Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 12.5./13.5.1813 (Dannenberg / Dömitz)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 12.5./13.5.1813 (Dannenberg / Dömitz)
(GNM Bl 1-3, Brieforiginal 1 ½ B 8° 6 S., tw. ed. Neuhaus 1913, 101-105 u. Halfter 1931, 352f.)

Danneberg, Mittwoch am 12ten May 1813 Abends 11'
Erlauben Sie mir hochverehrter Herr u. Freund daß ich Ihnen nur
mit einigen Worten Nachricht von mir geben darf. Gestern
Mittag sind wir bey Dömitz über die Elbe gegangen, was ich
dabey dachte, empfand u dem Himmel bat erlauben sie [sc.: Sie] mir
jetzt auch blos in der Andeutung zu übergehen so viel seyn
Sie fest versichert es war einem Deutschen, es war einem jungen
Manne, welcher das Glück Ihrer Achtung genießt würdig. Vom
Ufer der Elbe gingen wir nachdem unser ganzes Corps und
auch ein Theil der ihm vom König zu ertheilten Artillerie
bestehend aus 3 Kanonen u einer Haubitze, auf demselben
angelangt war nach Danneberg. Hier lagerten wir
uns jenseits der Stadt wo uns zuerst nach einiger Zeit
Speise aus derselben Parthienweise gereicht und nachher
Brot und Branntwein, wie es hieß für einige Tage gegeben
wurde. Zwischen 5 und 6 Uhr Abends brachen wir wie-
der auf nach Göhrde, einem churfürstl. hannoverischen
Jagdschloße wo wir gegen 11 Uhr Abends ankamen. Hier
wurde sogleich in dem ganz nahe daran liegenden Holze
im Freyen gelagert und zum Nachtmahl ein kleines Stückchen
Speck verabreicht. Nachtfeuer durften nicht gemacht werden,
weil wir hörten der Feind sey sehr nahe, doch wir nicht wußten
wie nahe er eigentlich <seie>. Uns wurde die Ordre gegeben
uns in einer <halben> Stunde zum Abmarsch fertig zu machen,
doch schliefen wir ruhig bis zur genannten Zeit, und schon
flammten die nun erlaubten Wachtfeuer hoch empor
und Fleisch zum Kochen zu bereitet als mit einemmale
die Ordre zum Abmarsch kamen. Es hieß die Franzosen
kämen uns in großen Massen entgegen. Alles rückte in größter Ruhe und
strenger Ordnung aus. Als wir die
Höhe des Waldes erreicht hatten wurden die Dispositionen
verteilt indem die bestimmte Nachricht kam, daß die
Franzosen auf der entgegengesetzten Anhöhe standen. /
[1R]
Ein Theil der Jäger meiner Compagnie stellten [sc.: stellte] sich an dem
Holze wo es an das offene Feld gränzte. Die Cosakken und
unser[e] Cavallerie stand schon auf der Anhöhe vor uns; der
Theil meiner Compagnie bey [we]lcher ich stand, wurde zur Deckung
eines Weges beordert. Bald <hörten> wir Kanonen und den
Donner des Bataillonfeuers. Alles unseres Corps und auch die
bey uns befindlichen Pommerschen Jäger rückten nun vor und
auch wir zogen uns an das Holz heraus. Jetzt sahen wir
ein kriegerisch herrliches Schauspiel, unsere Kanonen rissen
die Glieder der Feinde nieder und schon sahen wir sie schnell[-]
füßig nach und über die entgegengesetzte Anhöhe flüchten.
Leider hatte sich unsere Artillerie zu schnell enthüllt und so
den Feind nicht nahe genug gelassen, daß für uns Jäger und
für die Infanterie es auch etwas zu thun gegeben g hätten [sc.: hätte].
