Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Carl von Holzhausen in <Frankfurt/M.> v. <Dezember 1812> (Berlin)


F. an Carl von Holzhausen in <Frankfurt/M.> v. <Dezember 1812> (Berlin)
(BN 491, Bl 1-4, undat. Entwurf 1 B+ ¼ Bl 4° 4 ½ S.; undat. Abschrift der Reinschrift in BlM, F 1058/25, ed. Hoffmann 1952, 30-36. Halfter 1931, 435 datiert „Anfang 1815“. Die Abschrift verkürzt tw. den Entwurf und verzichtet auf den Schlußteil. - Dat.: F. unterrichtet in Berlin bei Plamann (2V), schreibt den Brief also nach dem 23.11.1812, jedenfalls vor Ostern 1813 [2V]; der Verweis auf die Briefe an die Brüder [2V] könnte u.a. auf den Brief an Adolph v. H. v. Dez. 1812 verweisen, mglw. hat F. zum Jahresende 1812 in Analogie zu Weihnachten 1811 an jedes Familienmitglied, so auch an Carl, jeweils einen Brief geschrieben.)

a) Entwurf (BN)

Mein theuerer lieber Freund,
Endlich ist sie herbey gekommen die längst so sehnlich herbey gewünschte
entgegengearbeiteten Zeit wo in der es mir vergönnt ist Ihren letzteren
mir so unaussprechlichen lieben Brief beantworten zu können
(wo ich Ihnen sagen darf wie lieb er mir war und wo ich Sie bitten
darf ferner Freund zu bleiben)[.] Konnte? und durfte? wer verhinderte
Sie daran? werden Sie fragen! Ihnen mein theurer Freund ist eine
<nichtige> Lage fremd und wird Ihnen was ich hoffen darf, in Ihren Verhältnißen als Selbster[-]
fahrung stets fremd bleiben, wo der Mensch
so ganz auf sich selbst zurück geführt ist, wo er so einzig auf sich selbst
ruht, daß wo er jedes Mittel zu Erringung eines festen Standhaltes in der bürgerlichen Welt
jedes Mittel zur Erreichung eines seines Subsistenz sichernden Wirkungskreises nur
einzig in sich suchen darf, wo der Mensch auch
zur Erringung eines äußern festen Punktes von dem Aus
sein äußeres bürgerliches Verhältniß welches für Dienst
bestimmten sichern Unterhalt gewährt sich stätig und ununterbrochen
für das ganze Leben hindurch fort entwickelt
Wenn ich hier von einem festen Punkte spreche der in sich die Quelle
zur Sicherung des Unterhaltes einschließt, so denke versteh ich unter Unter[-]
halt des Menschen nicht allein ein Brot denn dieß kann man zur Noth
leichteren Kaufes erhalten sondern hauptsächlich sondern dasjenige
was zur erhaltung ausbildung und Steigerung der geistigen
Natur in dem Menschen nöthig ist, was diese erfordert
und einen solchen Ort kann es eigentlich in bezug auf eine Indi[-]
vidualität gedacht einen bestimmten Menschen gedacht <eigentlig>
auch nur einen einzigen geben. Nun lag also nun auch, einzig zurück
geführt zu seyn auf mich, zunächst die große Sorge auf mir
einen solchen Ort zu finden, da ich ihn gefunden die größere /
[1R]
mich an diesen Ort zu versetzen und endlich die noch größere
an diesem Orte die Verhältnisse die Lage aufzusuchen und mir an[-]
zueignen die jenen Unterhalt des zweynaturigen Menschen dem die niederen [sc: niedere]
blos dienendes Glied zur Erringung und Ausbildung der
höheren ist - am hohen nicht nur für die Gegenwart sondern [wie] auch das Verhältniß lehrt
als Quelle für die
die in die ganze künftige Zukunft, über das ganze künftige
Leben sich
auch die sich über das ganze künftige Leben sich verbreitende Quelle
desselben enthält. Diese große Sorge also mein theurer Carl,
um die Sicherung des Fortdauern[s] des geistigen Lebens noch
dießseits, denn darauf kommt doch am Ende
das Ganze zurück diese große Sorge war
es also mein theurer Carl die mich verhinderte zu <kommen / können> zu
dürfen Ihren lieben Brief zu beantworten denn der so ganz nach
