Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline v. Holzhausen in Frankfurt/M. v. <Herbst 1811/Anfang 1812> (Göttingen)


F. an Caroline v. Holzhausen in Frankfurt/M. v. <Herbst 1811/Anfang 1812> (Göttingen)
(BN 492, Bl 5-6R, undat. Entwurf 1 B 4°, 3 ¼ S., mit Bleistift geschrieben, teilweise, besonders auf der ersten Seite (Mitte) wegen Faltung nicht mehr lesbarer Text)

Gnädige Frau

Es ist Ihnen bekannt und wenn ich es auch nicht selbst sehr bestimmt ausgesprochen hatte so
zeigte es mein Handeln hinlänglich daß ich, als ich jetzt zum Wirken das akademische
Leben wählte, genau genommen keinen äußeren Zweck vor Augen hatte, sondern
blos dahin strebte mich meiner Individualität gemäß und zugleich allseitig auszubilden.
Hier war natürlich die erste Bedingung die Einheit und die Individualität <innerl>
Wesens zu begr Erkennen. Zur Erfüllung dieser Bedingung konnte sich natürl daher u allein
mein Streben u Wirken nur unmittelbar auf mein Inneres beziehen, und so
war es natürl[ich] daß mein Handeln in Bezug auf ein äußeres Ziel
ziellos erscheinen mußte.
Sie werden es daher sicher ganz in den Gang der Natur begründet finden
daß ehe <eine> Bestimmung für äußeres Streben zu <werden ?> finden kann
der Mensch sich vorher selbst gefunden d.h. das Individuelle seines Charakters
dem Wesen nach vollkommen entwickelt haben muß. Es spricht sich <frey>
dem Menschen eben so das große Naturgesetz aus wie in der Pflege <darin>
[ Die folgenden zwei Zeilen sind im Original nicht mehr lesbar]
<?> Gewiß werden Sie es verzeihlich ja ich <möchte sagen> unbe[-]
dingt nothwendig finden, daß mir sogar bisher jeder Gedanke an einen
äußeren bestimmten Zweck unerträglich war. Da ich jedoch während dem
zweyten abermaligen akademischen Leben meinen Geist sich völlig frey und
ohne alle Einschränkung wenn auch nicht äußerl doch im Innern <mögl[ichst]> allseitig entwickeln ließ, so mußte es mir mögl werden, mich selbst
u so den M[itt]elpunkt meines
Seyns wenn ich mich des oben berührten gebrauchten Bildes wieder bedienen darf <die Wurzel>
meines Lebens zu finden. Das Fundamente oder eigentl das Prinzip dieses Selbst[-]
findens habe ich mich bemüht Ihnen gnädige Frau auf jenen Bogen anzudeuten
die ich mir die Freyheit nahm Ihnen d[urc]h den HE Professor P. - mitzutheilen. Natürl
hat der Mensch sich wahrhaft selbst gefunden, so hat er zugl die Ganze
Natur gefunden, da beyde ihre Quelle im Ewigen (Urgeistigen) und der
Mensch das individuell herausgetretene Ewige (Urgeistige) selbst ist. Es
werden [konnten] jene Andeutungen noch nicht leben weil ich dieß von mir erkannte
[be]herrschte ich selbst noch nicht hinlänglich genug beherrschte, daß es hätte le /
[5R]
lebendig u leben gebend hätte in das Leben herabsteigen können[.]
Durch damein bisheriges letzteres akademisches Leben war es mir also möglich ge[-]
worden mich selbst zu finden. Natürl[ich] war es nun daß ganz in dem Maße als
als ich mein Selbst fand lebendig erkannte in mir zuerst der Wunsch u zugl
mit demselben das Streben entstehen mußte dieses zu sichern und zu erhalten.
Etwas zu sichern u zu erhalten setzt etwas voraus gegen das es gesichert
u erhalten werden soll – die Äußere die bürgerl. Welt. In der bürgerlichen gesellschaftlichen Welt
lebend, und ihre Gesetze u <--> die Möglichkeit genießend unsere Kräfte in ihr[er]
Ausbildung zu kennen <macht> sie fordern <ändern> wir uns – wollen wir
ferner unserer Bestimmung mit Würde gemäß leben, nicht <erziehen> können,
Unsere Kräfte entfalten sich in den [sc.: dem] gesellschaftlichen Leben und somit verla[n]gt
dieß mit Recht einen Theil derselben zu ihrer Unterhaltung – und so entstand
also je mehr ich mich Selbst fand zugleich mit demselben immer deutlicher
und deutlicher als Bedingtes ein äußerer Zweck.
Das Charakteristische eines äußern Zweckes ist, daß er nicht nur von jeden
Gliede der Gesellschaft sondern auch sogleich gekannt so wohl seiner form [sc.: Form]
