Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. <31.>10./1.11.1811 (Göttingen)


F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. <31.>10./1.11.1811 (Göttingen)
(KN 14,6, tw. dat. Brieforiginal/Fragment 2 B 4° 8 S., Briefanfang fehlt.)

voll war mir das Leben nie ein menschenwürdiges
Leben desselben nie. Dieses so vor mir stehende Leben konnte
nicht anders als durchgreifend auf mich wirken und es that es.
Natürlich war auch ich gezwungen hart und ernst in die
Kräfte meines Lebens einzugreifen, und so gab mir die Zeit
in Kurzem lehrreiche Tage; aber in eben dem Maße wünschte
ich nun Gelegenheit auch von Außen her durch Stoff und Be-
lehrung der Flamme des Denkens Nahrung zu geben, doch
da es nicht möglich war hatte ich für diesen Winter
ganz darauf resignirt, schon hatten viele Collegia begonnen.
Für mich allein arbeitete ich rastlos fort und eben hatte
ich meine Denkreihe mit einem sichern und festen Blick
ins Jenseits geschlossen; wie merkwürdig da, we[n]ige
Zeit darauf erhielt ich von Osterode Deinen Brief, es
war gestern 9 Uhr des Morgens. Du kannst glauben daß
ich mich nicht fassen konnte es war ein Wogen der verschieden[-]
artigsten Gefühle Erstau[n]en, Schmerz, Freude, doch wie kann
ich sie nennen es war als ob ich nicht selbst in mir wäre.
Zuerst antwortete ich dem Bruder in O. - Nun war das
nothwendigste zu überlegen, was ich nun mir von Außen
geben wollte. - Gut <war / wäre> es daß ich schon vor der Reise
zu Euch die Sache wenn es möglich gewesen wäre über-
legt <hatte / hätte>, und die Be mir in der letzten Zeit fühlbar
gewordenen Bedürfnisse hatten mich auch bestimmt, und
ich war also zu nächst entschlossen - wozu mich da ich mein
akademisches Leben als Student möglichst beschleunigen
muß viele Gründe bestimmen - Chemie und Physik zu
hören. So wie ich entschlossen war ging ich ans schwarze
Bret [sc.: Brett], das war gegen 11, und denke um 2 Uhr Nachmit-
tags hatte Meyer den Anfang angeschlagen. In Göttingen
kann man die Collegia nicht wohl besuchen ohne vorher
beym Professor gewesen zu seyn, da war nun keine Zeit
mehr zu verliehren [sc.: verlieren]. Denke Dir ferner Chemie fing
schon heute morgen um 9 Uhr an, nicht wohl hätte also /
[1R]
jener Brief einen Tag später kommen dürfen, wo
er nicht so unmittelbar eingegriffen hätte. Drittens
höre ich noch ein praktisch philosophisches Collegium
was schon seit zwey Tagen angefangen hat, dieses Collegi[um]
war heute von 8-9 und vor 8 Uhr heute Morgen
ging ich noch zum Professor den ich übrigens schon
kenne und belegte auch dieß.
Nun überlege, um 9 Uhr dachte ich noch an kein
Collegium und lebte ganz und gar abgeschieden und
isolirt in meinen 4 Wänden, um 2 Uhr sollte schon
ins das Collegium gegangen werden und heute, den Tag
darauf habe ich schon 3 Collegia gehört. -
Und wie ich nun sehr klar einsehe früher nicht eine
Stunde früher hätte der Brief kommen dürfen so
wäre ich in meiner Denkreihe gestöhrt [sc.: gestört] worden, und es
würde mir jetzt unmöglich geworden seyn es zu vollenden.
Und noch früher hätte jene Nachricht gar nicht kommen
dürfen weil [sich] da die zu meinen [sc.: meinem] Streben so unerläßlich
nöthige äußere Charakterfestigkeit noch nicht ausge-
bildet hatte. Ja wenn ich es jetzt alles recht ernst
und ruhig überlege, so wäre mir Monate vor-
her eine Unterstützung von außen rein gar nichts
nütze geworden - warum? - weil ich sie suchte und
darauf dachte sie zu finden; natürlich hätte ich mich
dort noch nicht gar [vielleicht sc.: ganz] und gar selbst; so bald der
Mensch noch das mindeste außer sich sucht u. hofft d.h. wenn er noch ganz allein steht
so lange hat er sich
sicher selbst noch nicht, und dieß war bey mir der
Fall; ich mußte erst ganz auf Äußere Unterstützung
resigniren; diese Resignation mußte ganz in
mein Denken u. leben übergegangen seyn, eher
konnte sie mir nicht werden.
