Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline v. Holzhausen in Frankfurt/M v. 5.8.1811 (Göttingen)


F. an Caroline v. Holzhausen in Frankfurt/M v. 5.8.1811 (Göttingen)
(BlM F 1031, Bl 48V-46R, dat. Entwurf 8° 4 S. mit Adressatangabe; und BIM F 1031, Bl 48R-50V, dat. Entwurf 8° 4 S. ohne Adressatangabe. Wenig plausible Kategorisierung von Text 49-50R durch Wollkopf als Brief an unbekannten Adressaten. Dagegen sprechen: 1. der rein systematische Teil 49V, 48R und 48V. 2. der persönlich gehaltene Teil 50 und 49R, für den als Briefpartner C.v.H. oder S.v.H., wohl eher Caroline v.H. in Frage kommt, dieser also zum Briefentwurf an C. v. 5.8.11 gehören könnte.)

[48]
Vor Tisch     Am 5 Aug der Fr[eun]din
Der Zweck dieses Briefes kann
nicht seyn: mit einemmalige gelesen
zu werden; nimm ein Blatt so oft
Du wünschst Nachricht von mir
zu haben. Aber sey vorsichtig
damit, daß Blatt Friede Dir [bringe]
nicht Unfriede aus denselben
hervorgehe. Doch die Natur er[-]
kennt keinen Zufall, kein Ohngefähr
alles ist absolute Folge einer Ursache
dieß muß uns trösten. Was uns ge-
schieht, davon liegt der Grund in uns
dieß muß es uns ertragen machen
und Muth geben und uns anfeuern
das In Uns ganz zu durchschauen /
[47R]
zu durchdringen. Dein

Am 5 Aug  Noch Fr[eun]din
Über das Wir dieser Schrift
Schicket Euch in die Zeit denn es ist
böse Zeit; es ist also um dem
einmal verwöhnten Schoßkinde
zu schmeicheln würde ich <Ich> sagen
so würde schon ehe nur <jemand>
läse geschweige prüfte gegen
den Innhalt der Schrift sich erklären
und jeder würde auch sagen ich, ob
nun eigentl[ich] unter dem Wir
dieser Schrift niemand zu ver[-]
stehen ist als das sprechende Innerste
und des Schreibers Äußerste
so glaubt doch jeder er sey da[-]
mit begriffen und so findet die
Wahrheit eingang den man ihr
nicht um ihret willen, denn /
[47]
sie würde auch Wahrheit bleiben
wenn sie nirgends einginge als
wo sie ausgegangen ist –
Übrigens haben auch die die wahr[-]
haft ihr ich [sc.: Ich] gefunden haben oder
wenigstens wahrhaft streben

Ich
sagen zu können recht, wenn <außer[-]>
dem wir ich sie mit verstanden
habe[n]. Hätte ich auch in dem Buche
statt Wir ich gesagt, so wäre
dieses noch nicht <mein Ich>, sondern
das uns allen zugehörige wahre
ich gewesen, durch dieses sich auf[-]
heben des Inf von der höhern Ansicht
des unterschied[s] zwischen wir u ich <Weg[en]>
der höhern Ansicht so habe ich mich
in die Zeit gefügt u wir gesagt /
[46R]
ob ich gleich hätte bekennen soll[en]
daß es nicht die Vielheit sondern
die Einheit die Ewig un getrennte ge[-]
einte daß [sc.: das] Wahr Ich der Geber
u Sprecher der Schrift war, was
Wir thun wenn diese Schrift
geläutert von ihren Zufälligkeiten
erscheinend und temporellin nochmals erscheinen sollte
wollen wir gerne der Entscheidung
des Ich anheim stellen.

[49]
Am <5> Aug. 11 Morgens 7 Uhr
Die Frage: was ist Gewissen[?] er[-]
klärt sich nun rein aus dem
Vorigen: Die Theologen sagen: es ist
die Stimme Gottes in uns; wenn
sie verständig, fühlten u wüßten
was sie sagten so ließe sich <nichts>
hinzu setzen, aber sie geben
es immer so als wenn ø [Gott] d[urc]h
ein Guckfensterchen ins Gewissen
schaute u nun so hinein spräche
das ist [es] aber nicht, sondern
es ist: /
[48R]
unsere eigene Stimme die Stimme
unserer Ahndung unserer göttl.[ichen]
Natur unser[er] Abkunft u unsrer
Heymath die in uns spricht.
Gott steht nicht und nie in alle
ewigkeit nicht dem Menschen als ein
geschiedenes fremdartiges entgegen
gesetztes Object gegen über sondern
ø [Gott] ist nichts anderes wie innre Seite
der Anschauung her u wir können
<nie> allseitig sehen; bey allem vollk[ommnen] physischen
sehen bleibt immer die
innre Hälfte des zu sehenden g[an]z
verdeckt, nur dem Geist ist es
Gegeben allseitig zu sehen was auch
die Math. als <reine> Wissenschaft
des Geistes in ihrer Körper
Darstellung benutzt [Würfelzeichnung] /
[48V]
[oben] Darstellung geistige Dar[-]
stellung, so bey der Kugel mögl[iche]
Anschauung von Inneren /
[50]
nicht würden wahr.*
[49R]
*Erreicht das G[an]ze <einst> vielleicht einen
höhern Grad der Vollendung u Vollkommen[-]
heit kann es <steigt> es in sich dem Organi<schen>
den Grad der Vollendung zu erreichen den
ich ihm zu geben wünsche u strebe [zu]
so wird es mir Freude machen Ihnen
dasselbe vorlegen z
wenn Sie mir dann
nur erlauben wollen es Ihnen vorlegen zu dürfen [*]
[50]
Nur schüchtern
lege ich etwas bey was sich seiner
Darstellungsweise also seiner Sprache
nach von dem andern ganz unterscheidet
u so isolirt steht als ein G[an]zes in sich ist[.]
Sie sehen aus dem Anfang es ist nach
dem vorstehen[den] Briefe geschrieben, wo
mir da ich bey dem Vorigen was mich beschäftige in das Wesen
der Sprache hatte eindringen müßen, wirkl[ich]
der Männl[iche] Artikel hier Eindruck machte *
[49R]
*ich benutze <Diff[erenz]> daran meine
<Überz[eug]ung> des Verhältnißes des
Mannes zum Weibe an daran zu knüpfen
in was es ihm ihm ist wie um als etwas er es in
sich aufnimmt u welches ihm der Weg
dünkt ihrer Liebe theilha[f]t werden
zu müssen [*]
[50]
u so entstand vor meiner Seele
jenes Gebilde *
[49R]
* liebl[ich] für mich <schmiegten>
sich auch
Die letzten Strofen des Schillerschen
Lieds <nach der letzten Vergangenheit abgehoben> an,
die so treffend u vollendet
meine innere Welt aussprachen <?> [*]
[50]
– Ich bitte sehr
um Nachsicht daß ich es wagte [dies] Ihnen zu[m] <Durch>sehen beyzu[-]
legen nur mein Wunsch von Ihnen g[an]z ge-
kannt zu seyn da mein erster kranke[r] Brief
mich bey Ihnen in einem sicher <trüben> Lichte
zeigen mußte konnte mich dazu bestimmen es soll
besonders die letzte <Str[o]fe>
Ehrerbietung[s]voll.

A. F.