoffmann: bringen] – ich glaube
sicher nicht vielmehr hoffe ich er soll ihrem
Geiste eine bestimmte Thätigkeit und ihrer
Seele Freudigkeit geben. Zu dieser
Bitte bestimmt mich noch die Überzeug[ung]
mit denen die so gütevoll sind das traurige u trübe mit
uns zu theilen auch das
fröhliche u heitere theilen zu müssen, und
Sie thatenja, ich weiß es, mit Aufopfer-
ung das erste, mögte das 2te ohne die[-]
selbe [H: dasselbe] geschehen.
Geben Wären Sie ***so gütig die beyliegenden
Blätter eines Blickes zu würdigen, so
bitte ich Sie überreichen Sie solche gefälligst
der Freundin deren Eigenthum sie sind.
Sie verdanken nur ihr, ihr Daseyn
und gerecht zu seyn ist die erste
und höchste <unerbittl[iche]> Forderung welche die Natur
an den Mann macht - /
[73R]
*** Was die Zukunft betrifft so hoffe ich daß
nur [H: mir] fernere Mittheilung an die befreundete Seele
über Wissenschaft u Kunst und alles dem [H: das]
was daraus als anwendung in und Veredlung Erhebung des
fürs Lebens – denn einen andern
Zweck hat ja keine
Verein edler Seelen [ – ]
hervorgeht – Inhalt der fernern Briefe seyn soll
diesen glaube ich können sie [sc.: Sie] mit der strengsten
Gewissenhaftigkeit die fernere Hut Ihrer
schützenden Ägide angedeihen lassen *
*und können [sc.: kann] Wahrheit mit dem Wahren Nahmen
durch die Thüre Ihrer [Wahrheit] eintreten in die Wahr[heit] ohne Todte
beider Todt nicht <erreicht> [*] – doch alles
hängt von Ihrer Bestimmung ab, bestimmen Sie
nur ganz offen, ganz wie es Ihnen recht
dünkt, und ich freue mich es aus zu führen [.***]
[Der folgende Abschnitt ist vollständig gestrichen]
Noch bitte ich sie [sc.: Sie] sollten Sie Ursache haben
mit der äußern Form wie mit dem innern Ge[-]
halte dieses Briefes
[*72R] der der treue Abdruck des meines bald ruhig bald
wogenden bald den[ken]den bald empfinden[den] Innern
ist [*] unzufrieden seyn
zu müssen – (denn was von Ihnen abhängt das
weiß ich wohl verzeihen Sie) – so sagen
Sie mir es frey u offen was das <denn in[-]>
dem ich schrieb habe ich <nur> Recht edler <Herzen sey>[.] Seyen Sie ver[-]
sichert ich achte im höchsten Grad Umfange Ver[-]
hältnisse in denen wir leben /
[73]
[Die Zeilen 1-6 v.o. sind gestrichen]
und die höchste Verehrung <gegen Sie> gn DFr hat in m dieß
bitte ich Sie versichert zu seyn hat in
mich durchdrungen während dem ich ihn
schrieb ich wollte ihn auch einige mal
anders schreiben aber ich konnte
wirkl[ich] nicht.
Von aufrichtigster Verehrung durchdrungen

A Fröbel
Am 2ten August von 8 Uhr an.

[Strukturell komplexe Nachschrift 73 u 72R,
tw. direkt von 73 auf 72R übergehend]
Überdieß bin ich auch der festen Überzeugung
[72R*] in den paar zunächst verfl[ossenen] Tagen in dem
Garten der Einsamkeit gepflückt [*]
daß der Ideentausch reiner Strebender der
Zweck die Aufgabe des Lebens zu Vervollkommnung ist
der Himmel selbst sich zum schützenden Schilde
wölbt, und ich gestehe <da> selbst <mir> aufrichtig es ist mir gar nicht
wohl dabey **
[72R**] und es ist mir ahndet Sie hätten als fühlte ich daß auch Ihre Empfindung es mir auch
im vorigen Briefe <hat> aussprechen wollen und ihre [sc.: Ihre]
Persönl[iche] Güte Sie davon abgehalten habe[.]
Ich gestehe Ihnen also auch offen [*]
wenn es uns dünkt als dürften wir nicht zu[-]
[Fortsetzung 72R*-*] [*] trauend nicht vertrauensvoll [uns] der Ägide hingeben
unter welcher ja der ganze Erdball ruht, von
der es ja sogar wie des Herrschers Befehl es sagt abhängt
ob wir Regen oder Sonnenschein haben, Blüthen des
Frühlings und Früchte des Herbstes <ent gegen>
<kommen> <solange> ob wir lieben
und lachen, oder tödten u weinen sollen [*]
was ich freyl[ich] nicht bestimmen kann denn: wer bestimmt
[72R*] die Gunst Forderung des Augenblickes
- der mächtigste von allen
Herrschern ist der Augenblick [*] [Novalis? Goethe?]
N. S. Sollte Ihnen die Freundin aus mein[en]
Brief[en] etwas mittheilen nehmen Sie es
ferner mit Schonender Güte auf, wir
beiden schwachen Menschen sind nun einmal so
daß wir uns in Freude wie in dem Schmerz mitzutheilen
müßen suchen – Ihr HE Bruder ist <uns>
[72R*]<Geist u Streben> sehr gütig gegen mich,
ich habe Ursache ihm für manche Gefälligkeit zu danken[*]