Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Carl von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 25.12. oder 26.12.1811 (Göttingen)


F. an Carl von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 25.12. oder 26.12.1811 (Göttingen)
(BN 494, Bl 74-75, undat. Entwurf 1 ½ Bl 4° 2 ½ S., ed. Hoffmann 1952, 19-21. Datierung nach dat. Entwurf an Adolph v.H. v. 25.12.1811.)

Mein lieber Carl.

Schon längst hätte ich gerne Ihren mir so lieben Brief beantwortet, allein
nimmer erlaubte es mir die Zeit, um Ihnen mit müdem Geist u. Körper
zu schreiben, was sich wohl hätte mögl[ich] machen lassen, das wollte ich doch
auch nicht dazu waren Sie mir zu lieb u. ich achtete Sie dazu zu sehr[.]
Allein das Jahr soll mir doch wenigstens nicht schwinden ohne Sie
nochmals um die Fortdauer Ihrer Liebe u. Freundschaft gebeten, und Ihnen
die Beständigkeit der meinen versichert zu haben.
Daß ich in diesem Brief mit Ihnen mein guter Carl über einen so
schmerzl[ichen] u. unerwarteten Verlust als der Ihres so sehr geschätzten u. von Ihnen
herzl[ich] geliebten H. Onkels ist, innigst Theilnehmend, trauern müßte, das
hätte ich nicht geahndet und wer da durfte es ahnden[?] Ich traure mit
Ihnen u. betraure Sie, aber Sie Sie haben doch noch theure Eltern gutartige
Brüder allein Ihr He. Vater verlohr mit Ihrem seel[igen] He. Onkel den einzigen
geliebten Bruder, dieser Verlust des Vaters dieser sein Schmerz über <dasselbe> [stellt] aber
aber nun an Sie die unerläßliche Aufforderung, alles was in Ihren Kräften
steht anzuwenden Ihren sorgenden Sie aufrichtig liebenden Vater nun im <brüderl[ichen] Verein> durch Ihren Fleiß Ihre Geschwisterliebe die Bewahrung der Reinheit Ihres Herzens und zur Erhöhung derselben doppelt Freude zu machen zu gefallen.
<Zum Hinfallen> Ich habe Seit dem es die Noth-
wendigkeit erforderte mich v[on] Ihnen zu trennen, mir
<Sie öfterer> die <menschl.> Verhältniße in welches wird in Ihrer Threue
und Handeln ins Gedächtniß zurückgerufen
und als letztes Verhältnis wird immer die Erwartung die bey Ihrem ersten
Anblick mir aus Ihren Augen entgegen <glänzte> bestätigt

Teuschen Sie die gerechte
Erwartung Ihres g. Vaters Ihrer schätzungswürdigen Eltern nicht, nein Sie
thun dieses sicher nicht Sie haben ja oft sich u. andern diesen festen Vor[-]
satz ausgesprochen mit dem Gefühl des tiefsten Empfindens ausgesprochen.
Es ist unsere Pflicht als ja es ist unsere die unerläßliche Pflicht Bedingung
zur Erreichung unserer Bestimmung jedes Begegniß unseres Lebens zur Eing [sc.: Einigung oder Erreichung] /
[74R]
derselben auf uns einwirken zu lassen. und <nur> durch die Erfüllung dieser
Bedingung zeigt sich der Mensch würdig Mensch zu seyn.- Ich habe <doch>
so oft bey wichtigen Vorfällen auf den schnellen Wechsel der menschl[ichen] Lebens Verhältnisse
und auf des Irdischen des Äußeren aufmerksam [gemacht]; Leider und bedauernswerth
genug liegt jetzt ein Fall, ein trauriger tief schmerzender Ihnen näher
als die früheren, lassen Sie denselben nie aus dem Gedächtniß, das
traurige schmerzl[iche] desselben können Sie durch nichts ändern, aber benutzen
Sie nun denselben Ihre Seele mit Lebensweisheit, mit einer Wahrheit
zu bereichern, deren Früchte unvergänglich ewig sind: - Nichts
bleibt uns als was wir sind, nichts als das Bestrebenwußtseyn
nach der höchsten Vollkommenheit u. Reinheit unverändert an der Erkennung
und Reinheit unserer Selbst; und dafür gehandelt zu haben daß auch
andere zu dieser Erkennung und Reinheit ihres Selbstes gelangen.- Möge
Sie geliebter Freund dieses Bewußtseyn nimmer verlassen, so
wird segnend ihr [sc.: Ihr] Name genannt werden wenn Sie la[n]ge nicht mehr
sind. Und wie freue ich mich wenn ich mich hier einer Stelle Ihrer [sc.: Ihres]
letzteren Briefes erinnere, wo Sie mir schreiben, daß Sie für
die Ausbildung des Geistes Ihrer Brüder thätig sind, eine Stelle die mir Bürge ist
daß Sie sich jenes <das> Bewußtseyn im möglichst höchsten <erl> Grade erringen
werden. In meiner <frühesten> Jugend erlaubten die Verhältniße <nur> kurze Zeit meinen ältesten Bruders für
mich thätig zu seyn, und meine Seele ist mit unendl[ich]er Liebe noch jetzt
dafür an ihn gebund[en] <und> und vervielfacht aber nicht geschwächt
trägt sie sich auf alle seine <Kinder> über.- Ein Anspruch des[s]el[b]en
in Jener Zeit den mir ich in la[n]ge[n] späten Jahren zu erfuhr: - "ich habe oft geweint daß ich <nicht> für
meine jüngern Brüder thätig seyn konnte[" -] erwarb ihm meine
unvergän[gliche] Liebe.
Es gibt wenn wir mit Liebe u. Interesse <Anhänglichkeit>
thätig sind nicht[s] in der Natur was ein höheres <Läuterung[s]> Mittel ist
als das zur Erziehung zur Bildung und Unterricht für andere zu wirken
nichts was die Fehler unserer Natur u. die früh erhaltenen Eindrücke
mehr bekämpft, aber auch nichts was sie mehr weckt u. <reizt>
als dieses und sie uns in aller ihrer Stärke zeigt als dieß Verhält[-]
[75]
niß, keines wo wir Ursache haben an unserer eigen[en] ununterbrochn[en]
Ausbildung zu arbeiten als eben dieß Selbstsucht Zorn Bitterkeit Unfreundl[ichkeit]
dies sind die selben Gegner die wir in jedem Augenblick zu bekämpfen haben[.]
Möge Dich daher frühe und ich bin es überzeugt Deine Wirksamkeit
für Deine Brüder zur voll strengsten Aufmerksamkeit auf Dich selbst
führen, aber nicht <nur> zur Aufm[erksamkeit] auf Dich selbst sondern,
auch zur Bearbeitung Deiner selbst
so wird nichts Dich hintern [sc.: hindern] ein guter Mensch zu werden, u. [zu] empfinden
was die Worte eines guten Menschen sagen[.]
Die Stätte [Text bricht ab]