sich selbst zurück geführte Mensch ist unfähig die in ihm liegende Theil[-]
nahme an den frohen Begegnissen anderer und alle edleren Empfindungen
aus sich durchs Wort, besonders <es / dieses> wieder knüpfend an Schrift welches eine
doppelte Richtung der Thätigkeit nothwendig macht heraus treten zu lassen, die Selbstsorge ohne bestimmte Richtung unterdrückt im Menschen
jede Thätigkeit
eines höheren reinern freyeren Lebens /
[2V]
[Einfügung:]
und wagt zwingt sich der Mensch ja es zu thun so trägt auch
Zwang das Herausgetretene den Charakter des Zwanges der Wi[-]
dernatürlichkeit. Das ruhige Bewußtseyn eines festen Punktes auch
außer sich in der bürgerlichen Gesellschaft muß der Mensch haben
wenn er ruhig u. fest aus sich heraus zu andern Menschen
treten soll. Jetzt aber da ich dieses Bewußtseyn errungen
habe jetzt säume eile ich nicht länger Ihnen meine aufrichtige Theilnahme an den
frohen Begegnissen Ihres verehrten Hauses auszuspr und meinen herzl[ichen]
Dank für Ihren lieben Brief auszusprechen und; auch von der Fort[-]
dauer Ihrer freundschaftl[ichen] Theilnahme an meinen Begegnissen überzeugt
Ihnen Nachricht von mir zugeben und ich hoffe daß /
[1R]
[wieder 1R:]
nach dieser treuen Darstellung
meines seit einem Jahr verlebten inneren Lebens werden Sie mir ge[-]
wiß verzeihen werden daß ich so lange gegen Sie schweigen konnte ohnge[-]
achtet ich viel Ihrer Ihres Strebens und Ihres Lebens Zweckes
zu u. für dessen Erreichung Sie sich jetzt immer mehr insoweit streben
die Mittel in sich zu vereinigen - dachte. Einige Mal fing ich an
Ihnen zu schreiben, allein ich konnte es nicht durchführen[;] und Sie werden nicht wahr ich
darf hoffen daß Sie verzeihen daß keiner jener Briefe an
Sie gelangte? /
[2]
[ab Mitte:]
Was ich jetzt aber von meiner hiesigen Lage sagen kann werden
Ihre Brüder so gut seyn Ihnen aus ihren Briefen mitzutheilen für Sie füge ich noch
folgendes hinzu.
Meine jetzige Lage ist ihrem Keime nach, und nach den Verhältnissen
und Umständen die sich an sie anknüpfen, nach der Verbindung
in welcher die Anstalt mit dem Staate steht, ganz die nach
der ich strebte bey dem Gang meiner individuellen Ausbildung nach
unverwandt streben mußte. Bis Ostern zwar gewährt sie
mir blos ein Einkommen meiner was die allerersten Bedürfnisse des
Menschen in einer Stadt wie B[erlin] - befriedigt, doch von Ostern
an wird sich dasselbe bey umfa ausgebreiteterer Wirksamk[ei]t
wenigstens zum das Doppelten erhöhen. Die Hauptsache aber ist
daß sich an sie
mit verschiedenen Graden der Sicherheit für mich je nachdem durch ich mich
[auf] die verschiedenen Grade der Ausbildung Wissens erhebe
bestimmt die mehrseitige Aussicht zu einer Anstellung im
Staate anknüpft. Es wäre gab jetzt schon einen Weg gewesen wo ich sogleich
unter die Zahl der vom Staate für Bildung u. Untericht angestellt /
[2R]
werdenden eingereiht wäre, dann hatte [sc: hätte] ich aber als einer dem
es blos um Anstellung als solcher ohne Nebenabsichten wo es sey zu thun ist, mir es gefallen
lassen müssen wohin die Umstände
mich versetzt hätten und da würde es ohne Zweifel das eigent[liche]
Preußen (Ostpreußen) oder Schlesien gewesen seyn. Bei meinem
Zweck muß ich aber sehr wünschen Berlin nicht eher [zu] verlassen
zu dürfen müssen bis ich das mir vorgesteckte persönliche Ziel erreicht habe;
wozu zunächst noch mehrere Jahre nöthig seyn möchten. Dem [sc: Der]
Preuß preußische Staat scheint aber jedoch auf jedem Falle wo fand sich auch
der zu seyn in dem ich auch in der Zukunft bleibend wirken werde.
