Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Susanne von Heyden in Frankfurt/M. v. 10.10.1811 (Göttingen)


F. an Susanne von Heyden in Frankfurt/M. v. 10.10.1811 (Göttingen)
(BN 479, Bl 1-2, dat. Entwurf 1 B fol 2 S.)

Am 10' October 1811.
Ich fühle es tief, daß es achtungswidrig
ist, Ihnen der vielbewährten treuen
Freundin , der Freundin wiederum einen
Brief an dieselbe, blos begleitet
von der Ihnen bekannten eigennützigen
Bitte zu überschicken; allein so tief ich
auch jenes Achtungswidrige empfin-
de, so sehr ich auch von dem Schuldig[-]
keitsgefühle: Ihnen als der Person,
als der Freundin, welche Sie mir er-
lauben in Ihnen innigst verehren
zu dürfen, etwas aus meinem innern
eigenen Leben mitzutheilen zu müssen,
durchdrungen bin, so ist doch jedem Ge-
danken, jeder Idee gleichsam alles
Leben benommen, mein Innerstes selbst er-
scheint mir wie verschlossen, so bald
ich zu diesem Zwecke eine Gabe von
ihm zu erhalten wünsche. Ich suche
und suche allein alles dünkt mich todt,
und folglich der Gründe gegen meine
Wahl [sind] so viele (so triftige) daß ich
unmöglich zu einem Entschlusse kommen
kann.
Gestern Abend auf meinem gewöhn-
lichen Spaziergange bemühete ich mich
den Grund dieser Erscheinung in mir
aufzufinden; welcher mir um so fer-
ner lag, je bestimmter ich mir sagte
daß es sicher würde ich das Glück
genießen, mich mit Ihnen mündlich
unterhalten zu können, nicht am [sc.: an]
einem Gegenstande der Unterred-
ung fehlen würde. Als Resultat
meiner Untersuchung zeigte sich mir
Folgendes: den ersten Grund jener
Erscheinung fand ich in der unvoll-
endeten meiner eigenen inneren
Ausbildung.- Das von mir als
wahr empfunden Erkannte, liegt noch
als zu große unausgebildete
ganze Masse in mir. Es, dieses
wahre, als Ganzes, als Masse, hat /
[1R]
sich in mir noch nicht genug, sich immer
selbst gleichbleibend
individualisirt,
d.i. als dieses Ganze in jedem Einzel-
nen (der einer Wissenschaft) (den Wissenschaften)
als individualisirt wiederkehrendes,
vollendet geschlossenes Ganze ausge-
bildet, so daß ich so gleich irgend
ein Einzelnes herausheben, besonders
berücksichtigen, und doch immer zugleich
auch das Ganze geben könnte
.
Und dieses noch nicht im Stande sey-
end, muß jede jetzige Mittheilung
aus dem Innern mit nachfolgenden
genaueren Bestimmungen begleitet
seyn. Und hierinnen auch wohl jene
Erscheinung in mir liegen; denn bey einer
mündlichen Mittheilung auch über einen
Gegenstand des ernsteren Denkens
<nimmt> man es nicht immer so stre[n]g,
überdieß erhält man durch das von
der andern Seite darauf Erwiederte [sc.: Erwiderte]
Gelegenheit, sich entweder bestimmter
auszudrücken, oder worinne man sich
wirklich irrte zu verbessern. Beydes
fällt bey einer schriftlichen Mittheilung
weg, wenigstens ist es mit Schwie-
rigkeiten verbunden.
[Text bricht ab, das 2. Blatt des Bogens ist leer und nicht paginiert]