Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Adolph von Holzhausen in Frankfurt/M. v. Dez. (vor 25.12.) 1812 (Berlin)


F. an Adolph von Holzhausen in Frankfurt/M. v. Dez. (vor 25.12.) 1812 (Berlin)
(BN 490, Bl 5-9, undat. Entwurf 1 ½ B 8°+ 1 B 4° 9 ½ S., tw. ed. Hoffmann 1952, 26-30. - Dat.: F. ist seit dem 13.11. in Berlin [5V], am 23.11. Angebot, bei Plamann zu unterrichten [8R], F. hat bereits eine Woche unterrichtet [8R], also bereits Dez.; der Geburtstag Adolph von Holzhausens (25.12.) steht bevor [9R].)

Mein herzlich geliebter theurer Adolph.
Länger ertrag' ich es nicht mehr gegen Euch meine Theuren
Knaben u. lieben Freunde zu schweigen und lä[n]ger hält
meine Sehnsucht nach Nachricht von Euch die Bitte
an Euch nicht zurück mir nach so langem langem
Schweigen doch auch wenn auch nur mit ein Paar
Worten zu sagen, daß ihr [sc.: Ihr] noch wohl, daß ihr [sc.: Ihr]
fleißig seid, und daß [Ihr] ein Ziel nach dem an-
dern erringt.- Welch' eine Freude soll es
mir seyn alle diese guten und frohen Nach-
richten von Euch zu lesen. Was mich betrifft ich Euch von mir zu sagen
so Ich bin habe ist folgendes[:] bis jetzt bin ich kleine Unpäßlichkeiten von
kurzer Dauer nicht gerechnet noch immer fort-
dauernd gesund gewesen und erst
noch zu Anfang des vorigen Monats habe
ich die Reise von Osterode nach Berlin - denn
seit dem 13ten d. v. Monats lebe ich hier, habe
also ohng etl. 30meilen zu Fuße gemacht.
Mein Aufenthalt in Göttingen gab mir Gelegen-
heit mir viele Kenntniß im Gebiete der Natur
Wissenschaft zu sammeln, besonders da ich
so glücklich war sehr kenntnißreiche vortreff-
liche Lehrer zu finden die meine Studien leiteten zuletzt mir auch
achtende Freunde wurden und ich schied bey
meinem Abgang von G- ob sie gleich in Jahren /
[5R]
nicht viel von mir verschieden waren, doch
als dankbarer Schüler von Ihnen [sc.: ihnen] und mein stets danken-
des Andenken an sie wird nur mit mir schwinden immer in mir leben.
Besonders war unter diesen einer, der He. Pro-
fessor Hausmann
ein Mann nur wenige Mona-
te älter als ich der sich ganz besonders freundschaft-
lich gegen mich war, als wir uns trennten
als wi that ihm dieß gleich wehe wie mir
und er äuße sprach unverho[h]len den Wunsch
aus daß er wohl wünsche daß das Schicksal unser mein Ver-
hältniß u. meine
Lage mich un[s] nicht trennen möchte, und daß
es ihm innige Freude machen möchte wenn
er für [sc.: hier ?] dafür wirken könnte mich in seiner
Nähe zu behalten. Diese Äußerung wahrer
theilnehmender Freundschaft war mir
doppelt theuer, da die Lehrer auf Univer-
sitäten an die Trennung von ihren Schü Zuhörern
gewohnt sind zu sein scheinen da es sie in jedem halben Jahre
wiederkehrt und deßhalb weil ihre die Quelle
blos dieser Freundschaft in nichts Äußerem sondern
blos in dem gleichen Interesse für Wissenschaft lag.
