Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. Anfang 1812 (Göttingen)


F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. Anfang 1812 (Göttingen)
(BN 492, Bl 7-9, undat. Entwurf 1 B + 1 Bl 4° 6 S. , mit Bleistift geschrieben, einige Erweiterungen mit Tinte; tw. ed. H V, 53, S.7R –8V . Datierung nach der Teiledition. Das Blatt 9/9R ist textlich falsch archiviert. Es ergibt sich ein direkter Textanschluß von 8R zu 9R)

Gnädige Fr

Sehr gerne hätte ich schon seit längerer Zeit von Ihrer gütevolle Erlaubniß Ihnen von dem
Fortgang meiner Studien einige Nachricht zu geben Gebrauch gemacht, doch hatte bis vor wenigen
Wochen keine Veränderung in das Ganze derselben Statt gefunden, und seit der Zeit, da sie sich
mehr aufs praktische Leben bezogen war meine Zeit gar zu beschränkt u leider bin
ich auch jetzt doch [sc.: noc h] genöthigt Ihnen blos das Verhältnis mitzutheilen, ohne den Zusammen [-]
hang zeigen zu können wie sich das G[an]ze bis zu diesem P[un]kt entwickelte. –
Schon im verfl[ossene]n Herbste war ich so frey Ihnen mein inneres Streben, den Zweck
meines innern Streben[s] anzudeuten, seit jener Zeit bildete sich meine Erkenntnißen
immer mehr aus, mein Ziel zeigte sich immer deutlicher u bestimmter und so schaute
ich mit jedem fortschritt in dem Erkennen, dem Bewußtseyn, auch immer deutl[iche]r
die Wahrheit meines Strebens, und was ich vorher Ihnen in seinen ersten
unausgebildeten Grundzügen anzudeutet [sc.: anzudeuten versuchte] stellt sich mir immer mehr als lebendige
G[an]ze als Naturleben dar. –
So wie aber mein Erkennen bestimmter, mein Blick klarer wurde konnte
mir nicht länger die Wahrheit verborgen bleiben, die als Naturnothwendigkeit
eigentl schon durch sich selbst einleuchtet, daß es dem Geiste zwar wohl ver[-]
gönnt ist dieß G[an]ze mit seinem vollen Leben zu erkennen u anzuschauen,
daß es uns aber in der Endlichkeit lebend un mögl ist unsere äußere
Thätigkeit in so ferne sie sich auf die Darstellung unserer realischen Wahrheit bezieht
auf einen einzigen Bestimmten P[un]kt zu beschränken. Nach
dem klaren Erkennen der Gegensätze des Innern Erkennens (welches sich als
solches absolut auf das G[an]ze u allgemein bezieht) u des äußern Darstellens
(welches sich dadurch <schroffer> auf das individue[ll] besondere bezieht) [Ergänzung mit Tinte*-*] und wenn die Gottheit sich in Myriaden Universen ausspräche, so bleibt ihre Tiefe doch unergründl[ich], denn Ganz kann sie sich nie aussprechen alles Heraustreten ist individualisirend* Eerkannte
ich etwas was mir bisher ganz fremd gewesen war (und was die
Unbegreifl[ichkeit] meines Handelns zur Folge gehabt hat[t]e) einen inn[eren] u
äußeren Zweck, ein inneres u äußeres Streben – [Ergänzung mit Tinte*-*] bin ich eigentl Selbst, es wird bestimmt d[urc]h <das wod[urc]h> ich bin d[urc]h mein Seyn bestimmt dasjenige was ich bin, mein Seyn*. Das innere Streben
ist mein charakterisirt mein Wesen meine Bedeut[ung] u Würde als
Mensch als Wesen, das äußere gehört der bürgerlich[en] Gesellschaft zu zu der
ich gehöre u der ich dieß schuldig bin, mein äußerer Zweck karakte[-]
risirt mein[en] Werth meine Nutzbarkeit (Schiller ädlere Naturen
zählen d[urc]h das was sie sind) [.] So wählte auch ich mir einen äußern /
[7R]
realisches Darstellen praktischen Zweck oder besser ich hatte ihn
schon gewählt da ich als Nothwendigkeit ihn erkannte, daß ich ihn schon
gleichsam unbewußt d[urc]hs Leben gewählt hatte ehe ich ihn als Nothwendig[-]
keit erkannte ist mir höchst lieb, weil es so eine aus der Natur meiner
Individualität hervorgehende Best[immun]g Wahl ist[.]
