Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 19.12.1811 (Göttingen)


F. an Christoph Fröbel in Griesheim v. 19.12.1811 (Göttingen)
(KN 14,8 / BN 435, Bl 12-13, abgeschicktes 8seitiges, aus 2 Archivalien zusammengesetztesBrieforiginal: aus KN 1 B fol 4 S., aus BN 1 B 8° 4 S. , zit. Halfter 1931, 333f.)

[KN 14,8, 1]
G. am 19ten Dec. 1811.

Mein theurer Bruder;
Deinen Brief vom 2ten Dec. habe ich richtig am 16ten samt der
Innlage erhalten ich danke Dir brüderlich für beydes.
Von ganzem Herzen freue ich mich über die Fortdauer der
Gesundheit der Deinen und besonders die Deiner guten Frau.
Mit eurer Anordnung und Einrichtung bey der Theilung des Erbe
bin ich in jeder Hinsicht zu frieden, und ich habe hierinne gar
keinen andern Wunsch als das was Euch lieb ist. Was die
Kleidungsstücke betrifft die auf meinen Antheil fallen, so
hatte ich gleich im Anfang den Gedanken Dich zu bitten denselben
geradezu für Deine Kinder hinzunehmen; später aber über-
legte ich, daß mich erst der 20ste Theil des sämtlichen Kleider
Vorrathes trüge, und daß es vielleicht gerad möglich seyn könnte
daß auf meinen Antheil Stücke fiehlen [sc.: fielen] die schon mehr getragen
wären, so wollte ich jene Bitte an Dich nicht thun, weil ich fürchte-
te Du oder Deine Frau möchtet darüber böse werden. Du siehst
wenigstens hieraus daß ich auch in dieser Hinsicht ganz mit Dir
übereinstimmend denke. Richte also das Ganze in dieser
Hinsicht mit Deiner Frau und dem Bruder in Stadtilm ein
wie Du es für das Beste hältst. - Die ausgetauschte Lein-
wand ist mir lieb, da meine Hemde[n] dieser Art nach und nach
abgehen; noch lieber wäre es mir wenn es sich vielleicht machen
ließe daß ich von derselben oder dazu passenden Leinwand
gerade zu 3 Hemden erhielte. Doch ist dieß blos eine unbe-
deutende Äußerung, auf die ihr nicht wesentlich Rücksicht zu
nehmen habt.
Was Deine Anfrage wegen des Capitalvorschusses der
200 rth. von dem Erbe der Schwesterkinder betrifft, so wüßte
ich gar nicht warum ich nicht Deinem Wunsche beystimmen sollte.
Im Gegentheil ist es mir lieb, weil ich natürlich wünsche
daß Deine Lage sich nach und nach verbessern möge, und
dieß geschieht doch dadurch in einiger Hinsicht wenn Du es
an einem Orte und gleichsam mehr unter uns schuldig
bist, denn ich dächte nicht daß es weiter sehr bekannt
zu werden brauchte, daß Du jene Summe als Anlehe über /
[KN 14,8, 1R]
übernommen hättest. - Des Bruders in Osterode Zufrieden-
heit mit Deinem Vorschlage kannst Du fest versichert seyn
da ich ihn zu gut über diesen Punkt kenne, und da er
nicht mehr wünscht als die möglichst beste Lage jedes sei-
ner Brüder; und da er dieß nicht nur wünscht sondern
da wo er kann auch gerne alles das Seine dazu beyträgt.
Eben lese ich Deinen Brief nochmals und finde Deine be-
stimmte Anfrage wegen Bettzeug und Wäsche. Nun
hat zwar Bruder Christian wie er mir schreibt auch
in meinen [sc.: meinem] Namen schon darüber geschrieben und ist
ganz des Bruders Traugott Rath beygestimmt. Ich will
allso [sc.: also] auch keinesweges jene Bestimmung Christians in Be-
zug auf mich zurücknehmen, doch da Du so wohl als
der Bruder Traugott schreibt: daß ihr meine Meinung
darüber noch besonders erwartet, so ist sie folgende
erstl. Von Betten und allen dahin gehörigen wünsche ich ganz
und gar nichts
zweytens von den Tischtüchern d.h. den geringern kann ich
zwey gebrauchen da meine Tücher die zu meinen
beyden Koffern gehörn um die Kleider und Wäsche
einzupacken auf der letztern Reise hieher ganz zu
Grunde gegangen sind, und <mir> ich doch dergleichen Tücher
wenn ich, ich nächsten Herbst wieder von hier abgehe
gebrauche; die Größe der Coffer ist Euch bekannt.
drittens beziehe ich mich ganz auf das was ich dem
Bruder Traugott schrieb, daß mir ½ Dzzd. Ser-
vietten und besonders einige Handtücher lieb sind.