Ich theile euch meine Geliebten dieses Stück
aus meinem letzten Leben in doppelter Hin-
sicht mit vielleicht führt die Bestimmung einen /
[6]
von Euch oder auch beyde wenn auch
später nach G.- und da ich hoffe da wünsche und hoffe
daß bey Euch beyden
Naturwissenschaft mehr oder weniger
als Hauptsache ja selbst wenn sich Du Dich
Adolph blos den philologischen und Histo-
rischen Wissenschaften widmen solltest
denn auch für diese Wissenschaft ist die Wichtigkeit des
Studiums der Natur sehr
bestimmt nachgewiesen gezeigt worden -
deßhalb wünsche und hoffe ich daß bey
Euch beyden ja sämtlich Naturwissenschaft

ein Theil Eurer Studien ausmachen werde
möge so muß es Euch lieb seyn dort einen
Mann zu wissen der Euch gewiß liebender Lehrer
und leitender Freund wenigstens in
einem Theil jener Wissenschaften: physi-
sche Erdbeschreibung, (die keinem der auf
Bildung anspruch macht fehlen sollte)
Geognosie (Lehre von der Kenntniß der un
serer
festen Rinde unserer Erde) in der keiner
dem tiefere Kenntniß so wohl der Geschichte
des Menschengeschlechtes als der Natur[-] /
[6R]
körper Gegenstand seines Studiums ist, fremd
seyn darf - Geogenie (Lehre von der
Entstehung der Erde) die gewiß die
Wißbegierde jedes dem es um ächte
Kenntniß des Menschengeschlechtes in allen seinen
Verhältnißen zu thun ist, weckt, und
Anorganographie (Mineralogie im weite-
sten Sinne) - Beschreibung aller unorga-
nisirten Naturkörper - welche eigentl.
einer gründlichen Kenntniß der vorgenannten
Wissenschaften voraus geht - finden
werden kann und wenn ihr [sc.: Ihr] es ernstl.
wollt sicher werden wird.
Zweytens um Euch zu zeigen daß sich auch
auf unter den Unive Lehrern auf Universitäten
mehrere finden die ihren Zuhörern dem Studirenden
liebende theilnehmende Lehrer und leitende
Freunde sind, werden u. bleiben sobald
ernstes Interesse für die Wissenschaft
u. reges Streben erstern auszeichnet, und
kein Unterschied der Jahre bildet hier
ein[e] Gränze nur ist das Verhältniß
dann um so ehrwürdiger wenn der /
[7]
freundschaftl. leitende Lehrer einigemal schon die Jahre
seines Zuhörers
durchlebte.-
Michaelis verließ ich G- wo ich mich wie
ihr wißt hauptsächl. mit der Studium Kenntniß
der unorganisirten Natur
also Physik Chemie Mineralogie Geognosie
beschäftigt habe und ich von wo aus ich in letzter zu diesem
Zweck
Beziehung im verfl. Sommer ich in
Begleitung des He. Prof. Hausmann auch eine
Reise nach dem Harz, und früher schon
in Begleitung eines meiner Brüder auf
einer andern Seite nach dem Harz und den
Brocken gemacht hatte.-
Mit zu meiner Reise nach B- vor-
bereitend blieb ich einige Wochen bey
meinem Bruder in Osterode, von dort
aus ging ich nac in die Gegend von Hilde[s]-
heim, nordwestl. vom Harz welches die Hauptstadt eines sonstigen geistl. Stiftes gleiches
Namens ist und jetzt alles nebst fast dem ganzen Harz zum Königrei[c]he
Westphalen gehört, wo ich mit meinem
Bruder und seiner Familie einen meiner
Onkel besuchte. /
[7R]
Ich besuchte bey dieser Gelegenheit die sich in der
Nähe befindende ausgezeichnetesuchte Gemäldesammlung
eines gewissen He. Grafen v. Brabeck, wo ich
das große Vergnügen hatte unter vielen herrlichen Sachen auch ein g[an]z vorzüg-
liches Gemählde zu sehen welches ein Ahnenpaar
von Euch enthält, und dem ein Kunstforscher
und Kunstkenner und Lehrer der Kunst deßen theoretischen Grundsätzen ich auch weil er
in G- mir Lehrer war vieles verdanke einen
wegen der Vortrefflichkeit mit der es ge-
mahlt ist einen sehr ausgezeichneten Kunst
Werth gab - zu sehen. Mir machte
es Freude auf einem Gesichte noch Züge Eurer
Ahnen zu finden indem sie mir Bürge waren
daß auch ihr [sc.: Ihr] streben werdet so edel, so groß, so thaten[-]
reich zu werden als sie
gewiß waren.-
Von Osterode reiste ich über den Harz:
Clausthal, Zellerfeld, Goslar, durch das Stift
Magdeburg über Magdeburg (welches sämtl.
jetzt auch zum Königsreich Westphalen gehört)
nordöstl. nach Ber über Brandenburg,
Potsdam nach Berlin wo ich wie ich Dir
Euch schon sagte gegen den 13ten v. M. ankam.