Das Verhältniß in dem inneres u äußeres Streben oder Ziel stehen müssen, und wie das
letztere d[urc]h das erstere bedingt wird erlaubt mir hier weder Zeit noch
Raum aus einander zu setzen[.] Doch ist es natürl[ich] daß sie in geradem u
direkten Verhältniß stehen <S> u es ist auch so viel wahr daß je näher
das äußere Streben dem Innern liegt u je mehr sich das letze-
re in dem erstern aus sprechen kann daß es desto vollkommner ist.
Hierin liegen die Gründe ausgedrückt (<-> weil z.B. in der anorganischen
Natur sich die Naturgesetze am aller einfachsten aussprechen) nicht sowohl
daß ich mir das Lehrfach wählte was im Allgem[einen] d[urc]h mein Wesen bestgründet ist
sondern daß ich mir hier die Kunde der anorganischen Natur, d.i,
mit der Sprache der Wissenschaft: Physik im weiteren Sin[n]e (Physik u
Chemie) u Mineralogie – Mathematik ginge als als Hülfswissenschaft erreiche ich es
Da man aber im äußern als darstellend um so mehr leistet u um so mehr Zeit zum frey[en] Wirken erhält
je bestimmter das ist worin man wirkt der Wirkungszweck in dem m[an] lebt, so werde ich auch mich
später noch wieder für die eine oder
2 von diesen drey genannten Wissenschaften bestimmten [sc.: bestimmen], doch werde ich hier die Wahl gz dem Schicksal u den
Umständen überlassen (Lüder Man muß auch etwas dem Zufall opfern[.]
Ich freue mich daß ich im Stande bin Ihnen gnädig[e] Fr: dieß schreiben
zu können. Hoffentl wird nun der Vorwurf den m[an] mir bisher in
hinsicht auf mein Streben machte wegfallen daß ich selbst nicht
wisse was ich wolle, ich gestehe Ihnen aufrichtig daß ich bis
auf diesen P[un]kt den Vorwurf wirkl nicht verstand, denn ich mein Inneres
konnte nur das G[an]ze zu erfassen streben u kann [es]
Unterschiede eines innern u äußern Zieles kannte ich nicht, u /
[8]
so war denn von dieser Seite wirkl der Vorwurf gegründet
da ich strebte (so wie noch jetzt in Innern) das G[an]ze zu erfassen
so konnte mir wirkl kein einziges aller Wissenschaftsfächer g[an]z
befriedigen da ein jedes eine jede Wissenschaft (gleichsam nur
die individuelle Seite [der] (absolute[n]) Wissenschaft ist nach deren
besitz ich strebte u strebe[.]
Es soll mich freuen wenn d[urc]h diese meine Best[immun]g die Außenwelt
mit mit mir ausgesöhnt ist, indem nicht nur mein ernster Vorsatz sondern
mein ernstes Streben dahin geht mich als darstellend nur ein[em] einzigen
Fache zu widmen[.]
Aber meine Bestimmung hat noch weit tiefere Gründe als die ausgesprochen[en:]
1) soll mir diese genaue u bestimmte Beschränkung im äußern desto mehr Freyheit
geben mein[em] Innern Streben zu leben, dem Streben
das G[an]ze zu erfassen, und das Gesetz aufzustellen was sich d[urc]h die
g[an]ze Natur im Al[l]gem[einen] wie im besondern ausspricht. – Ich suche
mir die Kenntniß für mein äußeres Streben Wirken <habituell>
zu machen damit ich um so mehr Zeit gewiß erhalten den [sc.: dem] innern
Wirken widmen kann.
2) ein[en] 2ten Grund liegt in mein[em] festen Streben einst so bald als mögl und auf die möglichst beste
Weise für meine Familie zu wirken u hierzu scheint mir nichts
mehr Aussicht zu geben als das Studium der die Naturwissenschaften[.]
3) Übrigens recht aufrichtig gestanden so sollen die genannten Fächer oder
eines derselben rein als äußeres Streben in die Augen gefaßt
mir zu nichts dienen als zu Stufen zu einem höhern allgem[einen]
d. i. zu dem einzigen höheren allgemeinen Wirken dem rein phylosop[hischen] [Wirken.]
