Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 19.4./20.4./21.4.1813 (Dresden / Meißen / Oschatz)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 19.4./20.4./21.4.1813 (Dresden / Meißen / Oschatz)
(BlM II,9, Bl 49, Brieforiginal/Fragment 1 Bl 4° 1 ½ S., mehrfach tw. ed. / zit. = Heiland 1982 Nr.66)

Dresden den 19ten April (Mondtags) 1813.


Hochverehrter Herr und Freund:

Glücklich und gesund habe ich die erste Station auf der neuen Lebensreise zurück gelegt, und mit dem Frohsinn,
der mich auf derselben stets begleitete bin ich gestern Mittags 12 Uhr hier angekommen.- Folgendes ist der Weg und
die kleineren Ruhepunkte die wir gemacht haben.- Gegen 8 Uhr sind wir Freytags mit 3 Wagen aus B[erlin] abge-
gangen. In Zossen wurde Mittag gemacht (wir kamen daselbst nach 2 Uhr an). Hier wurde mir denn zum Ersten
male das Vergnügen, worauf ich mich schon so lange gefreut hatte, einquartiert zu werden. Mein Wirth war
ein rechtlicher Schuhmacher, der mich freundlich willkommen hieß und mich bey meinem Kaffe[e], der die Stelle des Mittag[-]
brotes vertrat, von dem kurz vorher daselbst ausg[e]rückten Landsturm an dessen Spitze sich ihr wackrer Prediger
gestellt hatte unterhielt, und ehe wir abreisten waren wir noch Zeuge wie 3-5 Franzosen eingebracht wurden
die sich in der Nähe der Stadt versteckt gehalten hatten. Der patriotische Gemeingeist war unter den Bauern
die wir in den Dörfern drafen und in diesem kleinen Städtchen g[an]z vortrefflich, und die Wahrheit der ausge-
sprochenen kraftvollen Worte beurkundete das Auge und der ganze Körperausdruck. Gegen 3 Uhr
gingen wir von hier ab und kamen nach 8 Uhr Abends in Baruth (dem ersten sächsischen Städtchen an). Hier lagen
viel Russen. Wir sämtl[ich] wurden in ein Gasthaus einquartiert, wo nach einem guten Abendbrot ein Lager von
reinen Stroh uns einige Stunden erquickte.- Um 1 Uhr Mitternacht fuhren wir wieder ab und kamen um
5 Uhr früh (Sonnabends) in Dahme an. Auch hier wurden wir wieder wie in Baruth freundlich aufgenommen. Von
Dahme ging es über Hohenbucke nach Dobriluck wo Mittag gemacht wurde. (Auf den Weg von Baruth nach
Dahme hatten einige von uns die nicht geschlafen hatten stark kanoniren hören, was, wie wir nachher hörten
von einigen so wohl in Dahme als Hohebucke und Dobrilugck gehört worden war; einige meinten es wäre
in der Richtung nach Wittenberg zu:) Gegen 5 Uhr gingen wir von Dobriligk nach Elsterwerder wo wir Abends gegen
8 Uhr ankamen. Hier wurden wir zum zweyten male einzeln einquartiert; ich kam mit dem H. Prof. Zaune zu einem
Ackersmann wir wurden recht freundlich willkommen geheißen. Auf einem Lager reinen Strohes ruhten wir bis 3
Uhr Morgens (Sonntag) wo wir nach Gr: Hayn [sc.: Großenhain] abfuhren. Hier quartierte man uns gemeinschaftlich zum Frühstück
in einem Gasthofe ein, und [wir] wurden hier wie (in Dobrilugk und Dahme) überall wo wir immer bisher gemeinschaftl[ich] einquartirt
worden waren mit einer gewissen Auszeichnung behandelt, so rechnete man z.B für Jeden obgleich gemeiner
Jäger ½ Bout[eille] Wein. Endlich um 12 Uhr Mittags kamen wir in Dresden an. Da einige Wagen zurückge-
blieben waren und da es mit der Einquartirung hier, wegen der großen Menge Militair die hier liegt viele
Weitläufigkeiten hat, - so hatten wir zum ersten Wagen Gehörigen das Vergnügen 1 Stunde auf dem Neu
Markt zu warten. Da die eigentliche Stadt ganz mit Soldaten überlegt ist, so wurden wir zu unserm Leidwe-
sen in das äußerste Ende einer Vorstadt verlegt, nämlich in die Zi[e]gelgasse vor dem Pirnare Thore, und
ich namentlich kam an das äußerste Ende derselben ganz am Schlag zu einem ehrlichen Zimmermann ins Quartier.
Zuerst über mein Quartier in einer solchen Stadt wie Dresden etwas mißvergnügt bin ich doch mit demselben
jetzt zufrieden da die Leute sehr freudlich sind und thun was ihnen zu thun möglich ist.

