Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 15.5./16.5./17.5./18.5.1813 (Perleberg)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 15.5./16.5./17.5./18.5.1813 (Perleberg)
(GNM Bl 4-7, Brieforiginal 2 B 8° 8 S., tw. ed. Neuhaus 1913, 105-109. - Am 20.5.1813 schreibt F., daß er am Dienstag [18.5.] in Perleberg seinen letzten Brief zur Post gegeben hat. Der am Anfang erwähnte letzte Brief ist der vom 12.5./13.5.1813 aus Dannenberg / Dömitz, der vorletzte, am 7.5.1813 abgeschickte ["vor 8 Tagen"] ist nur als Fragment (2. Teil) überliefert.)

Perleberg, Sonnabends am 15ten May 1813
Als ich vor 8 Tagen meinen vorletzten Brief an Sie verehrter He[rr] und
Freund auf die Post gab erwartete ich nicht, daß ich Ihnen von Perle[-]
berg aus und noch dazu so bald wieder schreiben würde, und noch
weniger glaubte ich es als ich vor einigen Tagen meinen letzten
Brief an Sie in Dömitz auf die Post gab.
Wir gingen wie ich Ihnen schrieb am 13en Mittags von Dömitz längs
der neuen Elde (einem Kanal der besonders zum Floßen von Stammholz benutzt
wird) nach Eldena in der Meinung weiter unten an der Elbe einen aber[-]
maligen Übergang zu versuchen, wozu wir wie ich später durch den
H. Lieut. Palm hörte eingeladen worden waren doch die Umstände hatten
sich geändert. Statt vorwärts zu gehen gingen wir gestern Nachmittags
über Orlosen [sc.: Gorlosen ?] und Deibow nach Manknuß und heute von da
nach Perleberg zurück um wie es heißt weiter oben an der Elbe
vielleicht bey Sandau [sc. lt. Neuhaus: Spandau] einen abermaligen Übergang zu versuchen
um wo möglich ins Westphälische oder Hannoverische durchzubrechen.
Morgen haben wir hier Rasttag und vielleicht auch noch Mondtags um
unser Korps vor einem neuen Zuge in den möglichst vollkommenen Zustand zu versetzen.
Aus unsern bisherigen Zügen geht der Charakter
unseres Korps eines leicht beweglichen schwärmenden sehr deutlich her[-]
vor, dennoch gestehe ich aufrichtig daß ich bis gestern, wo mich unser
Lieuten. Palm darüber belehrte, über unser hin- und herziehen und
nichts leisten mißmuthig war, denn es schien mir als wäre in unserm Handeln gar kein Plan und Zweck und wir würden von dem Zufall
hin- und hergeworfen und wären ein Spiel desselben, und unsere Züge
beabsichtigten blos uns von dem stärkern Feinde zurück zu ziehen
und zu sichern ohne mit diesen sichernden Maßregeln auch angreifende
zu verbinden, doch Palm versicherte mir wie der Zweck unserer Obern
immer gewesen sey uns tiefer in Deutschland einen festen Punkt zu er-
ringen der der Mittel- und Festhaltungspunkt unseres Wirkens seyn
könnte, einen Punkt von dem aus wir neue allgemeine und so[-]
mit größere Kräfte d.h. die Kräfte ganzer Landschaften mit uns
verbinden könnten, und daß zu diesem Zweck H. Maj. v. Lützow alles
besonders bey Halle und Querfurt gethan und mit wirklich kühnem Muthe
ausgeführt habe was man nur hatte thun können; daß er dort alles
versucht habe nach dem thüringer Walde zu durchzudringen, daß es
jedoch wegen der Stellung der Franzosen unmöglich gewesen sey. Ja
es wurde gesagt daß v. Lützow vertrauend auf unsere Kraft und
unserem Muthe wirklich so viel gewagt habe, daß wir, wenn jener
Spion von dem ich Ihnen schon schrieb nicht aufgefangen worden wäre
wir Gefahr gelaufen wären <dor> aufgegriffen zu werden. /
[4R]
Weiter sagte Palm daß von Lützow diesen Zweck uns mit allgem:
und größeren Kräften jenseits der Elbe zu verbinden noch immer
unabgesetzt verfolge; daß wir deßhalb unsern Zug längs der Elbe
gemacht, und bey Dömitz übergesetzt hätten, und dann dießseits