Nach diesen Gründen u Überzeugungen habe ich dann nun auch
von dem Moment des Erkennens an mein jetziges Wirken
eingerichtet – Gewiß werden Sie sich mitr verzeihen wenn ich mich
herzl freue Ihnen schreiben zu können, daß ich schon seit 14 Tagen /
[8R]
anbey in einem Privatissimum gemeinschaftl mit dH v Mettingh analytische
Chemie ( d. i. die Chemie welche lehrt die Körper in ihre
einfachen bestandteile zu zerlegen[.)] Dieses Collegium macht mir sehr
viele Freude ob es gleich meine Zeit sehr beschränkt denken sie Mondtag
Mittwoch u Freytag arbeiten wir unter seiner Aufsicht von 1 ½ bis
5 Uhr in Lab[o]ratorio, die andern Tage haben wir die Grundsätze
der Analyse von 5-6 Uhr abends auf sein[em] Zimmer, aber außer
diesem finden sind wir den größten Theil der übrigen Freystunden beschäftigt
um auf unsern Z meinem Zimmer (wo ich schon seit dem Beginn des
Herbstes f[ür] Chemie ein Chemie Laborator beygelegt chemischen Apparat anzulegen begonnen habe) Körper zu
untersuchen die er uns mit giebt. Der HE Prof. Strohm[eyer]: ist außer[-]
ordentlich gütig gegen uns, statt einer Stunde am Abend giebt er uns
deren oft 2. Da der HE v. Mettingh u ich nur allein mit ihm sind so können
wir ihn selber jedes fragen ich hoffe daß ich Vor wesentl Vortheil von
diesem Collegio haben werde. Nächsten Sommer höhre [sc.: werde] ich als dann dieses Colleg[ium]
(da Chemie eine Wissenschaft ist die verlangt daß sie in jedem Augenblick g[an]z ge-
genwärtig sey) noch einmal höhren. – Freylich wird mir dadurch die Chemie ein
sehr kostspieliges Collegium doch da das Honorar im verfl[ossenen] jetzigen halben Jahr
2 Louisd’or dieses Privatissimum 2 Louisd’or, (ich gebe zu der ich zu den 8 Louisd’or
welche es kostet bezahle) nächsten Sommer die analit[i]sche Ch[emie] 3 Louisd’or u M[sc.: Mathematik] mit
3 Louisd’or bin ich kaum im Stande die Repitition[en] auf meinem Zimmer d. h. die
dazu nöthigen Reagenzien zu bestreiten, so daß mich also die Chemie immer
10 Ld. <?> mehr kosten wird, doch erwarte ich in der Zukunft auch
äußerlich Nutzen von ihr. Außer diesem werde ich im nächsten Sommer wie ich schon früher sch[rieb]
noch Mineralogie u Geologie bey HE Pr. Hausmann vielleicht
Geographie (Ethnographie) bey dem HE Pr <Born> hören[.]
Nächste Michaelis werde ich als dann wie jetzt mein fester Vorsatz ist
nach Berlin gehen u das erste ½ Jahr werde ich dort noch als Studirender leben
doch hoffe ich daß [ich] auch als solcher bei den Kenntnissen die ich mitzubringen hoffe u da so allgemeines Interesse habe
und es in einer Statt [sc.: Stadt] wie Berlin nicht meinem
Unterhalt fehlen soll. Mein äußeres Streben geht zunächst näher dahin/
[9R]
im preußischen als Lehrer in der Naturgeschichte und Physik oder und Chemie oder Mathem[atik] an einem
Gymnasium angestellt zu werden, als zu einem Lehrer der genannten besonde[rs]
zuerst genannten Wissenschaften bilde ich mich in bezug auf äußern Zweck
zunächst aus. Wie ich schon aussprach werde ich mein äußeres Wirken so
viel als nur mögl auf einen einigen Punkt concentriren, damit ich desto mehr Zeit
erhalte mich mein nun nach der Forderung meines Innern zu einem allgemein[en] höhern Wirken auszubilden. Ob gleich
dieses in Bezug auf meine äußere Besti[mmun]g mein Plan
ist, so werde ich mich keinesweges sträuben wenn mein Schicksal anders be[-]
stimmen sollte mein Inneres Streben bleibt in jeder äußern Lage gleich und
muß in jeder Nahrung finden, da es das G[an]ze des Allgemeinen zu erfassen strebt, daher
werde ich ebenso wohl eine Gelegenheit ergreifen zum Reisen ergreifen, wo ich ebenfalls
mit den erworbenen Kenntnißen nutzbar seyn könnte. –
Nächste Ostern[-] u künftige Herbstfehrien die ich ohne Zweifel bey meinem Bruder in
G- [sc.: Griesheim] zu bringen werde wollte ich dazu brauchen um weil sich dort an der lat: Schule ein guter
Lehrer des Lat[einischen] befindet, in der Erlernung des Lat[einischen] fortzurücken, Ob ich diesen Vorsatz