Magdeburg ist eine <Grenz>festung Westphalens und gegen-
wärtig ist alles daselbst so eingerichtet als werde
die Stadt belagert oder die Stadt ist im Belagerungsstand <erklärt>, was für die Einwohner ein trau- /
[8]
riger Zustand ist, denn denkt euch in den schönsten Sommertagen müssen
alle Einwohner schon gegen 8 Uhr in der Stadt seyn wo die Thore ganz und gar
verschlossen werden. Um die Stadt sind fast alle Vorstädte
weggerissen da nun noch nichts wieder geebnet ist so giebt dieses
einen traurigen Anblick und denn von Gärten ist auch ringsum und in der
Stadt nichts zu sehen, ich dünkte mich wie mitten auf dem Kriegsschau-
platz und war froh da ich diesen traurigen Ort [verlassen konnte], wo ich, ob man mir gleich sagte
daß gegenwärtig wenig Militär nur einige Tausende in der
Stadt lägen, doch fast nur Soldaten sahe.- Sechsmal mußte
mein Paß vom Eintritt in die Stadt durch die Hände gehen, weil Magdeburg nicht nur Festung
sondern auch zugl. der Grenzort
gegen Preußen u Anhalt ist, ehe
ich auf der andern Seite wieder zur
Sta
im Freyen war. Es war hier gut
daß ich meinen Paß sehr in Ordnung hatte (worauf man der Reisende jetzt immer zu sehen hat),
d.h. ihn immer wo es nöthig war sonst hätte ich hier leicht wie manche
andere in große Verlegenheit hätte kommen können.
Gewiß werdet Ihr Euch meine Theilnehmenden lieben Knaben gew[i]ß
fragen warum ich denn eigentlich da mir es so wohl in G.- gefiel
dasselbe verlassen haben und nach B- gegangen bin. Ich hoffe daß
ihr Euch dieß leicht erklären könnt wenn ich Euch folgendes sage.
In G- wo ich nichts für andere that aus nichts für andere thun
konnte sondern nur für mich wirkte, mußte ich folgl. solange als ich da war auch blos von meinem
eigenen Gelde leben; allein da man in fast 1½ Jahren eine bedeu
auch wenn man sehr ökonomisch lebt als Studirender wo man alles
auch das Kleinste bezahlen muß immer eine bedeutende Summe braucht
da nahm denn auch das mein Geld ab daß mir nur sehr wenig übrig
blieb, ich sann nun auf Mittel Gelegenheit für andere thätig zu seyn für andere
zu arbeiten zu wirken um dagegen so viel zu erhalten wie ein Mäßiger Mensch zu seinem Erhal[t bedarf]. Da dachte ich denn in einer großen Stadt /
[8R]
wo besonders viel Menschen leben die für sich und Andere Lehre
und Unterricht suchen könnte mir jene Gelegenheit nicht fehlen. Allein
auch nicht jede Stadt war mir gleichgültig, denn nicht Thätigkeit
und Arbeitsamkeit blos für meinen Unterhalt war die Hauptsache
was ich suchte, ich suchte hauptsächlich auch, zugleich noch die fortwährend
ununterbrochene Gelegenheit um für mich in den Wissen[-]
schaften in der Ausbildung weiter zu bringen, und dieß gewährte
mir Berlin, welches eine Universität und zugl. die Bedürfniss
Lehr- und Unterrichtsbedürfnisse einer großen Stadt in sich ver[-]
einigt.-
So blos vertrauend meinem Muth u. meiner Kraft zu arbeiten kam ich
obgleich mit einigen Empfehlungen an die ersten Professoren meiner
Wissenschaften und an einige andere nach hier
an, und ich hatte mich nicht ge-
teuscht, schon am 10ten Tage nach meiner Ankunft hatte ich die bestimmte
Hoffnung in eine mir meinen Wünschen und fernern Plänen ganz angemessene
Thätigkeit gesetzt zu werden, und schon in der verflossene[n] Woche