So viel Ihnen dem theilnehmenden Freund denn
von mir!
(Wenn wir nach reiferer ernsten Nachdenken über die Bestimmung des Menschen u
den wahren Zweck des Menschenlebens der Beruf und die Ver[-]
hältniße zum wirken zur Thätigkeit ruft [sc:rufen], so ist giebt es doch keinen
<höheren> als nach rein geläuterten naturgetreuen Grundsätzen, geleitet
von der Natur für die Bildung und den Unterricht bildungs[-] u Unterichtsbedürfnissen anderer zu
wirken:)
Ich habe Sie glückl[ich] geschätzt u schätze sie glücklich wegen des Verhält[-]
nißes in welches Sie Ihre Sie so innig liebenden Eltern zu Ihrem jüngsten l[ieben] Bruder getreten stellten. Gewiß
haben Sie sich dabey mit Freude und Ge[-]
fühl Ihrer Kraft an die Pflichten die Verbindlichkeiten lebhaft erinnert
die seit den urältesten Zeiten unser unseres Glaubens sich an dieses Ver[-]
hältniß knüpfte[n], ja eigentl[ich] der Grund desselben war. Und
wie kann es ein schöneres Verhältniß zu einem beginnenden sich entfaltenden Menschen
eine höhere Pflicht eine uns <würdigerdere> Verbindlichkeit
gegen ein[en] zur Vollendeten Ausbildung seiner selbst bestimmten
entfaltenden sich entwickelten [sc: entwickelnden] Geiste geben: als /
[3]
schützend abwehrend gegen alles das da zu stehen was
diesem sich aus unendl[ichen] <telos> entwickelnden unsterbl[ichen] Wesen Hindernisse zu dieser
Entwickelung in den Weg legen könnte. Was ehrt den Mann u.
Jüngl[ing] mehr als schützend für die Schwachheit für das kindl[iche] Un[-]
vermögen da zu stehen?- Der Mensch zum vollendeten Bewußt[-]
seyn seiner selbst seines Wesens und seiner Bestimmung zum freyen besonnenen Handeln
nach den Aussprüchen seiner gelauterten besonnenen klaren ruhigen Vernunft
erschaffen ist vom ersten Moment seiner [sc.: seines] Ank Eintrittes
in die Welt, jedem äußern Eindruck hingegeben damit es [sc: er]
sich zu jenem Bewußtseyn zu diesen freyen Gebrauch der Vernunft
erhebe, aber unsere Pflicht ist es, nächst den Eltern ganz be[-]
sonders die Pflicht derer ist es die als Zeuge seine Aufnahme in den
Bund der ihm [sc:ihn] zu jener [sc:jenem] Bewußtseyn u. diesem Gebrauche leitet
[ihn] als Menschen schon durch jenen <ersten> Bund zu jenem Bewußtseyn zu jenem Gebrauche <erheben / erhoben> ist es
als Mensch alles zu entfernen was auf dem noch
schwachen Menschen in welcher Hinsicht
es auch sey schädl[ich] u. nachtheilig wirke.
Denn jede dieser schädl[ichen] u. nachtheiligen
Einwirkung[en] von welcher Art sie auch
sey wird die Reinheit, wird die unendl[iche] Entwicklung beschränken
wenn auch blos dadurch, daß der sich später mit Bewußtseyn entwickelnde Mensch
Kräfte Aufopfern u. muß
frühere schädl[iche] Eindrücke in sich unschädlich zu machen, hier[-]
für Kräfte aufopfern muß die er zur fortschreitenden
Ausbildung seiner selbst hatte [sc:hätte] anwenden können. Es ist <ein>
unrichtiger < > Schluß ich bin durch Kampf dahin gelangt wo ich stehe
deßhalb kann man <nur> durch Kampf zu einem diesem Standpunkt ... [kommen] /
[3]
Bewahren Nein! Bewahrend zu wirken ist Pflicht.- Lassen
Es ist Pflicht der Lebenden, die geläutertsten Resultate
des geläutertsten Erkennen[s] unserer Zeit überzutragen.