Doch müßt ihr dabey auf den Transport Rücksicht
nehmen und ob Euch dieser nicht mehr Mühe und Kosten
macht als die Sachen werth sind, doch habe ich Dir
von dem Schwärzer Fuhrmann geschrieben[.]
Jetzt habt Ihr meine Meinung übrigens ist sie ganz
der Euren untergeordnet; und ich bitte Dich dieses /
[KN 14,8, 2]
dem Bruder in Stadtilm mitzutheilen, denn ich wüßte
sonst nichts was ich von jenen Sachen brauchen könnte.
Ich gestehe ganz aufrichtig daß mir die Verauktionung
der Kleidungsstücke in Bezug auf Deine Kinder gar nicht
lieb ist, da ich denke daß sie für Dich größeren Werth
haben als das Geld was wir dort dafür erhalten.
In einem Hauswesen in einer Familie läßt sich gebrauchen
wofür uns andere oft bey nahe nichts geben. Mir
wäre es lieber Du vereinigtetest Dich mit dem Bruder
darüber. Sollte es ja zur Auktion kommen und solltest
Du etwas für Deine Kinder zu haben wünschen, so erstehe
es wir können uns ja hoffentl. ausgleichen; Jedoch gebe
ich Dir überdieß die Disposition über meinen Antheil
an den Kleidern frey. - Findet sich unter diesen etwas
Es thut mir leid daß Du nochmals der Bezahlung des einen
Exemplares erwähnst; jenes sind Sachen die längst vor-
bey sind, und ich habe es Dir ja selbst ich weiß es mich
noch recht gut zu erinnern an Zahlungsstatt gegeben, ge-
denke also dessen in der Zukunft nicht mehr. -
Solltest Du noch jenes Kapital von der Schwester
Kinder übernehmen, so bitte ich auf die Bezahlung der
Vettern in Limbach Rücksicht zu nehmen, denn es ist
ja nachher gleichgültig ob Du etwas mehr oder weniger
nimmst; sollten sie Interessen annehmen, so verech-
nest [sc.: verrechnest] Du meinen Antheil bis zum Jahr 1806.
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Der Gedanke des Schwagers in Z.- freut mich wenn auch
blos als Idee, du wirst gleich hören warum. Ich habe
jetzt den bestimmte[n] Vorsatz nächste Michaelis von hier ab-
zugehen; dann werde ich früher oder später je nachdem die
Umstände gebieten, in Bezug auf einen Staat ebenso ver-
fahren wie ich 1802 in Bezug auf das Ganze deutsche Pub-
likum verfuhr, d.h. ich werde eine treue Charakteristik
meiner entwerfen, und meine Dienste einem Staate an- /
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tragen; Zu diesem Entzweck [sc.: Endzweck] habe ich den Staat des
Schwagers in Z. vor Augen. Mein Weg wird eben
so gerade wie dort seyn, ich werde mich an das Ministe-
rium fürs Innere und zwar an die Sektion fürs
Studien[-] und Schulwesen wenden, so hoffe ich daß ich
in der Zukunft eine Wirkungssphäre erhalten werde
die mir angemessen ist. - Ich werde den Wunsch nicht
verschweigen mich für ein höheres und ausgebreiteteres Wir-
ken aus zu bilden, aber ich werde ebenso redlich jeden
kleinen mir anvertrauten Wirkungskreis verwalten
wenn ich ihn nur ausfülle; denn wo größeres geleistet
wird unten oder oben ist eine schwer zu entscheidende
Frage. - Nach diesen wenigen Andeutungen wirst Du
mein jetziges und nächstes Treiben beurtheilen können.
Die Zeit von jetzt bis Michaelis wende ich recht eigentl.
zu meinem Unterrichte an, um einige Realkenntnisse
z.B. Mineral. Chemie, Physik pp aufzeichnen zu können.
Zu diesem Zweck werde ich von dem mir jetzt zu gebote stehen-
den Capital alles was nöthig ist anwenden um die Zeit
bis dahin vollständig und möglichst zu benutzen; Wenn
auch Michaelis meine Baarschaft sehr geschmolzen seyn
mag. Mit diesem mir dagegen an Kenntnissen er-
worbenen Kapital gehe ich nach B--, natürlich noch
als Studirender, und dort hoffe ich soll es mir sicher nicht
an Gelegenheit fehlen mir nicht nur meinen Unterhalt zu er-
werben, sondern auch in meinen Studien
mich vorwärts zu bringen.