Das Resultat des Gefechtes war, daß von den Franzosen
300 [Mann] Infanterie vom 108ten Regiment und ohngefehr 100
Mann Kavallerie (Pohlnische Uhlanen) im Gefechte war
von diesen sollen, so sagte mir von der Helden <aus das> [*Papier zerrissen*, sc.: aus, daß]
70-80 auf dem Felde geblieben seyn 36 Mann Gefangene und
mehrere Beutepferde sind eingebracht worden. Von
unserer Seite ist dagegen was Sie mir bestimmt nach den
sichersten Nachrichten die ich gehört habe kein Mann geblieben
und keiner gefangen genommen worden. Merhrere [sc.: Mehrere] Pferde sind
geblieben und plessirt worden einem das Pferd unter dem Leib weggeschossen
doch ist auch dieses Pferd nicht gleich ge-
blieben, verwundet soll von uns nur einer und dieser
zufällig von einem Kosakken seyn. Es ist dieß daß wir
so glücklich davon gekommen sind kein Mährchen [sc.: Märchen] sondern ist wirk[-]
lich und bestimmt war wir alle wundern und freuen uns
darüber; auch würden sicher noch weit mehr Gefangene
gemacht worden seyn wenn sich die Franzosen nicht hinter
einen Sumpf zurückgezogen hätten, jenseits welchem
unsere Cavallerie sie blos durch Umwege [*Papier abgerissen*, sc.: ereichen]
konnte; bald erreichten S sie aber auch na[*Papier abgerissen*] /
[2]
ein Dorf und konnten nun nicht mehr von unserer Reurey [sc.: Reuterey = Reiterei]
verfolgt werden. Hätte sich unsere Cavallerie nicht zu früh
enthüllt so wäre nach dem Allgem. Urtheil das Ganze
in unsere Hände gefallen. Nach der Aussage der Gefangenen
standen in dem Dorfe vielleicht 1 Meile vom Kampfplatz
1000 Mann Franzosen gut verschanzt. Unsere Infanterie zog
sich nun zurück die Cavallerie besonders die Kosakken jagten
noch den Feind. Wir sämtlich zogen uns nun ohne Aufenthalt
über Göhrde nach Dannenberg zurück. Sehr viele Russische reguläre
Reuterey begegnete uns auf unserm Marsch, von der, wie
ich bemerkte auch ein großer Theil mit zu wo nicht das
Ganze mit uns zurück ging. <Zu> Auf einer bedeutenden
sich lang hin ziehenden Anhöhe zwischen Göhrde und Dannenberg
standen mehrere 100 neu angekommene Kosacken u. Baskire, die jedoch
zurückblieben. Um 3 Uhr ohngefähr kamen
wir in Dannenberg an, wir unsere Compagnie lagerten sich wieder im Freyen
auf ihrem vorigen Platz. Die Pommerschen
Jäger wurden sogl. in der Stadt einquartiert, so wie auch
ein großer Theil wo nicht das G[an]ze unserer Reuterey, alles andere
soll schon über die Elbe zurückgegangen seyn. Auch wir haben
nachdem wir erst gegen 10 Uhr in der Stadt eingerückt
quartirt worden sind die Ordre erhalten uns ½2 Uhr zum
Abmarsche zu stellen ohne Zweifel werden auch wir so
wie wenigstens der größte Theil des regul[ären] Militärs
über die Elbe zurückgehen; die Ursache soll seyn, daß
es Absicht des Feindes der an Kraft uns weit überlegen
seyn soll, sey, uns unseren Rückzug über die Elbe abzuschneid[en.]
Als wir in Dannenberg ankamen fanden wir wieder mehrere
frisch angekommene russische Kanonen vor. Es wird ver-
muthet daß wir nun jenseits der Elbe bis Hamburg gehen wer[den.]
Dörenberg war bey dem Gefecht gegenwärtig, ob wir
gleich wie ich höre von Lützow kommandirt worden sind. /
[2R]
Von dem auf dem Schl Kampfplatz von dem Feinde gelassenen
und von den Kosakken nicht genommenen Sachen sind zwey
Wagen voll hier eingebracht worden.- Die Kosakken haben
sich sehr charakteristisch gezeigt, wenn die Kanonen Reihen
nieder gerissen hatte[n], schwärmten flogen sie schnell herbey, umschwärm-
ten die Gefallenen, setzten ab machten Beuthe todten [sc.: tödteten] und
ehe der 2e Schuß fiel waren sie schon wieder fort.
Zwey Kosakken sind auch sehr tödlich verwundet worden.
Andere unserer Cavalleristen sagen daß bey weitem
mehr als die von v. d. Helden angegebene Zahl Franzosen
geblieben seyn soll, und geben an daß von den Kartetschen
mit einemmale gegen 70 gefallen seyn sollen. Im Ganzen
sollen gegen 20 Schuß worunter 2 Kartetschen Schuß waren aus unserm Geschütz gefallen seyn.
Die Franzosen sollen
2 Kanonen gehabt haben sie sollen aber nicht in Thätigkeit ge-
wesen seyn. Dieß ist dasjenige was ich von dem ersten
Gefecht bey dem ich Zeuge war weiß.- Ich darf sagen
daß ich mich dabey über mich gefreut habe, und daß ich
hoffen darf, daß es recht gut gehen wird, wenn auch
ich - vielleicht bald ins Feuer komme. Ich bin gesund
und ich hoffe daß ich immer leichter die Strapatzen des
Marsches ertragen und mich an sie bald so gewöhnen
werde daß sie meine freye Geistesthätigkeit nicht mehr
wie bisher doch oft, wo ich nur darauf zu sinnen hatte wie
ich dem Zuge folgen wollte, unterbrechen werden?-
Diesen Nachmittag wurden noch mehrere Wagen (man sagt
gegen 100 Mann) französische Douaniers hierd[urc]h gebracht welche
<i. g. v. > von den Kosaken und Baskiren zwischen Lüneburg und
? - b - 7 [sc.: 2 bis 7 ?] Meilen von hier aufgehoben worden sind.