Erlauben Sie mir daß ich Sie zum Beweiß dessen was ich sagte zu unserm früheren
Verhältniß zurück kehre - ich
hatte dort von manchem die klare ruhige Ansicht noch nicht die
ich jetzt habe u. <erst> mir durch zwey schmerzliche Er[fahrun]gen weiß es der Himmel
erkauft habe [u.] <durch den Kampf errungen> habe, soll nun Ihr jüngster Bruder
d[ur]ch das Fehlerhafte durch welches Sie durch meine Schuld durch einen
noch weniger vollkommenen Standpunkt des Erkennens durch Kampf hindurch gingen
(- u. welcher Mensch wer vervollkommnet sich anders als nach d. Sieg)
soll nun ihr [sc.: Ihr] Bruder da Sie gewiß
jetzt schon manches jenes Fehlverhalten besser mit mir besser
einsehen auch hindurch gehen weil sie [sc.: Sie] hindurch gingen und doch zu
dem Standpunkt des bessern Erkennens kommen zu [sc:an] dem
Sie gegenwärtig stehen?- Nein diese dazu nöthige Kraft
müssen Sie diesem zum weiter fortschreiten als Sie stehen <gut> bewahren
denn der Zweck jedes der erziehend u unterrichtend
wirkt in dem Verhältnisse in der Pflicht steht erziehend u. unter[-]
richtend wirkend zu müssen muß
seyn: daß der Zögl[ing] einst in Hinsicht des Erkennens
höher stehe als ich ihn auf meine Schultern zu setzen [vermag,]
daß er weiter sehe sich einen großen Gesichtskreis
bilde, denn nur dadurch besteht wie ich schon sagte die Menschheit.-
Sagen Sie nicht lieber Freund[:] mein l[ieber] Bruder [ist] noch
zu klein o! schon frühe erhält der Mensch [E]indrücke
die sich oft durch das ganze Leben bestimmend gut oder böse nach ihrer Art hindurch ziehen[.] /
[4]
ihre [sc.: Ihre] eigene Erfahrung wird ihnen [sc: Ihnen] dieses so wie jedem Menschen
dieses sagen. Daß der Mensch aber noch früher anfängt
als für äußere Eindrücke sehr lebhaft empfängl[ich]
zu seyn daß [sc.: das] wird Ihnen ihr [sc: Ihr] jetziges Verhältniß zu
ihrem [sc: Ihrem] Bruder u. können Ihnen Ihre Eltern von Ihnen sämt[lich]
sagen. Vom Bruder gilt gegen Bruder[.]
Also von früh an die Umgebung bewahrend
Mienen - Charakter Ausdruck - Zorn - Herzlo[-]
sigkeit. - Aufmerksamkeit der Kinder auf alles was sie umgiebt
und Nachahmung desselben.- Eindruck des mimischen auf das Kind. Liebe
weckt Liebe; Freundlichkeit Freundlichkeit; Zurückstossung Zurückstossung
Allein die Wahrheit wirkt nicht minder Tief, unser Gesichtsausdruck
sey daher stets wahr, d.h. unserm reinen Denken und Empfinden angemessen[;]
Unsere Freundlichkeit nicht blos auf unserm Gesichte sondern auch in unserm
Innern. Das Kind schon sehr frühe empfindet das Wahre unseres
mimischen Ausdrucks sehr. Aber nicht blos gegen das Kind setzt muß Dein
Betragen wahr und edel seyn, sondern gegen alles was u wer es <nur>
sey sobald das Kind Zeuge deines Handeln[s] ist.
