Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 21.11.1811 (Göttingen)


F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 21.11.1811 (Göttingen)
(KN 14, 7, Brieforiginal 1 B fol 4 S.)

Göttingen am 21 Novbr. 1811.


Mein lieber Bruder

Nur im Vertrauen auf Deine brüderliche Liebe und in der
Hoffnung daß Du mir verzeihen wirst, entschließe ich
mich diesen bittenden Brief an Dich zu schreiben. - Du
warst zwar schon bey meiner Abreise so gut mir
die Zusendung des Dir bekannten Car[o]l[in] gegen Weihnach-
ten zu versprechen; freylich ist jene Zeit noch nicht her-
bey gekommen und es scheint deßhalb unbrüderlich
und unzart von mir Dir noch vor jener Zeit davon
zu sprechen; allein ich will so viel mir die Zeit er-
laubt die Gründe die mich dazu bewegen auseinander-
setzen. - Das erste was mir es möglich macht jetzt
schon Erwähnung davon zu thun ist erstlich weil ich
glaubte daß im Fall es Dir nicht möglich seyn sollte
mir jetzt schon meine Bitte um denselben zu erfüllen
dieß vielleicht dem Bruder in Stadtilm mögl.
wäre, dieß ist es was mir in Bezug auf Dich
die Gründe dagegen aufhob. In Bezug auf mich
sind es eigentlich zwey: erstlich habe ich mich
gleich vom Anfang meines Hieherkommens so gesetzt
alles zur bestimmten Zeit zu bezahlen und gar nicht
auf Credit zu leben, da die Folgen davon für mich
zu bedeutend in Hinsicht auf meine Studien werden[.]
Dieses möchte ich nun gerne wo möglich ganz so
fortführen einmal weil man auf eine solche Weise
am ökonomischsten leben kann, und dann um
von meiner Seite jedes Hinderniß zu entfernen
[am linken Seitenrand hochkant:]
Die Sprachen, sind nicht vergessen das kommt alles <vorher / oder: nächstens> /
[1R]
was mir meine Zielerreichung verzögern konnte; doch
die Hauptsache ist die; seit ich Deinen letzten Brief er-
halten habe, habe ich mir nun einen bestimmten festen
Plan so viel als dieß möglich ist auch in Hinsicht auf
die Zeit gemacht: nämlich so daß ich alles was ich von
Göttingen fordere mir in diesem Winter und nächstem
Sommerhalbenjahre ganz zu eignen will. - Nächste
Michaelis gehe ich als dann nach Heidelberg oder nach
Berlin. Einen der beyden Orte werde ich als dann
für die nächste Zukunft zu meinem Wirkungskreis wählen.
Hier in Göttingen suche ich mich jetzt mit allem Fleiße in
den Besitz der Thatsachen zu bringen die gegenwärtig
ein Eigenthum der Erfahrungswissenschaften namentl.
der Physik, der Chemie u. Mineral[ogie] sind; um hierinne
die Masse und Gestallt [sc.: Gestalt] des gegenwärtigen wissens [sc.: Wissens]
beurtheilen zu können. Zu diesem Zwecke höre ich in
diesem Winter: mit vollständigen Versuchen erläuterte
theoretische Chemie, - Chemie der Pflanzen u. Thiersub-
stanzen. - Einleitung in das Studium der Mineralogie
(Terminologie u. Systematologie) und experimental
Physik. - Nächsten sommer [sc.: Sommer] werde ich analytische
oder praktische Chemie, - Anorganologie (Lehre
von den Unorganisirten Naturkörpern (Mineralien
Luftarten) und Geognosie. - Dieß sind die Colle-
gia zur Kenntniß der unorganisirten Natur,
um in Besitz aller der Thatsachen zu kommen zu die
man bis jetzt zu ihrer Kenntniß besitzt. Dieß ist
der eine Punkt; - Du weißt das jedes Studium /