schon nächsten Ostern ausführen kann wird hauptsächl davon abhängen ob unser priva[-]
tiss[im]um sich zugl. Mit den andern Vorlesungen oder erst gegen Ostern schließt
was ich dabei in dieser Hinsicht in G[riesheim] nicht erreiche werde ich in B[erlin]
wo sich mannichfaltige Gelegenheit dazu darbietet zu erreichen um so fester streben
als es mein fes erster Wille ist in B. wenn es meine <?> Lage
erlaubt wenigstens den ersten Grund<über> ak. Wirken in der philos. Fakultät die
Dr Würde zu erhalten
mir einen höheren Wirkungskreis zu verschaffen, doch ist
dieser nicht direkt an eine Universität als solche gebunden, da er in der freyen
Mittheilung des philosophisch Erkannten bestehe u diese eben so gut schriftl als Mündl statt
finden kann. –
Mein Wunsch ist äußerlich ein sehr einfaches aber solides Leben in der
Zukunft führen zu können damit ich desto sicherer mich mein[em] Innern Streben widmen
kann, und wegen diesem Wunsche ist es mir besonders lieb daß sich mein Wirken
nun bestimmt frey [als] ein g[an]z bestimmtes äußeres Wirken entschieden hat u sich immer mehr
entscheiden wird – Mein Wollen ist jetzt an die absoluten Gesetze der
bürgerl Gesellschaft u den Verein des Menschengeschlechtes, nach welchem jedes Mitglied zu ihrer Erhaltung u veränderung
beytragen muß geknü[p]ft u somit fest begründet u so besitzt dasselbe als in dieser Gesellschaft leb[end] wo ihr eine Existenz <werden soll> ein
fundament was mir bis jetzt fehlte. Durch dieses mein Wollen Mein
Handeln besitzt dad[urc]h (d[urc]h diese Begründung) eine Sicherh[eit] /
[9]
die mir bis jetzt fehlte, mein bisher in Bezug auf die Wahl eines äußern
Zweckes oft auf u nieder wahlende u verwerfende u dad[urc]h auf und nieder
wogendes Innere ist nun zur Ruhe gekommen und kommt so mit dad[urc]h immer mehr und
mehr gleich dem ruhenden Weltmeer zur inneren Selbsterkenntniß u Selbstd[urc]h[-]
schauung, dessen Tiefe die Äußeren Stürme nie erreich[en.]
Beglückend ist es für mich diese Ruhe dieses mich auch im Äußeren in der Außenwelt gefunden haben da sie die Sorge der Theilnehmenden
Meinigen um mich verringert, es ist eine sehr kleine Gabe die ich denselben
als erste selbst <ursprüngl> Frucht Blüthe meines Strebens darreichen kann, aber ich bin sehr erfreut daß ich es kann; fest vertrauend dem sich als Schicksal offenbarenden Urgeist
daß ich bin ich nur mir u meinem Streben treu sicher alles sich zum besten wenden wird
auch sicher noch für die Meinigen werde beglückend werde wirken können was mein höchstes Ziel ist, u dihnen so
wenigstens zeigen können wie gern ich ihre brüderl Sorge innige Theilnahme
vergelten möchte. Überdieß kann dieser Unendlichkeit unseres dankerfüllten Herzens
kann für dieses Leben mannigf Grenzen setzen, weil wir <so ja> unbedeutend waren und kein Nichts davon <erfüllen können> denn dieses Streben ist ja unendl weil
unser Wesen selbst unendl ist und setzte sie Grenze so wäre ja unser
einstiges Loos statt Seelen frieden rastlos unbefriedigtes zweckloses Streben
u das streitet gegen unsere Bestimmung. –
Verzeihen Sie mir daß ich Sie hier gn. Fr: in das eigentl innere
meines Verhältnisses einführte, doch der Mensch kann nur in der allseitig[-]
keit seiner Verhältniße erkannt werden und ich gestehe daß ich
wünschte mich Ihnen nicht einseitig zu zeigen von Ihnen nicht als <Eins[eiti]g]>
Befunden zu werden. –
So wird denn auch in Wissenschaftl Hinsicht der Erfahrungswissen-
schaften mein Streben auf das allgem. gehen u ich hoffe daß keine der[-]
selben mir fremd bleiben soll, weder die genauere Kenntniß
des Weltalls noch die des Menschl Organismus, noch das was uns
in Bezug auf Mensch u Welt die Geschichte aufbehalten hat.
Auch mit dH Pr. H. [sc.: Hausmann] stehe ich in freundschaftl Verhältniß doch
wenn - auch werde ich mich nächsten Sommer wenn ich als sein Zuhörer ein[en]
gemeinschaftl Exkurs mache noch mehr <? > [folgt sehr schlecht lesbarer Satz auf Rand]