Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Susanne von Heyden in Frankfurt/M. v. <Dez.> 1811 (Göttingen)


F. an Susanne von Heyden in Frankfurt/M. v. <Dez.> 1811 (Göttingen)
(BN 479, Bl 2-5, undat. Entwurf 1 ¾ B 4° 6 ½ S., tw. ed. H V, 49-53; zit. Halfter 1931, 433f. [aus 2R,3VR,4V auf 434 auch aus 2V u. 4R], allerdings mit Zuordnung als Brief an Caroline von Holzhausen und Dat. auf Anfang 1815 [= Heiland 1982, Nr. 116]. - Zuordnung an Susanne von Heyden dürfte wg. Schlusspassage zutreffen. - Dat.: Hoffmann, H V 49 nennt als Gründe das Papier und Schriftduktus, beide entsprächen den Briefen an die Holzhausen-Kinder u. Georg v. H. von Weihnachten 1811. Der Schriftduktus ist aber auch vergleichbar mit dem der Briefe an Adolph u. Carl v. H. v. Dez. 1812; für Ende 1811 spricht die Nähe des Briefs zum "Sphärischen Gesetz"; nach 5V jedenfalls Jahresende.)

Es giebt nur ein Wissen, das des Seyns nur eine Wissenschaft (Schaft = Ver-
einigung {mehrerer / aller} Wissen (Schaft, Stiel, Vereinigung des Vorder in einem Ganzen
z.B. Flintenschaft. Der Schaft des u. daß) die des Seyenden.-
Die sogenannten Wissenschaften sind nichts als Anwendung des einzelnen reinen
Wissens, der reinen Wissenschaft auf einen einzelnen Gegenstand. Haben
Sie die Spur des Wissens gefunden die elemente des Wissens entdeckt so haben
sie die sämmtlichen Wissenschaften als Gegenstand des verstehens und erkennen[s]
mit als praktische (mechanisches Beherrschen)
Anwendung als Zugabe. Dieses mecha-
nische Beherrschen zur Anwendung ist
von 2 andern Seiten der mechanischen habi-
lität
u. einer einseyt[ig]en Anwendung unserer Geisteskraft des Gedächtnißes bedingt als Zugabe obendrein[.]
Die Wissenschaften gleichen den 7 aus-
flüssen des befruchtenden Nils. Sie
können in diesen in jenen bald in diesem <u> bald jenem Arm einlaufen ihr
die Quelle suchender <Nachen>
ist ihr innerer Leiter sicher tragen
sie unverwandt die Richtung in
sich, daß sie nicht entweder in
dem einen Arm hinein u. in
den nächsten heraus fahren, oder überfällt sie auf dieser Fahrt kein Nebel daß S[ie]
sie wie ein Irrender den Frühlings Nebel den Hin daß auf der Breiten Fläche die Ufer
immer bemerken u. nicht
wie ein in dicken Frühlings Nebeln
Irrender den Rückweg statt den Weg vorwärts antreten
so kommen sie wohl auch zum Ziel u. sie lernen den Befruchtenden Niel
u. die Gegenden durch die er segnend fließt kennen. Aber sicherer ist
die Reise am [sc.: an der] Quelle sich ein Schiffchen zu bauen und mit diesen
längs des Flußes - mit dem Fluß dem Strom selbst herabzufallengleiten.
So im erkennen es läßt sich vom [sc.: von] den Wissenschaften (durch Ab-
straktion von dem Vielfachen) wohl zur Wissenschaft zur reinen Absoluten
hinaufsteigen, aber sicherer ist es sich im Besitz der Wissenschaft
selbst zu setzen und mit dieser zu den Wissenschaften überzugehen.