der Elbe wieder weiter < ? herab> hinunter gegangen, wären
daß wir aber wie ich zum Theil ja selbst wüßte durch die Stärke und
Stellung des Feindes abgehalten worden wären diesen Vorsatz auszu[-]
führen, daß aber der Zurückgang an der Elbe ferner die Ausführung
jenes dieses Vorsatzes bezwecke, und daß wir daher wohl bald
abermals und wenn es nochmals nicht gelingen sollte und wie zum Vor-
aus zu sehen wohl nicht gelingen wird noch mehrmals über die Elbe
vor und zurück gehen würden.- Ferner sagte er, daß es natürl[ich]
ehe man etwas bestimmtes mit uns wagen könne, man vorher
einigermassen unsere Kräfte unser Ausdauern kennen, daß wir
übrigens um selbstständig etwas auszuführen an Macht d.h. an
Größe noch zu gering wären und noch an zu vielerley Mangel
litten. Jedoch könnten wir fest unserm Chef Maj[.] v. Lützow vertrauen
der gewiß unsere Kräfte zu würdigen und bey jeder sich darbiethen[-]
den Gelegenheit sicher gebrauchen würde.
Dieses und was Palm noch weiter sagte beruhigte mich vollkommen
flößte mir ein Vertrauen und eine inniges Festhalten an unsern
Chef und auch an diesen Lieuten: Palm ein, was ich, ich gestehe
es aufrichtig, bisher noch nicht gehabt hatte, so daß ich bisher
bey dem Gedanken an unsern Zweck unerwärmt unergriffen blieb
daß ich - über mein individuelles Handeln vollkommen ruhig und zu[-]
frieden in mir, mich, für das Äußere in gewisser Hinsicht
kalt und interesselos auf mich selbst ruhend in mich zurück zog. Ich fand nur aber-
mals, daß in keiner Lage und in
keinem Verhältniß unseres Lebens, selbst dem mit der größten
Freyheit und Selbstbestimmung geschaffenen, eine, nur einigermassen
nahmhafte Realisirung, des unser Innersten erfüllenden und
uns zur Erkennung unserer Würde erhebenden Hohen - zu hoffen
und zu erwarten sey, und diese nur wiederkehrende Bestätigung
meiner langen Bewußtseyns Überzeugung: daß der Mensch schlechterdings
seinen innern Frieden, seine Seelenruhe, schlechter[-]
dings an nichts Äußeres, an nichts außer an sich knüpfen soll.
Ganz anders aber würde fühlte ich mich nach der Unterredung mit Palm,
ich fühlte mich erhöht, gestärkt, ich empfand wie seit langem nicht
bey dem Gedanken daß meine Gesamt-Kraft mit Selbstbesserung an
ein großes Ganze[s] zur Erreichung des höchsten Gesamtzweckes:
freye Entwickelung und Ausbildung unseres Wesens für Vollkommenheit - angeknüpft
sey - meine Würde: O es ist doch das /
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Höchste an Seeligkeit gränzende Glück wenn wir das was als Höchstes
und Heiligstes unser ganzes Wesen erfüllt, wenn wir dieß, in dem
Gemüthe eines ander[n] wieder finden, wenn uns aus demselben die Wahr-
heit und Reinheit unserer Empfindung und Überzeugung entgegen hallt, wenn
wir
diesen < ? ? > reinen Genuß hatte ich gestern seit langem Entbehren
zum erstenmale wieder.

Sonntags am 16' May. Vorstehendes habe ich niedergeschrieben, während ich
als Ordonanz bey unserm vortrefflichen Major von Petersdorf war, <und> wo
ich es auch noch bin.- Gestern wurde unser allgem. geliebter Feldwebel
Süvern mit 112 Stimmen gegen 16 von uns zum Lieuten: unserer Compag:
erwählt; heute Marquardt an dessen Stelle von uns zum Feldwebel.- Es
kann jeder unser[er] Mittbrüder von uns unmittelbar zum Offizier erwählt
werden ohne daß er v[o]rher die niederen Grade eines Oberjägers und Feld[-]
webels durchgegangen ist.- Von unserem letzten Gefecht sagte mir Palm
mit Bestimmtheit daß nach demselben noch 85 todte und verwundete
auf dem Kampfplatz gelegen hätten; was ganz mit dem überein stimmt
was ich Ihnen schon als mir von H. v. Helden gesagt mitgetheilt habe.
