Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Fritz von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 26.12.1811 (Göttingen)


F. an Fritz von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 26.12.1811 (Göttingen)
(BN 494, Bl 75-76, dat. Entwurf 1 ½ Bl 4° 2 ½ S., ed. Hoffmann 1952, 21-23)

Am 2ten Weihnachtesfeyertage Abends 6 Uhr


Mein guter Fritz;

Eben komme ich von einem Spaziergang von einer der benachbarten Anhöhen die
ich wegen ihrer schönen Lage u. weiten Aussicht gerne besuche zurück; wie ich
in die Stadt eintratt und durch einige Gassen derselben ging wurde ich
lebhaft an Euch sämtlich Ihr mir stets teuer[n] Kinder erinnert. Aus mehreren den
Fenstern mehrerer Häuser u. verschiedener Stockwerke glänzte mir
die festliche Beleuchtung der lüster artigen Christbäume entgegen.
An einigen Häußern erlaubte mir die niedrige Lage der Stuben
mich gleichfalls an den ergötzenden Anblick des wiederholten Weyhnachtfestes
zu erfreuen; man bemerkte mich man hieß mich
freundlich willkommen was ich auch mit Freuden annahm. In dem einen
ersten Hauße <über>ragte in einer hohen Stube ein lieblich geschmückter
Christbaum hinter ihm stand ein sehr großes im Inner[n] schön <erleuchtetes>
Haus, und die mannichfachsten Spielwerke lagen umher es mußte daß [sc.: das]
der stattlichste Christbaum der ganzen Gaße seyn, denn viele wohl
ein Duzzend und noch mehr Kinder der verschiedensten Alter standen ruhig um ihn herum geschmückt in ihren <neuen> Weihnachts Kleidern, die /
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Freude glänzte auf allen Gesichtern und die ältern Kinder erklärten
den jüngeren was dieses und dieses sey und diese dem Gebrauch zum Spiele
und diese hörten aufmerksam zu und freuten sich ihrer erfahrenen freundl[ichen] <und> belehrenden älteren
Gespielen oder Geschwister. Da beachtete ich einen, da dachte ich bes[onders] Deiner guter Fritz. Jetzt ging ich noch an einigen vorüber und hier
sah ich wieder einen Baum ein Mooshügel und eine Grotte schmückte den Hinter[-]
Grund. Es waren schon erwachsene Knaben da Arbeits Material Bücher und
dergl[eichen] das alles ein festliches Gewand hatte lag als Belohnung oder Aufmunterung zum Fleiß vor ihnen und sie waren be[-]
schäftigt sich noch genauer damit bekannt zu machen. Bey jeder neuen Entdeckung
las sahe man die Freude auf ihrem Gesichte, die auf in dem Gesichte
Auge des Vaters wiederglänzte der seine Kinder still bemerkte.-
In einer andern An der nächsten gasse mußte ich wieder stehen bleiben, es war
ein zu schöner Anblick, wieder ein herrlich geschmückter Baum ein großer
Garten mit mancherley Geschenken unter ihm hier waren nur 2 oder 3
Kinder was meinen Blick auf sich zog war ein liebliches Kind von 3-4
Jahren mit blond gelockten haren [sc.: Haaren] was auf dem Fensterstock nächst dem
Baume saß so daß es den blinkenden Baum und dessen <reelles> Bild im gegen überhangenden Spiegel so weit es dieser fassen konnte, im Auge
hatte. Ein Knabe von 10-13 Jahren war beschäftigt den Baum mit
noch mehr <gezunden[en]> bunten Lichtern zu[r] sehen Freude des jüngsten Geschwister[s] zu schmücken
und den Früchten des Baumes ihr goldnes Gewand wieder anzu[-]
hängen. Die Mutter stand dabey u. Freunde [sc.: Freude] mahlte sich in ihren Blick
über die brüderl[iche] Gesinnung ihres älteren Sohnes. Der Vater der mich jetzt bemerkte sagte
zur Mutter: Da draußen hast Du ist ja auch [ein] freundl[ich]
<geselliger> Gast theilnehmender Gast; so einen schönen Kristb. [sc.: Christbaum] sagte ich zu dem ruhig auf seynem
Platz neben mir sitzen[den] Knaben möchte ich wohl auch haben, ja das denke
ich auch, der ältere Knabe suchte aber immerwährend die Schönheit
des Baumes zur Freude seines von ihm wie es schien recht brüderl[ich] /
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geliebten jüngeren Geschwister[s] zu erhöhen, dessen Blick gleichsam
dankend auf den geschäftigen Bruder ruhte verweilte.- Da dachte ich Eurer
da dachte ich besonders Deiner meinen guter lieber Fritz mit Adolph ich sahe
Dich Euch in Deiner Eurer Thätigkeit zur Freude Deiner Eurer [Hoffmann: Dich/Deiner/Deiner] jüngern Geschwister eurer
geliebten Carlonie [sc.: Caroline] ich sahe die Freude dieser u. Eurer teil[nehm]ender Eltern
und prieß Euch glücklich, entschloß mich aber auch sogleich Dir dieses
Bild <li[e]bender> brüderl[icher] Liebe mitzutheilen, denn auch der anblick der erst[er]en Kinder
wie die alten die jungen [Hoffmann: ältern die jüngern] belehrten erinnerte mich an Euch wie Ihr mit brüderl[icher]
Liebe die Fragen euer [sc.: Eurer] geliebten Schwester beantwortet.-
Recht glückl[ich] bin ich auf eine so angenehme fröhliche weiße an Euch
und sicherl[ich] auch an Euer heutiges [Hoffmann: jetziges] Thun erinnert worden zu seyn. Ich werde
den heutigen Abend nicht vergessen es wird so lieb seyn als hätte ich ihn
mit Euch selbst verlebt.- Noch wollte ich Dir etwas von dem
schreibe[n] was ich jetzt lerne u. thue, daß [sc.: doch] der Brief ist schon gar
zu lang daß ich dieß wohl bis auf ein andermal versparen muß[.]
Wenn Ihr einmal einen Abend Zeit habt so seyd so gut und schreibt
mir auch ein paar Zeilen, ich weiß wohl daß Ihr viel zu thun
habt u. fleißig seyd, deßhalb will ich auch gerne warten. Auch
ich kann mir jetzt nicht eher als wieder Ostern das Vergnügen machen
an Euch zu schreiben, weil ich jeden Tag sogar Sonntags meine bestimmten
Geschäfte habe. Ich grüße Euch alle herzl[ich]. Grüße Deine gute
liebe Schwester Caroline recht freundl[ich] von mir.-
Ich bin Dein Dich sehr lieben[der] Fr[eund]
A. Fröbel.

Daß ich mit Dir über Deinen erlebten großen
Verlust traure bist Du gewiß überzeugt; ich
will Deinen Schmerz darüber nicht erneuern.- Lebe Du recht wohl[.]