Ehe ich aber nach B-- gehen kann muß [ich] noch etwas
Wesentliches erreicht haben, d.h. ich muß wenigsten[s]
etwas im Lateinisch können vorgeschritten seyn.
Dazu habe ich nun einen Plan, der in der Überlegung
recht vortheilhaft scheint, der aber vielleicht in der Aus- /
[BN 435, 12]
führung es weniger ist und den ich Dir deßhalb zur Prüfung
vorlege. - Zuerst muß ich Dir sagen was ich eigentlich will
und was ich bin.
Ich will im eigentlichen Sinne lateinisch lernen, d.h. ohngefähr
so wie man es auf einem Gymnasium treibt. Von Seite
meines Lehrers wünsche ich erstens weiter nichts als daß
er besonders Grammatik fest ist, und mich dahin erhebe so
viel als mögl. bringe. -
Was mich betrifft so habe ich wohl zerstreute Kenntniß
der lateinischen Grammatik aber nichts festes und Ganzes;
Wörter kenne ich nur wenig, von leichten lateinischen Sätzen
kann ich den Sinn errathen auch es wohl mit Hülfe des
Wörterbuches übersetzen. Zunächst wünschte ich es blos
dahin zu bringen daß ich ein leichtes lateinisch ge-
schriebenes Buch, besonders über Wissenschaften leicht lesen
könnte. -
Der Hauptpunkt hierbey ist nur besonders die Zeit;
während dem halben jahre habe ich gar keine Zeit und ich
weiß es leider aus zu schmerzlicher Erfahrung daß es zum
Fenster hinausgeworfenes Geld ist, wenn ich mich
nicht einzig und ausschließlich damit beschäftigen kann.
Für diesen Gebrauch bleibt mir nun keine andere Zeit übrig
als die halbe Jahrferien die zusammen ohngefähr ¼ Jahr
betragen. Nun käme alles darauf an dieses in 2 Theile
getheilte ¼ Jahr möglichst gut zu benutzen, dazu habe ich
nun einen Plan den ich Dir eben vorlegen will; mich
nämlich während dieser Zeit entweder zu einem Lehrer
an einer lateinischen Schule in einer kleinen Stadt
oder zu einem Geistlichen der Latein verstände ganz
in Pension zu geben, d.h. da zu schlafen u. zu essen.
Dadurch würde vieles so scheint es mir erreicht: erstl.
und Hauptsächl. könnte er mir jede Zeit widmen die
er frey hätte, zweytens könnte ich ihm leicht über das
was mir schwierig wäre fragen und so würde be- /
[BN 435, 12R]
sonders viel Zeit erspart. Drittens könnte auch die
Zeit bey Tische benutzt werden, er könnte lateinisch
zu mir sprechen so würde sich mir nach und nach diese
und jede Redensart dieses und jenes Wort einprägen
mein Ohr würde sich an das Hören des lateinischen
gewöhnen, und mich wenigstens dahin bringen bey einer
lateinischen Anrede nicht verlegen seyn zu dürfen. Es
sind dieß Vortheile die mir von großen [sc.: großem] Werthe zu
seyn scheinen, besonders das viele lateinisch hören. Ich
dachte doch daß ich so in 6-8 Wochen doch einige Fort-
schritte machen könnte zu mal wenn ich den ganzen Tag
nicht anderes trieb und gleichsam auch nichts anders
hörte. Von den Oster[-] bis zum [sc.: zu den] Herbstferien ließe
sich dann vielleicht etwas durch Briefe thun, oder ich
könnte als dann auch in Göttingen wöchentl. ein paar Stunden
nehmen.