Ehe wir vorgestern aus Eldena abgingen kam am Vormittag
ein schwedischer Offizier daselbst an, und es sollen nach uns, von dem
bey Wismar gelandeten 10-12000 M[ann] Schweden 2000 in Eldena einge-
rückt seyn, und wie ich heute höre erwartet man die Schweden auch
hier, so daß sie sich also auch längs der Elbe heraufzögen.- Auf un[-]
serem Rückzuge sind wir mit vieler Sorge und in einigen Dörfern von
weinenden Frauen empfangen worden, weil man uns dor gänzlich geschlagen
und den Feind uns auf den Fersen folgend glaubte, so z.B. auch hier
überdieß sind schon die sonderbarsten Gerüchte bis Havelberg uns vor-
ausgegangen wo es heißt daß wir fast alle geblieben wären.
Vorgestern kam ein Ostfriese zu unserer Reuterey welcher gegen einen
Ostfriesen Namens Pfeiffer welcher als Jäger in unserer Compagnie steht
folgendes aussagte, was mir jedoch durch die 2e Hand nämlich Palm
wieder erzählt wurde. Pfeiffern selbst konnte ich bis jetzt noch nicht
sprechen. Ganz jüngst widersetzte man sich in Ostfriesland den Franzosen,
es rückte Verstärkung derselben ein, und sogleich griff man alle
Vornehmeren, diejenigen welche man Honoratioren nennt, auf, schoß
wann man eine gewisse Anzahl zusammenhatte ohne nur die Mindeste
Untersuchung die Hälfte davon nieder und führte die zweyte Hälfte
als Geiseln in das Innere Frankreichs ab. Noch setzte er hinzu daß
der Vater des genan[n]ten Pfeiffers zwar bey seinem Abgange noch nicht
erschossen aber als Geisel abgeführt worden sey, mehrere seiner
Verwandten aber ermordet waren. Besonders noch erzählte der
Angekommene, daß Bauern einmal Franzosen mit Glück geschlagen
und in diesem Glücke sie zur gänzl[ichen] Vernichtung verfolgt hätten aber bald von /
[5R]
600 M[ann] Gensdarmen umzüngelt und fast gänzlich vernichtet worden
wären.- Wie uns bey dieser Nachricht zu Muthe wurde denken
Sie sich gewiß leicht, uns die wir so gerne solche Unternehmen
unterstützen mögten und die jetzt wenigstens nicht mit unserer vollen
Kraft wirken können. So bald ich durch Pfeiffer etwas
spezielleres über das Ganze höre erlauben Sie mir es Ihnen mitzu[-]
theilen.- Jetzt werden auch bey unserem Corps auch Fußgänger
mit Piken errichtet und namentlich bey dem 3en Bataillon.
Palm den ich durch unsere letzte Unterredung sehr schätzen lernte
wird unsere Compagnie verliehren indem er zu diesen Piken-
trägern versetzt wird.- Eben in diesem Augenblick werden sehr
viele Latten auf dem Markte zusammengetragen, die wohl zu
neu anzufertigenden Piken dienen sollen.- Es wird gesagt
daß Jahn bald mit einer neuen Compagnie von 225 Jägern
zu uns stoßen wird.- Noch sagt man daß Jahn in Leipzig
durch sein bestimmtes Handeln es möglich gemacht haben soll, daß
einige Kassen und namentlich auch die unseres Korps in Sicherheit
gebracht wurde[n].