Sage mir Bruder könnte ein Vater besser handeln
als das tiefe unbegreifliche Schicksal? - /
[2]

Am 1sten Novembr. Aus dem Vorhergehenden wirst Du nun leicht ein-
sehen welche[n] großen Eindruck Dein Brief auf mich machen, welche
ganze Umschaffung meines äußeren Lebens er, da ich nun na-
türlich auf die daraus für mich hervorgehenden Folgen in der
Anordnung meiner Mittel Rücksicht nahm - er hervorbringen
mußte. So wie ich früher den Mitteln der Innenwelt gebot
mich nach einem Ziele zu führen so legte ich auch jetzt zugleich
den Mitteln der Außenwelt Zügel an mich zu demselben
Ziele zu führen. Was als äußere Folge heraus meinem
Streben hervorgehen wird wage ich nicht zu bestimmen; ich
arbeite nach einem Ziele, mich der Forderung meiner Natur
getreu ganz als Individuum auszubilden, werde ich einst et-
was, bin ich etwas, so wird sich ein Wirkungskreis als na-
türliche Folge davon gleichsam von selbst finden. Die Natur die
sorgsame Haushälterin läßt zur ihrer Erreichung ihrer großen
Zwecke keine auch nicht die kleinste Kraft unbenutzt.
Du und ihr dürft aber nun nicht glauben, daß da nun zum
zweytenmale mir durch das Geschick gerade in den wichtig-
sten Momenten Unterstützung wurde, daß dieses mich nun auf
das Schicksal, als einer steten Geberin dreist verlas-
send machte; wie ich die Sache ansehe [ist] gerade das Gegen-
theil. Zweymal wurde ich unterstützt, einmal auf der
Stufe der Erfahrlungslosigkeit [sc.: Erfahrungslosigkeit] des Unbewußtseyns, darum
daß ich meiner Bewußtwerden sollte, es war gleichsam
das Eintrittsgeld in die Lehrjahre der Welt. Das zweite
mal werde ich jetzt unterstützt da ich zum Bewußtseyn
gekommen bin, da die Lehrjahre beendigt sind. Das Schicksal
sagt wie der Vater zum Bruder Christian: hier Sohn
hast Du 2 rth. ich habe Dich was gelehrt d.i. ich habe
Dir, Dich selbst finden lassen, jetzt gehe hin und hilf Dir
selbst. - Ich weiß, daß es absolut das letzte mal ist, ja
seyn muß, ich müßte gar keine Kraft kein Zutrauen
zu mir selbst haben wenn ich nur wünschen sollte,
daß es nochmals geschehen ist. - Übrigens weiß ich noch /
[2R]
mehr, ich weiß daß selbst diese Unterstützungen nur Darleihen
des Schicksals sind die mit weit härterer Strenge mit un-
barmherziger Strenge zurückgefordert werden, und zwar
mit Zinses Zinsen d.i. mit Handlungen und Thaten; wenn
der Vater die Eltern ihren Kindern haben etwas lernen
lassen so fordern sie sich wohl unbewußt als natürliche
Folge davon, im Alter dagegen Unterstützung, so ver-
langt das Schicksal unerbittlich Thaten zur Zielerreichung
für die Menschheit zur Veredlung des Geschlechtes: Ein
Gesetz waltet durchgehends die Natur ist überall
sich selbst gleich bey aller Verschiedenheit
, daß ist
das Große Naturgesetz was wir uns zu verstehen
bestreben.
Ich bin Dir als Repräsenta ältester [sc.: ältesten] Bruder und deß-
halb als Repräsentant unserer ganzen Familie Rechen-
schaft von meinen [sc.: meinem] Handeln schuldig ich weiß es und
es macht mich diese Schuldigkeit glücklich. Ich weiß daß
ich nicht allein stehe, ich weiß das [sc.: daß] mein Handeln zu-
rückwirkt auf eine Familie und daß die das Recht
hat zu fordern daß es ein würdiges sey. Dieses Be-
wußtseyn hat auch größeren Einfluß auf mein
Handeln gehabt als jemand der mein äußeres
Leben betrachtet kaum glauben kann, dieses Achten
der Familien verbind[un]g und Verhältnisse - (:als ein
rein geistiges angeschaut) hat unendlich eingegriffen
in meine Handlungsweise zwar immer doch besonders
in der letzten Zeit. Es findet hier vom Gliede der Fa-
milie zur Familie selbst wieder ein ähnliches Ver-
hältniß statt, wie von dem Menschen zur Mensch-
heit zum Menschengeschlechte; wer sich diese dahin er-
hoben hat diese Rücksicht in sein Handeln aufzuneh-
men dem wird sie Prüfstein alles seines Handeln[s] seyn.