als seines Zieles nach erkannt [we]rd[en] kann, er muß also den Charakter
der <Vielen> und alles dessen was davon abhängt tragen, es muß sich auf das durch Zahl u Maß zu bestimmende
Wissen
(Gelehrsamkeit) beziehen. Um ein
solches äußeres Streben haben zu können war es nöthig daß mir wo mögl die ga[n]ze
Masse der äußern Wirksamkeit in ihrer mannichfaltigen Individualität bekannt wurde
daß mir das ganze äußere Wirken genau bekannt wurde, und mir
daraus dasjenige wo
durch welches nicht nur am reinsten meine Überz[eugun]g
Erkenntniß von dem Wesen der Natur und des Menschen hervortreten
kann, sondern welches ich auch dabey bey mein[en] geistigen Anlagen u Alter voll-
kommen auszufüllen im Stande bin. – Dasjenige Wirken was ich in Bezug
auf letztere Rücksicht bisher konnte war mir theils nicht umfassend
genug theils nicht unmittelbar eingreifend ins lebend [sc.. Leben], theils lag es mir
nicht nahe genug an dem Urquell alles Erkennens d.i. alles Seyns sel[b]st.
Alles äußere Wirken zerfällt d[urc]h sich selbst in 2 große H[au]ptclassen worin
das eine Ende Belehrung Lehre, das andere Ende Darstellung, unmittelbares /
[6]
Wirken u thun ist (z.B. der Arzt, der Advokat der <Künstler> in jeder Betrachtung)
die Belehrung oder Lehre aber hat wieder 2 Richtungen entweder hat sie x den höchsten ausgebildetsten P[un]kt
das Erkennen den Menschen oder den Einfachsten die unorganisirte Na-
tur zum Gegenstande. JErster[e] Richtung ist bey weitem die wichtigste da sie sich unmittelbar
auf den Menschen in sein[er]<geistigen> Natur bezieht u den Weg in die Region des freyen
Denkens eröffnet, allein hier sogl u zuerst lehrend auf zu treten ist für den dessen äußere Existenz von
den Erfolg der Lehre abhängt um so mißlicher je weniger mehr es
vor aus setzt daß die für die der lehrend auftritt, von dem Streben nach selbst [sc.: Selbst-]
erkenntniß durchdrungen u daß sie sich wenigstens nicht fremd sind, u je weniger dieß
der Fall ist. x das höchste Selbst Bewußtseyn: den Menschen
  x den höchsten Punkt: die Freyheit – den Menschen zum Gegenstand oder
  x den einfachsten P[un]kt die reinste Bedingtheit – die organische Natur zu[m] Gegenst[an]d
der Lehre u des Erkennen[s.] Allein soll hier auf Erfolg gelehrt werden so muß das Streben
nach Freyheit schon in dem Menschen selbst begonnen haben dieß ist aber jetzt und noch wenig der Fall
Hieher gehört zwar auch der Vortrag der Geschichte (besonders universalgeschichte) allein
hieher. Doch auch geht mir die Quellenkenntniß ab.
Der andere EndPunkt (Pol) der Lehre, die Lehre über von dem Gesetz u der
art des Heraustretens der reinsten Bedingtheit – die unorganisirte Natur ent-
spricht den Beding Eigenschaften die zunächst mein Gegenst[an]d der Lehre an sich tragen muß am meisten. Er umfaßt die Doktrinen der Physik Chemie Physik Chemie, Mineralogie im weitesten Sinne, Astronomie, und als das allgemeine Erkennung[s] Medium die
Mathematik als Prog allgemeines Binde[-] u Auflösungs[-] u ErkennungsMittel.
Da nun der Innere Zweck des Menschen auf die Erfassung des g[an]zen
auf das G[an]ze selbst geht, der äußere Zweck aber auf das geschiedene Einzelne; da sich
bey diesem Geschiedenen Einzelnen dann am wahresten als Lehre <leisten> [sc.. bestimmen] läßt
je schärfer bestimmt der Punkt derselben ist je mehr wir mit demselben ver [-]
traut sind folglich je verhältniß mäßiger Kleiner er ist, so werden die
Gegenstände der Lehre für mich in Zukunft Physik u Chemie die ich
als ein unzertrennl. G[an]ze betrachte, die die Lehre der allgem Gesetze der anorganischen
Natur u Mineralogie die die Anw[endun]g jener Gesetze ausspricht, seyn.
Aber auch hier werde ich mir später nach Maßgabe der äußeren
Verhältnisse in die mich mein Geschick führen wird mich in Bez[iehun]g auf mein[en] äußern Zweck auf eine der
genannten Doktrinen besonders beschränken /
[6R]
und zwar aus den Gründen die schon aus dem bisherigen einbracht hervorgehen namentl
[bricht ab. Auf dieser Seite noch zahlreiche Additionen]