Verzeihen Sie mir wenn es mich dünkt daß ihre letzten gütigen Zeilen das in dem vorigen vorletzten Briefe /
[2R]
Briefe von mir ausgesprochene bestätigt[en] daß näml. der erstere ihr
Weg sey dem Sie sagen.- so bestätigt mir ihn eine zweite Stelle wo sie [sc.: Sie] sagen ...... Nun ist damit aber keines weges gesagt daß
jener Weg der
unrichtige sey, denn wie sie [sc.: Sie] wissen er kann zum Ziele führen und führt abso-
lut
zum Ziele denn [sc.: den], der die Richtung seines Weges treu bewahrt, ja
es dünkt mich, es ist der in der Natur der Frau als entgegenge-
setzte Natur des Mannes absolut bedingte weg [sc.: Weg] zum Aufsteigen zur
erkenntniß des Wissens zur erlangung der Wissenschaften, der Mann
würde auf diesem Weg sicher zu Grunde gehen weil er wieder [sc.: wider]
seine Natur ist, und die Erfahrung lehrt es auch, das Weib hingegen
ist sie Weib u sich selbst treu erringt auch das Ziel der Wissenschaften, die
Natur rüstete Sie gab ihr dazu mit einen sichern Leiter ihr
Gefühl (ihren Takt) Sie treffen das Rechte, sie kommen in ihren Besitz
des Wah[r]en denn ihre Empfindung sagt es ist so, ohne sich übrigens weiter
bey den Gründen aufzuhalten sich selbst u. andern aus einander zu
setzen warum es so ist. Ihr innerer Richter ihre Empfindung sagt es
ist so, daß ist ihr letzter Grund, freyl. wahr denn ihre Empfindung ist wahr
weil sie das Wissende oder Wissen des Wissens schlechthin ist.- Sie sagen mir Fr.
in einem ihrer vorigen Briefe: daß t
Dem Weibe bleibt ewig die Wissenschaft fremd. So wie Sie
den Satz aussprechen haben Sie absolut falsch wie schon aus dem obigen sich ergiebt blos in einer
relativen Beziehung ist es wahr nähml. wenn sie [sc.: Sie] zu obigen Hinzusetzen so wie
dem Mann, aber dann ist ebenfalls auch der entgegengesetzte
Satz unbedingt wahr, dem Manne bleibt die Wissenschaft
so wie sie das Weib erreicht ewig unerreichbar
und so ist es nach meiner Überzeugung und aus absoluten Gründen die ich erst später auseinander setzen kann auch, daher
muß ich auch /
[3]
das reine isolirte Wissen des Mannes als ein einseitiges, so wie
das reine isolirte Wissen des Weibes als ein isolirtes
einseitiges Wissen [ansehen], beide sind wahr aber sie sind nicht die
Wahrheit absolut sie sind nicht das Wissen schlechthin, die abso-
lut
e Wahrheit u. das Wissen schlechthin liegt in dem Austausch
in der Einigung beyder Wissen - in dem Wissen des Erkennens
und dem des Empfindens, (dieses auseinander zu setzen wird
mir Obliegenheit seyn) und hierin liegt das Geistige Verhältn[is]
des Weibes zum Manne u. umgekehrt was ein absolutes
in der Natur schlechthin bedingtes V u. absolut nothwendiges
Verhältniß ist wie Weiß u. Schwarz die Bedingung aller Farben
so jenes die Bedingung alles Erken Wissens (dieß alles aus
Grund einem absoluten Princip abzuleiten als Folge schlechthin abzu-
leiten wird mir Pflicht seyn. Also das Weib allein u. isolirt
weis [sc.: weiß] nicht das absolut wahre, so wie der Mann isolirt alle[i]n u. isolirt
nicht das absolut wahre weiß. Im Leben scheinen sich mir genug Be-
weise dafür zu geben, allein sogar die G[an]ze Geschichte (so wenig
ich so wohl diese im Allgem. als die Geschichte der Philosophie im bes. kenne[)]
scheint mir dieses zu beweisen.- So lange als
der Mann (in geistiger Hinsicht) getrennt von Weibe lebte, trug
alles Wissen den Charakter des [sc.: der] schneidenden Annatomie <denn> aber