Meißen am 20sten Apr: Nachmittags 3 Uhr. Gestern hatten wir in Dresden Rasttag. Ich habe aber an diesem langen Tag nicht
viel gethan da ich bey meiner entfernten Wohnung viel Zeit verlaufen mußte. Um 7 Uhr hatten wir Parole; bis um 11 Uhr
war ich mit Einigen auf der Bildergallerie die aber sehr lückenvoll war, da ein großer Theil von Tableaus
besonders aus der italiänischen Schule nach den Königsteins geschafft worden sind; ich habe daher keinen
besondern Vortheil von dem Besuch der Gallerie gehabt, zumal da der H. Professor der uns herum führte
mich in dem was er über die einzelnen Gemälde die er heraus hob nicht im Mindesten befriedigte, denn
er zeichnete nur besonders die aus die aus der holländischen Schule, die, die treue Copien oder Nachahmungen
der Naturen waren und die, die sich durch Fleiß und Einzelnheit in der Ausführung auszeichneten. Nur
ein einziges Stück hat sich in meine Seele eingeprägt dieß ist ein Amor von Raphael gezeichnet; und was
hob unser H. Herumführer besonders heraus, dieß war das zarte Fleisch.- Mit wahrer Sehnsucht ging
ich nun, um nach vielen Jahren wieder eine feyerliche Messe zu hören in den Dom. Sobald mir aber ge-
sagt wurde daß Kastraten sängen - Menschen die ich verabscheue - so war ich so gestört, daß ich biss auf
einige Momente den Dom unbefriegtigt [sc.: unbefriedigt] verließ.- Nach Tisch besuchte ich zum 2ten male den H. G.f: Sek:
Bürger der mich Tags vorher freundlich empfing um mich demselben zu empfehlen traf ihn aber dießmal nicht.- Nun machte ich einen Besuch auf den
ich mich diesen ganzen Morgen sehr gefreut hatte und den Sie sicher errathen
werden.- Die Fr: G.f: Räthin Richter mein ich, die mich auf Ihre gütevolle Empfehlung äußerst artig Sonnabend empfangen
hatte und in deren so höchst anziehenden und geistvollen Unterhaltung ich den Abend desselben
Tages zugebracht hatte, hatte mir einen Brief an i[hre F]rau Mutter nach Leipzig versprochen den, ich nun /
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abzuholen ging, und den sie auch die Güte hatte mir zu geben.- Für diese Empfehlung und Bekanntschaft bin ich Ihnen
recht vielen Dank schuldig, denn ich habe in der Fr: G.f: Räthin eine Frau von vielem Geiste gefunden und was m[ich]
besonders von ihrer Vortrefflichkeit in sehr kurzer Zeit überzeugte waren ihre lieben muntern Kinder
hauptsächlich die drey Knaben, denn für mich giebt es keinen höhern Anblick als eine Mutter im Kreise ihrer
sich frey und unbefangen äußernden Kinder besonders Knaben, und es ist mir unmöglich einer solchen
Mutter die höchste Hochachtung zu versagen.- Mich persönlich hat die Fr: Geh: f: Räthin besonders durch ihre
aufrichtige Theilnahme an unserm Corps gef interessirt. Sie bestätigte im Allgemeinen in ihrem Urtheile, dasjenige
was Ihnen Ihr H. Bruder Ih über dasselbe geschrieben hat, sie wünschte recht herzlich daß es das werden möchte, was
es unserem Wunsche nach werden sollte.

Oschatz Mittwoch am 21sten April Nachmittags 3 Uhr. Gestern glaubte ich Ihnen recht viel zu schreiben allein wer
Soldat ist, hat nun einmal seinen Willen dem Ganzen und Allgemeinen untergeordnet.- Um 2 Uhr waren wir
gestern in Meißen eingerückt. 4 Uhr mußten wir uns zum schießen stellen. Nun ging ich auf das herrlich gele-
gene Schloß sahe den ganz vortrefflichen Dom, nach einem reinen edeln Styl gothischen Styl gebaut; der erheben-
de Eindruck den der Anblick derselben auf mich machte erfreute mich innig. Die Umsicht die man von dem
Thurme aus hatte war herrlich ausgezeichnet. So verfloß die Zeit bis zum Abendessen. Nach demselben
veranstalteten die alten Studenten in unserm Commando einen Commers. An dem schönen heitern Abend saßen
wir bey Wein, Gesang und Gläserklang im Freyen; unser jubelnder weit hahallender Gesang lockte
natürlich eine große Menge Meißner um uns. Nach 10 Uhr gingen wir, einige mit trüben Augen
und schweren Häuptern, nach Hause.- Heute Morgen um ½5 Uhr mußten wir uns schon wieder vor
des Oberjägers Haus Quartier stellen und nun sind wir in strengen Marsch hier angelangt.- Um
4 Uhr waren wir schon wieder zum Schießen kom beordert. Jetzt ist es ½7 Uhr und um 7 Uhr haben
wir wieder Apell. Ich schreibe Ihnen hochverehrtester Herr und Freund dieses damit Sie beurtheilen können wie
viel Zeit mir bis jetzt zum Schreiben übrig blieb und damit Sie mir Ihre gütevolle Verzeihung wegen
diesen zerstückelten Brief nicht versagen. Was ich in den we[ni]gen freyen Augenblicken hier niederge-
schrieben habe, schrieb ich in Umgebung von - 5 Mitjägern nieder, die theils mit mir zugleich
einquartirt sind, theils die Kammeraden besuchen.
Von unserem ganzen Marsche habe ich nun hauptsächlich noch Nachstehendes nachzu[ho]len.
Aus Dresden sind wir ohngefähr 45 Mann ausgezogen. Ein großer Theil davon sind Studirende.
Mehrere sind in ihrem Wesen ganz vortreffliche Menschen. Marqua[r]dt der vorzügliche Mann und Mensch von dem ich Ihnen schon sprach
ist unser Oberjäger und Führer [Text bricht ab] 
[* Bemerkung zu 49R: Commers = Trinkgelage einer Studentenverbindung]