Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Magdalene Wilhelmine Hoffmann in Leipzig v. 29.4.1813 (Dessau)


F. an Magdalene Wilhelmine Hoffmann in Leipzig v. 29.4.1813 (Dessau)
(KN 15,4, Abschrift 6 S., Handschrift Otto Wächter, daher spätestens 1922 angefertigt. - Lt. Notiz Otto Wächters befand sich das Brieforiginal [1 B 8° 3 ½ S., ohne Adressatangabe] zum Zeitpunkt der Abschriftanfertigung im Völkerschlachtmuseum Leipzig. Der Brief ist lt. Schreiben D. Mundus, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, v. 27.9.1994 verschollen und war schon 1901 in einem Katalog des Völkerschlachtmuseums nicht mehr verzeichnet. - Adressatin lt. Angaben im KN-Katalog)

Dessau, am 29. April (Donnerstags
Abends 10 Uhr) 1813.


Innig hochverehrte Frau Tante!

Begleitet von Ihren herzlichen
wohlmeinenden Wünschen und im An-
denken an die sprechenden Beweise Ihrer
teilnehmenden Liebe, legte ich Sonntag
Abends meine Reise sehr bald und
glücklich zurück und erreichte gegen 11 
Uhr meine Compagnie in Skeuditz [sc.: Schkeuditz],
wo sie bis gegen 4 Uhr Morgens
blieb. Von dort wollten wir unsern Weg
nach Halle oder Merseburg fortsetzen, /
[2]
allein der Stand der Franzosen und da
sie von unserer Marschroute durch Spione unter-
richtet waren, verhinderte es. Die Nacht
blieben wir unter freiem Himmel.
Dienstags früh setzten wir unsern Weg
nach Landsberg fort, mußten uns aber
wegen der Menge Militär, die in
dieser Stadt lag, noch 3 Stunden vorher
in der Nähe eines Dorfes unter freiem
Himmel lagern. Ich war während dieses
Tages sehr krank, da mein Körper
das Nachtlager im Freien und die
kalte rohe Kost etwas ungewohnt
fand.- Mittwoch Nachts 1 Uhr brachen
wir von diesem Orte, nachdem ein
sanfter Regen uns im Freien Gela-
gerte[n] etwas erquickt hatte, auf und
gingen über Landsberg, über <Ragun> [sc.: Raguhn] nach /
[3]
Dessau, wo wir nach einem Marsch von
12 und mehr Stunden Weges gegen
9 Uhr Abends ankamen. Da ich mich
wieder wohl befand, machte ich diesen
ganzen Weg zu Fuß. Heute hatten
wir Rasttag, morgen geht es wieder
weiter, wohin? - wissen wir
nicht, nach Bernburg oder Halle allem
Anschein nach. Da zu den Wünschen
mancher guten teilnehmenden
Menschen für mein Wohl nun auch
noch die Ihrigen, hochgeschätzte liebe
Frau Tante, und der herzlich ge-
sinnten Ihrigen gekommen sind,
hoffe ich, daß mir es in der Zukunft
ferner gut gehen wird.-
Mein Tornister wird mir
mit jeder Tagereise schwerer, deshalb /
[4]
bin ich so frei, Ihnen etwas von meinen
mitgenommenen Effecten zu über-
schicken und Sie gehorsamst zu bitten, es
gütigst bei dem Übrigen aufzuheben.-
Verzeihen Sie mir ja das Belästigende,
was ich Ihnen dadurch verursache; allein
ich kenne in der Nähe niemanden,
an den ich mich mit dieser Bitte wen-
den möchte, und ich mag diese Sachen
weder wegwerfen noch verkaufen, noch
an Fremde geben, wozu mir wenig-
stens einiges zu lieb ist.
Nicht wahr, teure Frau Tante,
ich darf wegen der vertrauenden Offen-
heit, mit der ich mich bittend an Sie
wende, Verzeihung von Ihnen er-
warten? Jeden Tag rücken wir nun
dem Feind unmittelbar entgegen und
in den nächsten 3 Tagen hoffe ich ihn /
[5]
schon als Krieger begrüßt zu haben.
Herzlich empfehle ich mich Ihrem
freundschaftlich so aufrichtig teilnehmenden
Wohlwollen ferner, und bitte um Ihr
liebendes Andenken, auch wenn ich
vielleicht bald nicht mehr mit Ihnen
in einem Hause wohnen sollte. Die-
selbe Bitte habe ich an die geliebte Cousine
und den lieben guten Vetter. Leben
Sie recht wohl!
Mit inniger Hochschätzung und
Verehrung bin ich unverändert, teure
gute Frau Tante,
Ihr
gehorsamer Diener und Vetter
August Fröbel.

Ich bitte die liebe Cousine das Päckchen
zu öffnen und das von der Wäsche
noch etwas feuchte Hemde vollständig /
[6]
zu trocknen.- Leben Sie nochmals
sämtlich recht wohl! Ich stehe jetzt als
freiwilliger Jäger im 2en Bataillon
in der 5. Compagnie in dem Königl.
von Lützowschen schwarzen Freikorps.