Donnerstag am 13n May auf der Elbe. In diesem Augenblick werden
wir bey Dönitz landen unser Übergang hatte den Zweck, Davoust
von Ha[a]rburg zu ziehen, um seine Aufmerksamkeit von Ham-
burg
abzulenken[.] /
[3]
Dömitz, Donnerstags am 13n May Mittags 4 Uhr.- Diesen Mittag sind wir
hier in der Stadt, wo man, indem 6000 Mann Soldaten hier liegen sollen
fast nichts als Militär sieht, auf 2 Stunden einquartirt. Nachher
setzen wir unsern Weg nach Eldna 2 Meilen von hier auf der
Straße nach Boitzenburg oder Ludwigslust fort. In diesem Flecken
wird unser Corps heute Nachtquartier haben.-
Zu dem gestrigen Gefecht mögen von preußischer u. russischer Seite ohngefähr
wohl 2500-3000 Mann ausgerückt gewesen seyn.
Ich sagte Dörenberg sey gegenwärtig gewesen dieß ist aber wie
ich eben höre ungegründet sondern Wallmotten [lt. Neuhaus sc.: Walmoden], der Chef von
Tschernitscheff [lt. Neuhaus sc.: Tschernyschew], Tschitschakoff [lt. Neuhaus sc.: Tschitschagow] u. Dörenbergs.- Tschernitscheff liegt
schon seit 14 Tagen hier.- Dömitz ist ein kleines Städtchen und
wird jetzt sehr mitgenommen durch den ununterbrochenen sehr
starken Truppenmarsch.
Wie ich von Lieuten: Palm hörte werden wir vielleicht noch
öfterer über die Elbe und zurück kehren um Davousts Aufmerksam-
keit von einem Punkt abzuleiten und seine Kraft zu zertheilen
so vermuthet man z.B. daß vielleicht das letzte Gefecht bewirkt,
daß Davoust, dessen Hauptquartier in Harburg und dessen
Macht nach französisch[er] Nachricht, 30,000 Mann seyn soll,
Truppen detaschirte um uns zu verfolgen, indem wir auf
dem rechten Ufer hinabgehen um von neuen ihn an einem
andern Punkt auf den linken Ufer in Thätigkeit zu setzen.
Die neu errichteten Mecklenburger Jäger sind außeror-
dentliche schmucke und geputzte Leute wir <stechen> in dieser
Hinsicht sehr ab. Mir gefällt übrigens der Contrast gar
nicht daß sie bey ihrer bunten Kleidung, - denn sie tragen
fast meistens doppelte breite gelbe Litzen auf Kragen
u. Ermel, den Todtenkopf an ihren Mützen tragen.
Schackows und Cartusche haben sie noch nicht.-
Sollten wir uns länger auf dem jenseitigen Ufer aufhalten
so wird es wie ich höre wohl unmögl. seyn, mir das
Vergnügen zu machen Ihnen be schreiben zu können indem
die Russen z.B. nicht einmal von Dannenberg Bothen u.
Posten auf das dießseitige Ufer gehen lassen.- /
[3R]
Sollte ich vielleicht in einem der nächsten Gefechte bleiben
und sollten Sie es hören so bitte ich Sie nochmals recht herzl.
es nach Frankfurt a/m an meinen Freund d[en] He[rrn] v. Mettingh und
einem meiner Brüder sobald als es die Umstände erlauben
zu schreiben, und ihnen nur ganz kurz als ein in dem preußischen Schutz lebender die Nothwendigkeit zu zeigen
mich für die militärische
Laufbahn zu bestimmen, wenn ich ferner auf Achtung in der
bürgerlichen Gesellschaft hätte Anspruch machen wollen.
Ich befinde mich mit jedem Tage wohler und ertrage immer
leichter die Mühen des Krieges, obgleich beym Anfang eines
neuen Tages der Körper die Strapatzen doppelt zu fühlen
scheint. So ging es auch heute ich glaubte erst nicht den
neuen Marsch wegen Müdigkeit zurücklegen zu können,
und dann erquickt durch die Kühle des Morgens und
vorher gefallenen Regens ging es besser als fast je.
Mit inniger Freude und dem schönsten Seelenfrieden
gehe ich meiner Bestimmung entgegen. Ich lebe zwischen
zwey beseeligenden Gedanken: den jeden Augenblick
mit Bewußtsein und Seelenfrieden an den Pforten
der Welt einer sichern und reinern Erkenntniß reinern
bessern Handelns zu stehen - und zwischen den, nach
Ende jetzt errungenem Ziele zu den innigst Geliebten
meiner Seele zu meinen theuern Freunden als Mitkämpfer
und mit Erringer zurück kehren und die übrigen Tage
meines Lebens in ihren liebenden u. lehrreichen erhebenden
Kreise verleben zu können.
Verzeihen Sie mir daß ich so schlecht ausspreche
was so schön gedacht u. rein vorher empfunden
war; die Zeit zum Abmarsch drängt und das
Geplauder meiner 14-16 miteinquartirten stöhrt
mich.
Ich bin durch Ihre Güte durch Ihr Vertrauen
und Freundschaft sehr glücklich. Mein Dankgefühl
wird unsterbl. seyn wie mein Wesen.