So erscheint nun wenigstens mir, die Sache recht gut,
die Hauptfrage ist nur wo findet sich ein solches Ver-
hältniß. - Ein alter aber noch rüstiger Schulmann
wäre das beste. Ich habe nun seit mir der Gedanke
gekommen ist an mehrere Orte gedacht nur bin ich in diesem
Stande so unbekannt daß ich mir selbst zu rathen nicht
im Stande bin. - Einmal habe ich an Eisnach gedacht
mir ist es als hätte ich gehört daß dort ein kenntniß-
reicher Mann des Lateinischen Lehrer sey. - Dann habe
ich an <Tonna> gedacht wo wenn ich nicht irre der Schwager
sagte daß ein kenntnißreicher Lehrer sey. Dann wäre
vielleicht Langensalza ein solcher Ort. - In Nordhaußen
soll auch ein sehr gutes Gymnasium seyn. Eben fällt
mir noch Heiligenstadt u. casselisch Minden ein doch
weiß ich von beyden Orten nichts. - Ebenso lieb
als ein Schulmann wäre mir doch auch ein Geistlicher
sogar auf dem Lande wenn es [sc.: er] sich mit Lateinisch unun- /
[BN 435, 13]
terbrochen beschäftigt und lateinisch spricht. z.B. seinem
Sohne oder andern darinne Unterricht gäbe. An dem
Orte läge mir gar nichts und ich wollte gerne auf jede
Bequemlichkeit Verzicht leisten während dieser
Zeit wenn es mir nur möglich wäre einen Mann zu
finden wie ich ihn suche. - Ich habe Dir jetzt diesen
Plan im Allgemeinen zur Prüfung vorgelegt und ich
bitte Dich recht sehr mir gelegentlich ganz kurz Deine Mein-
ung darüber zu schreiben, ich will mich dagegen einstweilen
unterrichten ob sich nicht in der Nähe von Göttingen, was
mir wegen der Reise das liebste wäre, eine Gelegenheit
zur Realisirung meines Planes finden sollte; ist dieß nicht
[möglich] so glaube ich daß mir der Bruder in Rudolstadt
vielleicht deßhalb einen Vorschlag machen kann. Je
kleiner das Städtchen desto lieber wäre es mir, weil
ich da hoffen könnte daß der Lehrer den ich suche mir am meisten
Zeit würde widmen können. Noch habe ich daran gedacht
ob mir nicht vielleicht der Schwager in Döllstädt einen
solchen Ort vorschlagen könnte. -
Vergieß es nicht lieber Bruder in einem Deiner näch-
sten Briefe diesen Punkt zu berühren, indem mir gar zu
viel an demselben liegt.
Mein Vorsatz ist als dann das so Begonnene in B.-, wo sich viel Gelegenheit
unter verschiedenen Formen dazu zeigt, zur Er-
langung höherer Sprachkenntniße fortzusetzen.
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Dem Bruder in Stadtilm habe ich eine allgemeine
Übersicht meiner gegenwärtigen Ökonomischen Bedürfnisse
geschrieben, lasse sie Dir zur Durchsicht geben, sie ist auf
einem besondern Blatte. - Zu seiner Zeit werde ich
Euch auch sagen für was jene 30 Lau[b]th. Wechselschuld
sind. - Ich glaube fest sie ist dem Schicksal geliehen, denn das
Schicksal giebt ja auch einzig seine Bezahlung. Da ich den
Wechsel schrieb - und wer kennt nicht das strenge Wechsel[-] /
[BN 435, 13R]
recht - hatte ich nichts und wußte nichts worauf ich
seine Bezahlung berechnete als meinen Kopf; das
Schicksal hat es anders gefügt, nun so bin ich auch
zu frieden. - Wer kennt wer überschaut die Mittel durch
welche das Schicksal den ihm Vertrauenden felsenfest
Vertrauenden zum Ziele freilich oft durch fürchterlichen
Kampf und wenn mit Niemand anders als mit sich
selbst, aber sicher dennoch zum Ziele führt. -
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Den Neujahr heilige Abend gehe ich wenn der Himmel
will zum Bruder nach Osterode, Weihnachten kann ich
nicht weil ich da noch gar zu viel zu wiederholen habe.
In der Neujahrnacht und Abend wollen wir Eurer
sämtlich mit dem brüderlichsten Herzen und besten
Wünschen gedenken; thut auch ihr das Gleiche in Bezug
auf uns.
Viele Viele Freude und fröhlichen Sinn Euch sämtl.
zu den Festtagen, daß ich sie auch wahre Festtage
seyn mögen. -
Grüße herzliche brüderliche Grüße an Euch sämtlich
in Stadtilm wie in Griesheim und an alle Kinder. -
Eben fällt mir ein daß dieß wohl der letzte Brief
in diesem Jahre ist den ich an Euch Ihr Brüder ihr beyden
und Eure Familien schreibe; ich danke Euch ins gesammt
mit gerührten [sc.: gerührtem] Herzen für die Bruderliebe die ihr mir
im verflossnen Jahre so vielfach erzeugt habt.
Der liebe Vater im Himmel gebe Euch viele Freude da-
für. hat sich mein Dank meine Gegenliebe nicht immer so
wie es sollte sich ausgesprochen, so verzeiht mir, mein
unruhiges Gemüthe reist mich oft wider meinen Willen
fort - zu welchem Ziele das weiß nur das Schicksal, daß
ich oft über mich selber traure, denn das Leben schwindet mir
unter unendlichen [sc.: unendlichem] Kampf, und was habe ich erkämpft? -
Schenkt mir mit alle[n] Euch theuern auch im neuen Jahre Eure
Liebe die meine bleibt unveränderlich Euer Bruder
August Fröbel