Es darf den nur einzelne Handlungen nur einzelne
Momente des Lebens eines andern beobachten könnenden /
[3]
Menschen nicht befremden wenn oft Handlungen kommen
die scheinbar alle jene aufgestellten Grundsätze als nicht
da seyend zeigen, da muß man sich einzig an den Glauben
halten denn der innere Zusammenhang der Handlungen und
ihrer Triebfedern ist oft unendlich fein daß es das Auge
des feinsten Menschenkenners erfordert um ihn finden zu
können. Zutrauen zu den Menschen haben das ist etwas
Unbeschreibliches in seinen Folgen, Du kannst es sicher glauben
Bruder ich will einmal annehmen daß Dir nicht mögl.
geworden wäre mich je in meinen Handlungen äußerlich
zu unterstützen, so kannst Du doch sicher glauben, daß
ich tief fühle und deutlich erkenne was ich Dir durch das
auf mich gehabte und mir bezeugte Zutrauen verdanke,
welchen einfluß hatte Dein Zutrauen auf mich als ich
vom Witz kam, dort kam mir das erste Gefühl der
Selbstachtung und tiefer Achtung anderer da ich sahe es giebt
gerechte Menschen. Dort war ein kritischer Punkt für
mich, ich setze auch den Fall daß ich mich durch Kraft
heraus geholfen hätte wenn alles gegen mich wäre, so
wäre es doch ein Wunder gewesen wenn ich hätte gut
bleiben und nicht störrig und trotzig werden sollen.
Doch wie kann ich das durchführen. - So viel ist sicher
Dein Vertrauen war da es so lange das einzige war
was mir von Außen wurde die Stütze und der Leit-
stern meines Handelns. Doch dieß führt in den geheimsten
Organismus der menschlichen Seele ich muß abbrechen; Es
sey Dir dieß wenigstens Andeutung, das [sc.: daß] mein Leben
in seinem ganzen Umfange klar ja deutlich vor mir liegt.
Was sich mir alles da ich diese Zeilen niederschrieb auf[-]
gedrängt hat da könnte ich noch Bogen davon vollschrei-
ben, denn es umfaßte und ergriff ja mein Leben.
Nur noch zwey Punkte will ich andeuten. Etwas
muß schlechthin der Mensch seyn, ehe er in sich etwas
ist, will u muß er äußerlich etwas scheinen; in dem
Maße aber in dem er innerlich etwas wird etwas ist
fällt das äußer[e] Scheinen wollen ab. Zweytens dem /
[3R]
Menschen der sich in sich ausbildete, dem fällt es
schwerer als jeden [sc.: jedem] andern daß sein Seyn in kurzer
Zeit heraus trete, besonders im drängenden Treiben,
um aus sich heraus zu treten verlangt ein solcher
Mensch Ruhe, Klarheit Besinnen zuerst genaues
Bestimmen dessen (wenn es eine streitfrage betrifft)
was eigentl. bestritten werden soll. Aus diesem
folgt daß mir der letzte Aufenthalt bey Euch
zur Kenntniß meiner selbst, was ich wohl ge-
wünscht hatte, nicht günstig war. -

Am 1' No[v]embr. Gegen Mittag. Ich freue mich ganz außerordentlich
meiner Collegien die ich diesen Winter höre, da sie ganz gera-
de das sind was ich zu meinem nächsten Zweck bedarf. Das
praktische philosophische Collegium ist giebt mir gerade die
Data die ich nöthig habe; es ist nämlich: die National
Industrie in ihren Wirkungen d.i. der innere Zusammenhang
der Cultur eines Volkes mit seinen [sc.: seinem] Wohlstand, und allem
was daraus folgt. Ich finde hier das Verhältniß aller Staats-
glieder von König u. Lehrer bis auf den Bettler und Räuber herab aus einander
gesetzt, was mir bey meinem Zwecke:
mit praktischem Nutzen einst zu lehren, vom höchsten Werthe
ist. Ob nun gleich in diesem Winter mein einziger und
Hauptzweck ist: mich von Außen zu belehren, so verfolge
ich dabey doch, in den Stunden der Muße den Dir in hinsicht
auf eigene Thätigkeit angedeuteten Plan da er in meine
Studien ganz eingreift, und gemeinsam mit der mit [sc.: mir]
jetzt vom Geschick gewordenen Unterstützung, mich zu
meinen [sc.: meinem] Ziele führen muß, nur werde ich das Ganze
mehr durcharbeiten und [sc.: um] ihm mehr Gediegenheit und
Wahrheit zu geben. -
Daß es mir bey meiner jetzigen Anordnung lieb seyn
muß, bald einmal etwas über den Stand der Um-
stände in Stadtilm zu hören ist natürlich, sollte also
der Bruder Traugott keine Zeit dazu haben, so wirst
Du mir eine große Gefälligkeit erzeigen wenn Du
mir bald schreibst. Nächsten Sommer hoffe ich nun noch /
[4]
hierbleiben zu können und dann unmittelbar für meinen
Wirkungskreis thätig zu seyn, zu den [sc.: dem] ich mich jetzt nun ernst-
lich vorzubereiten strebe. Zeit zu bestimmen wäre Thorheit, denn
das Schicksal giebt die Lagen; sie zu benutzen, aus dem
Rohen das Gebilde hervorzurufen ist unsere Sache.