habe ich in derselben gearbeitet. Es ist mir nämlich eine Lehrerstelle
an einem hiesiger Erziehungs u Unterrichts Anstalt Institute eines gewissen He. Prof. Dr. Plamann von welchem
ihr Euch vielleicht erinnert Bücher bey mir ge-
sehen zu haben anvertraut übertragen worden. Gegenwärtig bin ich
jedoch erst in die Hälfte der Thätigk Wirksamkeit eingetreten
die mir von Ostern an ganz ertheilt werden wird, und ich
gebe daher gegenwärtig blos in der deus Mineralogie u
deutschen Sprache von Ostern an aber auch noch in andern Fächern
Naturwissenschaften Unterricht. In jedem Stunde Gegenst[an]d habe ich 16-20 Schüler die ich wieder in Abthl. getheilt sind. Bey diesem meinen Wirkungskreis /
[9]
bin ich jedoch noch immer Studirender und besuche habe mich
als solcher einschreiben lassen und besuche auch noch vorlesungen
so z.B. eine Vorlesung über die Geogenie oder die Entstehung
der Erde, dann noch mals Mineralogie eine 2te Vorlsg. Die
mir von diesen bestimmten Geschäften übrig bleibende Zeit wende ich
zu meinem Selbststudium an.-
Ihr werdet Euch vielleicht wundern wie es möglich war daß
ich als Fremder hier doch so schnell eine so bestimmte Stelle bekam
deßhalb muß ich Euch doch den Zusammenh[an]g andeuten damit ihr
seht wie Menschen Freunde die eine stete Trennung zu scheiden scheint sich wieder treffen und wie, weit aus der
Ferne ein gutes günstiges oder ungünstiges Urtheil, wirken
kann. Zuerst traf ich in Potsdam He. Marsch der in Yverdon
la[n]ge mit uns in einem Hause wohnte in Potsdam wo er als Lehrer
angestellt ist, diesem theilte ich meinen Plan mit und er sagte mir
die Personen an die [ich] mich wegen der Ausführung zunächst wenden
müßte, diese wiesen mich an He. Prof. Dr. Plamann dessen
Anstalt zugl. Normal[-] u. Musteranstalt für Preusen ist.
Dieser der kürzl. in Yverdon gewesen ist, erinnerte sich dort meinen
Namen gehört zu haben, und zugl. war er der intime Freund
des Lehrers der Prinzen von Rudolstadt, der ihm bey Gelegenh[ei]t
mich in der Schweiz hatte kennen lernen und der ihm bey Gelegen-
heit des Schulwesens in meinem Vaterlande von mir und meiner Thätigkeit dafür gesprochen
hatte. Durch dieses Zusammentreffen von Umständen nun kam
ich in einen Wirkungskreis den ich ohne dasselbe wohl nicht so schnell
erhalten haben würde. Ich schreibe Euch meine theuren Freunde dieß
damit ihr [sc.: Ihr] seht wie der Urtheil Ruf den Menschen viele große Strecken voraus /
[9R]
<eilen> [kann] und wie er sich da, wo er sich am unbekanntesten glaubt,
gerade d[urc]h das Urtheil anderer am gekanntesten sieht.
Doch vom [sc.: von] mir nun genug.
Nun von Euch - - Von B- wo ich schon vieles sahe was ich mit
Euch
gewünscht hätte daß Ihr es mit mir sehen könnte[t] - in einem künftigen Briefe
Schreibt bald.- Liebe - Sehnsucht - Treue Freundschaft. Zusammentreffen.
Gruß an die Schwestern S. - C. H. in der Wissenschaft ihr [sc.: Ihr] organisch
ich <unorganisch> so ein G[an]zes pp.
Seid fleißig - Reise - Wissenschaften Zusammentreffen
Brief an Euch in einigem Zusammenhang zu schildern. Um mich zu strafen mir es gegen mich zu machen thut <nur>
g[an]z das[s]elbe gegen mich - schreibt auch mir nun recht viel ja ich bitte darum.
Dir Adolph Glück zum Geburtstag den wie vielsten feyerst Du [Text bricht ab]