Ein Freund sagte mir daß Maj: Lützow gestern eine Estaffette
erhalten haben soll, nach welchen der Feind ganz neuerdings
durch Wittgenstein bey Leipzig geschlagen und die Armee des
Vicekönigs fast gänzlich aufgerieben und er gegen 11,000 M[ann]
Franzosen gefangen und getödtet haben soll. Es wurde diesem noch hinzu
gefügt daß Prinz August an seine Gemahlin, welcher er früher
große Vorsorge empfohlen, habe geschrieben haben soll, daß
nun die Gefahr, die B[erlin] gedroht hatte vorüber sey.- Mein
Freund hatte diese Nachricht durch Marquardt, Sie können beur-
theilen was an ihr wahr ist, möge sie gegründet seyn! Denn
leider waren unsere bisherigen Nachrichten die über den 3en d[es] M[onats]
nicht erfreuend, ob sie gleich unsern Muth unsere Ausdauer erhöhten
und das felsenfeste Vertrauen auf die ewige Vor-
sicht die alles zum Besten wenn auch scheinbar nicht der jetzt
Lebenden, doch sicher der Menschheit, leitet nicht erschüttert
werden konnte, und dieses Vertrauen welches Luther so
kraftvoll mit den wenigen Worten: eine feste Burg ist
unser Gott bezeichnet - spricht sich in unserm Korps bey Vie-
len aus.
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In Dömitz fand ich zu meiner Verwunderung auf einen Platz
mehrere Haufen außer sehr großer Stücke von Raseneisen-
stein. Auf mein Fragen deßhalb sagte man mir, /
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daß sie aus dem Grunde des früher hier gestandenen Rathhauses
heraus gegraben worden wären, und daß vor längerer Zeit
diese Steine in der umliegenden Gegend, in einem Umkreis von
10 Meilen wie sich der Mann ausdrückte gesammelt worden
waren und daß bis ohngefähr vor 40 Jahren ½ Meile von
Dömitz ein Eisenwerk gestanden habe, welches diese Steine
verarbeitet hätte; bey unserm Marsche längs der neuen
Elde fand ich der Raseneisenstein an einigen Stellen des Ufers
ohngefähr 2 Fuß unter der Dammerde zu Tage ausgehen doch höch[-]
stens ½ Fuß mächtig, überdieß lag an mehreren Stellen des
Canals auf dem Grunde vieler Ocher, und lagen Schichten einer
ochrigen Erde ersetzten zu Zeiten die des Raseneisensteins. Zunächst
unter der Dammerde lag in dieser Gegend sehr häufig eine
Moor[-] oder Torfartige Erde.- Von Dömitz bis Eldena ist Sand
boden doch größtentheils fester Boden außerhalb den Wegen.
Der Weg geht über Rasen, durch Kiefernheide eine bedeutende
Strecke über eigentliche Heide dann wieder durch Kieferngebüsch
bis endl[ich] durch losen Sand bis Eldena.- Weit angenehmer
mit Feldern, Wiesen, häufigen Dörfern und Waldung abwechselnd
ist der Weg durch die bey Weitem fruchtbare Ge obgleich
noch immer im Ganzen einen leichten Boden besitzende Gegend von
Eldena nach Perleberg. Der See bey Boberow machte die hügliche
im Hintergrund von blauen Bergen begränzten Gegend zu einer
bis jetzt seit Dessau so selten von mir gefundenen angenehmen
frischen Gegend.

Perleberg am 17' May Mondtags. Nachmittag. Zunächst sage ich Ihnen den herz-
lichsten Dank für Ihren diesen Mittag erhaltenen gütevollen freundschaft-
lichen Brief vom 11en dieses [Monats]. Er war und ist mir ein herrliches wohl-
thuendes Geschenk denn er spricht in der den Menschen so erhebenden von
meinem Herzen so lange entbehrten Sprache zu mir. Von nun an
werde ich mit Sehnsucht Ihren theilnehmenden Briefen entgegen sehen
zu mal da Sie jetzt die einzig herzlich theilnehmende Person sind
mit welcher schriftlich zu unterhalten mir durch die trennenden Zeitumstände erlaubt ist.
Süvern, der sich ganz wohl befindet
habe ich sogleich den Brief seines He. Bruders übergeben. Er sagte mir
nachher im Vorübergehen daß in demselben auch meiner gedacht sey.
