Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 19.12.1811 (Göttingen)


F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 19.12.1811 (Göttingen)
(BN 435, Bl 10-11, dat. Reinschriftfragment 1 B 8° 4 S., wohl ein Entwurf Fröbels, von dem der Großteil nicht in den abgeschickten Brief vom gleichen Tag eingegangen ist. Ms mit Randbeschädigungen.)

Am 19ten Decbr. 1811.


Mein theurer Bruder;

[Es] ist mir immer ein sehr beglückendes Geschenk wenn ich einen
Brief von Dir erhalte und [es] hat auch Dein letzter Brief mir große
Freude gemacht, zumal da er mir so gute Nachricht von
alle den Deinen brachte. Ich freue mich sehr über Deine
Kinder, sie geben das vollste Recht zu den besten Hoffnungen.
Lasse sie immer langsam entwickeln, desto fester und desto
charaktervoller werden sie einst im Handeln und in den Stürmen
des Lebens stehen. Bitte auch Deine liebe Frau daß sie besonders
den Julius ruhig, den Gang seiner innern Entwickelung beobach-
tend, folgen soll. Wenn ich mich dieses Knaben, und der
wenigen in meiner Zerstreuung gemachten Beobachtungen erinnere
so müßte ich mich sehr teuschen wenn er nicht ein sehr wahr
und tieffühlender Knabe wäre. Er dünkt mir gleich einer jungen
[E]iche die nach der Tiefe eine fußlange Pfahlwurzel treibt
[wel]che sich an der Eichel kaum eine Spur zur Entwicklung einer
Pflanze noch weniger zu dem Sturm <drohenden> trotzenden und Schatten
[g]ebenden Baume zeigt. Im Jahr 1805 schrieb mir ein Freund Pe-
stalozzis mir ins Stammbuch:
Erziehen heißt unter die Erde ein Fundament legen zur künftigen
Erndte. Je weniger man die Frucht zu früh sieht, desto
sichrer ist sie vor Winterfrost. -
Wo sich nun jenes Fundament selbst legt, desto weniger dürfen
wir in diese eigene Selbstthätigkeit eingreifen. - Jemehr inneres
Leben ist, desto mehr ist innere Reizbarkeit. Menschen und Ki be-
sonders Kinder dieser Art müssen mit einer ausgezeichneten
Gleichmuth und Ruhe behandelt werden; sie fühlen besonders
als Kind, ich möchte sagen sich selbst unbewußt jedes harte
Wort jede harte Behandlung, jedes ungerechte Urtheil;
ihr Inneres, zagt, bebt, ist davon ergriffen, es trauert und
sie wissen doch dieses selbst weder klar noch die Ursache, und
bey alle dem was es im Innersten arbeitet und wogt scheinen
solche Kinder äußerlich hart und wohl empfindungslos, was
sich auch ganz natürlich ist, denn eine und dieselbe Richtung
kann nur nach einer Seite gehen, die andere und gerade entge-
gengesetzte
Richtung, geht nothwendig nach der entgegenge-
setz[t]en Seite. - Kinder von diesen [sc.: diesem] Charakter werden bey /
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[einer ha]rt in ihr Inneres eingreifenden Behandlung z.B. [<durch>]
[<Gese>]tztheit pp fast immer schüchtern, furchtsam, zaghaf[t;] [<sie öffnen>]
sich beym höchsten Wahrheits gefühle selbst nicht; we[il]
von der frühesten Jugend an alle ihre tiefen Wahrheitsgefüh[le]
von der Außenwelt verkannt und ihnen abgesprochen wurden.