Aber nicht blos so einzig bewahrend sondern auch dem sich immer
mehr in seinen Richtungen äußernden Bildungstrieb, der Entwicklung
mußt du folgen, und dem Kinde zu geben suche Dich so zu dem
locken lassen was das Kind auf der jedesmaligen Entwicklungs[-]
stufe von Außen fordert u. ihm dieses geben. Diese Aufmerk[-]
samkeit wird Dich tiefe Blicke in die Natur des Menschl[ichen] Geistes
u. seiner Entwicklung thun lassen. Du wirst sehen welche Kräfte
welche Sinne sich in dem Menschen zu erst entwickeln, und daß /
[4R]
diese Entwickelung immer von dem allgemeinsten Ein von dem
gesamtausdruck vom dem total Eindruck des G[an]zen anfängt und so
immer von dem allgemeinsten zu dem allgemeinen und endl[ich] zu dem
Speziellsten übergeht, so z.B. bemerkt also das Kind immer zuerst eher
das G[an]ze als die Theile desselben.-
Sie werden gewiß theurer Freund besonders nach nur kurzer An[-]
wendung des Gesagten finden daß Sie in dem Sie für die Entwicklung ihrer
jüngeren Geschwister wirken thätig sind zugl[eich] und in g[an]z demselben Maße
für die Veredlung ihrer [sc:Ihrer] selbst wirksam sind (so wirkt alles unser
Handeln was mit Wahrheit von uns ausgeht auf uns zurück) Also
Sie sehen, ihre
So werden Sie dem Entwicklungsgang ihres [sc:Ihres] jüngsten Bruders
folgen von der Hoheit u. Würde Ihrer eigenen Natur tief
und lebendig durchdrungen werden. Also in soferne als Ihrer
eigene[n] Veredlung und Ausbildung Ihnen am Herzen liegt werden
sie [sc.: Sie] gewiß das Gesagte zum Gegenstand Ihrer Aufmerksamkeit
machen und als dann in demselben ein sicheres Mittel zur Erreichung
Ihres Zieles finden. Ja theuerster Freund geben Sie mir auch in
der Zukunft wenn auch entfernt und äußerlich getrennt <wirkend> noch Gelegenheit fürSelbstveredelung für zu der Erreichung d dieses Ihre[s] Ziel[es] mit zu wirken zu dürfen
Erkenniß Ihrer Selbst und des Wesens des Menschen - zur Erreich
Ehe ich für mein Leben einen festen Punkte hatte von dem aus ich ruhig wirken u thätig seyn konnte wagte nicht durfte ich Sie nicht
Ihnen Sie zu bitten uns vertrauensvoll vereinte, liebende, wahre, treue, unzertrennt[e], ungetrennte wahre
aufrichtige, treue Freunde zu bleiben zulassen; jetzt aber da ich jenen P[un]kt habe bitte ich Sie darum und um Ihre Freundschaft[.]
Glauben Sie daß ich Ihnen in irgend einem Fall durch meine Erfahrung durch mein Wissen Ihnen dienstl[ich]
seyn kann, wenden Sie sich an mich, und machen S Vielleicht ist mir es m[ö]gl[ich] in den wissen[-]
schaftl[ichen] Theil Vorbereitungen für Ihren gewählten Beruf nützl[ich] zu seyn, so z.B. zunächst in Hinsicht auf
Chemie u. das Eingreifen derselben in Ihr Fach - da mich Agricul[-]
turchemie schon beschäftigte und in Zukunft bey m[einem] Zweck noch beschäftigen wird[.]
[Text bricht ab]

b) Abschrift (BlM)

[1]
Mein theurer lieber Freund.
In Berlin geschrieben ohne Datum.
Endlich ist sie herbei gekommen die längst ersehnte Zeit in der es mir ver-
gönnt ist Ihren letzten mir so unaussprechlich lieben Brief be-
antworten zu können; wo ich Ihnen sagen kann, wie lieb er
mir war und wo ich Sie bitten darf mir ferner Freund zu bleiben.
Konnte? und durfte? wer verhinderte Sie daran? werden Sie fragen!
Ihnen mein theurer Freund ist eine Lage fremd und wird
Ihnen, wie ich hoffen darf, in Ihren Verhältnissen als Selbst-
erfahrung stets fremd bleiben, wo der Mensch so ganz auf sich
selbst zurückgeführt ist, wo er so einzig auf sich selbst ruht,
daß er jedes Mittel zu Erringung eines festen Standpunktes
in der bürgerlichen Welt in sich selbst suchen muß.