es entstanden Wissenschaften aber keine Wissenschaft denn es fehlte das beleben[de] Princip. Nur aus
einzelnen Punkten der Erde wo der Geist des Mannes sich mehr u. enger an
die Seele des Weibes anschmiegte zeigte[n] sich Lichtfunken wahres
Wissens und da wo zum erstenmale der Geist des Mannes innig sich der Seele
des Weibes ergriff verband da blühete statt der Wissenschaften die Wissen[-] /
[3R]
schaft auf.- Das Weib war in seine geistigen Rechte eingesetzt
es stand gleich dem Manne keines mehr keines weniger beyde dasselbe
nur als die geschiedensten Gegensätze, u von diesem Augenblick
begann ein höherer Charakter des Wissens, Statt des frühern Skelet[t]es
zeigte sich nun leben. Hierin ist tief das unauflösliche Band zwischen
der Seele des Weibes und dem Geiste des Mannes begründet, hierin
liegt der Grund der tiefsten Verehrung die der Mann so gerne dem
Weibe zollt, denn sie ist es die seinem Wissen leben u höhere Bedeutung giebt
und die so sein Streben seine Mühen krönt.-
Doch erlauben Sie mir daß ich das bisher gesagte nun, in einer bestimmten
Sprache wenigstens nach seinen Elementen andeute.-
Alles unseres Wissen gründet sich auf ein unmittelbares Wissen, und
über jenes unmittelbare Wissen [wissen] wir nichts, allein durch dieses unmittel[-]
bare Wissen können wir auch Alles wissen (was <nur> gewußt werden
kann setze ich als auf einer bestimmten Stufe stehendes Ind. hinzu.)
Der Beweiß für den ersteren Satz läßt sich später führen oder
vielmehr geht er als selbstständig aus den Verlauf der Untersuchung
selbst hervor.
Da nun aber alles unseres Wissen sich auf ein unmittelbares Wissen
durch sich selbst bezieht, und durch dasselbe begründet ist so folgt auch daraus, daß das
wahre Wissen das Wissen an sich blos ein Subjectives individ.
Wissen ist, jedes alles Wissen aber als mitgetheiltes Wissen ist blos hypo-
thetisches Wissen für die andere[n] denen es mitgetheilt ist, und sie müssen
es erst an den Probierstein ihres Un[mit]telbaren Wissens ihr Inneres halten
und sehen in wiefern es damit übereinstimmt, sanktionirt d.h.
erkennt es auch ihr unmittelbar[es] Wissen als wahr so erhebt
sich das mitgetheiltes (Hypothetische) wissen zum absoluten wissen
und dieß ist der Gang den alles Wissen als mitgetheilt und aufge[-]
[Der folgende Satz ist auf 3R/4V unten abgetrennt, bei H V nicht ed.:]
Wenn eine Wahrheit durch viele Generation[en] hindurch an den innern Probirstein der /
Menschen ist erprobt worden so heißt eine solche Wahrheit ein Satz eine
Wahrheit [in griech. Buchstaben:] katexochin z.B. der des <Cyrus>: <Sinnsystems> /
[4]
genommen [gehen muß.] In der Wissenschaft giebts keine Authorität (die vollk[omm]ne
Authorität liegt in dem Indifferenzp. eines =<na[m]igen> [sc.: gleichnamigen] +/-
Ein Gericht über Subj. Wahrheit wird also constituirt durch ein innigst geint[es] +/-
Durch jenes unmittelbare Wissen aber erkennen wir
daß ein Seyn Eine Einheit ist durch die alles ist, die in allem ist
und die das Alleigentl. in sofern also selbst ist. Dieses seyn ist
als solches schlechthin ewig, die Gründe für beyde liegen in dem Gemüthe klar
bewiesen können sie blos in einem, hohen philosophischen Unterricht werden,
fassen wir den Begriff des Seyns sehr scharf mit allen seinen Be-
dingungen in die Augen (so umfaßt er nicht nur den des Ewigen) sondern auch
den des Selbsterkennens, Selbstanschauungen, den der Reflextion mit
einem Wort, den des Vollendeten Bewußtseyn[s,] seyn ist also ident[.]