Das [sc.: Daß] ich mit Deinem Vorschlage wegen den Kindern der seel.
Schwester vollkommen zufrieden bin, bedarf wohl keines Wor-
tes, doch habe ich deßhalb und eige einiger näheren Be-
stimmung wegen, an den Bruder in Stadtilm geschrieben.
Auch habe ich ihm geschrieben, daß ich aus der Verlassen-
schaft der Tante gerne zwey Kleinigkeiten eine zur Erinner-
ung an mein Leben in Stadtilm im Hause des guten Onkels
und eine zur Erinnerung an Willersleben haben möchte. -
Grüße Deine Frau recht brüderlich und sage ihr,
daß es uns auf unserer Rückreise viel Freude ge-
macht habe und mir noch mache, wenn ich der Verle-
genheit gedächte in welche Sie unsere unerwartete An-
kunft versetzt habe, u. danke Ihr herzl. für d. uns erzeigte Liebe.
Herzliche recht freundliche Grüße an alle Deine Kinder
an Dorchen, Ernsten Carln u. Julius, und sage ihnen daß ich
jetzt etwas lernte, wo ich, wenn ich wieder einmal
zu ihnen käme, ihnen recht viel schönes zeigen könnte.
Ich erinnere mich nicht daß ich Dir noch etwas zu
schreiben hätte, als die wiederholte Bitte mir bald
einige Nachricht zu gen [sc.: geben].
Immer mit aufrichtiger Bru-
      derliebe
            Dein Bruder August Fröbel .

Der He. v. Mettingh ist leider nicht nach Saalfeld gekommen
er war in Rudolstadt am Tage des Bohlscheiber Brantes [sc.: Brandes],
deßhalb hat er auch den Bruder nicht besucht; er ist über
Paulinzelle nach Ilmenau.
Alle 4 Wochen kommt von Schwarza ein Fuhrmann hierdurch
der nach Hannover oder Braunschweig fährt, durch diesen /
[4R]
glaube ich kann ich in der Zukunft einmal am besten
die von Dir gewünschten Bücher erhalten, wenn ich mir
sie nun nicht da ich sie doch haben muß gelegentlich
einmal kaufe, was erst die Folge der Zeit lehren
wird. -
Sollte mein Loos [sc.: Los] bey der Theilung vielleicht ½ Duzzd [sc.: Dtzd.]
aber gute Servietten und vielleicht auch ½ Duzzend [sc.: Dutzend] gute und
nicht zu ordinäre Handtücher treffen so bin ich nicht
abgeneigt sie zu behalten, da sich solche Sache durch
das Waschen von fremden Leuten gar zu bald ver-
braucht und da ich in der Zukunft solche Wäsche
doch immer brauche, selbst in meiner jetzigen Lage
wo ich für alles dieß sorgen muß. Das sind die
Wünsche die ich hätte, Ihr werdet mir nicht übel
nehmen daß ich sie ausspreche; allein ich dachte:
Ihr könntet sie ja doch nicht wissen. Übrigens hätt[e]
es auch nichts zu sagen wenn sie nicht erfüllt werden.
Dieß dem Bruder Traugott zu schreiben hatte ich
keinen Platz mehr.
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Es geht mir mit Deinem Briefe gerade wie mit dem
des Bruders, jetzt da ich ihn zusiegeln will fällt
mir ein daß ich Dir und der lieben Schwägerin kein
Wort des Dankes ausgesprochen habe; Es wird Euch
schlecht dünken, allein da ich, indem er sich an die freund-
lichsten Zurückerrinnerungen [sc.: Zurückerinnerungen] anknüpft ganz in den-
selben lebe, so war es, indem ich um so sicherer
erwartete diese Forderung des Herzens die so nahe
liegt zu erfüllen - um so leichter sie zu vergessen
wie man ja wohl die Luft - und so Empfindung[en] in denen
man lebt zu bemerken vergißt.
Da ich im Ganzen lebte so trat dieses Einzelne nicht
hervor; ich fühlte mich nicht getrennt, so vergaß ich daß
ich getrennt war. - Die immer heitere u erheiternde Rück-
errinnerung [sc.: Rückerinnerung] sey der beste und bleibender Dank.