Wenn ich hier von einem festen Punkte spreche, der die Quelle
zur Sicherung des Unterhaltes einschließt, so verstehe ich unter
Unterhalt des Menschen nicht allein Brot, denn dies kann
man zur Noth leichteren Kaufes erhalten, sondern hauptsäch-
lich dasjenige was zur Erhaltung, Ausbildung und
Steigerung der geistigen Natur in dem Menschen nöthig
ist, was diese erfordert, und einen solchen Ort kann
es eigentlich in Bezug auf eine Individualität nur einen
einzigen geben. Es lag also die große Sorge auf
mir, diesen Ort zu finden und dann die noch größere mich
an diesen Ort zu versetzen und endlich die Verhältnisse auf-
zusuchen die jenen Unterhalt des zwei naturigen Menschen
dem die niedere blos dienendes Gliede zur Erringung und
Ausbildung der höheren ist - nicht nur für die Gegen-
wart sondern auch über das künftige Leben sich verbreitende
Quelle desselben enthält.
Diese Sorge um die Sicherung das Fortdauern des geistigen /
[2]
Lebens noch diesseits, denn darauf kommt doch am Ende das Ganze
zurück, diese größte Sorge war es, mein theurer Carl, die mich
verhinderte Ihren lieben Brief zu beantworten. Der so
ganz auf sich selbst zurückgeführte Mensch ist unfähig, die
in ihm liegende Theilnahme an den frohen Begegnissen
Anderer durchs Wort aus sich heraustreten zu lassen,
die Selbstsorge ohne bestimmte Richtung unterdrückt im
Menschen jede Thätigkeit eines höheren, reinern, freyeren
Lebens, und zwingt sich der Mensch es zu thun so trägt auch
das Herausgetretene den Charakter des Zwanges, der Wider-
natürlichkeit. Das ruhige Bewußtsein eines festen
Punktes in der bürgerlichen Gesellschaft muß der Mensch
haben, wenn er ruhig und fest aus sich heraustreten soll.
Jetzt, da ich dieses Bewußtsein errungen habe, eile ich
Ihnen meine Theilnahme an den frohen Begegnissen Ihres
Hauses und meinen herzlichen Dank für Ihren lieben
Brief auszusprechen. Nach dieser Darstellung meines
seit einem Jahre verlebten inneren Lebens werden Sie mir mein Schweigen
verzeihen, ich dachte viel Ihres Strebens und Ihres Lebens
Zweckes zu dessen Erringung Sie immer mehr streben die Mittel
in sich zu vereinigen.
Ueber meine hiesige Lage habe ich in dem Briefe an Ihre
lieben Brüder geschrieben für Sie füge ich noch folgendes
hinzu. Meine jetzige Stellung ist das wo nach ich dem Gange
meiner individuellen Ausbildung nach immer strebte,
bis Ostern gewährt sie mir zwar ein sehr
geringes Einkommen, doch dann wird dasselbe bei ausge-
breiteter Wirksamkeit sich verdoppeln. Die Hauptsache
aber ist, daß sich daran eine bestimmte Aussicht zur Anstellung
im Staate knüpft. - Es gab jetzt schon einen Weg <wo> /
[3]
auf welchen ich sogleich zu den vom Staate angestellten Lehrern
hätte kommen können, dann hätte ich aber es mir gefallen
lassen müssen wohin die Umstände mich versetzt hätten,
und da wäre ich wahrscheinlich nach Ostpreußen oder Schlesien
gekommen. Bei meinem Zweck muß ich aber wünschen Berlin
nicht bevor ich das mir gesteckte Ziel erreicht habe
verlassen zu müssen, wozu noch mehrere Jahre nöthig sind.
So viel Ihnen, dem theilnehmenden Freunde von mir!