[2]
der Chemie ein, wenig fruchtreiches Studium ist wenn
es nicht praktisch geübt wird, da es mir bey meinem
Zweck nun hauptsächlich darum zu thun seyn muß
mit den Verfahren der Chemiker bekannt zu werden
so ist es nöthig mich mit den chemischen Wirkungen mancher
Stoffe genauer bekannt zu machen, da es ein sehr
verwickeltes und difficiles Studium ist, kurz ver-
schiedenes auf meinem Zimmer praktisch zu repitiren.
Dieß ist um so nöthiger als ich fest entschlossen bin
nächste Michaelis Göttingen zu verlassen. Du wirst
hieraus sehen, wie sehr ich alles die Zeit in jeder Hin-
sicht benutzen und sparsam mit ihr umgehen muß[.]
Du weißt da auch daß die wahre Benutzung der Zeit
nicht nur von unserm Willen abhängt, sondern [wir] sie
gleichsam oft erst fruchtbar für uns machen müssen
durch Ausgaben, und daß wenn diese Ausgaben
noch so oft wenig oft sind, doch die Zeit für uns
ungenutzt verfließt weil wir sie nicht <machen> können, was ich jetzt aufs höchste vermeiden
muß, denn da ich alles jetzt auf
gleichsam auf ein Kauffartheischiff [= veraltet für Handelsschiff] anlege. Der
Magen darf eigentlich jetzt nie, etwas keinen Tag
keine Mahlzeit etwas in sich nehmen ohne daß nicht
vorher im Kopf etwas niedergelegt wäre, damit
wenn der kleine Vorrath verschwunden ist, der Geist
auch wieder für den Magen arbeiten könne. - Diese
etwas durch einander geworfenen Andeutungen
mögen bey Dir um Verzeihung für meine Bitte bitten,
mir Dein Versprechen wenn es Dir (vielleicht durch
Traugott) mögl. wird Dein Versprechen etwas früher /
[2R]
zu erfüllen. - Du wirst mich sicher verstehen
warum ich strebe mich mit den Thatsachen bekannt
zu machen in deren Besitz die Erfahrungs wissenschaften
sind, sie sollen mir Materialien werden um mein[en]
Zweck auszuführen. - Auf der andern Seite höre
ich auch geschichtliche Collegia besonders ein sehr wichtiges
und interessantes gerade jetzt - Über den Einfluß
der Industrie, oder die Nationalindustrie u. ihr[e]
Wirkungen<:> Umfassend Staatswirts. u. Wissenschaft
und Finanzwissenschaft nach Smith' des Engländer[s]
Idee. Dieß höre ich beym Hofrath Lüder der sonst
in Braunschweig war, nächsten Sommer höre ich
bey demselben Politik ebenfalls nach Smith.
auch hier wieder praktische Kollegia, die mich
mit dem Menschen in Bürgerlicher u. menschlicher
Verbindung und mit den Menschen im Staate in
allen Fugen und Angeln bekannt machen
.
Du wirst nun wohl sehen, daß ob ich gleich einst
vom Standpunkte der Spekulation aus wirken
will, ich doch einen rein praktischen, d. h. auch
die Menschheit einfließenden Zweck habe. Du
siehst auch wohl ein daß ich mich für einseitig-
keit [sc.: Einseitigkeit] hüte, denke aber nicht[:] Mineralogie u.
National Industrie - Hier Menschen dort Steine
Gott ist die Einheit u. Übereinstimmung, also herrscht
absolut auch Einheit u. Übereinstimmung in seiner ganzen
Schöpfung. Dieß ist mein Thema, [dies] zu zeigen meine
Lebensaufgabe. - Wenn es der Bruder in Stadtilm
den ich herzl. grüße so einrichten kann, daß ich bald
von dort etwas erhalten kann wirds mich freuen[.]
[am linken Seitenrand hochkant:]
Ich grüße herzlich Frauen und Kinder in Stadtilm wie Griesheim. -