Werden diese Knaben Männer so ist ihnen durch diese Behandlung in früherer J[ug-]
end der allerhöchste Leb und allerschwerste
Lebenskampf aufgelegt. Verhältniß Bestimmung alles ruft s[ie]
in die Welt zum Handeln zum vollsten Selbstvertrauen, und
sie stehen dagegen da in sich zurückgescheucht, und es entstehen
die tiefeingreifendsten und heftigsten aller Kämpfe, <da> weder
Alter noch Vorstellungen des Verstandes sind vermögend jenen
Fehler der Behandlung in den Jugendjahren wieder gut zu machen.
Ich wünschte daß Deine so verständige Frau sich davon überzeug[en]
möchte. - Das Kind macht sich selbst unbewußt, und eben d[a-]
her authorisirt durch die Natur (:aus Gründen die auszuführ[en]
hier zu weitläufig sind, die aber in den [sc.: dem] Ausspruch liegen: ist es [sc.: es ist]
eine ewige Kraft die in uns allen lebt:) an alle Erwachsene[n] u[nd]
um das vervielfältigte an die Eltern die unerläßliche Forder[ung:]
daß die Anlagen die es in sich trägt, d.i. der Charakter
seines Wesens von denselben und besonders von den Eltern
geahndet
, daß es aber auch, und dieß ist der Hauptpunkt,
von denselben, nach Maßgabe dieser Anlagen, dieses
seines Wesens, geachtet und gewürdigt werde.
Mit andern Worten und im Gleichniß.
Jeder Mensch als Kind trägt ein ihm anvertrautes
Pfund in sich, 5, 10, pp. Des wegen aber darf man noch nicht
sagen daß der dessen Pfund 20 sey, reicher ist als der dessen
Pf. 5 ist. Daß [sc.: das] Kind achtet man und es fordert dieß, um
des erhaltenen Pfundes willen, den Mann um der sich
Zueignung und Anwendung des erhaltenen Pfundes.
Das Kind fordert mit Recht jene würdigende Anhdung [sc.: Ahndung]
des vertrauten Pfundes eben deßhalb weil es ein, ihm an[-]
vertrautes
Pf. ist. - Wir sollten Kinder nicht als ein 3tes
als eine Sache, nein wir sollten Kinder schon als unseres
Gleichen d.i. als werdende, und die Menschen einst wie
wir jetzt streben, beglückende Menschen betrachten und
achten, ja noch höher, denn sie sind - wenn auch unbewußt /
[11]
noch reiner als w[i]r.
[Un]d dieses Ahnden , dieses des anvertrauten Pfu[ndes durch]
[s]ie, dieses achtende Würdigen desselben, dieses Besc[hützen]
[d]er neu auflebenden Generation vor den in der Welt
[vor]handenen Übeln daß sie reiner und glücklicher daß sie
[näh]er dem Ziele komme daß [sc.: das] ein Gott ihr ins Herz gelegt
[ha]t, ja dieses alles sind ja die einzigen aber auch in allen
[ihr]en Folgen überschwänglichen Vater und Mutter Freuden des
[elte]rlichen Verhältnisses.
[D]er Landmann geht am feyerlich stillen und heitern Morgen des Früh-
[ling]s Sonntags durch die grünende Saat, sein Herz ist der frohen
[Ho]ffnung einer gesegneten Erndte sich hingebend hocherfreut.
[E]r stimmt ein in den Gesang der schwirrenden Lerchen, er ist
[e]rfüllt von Dank für gegen den Himmel für das bisherige Gedeihen
kindlich vertrauend des ferneren hoffend, so ruht sein
fröhliches Auge auf seiner Saat, - und was ist die Saat
die im Frühling der Erde entkeimt und im Herbste schon
seine [sc.: ihre] Reife erhält gegen, gegen eine Menschensaat die einer
Ewigkeit entgegen reift. - Wenn schon jene Saat des
[L]andmanns Herz zum Himmel erhebt, was soll der An-
[b]lick dieser in uns bewirken? - Nun mit einen [sc.: einem] solchen
[t]iefempfindenden Blick gute Schwägerin weilen Sie ruhe ihr
Auge auf ihren Kindern, und sie werden sich über sich
selbst erhoben fühlen, Sie werden sich mit einer Würde Ihrer
selbst anschauen wie Sie es noch nie thaten, und jener eine
Blick so auf ihre Kinder wird Folgen haben die ich mir nicht
anzudeuten getraue. Ihr eigener, d.i. der unmittelbar
Ihnen zugehörige Familien Kreis wird eine Bedeutung er-
halten in welchen [sc.: welcher] Sie ihn bisher noch nicht sahen, u. die außen
diesen ihren Kreis nicht berührenden Welt würde Ihnen in
das Nichts zerfallen, daß sie für Sie ist; ja Sie würden
sich ohngeachtet der an sich sehr niederdrückenden und Sorgen
vollen Lage dennoch in derselben als das was Sie sind: als
beneidenswürdig fühlen. -
Verzeihen Sie mir liebe Schwägerinn [sc.: Schwägerin] diesen Seitenblick, ich
würde mir ihn nicht erlaubt haben, wenn mir nicht in demselben
Augenblick einige Rückerinnerungen an die Tage meines Besuches
bey Ihnen gesagt hätten daß sie mich nicht mißverstehen würden. -/
[11R]
[<Nun zur>] Beantwortung Deines Br[ie]fes. Erstlich was die
[<Mitte>]l betrifft die Du von dem Erbe unserer Schwer[ster] [sc.: Schwester]
gegen Interessen wünscht, so wüßte ich gar nicht war[um]
ich es nicht zufrieden seyn sollte, eben dieses glaube ich
ohne Einschränkung im Namen des Bruders in Osterode
sprechen und versichern zu dürfen, da ich dessen Gesinne[n]
über diesen Punkt so wie Du kenne. Es muß uns beyde[n nicht]
anders als höchst lieb und willkommen seyn wenn sich Mi[ttel]
zeigen wie Deine Lage verbessert werden kann. Ich wer[de]
wenn auch nicht die Weyhnachtsfehrien [sc.: Weihnachtsferien] weil ich zu viel zu [tun]
habe, aber doch das Neujahr nach Osterode gehen; sollte[st]
Du also noch seine bestimmte Zustimmung erwarten, so
kann er Dir alsdann sogleich schreiben. - Was die Th[eilung]
der Effecten betrifft, so bin ich ganz mit dem einversta[nden]
was Du und Bruder Traug: mit einander thut. Gle[ich]
im Anfang da die Erbschaft vorfiel dachte ich auch einm[al]
an die Kleider und wollte Dir schreiben daß Du m[ei-]
nen Antheil für Deine Kinder nehmen möchte[st], da ich a[ber]
ausrechnete daß auf mich erst der 20ste Theil kä[me]
und da ich bedachte daß es möglich seyn könnte, daß sehr
alte Stücke auf mich fiehlen, und wo als dann sowoh[l]
Deine Frau als Du meinen guten Willen übel aufnehmen
könntet, so ließ ich jenen Gedanken wieder fahren. [Text bricht ab]