Ich schätze Sie glücklich wegen des Verhältnisses in
welches Sie Ihre lieben Eltern zu Ihrem jüngsten Bruder
stellen. Gewiß haben Sie sich dabei mit freudigen Gefühl
Ihrer Kraft an die Pflichten und Verbindlichkeiten erinnert,
die seit den ältesten Zeiten unsers Glaubens sich an dieses Ver-
hältniß knüpfte[n], ja eigentlich der Grund desselben war. Und
wie kann es ein schöneres Verhältniß zu einem sich entfal-
tenden Menschen, eine höhere Pflicht eine uns würdigere Ver-
bindlichkeit gegen ein[en] zur vollendeten Ausbildung seiner selbst
bestimmten sich entwickelnden Geiste geben, als schützend,
abwehrend gegen alles das dazustehen was diesen sich un-
sterblichen Wesen Hindernisse bei dieser Entwickelung in
den Weg legen könnte. Was ehrt den Mann und Jüng-
ling mehr als schützend für die Schwachheit, für das
kindliche Unvermögen dazustehen?- Der Mensch zum
vollendeten Bewußtsein seiner selbst, seines Wesens und
seiner Bestimmung zum freien besonnenen Handeln nach
den Aussprüchen seiner Vernunft erschaffen ist vom
ersten Moment seines Eintrittes in die Welt, jeden
äußern Eindruck hingegeben, damit er sich zu jenem Be-
wußtsein, zu diesem freien Gebrauch der Vernunft /
erhebe, aber unsre Pflicht ist es nächst den Eltern ganz besonders
die Pflicht derer die Zeuge seiner Aufnahme in den Bund der ihn
zu jenem Bewußtsein zu diesem Gebrauche leitet.
Es ist Pflicht alles zu entfernen was dem schwachen Menschen
schädlich sein könnte, denn nachtheilige Einwirkungen von
welcher Art sie auch sei, wird die Reinheit, wird die unendliche
Entwicklung beschränken, wenn auch nur dadurch, daß der später
mit Bewußtsein sich entwickelnde Mensch [um] frühere schädliche Eindrücke in sich unschädlich zu machen Kräfte aufwenden muß die er zur
fortschreitenden Ausbildung seiner selbst hätte anwenden
können. Es ist [ein] unrichtiger Schluß: ich bin durch Kampf
dahin gelangt wo ich stehe, deshalb kann man nur durch
Kampf zu diesem Standpunkt kommen. Bewahrend zu wirken
ist Pflicht. Erlauben Sie mir, daß ich zum Beweis dessen,
was ich sagte, zu unserm früheren Verhältniß zurückkehre:
Ich hatte damals von manchen die ruhige, klare Ansicht noch
nicht, die ich jetzt habe und mir erst durch schmerzliche Erinnerungen
[sc.: Erfahrungen] errungen habe. Soll nun Ihr jüngster Bruder durch das
Fehlerhafte, durch welches Sie durch meine Schuld, durch einen
noch weniger vollkommnen Standpunkt hindurch gehen mußten
jetzt wo Sie gewiß schon manches jenes Fehlerhaften
schon jetzt besser mit mir einsehen, auch hindurch gehen,
weil Sie es tragen mußten und dennoch zum besseren Erkennen
kamen in dem Sie gegenwärtig stehen?- Nein die dazu
nöthige Kraft müssen Sie diesen zum Weiterfortschreiten
aufbewahren. Denn der Zweck eines jeden, der erziehend
und unterrichtend wirkt, muß sein: daß der Zögling einst in
Hinsicht des Erkennens höher stehe, daß er weiter sehe
sich einen größeren Gesichtskreis bilde, denn nur dadurch /
[5]
besteht die Menschheit.- Sagen Sie nicht, lieber Freund,
mein Bruder ist noch zu klein! o! schon früh erhält der
Mensch Eindrücke, die sich oft durch das ganze Leben bestimmend
gut oder böse hindurch ziehen. Es ist Pflicht der lebenden
die Resultate ihres Erkennes der neueren Zeit zu bieten.
Ihre eigne Erfahrung wie Ihre Eltern werden Ihnen sagen, daß der Mensch schon
sehr früh anfängt für äußere Eindrücke empfänglich zu sein.
Sie werden gewiß, theurer Freund, nach kurzer Anwendung
des Gesagten finden, daß, indem Sie für die Entwicklung
Ihrer jüngeren Geschwister thätig sind, zugleich und in
demselben Maaße Ihrer eignen Veredlung leben und
so wirkt unser Handeln was mit Wahrheit
von uns ausgeht auf uns selbst zurück. So werden Sie
dem Entwicklungsgang Ihres jüngsten Bruders folgend von
der Hoheit und Würde Ihrer eigenen Natur tief und lebendig
durchdrungen werden. Also insofern als Ihre eigne Vered-
lung Ihnen am Herzen liegt werden Sie gewiß das Gesagte
zum Gegenstande Ihrer Aufmerksamkeit machen und dann in
demselben ein sicheres Mittel zur Erreichung Ihres Zieles
finden.