mit dem Bewußtseyn an sich; jedes Bewußtseyn bedingt heraustreten
aus sich und jedes Heraustreten aus sich bedingt als solches schlechthin
den Gegensatz (Gegensätze + u. -) folglich sind auch schlechthin mit dem Begriff
der Einheit des Seyns die Gegensätze bedingt, und so wie
wir uns bey einem tiefen unmittelb. Bew. unseres Selbst der Einheit
des Seyns bewußt werden so werden wir uns auch zugl. der damit
bedingten Gegensätze bewußt; das in dem Gegensatz herausgetretene
Seyn ist folg. die Bedingung alles Seyenden u. Scheinenden. Und
wir haben somit das Gr[un]dgesetz (oder die Grundgesetze) al[l]dessen
was wir Natur nennen und wozu wir selbst gehören d.i. des
aus sich selbst, uns als solches schlechthin als in Gegensetzen [sc.: Gegensätzen] aus sich heraus
getretenen Göttlichen (ewigen wie Sie es nennen wollen ich beuge meine Knie
dem Vater) in der Einheit u. Zweyheit erkannt. Alles dieß kann bey /
[4R]
einem tiefen Eindringen auch tiefer erkannt u. bewiesen werden, ich
muß hier Sprünge thun.- Der Mensch (Womit ich aber nicht den Begriff
einer an einen bestimmten u. gewissen Planet z.B. Erde geknüpfte Er-
scheinung von Intelligenzen bezeichnen will und bezeichne) der Mensch
ist das (vielleicht hier beginnende) sich zur individuellen selbstst[än]digk[ei]t u Bewußtseyn d.i. zu
einem Geschloßenen Ganzen sich erheben[de] in Gegensatz herausgetretene
Göttliche selbst. Als Gegensätze können sich nur die gleichen (nicht gleich<namigen>)
Gegensätze d.i. ein + u. - die in gleichem Verhältniß zu dem Ewigen
welches ich mit X bezeichnen will stehen zum vollendeten Bewußtseyn
u zur Erringung vollkommener Selbstständigkeit erheben. Ein[e] solches
Verhältniß Verbindung nennen wir Ehe.-
Es kann hieraus eine Erklärung u. Bestätigung des zu Eing[an]g dieses Briefes
angedeuteten Verhältniß[es] des Mannes und Weibes zum Wissen
hervorgehen.-
Die Zeit u. die Menge des schon niedergeschriebenen nöthigt mich
diese Andeutungen ohne tiefere philosophische Begründung abzubrechen.
Ich hob am Ende blos den Menschen aus, weil wir in ihm den höchsten
Punkt erkennen in welchem das Herausgetr. Göttl. sich zu s[eine]r Individualität u.
selbstst. bew. erhebt.-
In der Natur d.i. in dem worinne das Göttl. heraustrat
sprechen sich ganz gleiche Gesetze aus u. müssen sich aussprechen; denn die
Psy[chi]sche u. Moralische Welt ist durch ein Seyn bedingt; folgl.

[Text bricht ab, es folgen noch zwei abgetrennte Absätze auf 4R bzw. auf dem Seitenfuß v. 4R/5V:]
Noch erlauben Sie mir blos einiges in ihrem Brief zu berühren.
Da ich keines Weges als Denker sondern blos als Lerner als Schüler
lebe so bitte ich sie [sc.: Sie] dießmal noch mit diesem [sc.: dieser] unvollk. Mittheilung zufrieden
zu seyn. Wird die Zeit herbey kommen die ich rein dem Denken widmen kann /
[5]
hoffe ich soll die Ausbeute Ihrer würdiger Seyn.- Nun erlauben
sie mir noch der Freundin zu gedenken u. Ihnen einige Bitten in Bezuge
auf dieselbe auszusprechen.- Leben sie Wohl recht wohl
schenken Sie mir ihre Freundschaft auch im neuen Jahr unverändert der Freund<in>
[Text bricht ab]