Vielleicht macht es dem He. Staatsrath Süvern Vergnügen zu wissen
daß ein mittelbarer Schwager von dems: He. Hüllmann in dems
1en Bataillon in der 5en Compagnie steht, er steht also mit mir in
derselben Compagnie und ist mein 2ter Nebenmann, wir sind fast /
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durchgehend so wie auch in diesem Augenblick mit einander ein[-]
quartirt. Er bittet mich einen herzlichen Gruß an den He. Staat[s]rath
zu besorgen und Sie werden gewiß so gütig seyn, ihm denselben
gelegentlich zu sagen.- He. Hüllmann ein gesetzter junger Mann
ist der mit welchem ich in unserer Compagnie am meisten verbunden
bin. Übrigens sind noch einige herrliche Menschen in meiner
Compagnie, aber leider - man glaubt es nicht - treffen wir
uns, da so viele Zwischen uns stehen selten.- Die Soldaten
gleichen an Schnüren gereihten Kugeln jede steht zunächst
mit 2 in Berührung und die 5en 6en zu beiden Seiten sind
schon ziemlich fremd. Wie uns nun der Zufall reiht davon
hängt viel ab.- He. Buckling habe ich noch nie zu sprechen
bekommen können. Die Reuterey zieht höchstens vor uns vor-
bey, gewöhnlich sind wir sogar in verschiedene Orte ein-
quartirt, so daß also eine Berührung zwischen einem Jäger
und Reuter sehr schwierig ist.- Friesen habe ich, wie ich Ihnen
schon schrieb nur einmal gesprochen, er ist immer zu sehr be[-]
schäftigt als daß ich mich an ihn andrängen möchte. Von der
Helden sehe u. sprach ich einige mal doch ist auch er, er ist
Rittmeister, immer sehr zerstreut; sonst habe ich noch
keinen der andern mir von Ihnen genannten Herren gesehen.-
- Eben sagt mir ein gestern von B- abgereister und jetzt hier
angekommener Reisender, daß sich leider bis zu seiner Abreise
von B- die Nachricht von der Ge neuern bey Zwenkau ge-
wonnenen großen Schlacht noch nicht bestätigt habe.- Wir wissen
von unserer fernern Bestimmung ganz und gar nicht[s], einige
wollen sagen daß wir nach Lenzen zurück andere daß wir
weiter an der Elbe hinauf gehen werden, so viel ist gewiß:
unsere Ordre ist noch nicht angekommen, heute ist die 2e Com-
pagnie von hier nach Wilsnack abgegangen und dieß spricht
für die letzte Meinung. Wir müssen uns fertig halten jeden
Augenblick aufzubrechen, möglich ist es aber auch und fast
scheint es daß wir morgen noch hier bleiben.- Ich danke Ihnen
von Herzen für die mir gütigst überschickte Unterstützung und für
die gütevolle Besorgung meiner Geldgeschäfte, ich freue mich sehr daß
der ehrliche Schneider bezahlt ist.- Es ist unglaublich wie viel man als Soldat
aus geben muß ohne daß man eigentlich etwas dafür
hat, doch hoffe ich daß ich, wenn keine ganz außerordentl[ichen] Ausgaben
vorfallen und ich nicht krank oder plessirt werde 10 Wochen noch aus- /
ausreichen kann. Übrigens gestehe ich Ihnen ganz auf-
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richtig daß mir ein höchst wesentlicher Dienst geschehe <wenn>
wenigstens in einigen einem der künftigen Monate sich etwas
für eine bestimmte Unterstützung thun ließe, denn ich bekenne
daß ich nicht einsehe wie besonders der der nicht eine ei-
serne sich über alles wegsetzende alles ertragende
Natur hat ohne solche subsistiren kann. Außerdem
werden doch auch vom Korps aus manche Forderungen gemacht
durch die man sich sehr zurücksetzen würde wenn man sie
nicht erfüllte, so wird z.B. bey jeder Gelegenheit wo
etwas vom Korps verabreicht wird z.B. Pulver Bley -
gesagt daß wer es sich selbst anschaffen kön[n]e es weit
besser sey, so schossen wir heute nach der Scheibe und es
wurden diejenigen welche ihre eigene Munition verschießen
konnten aufgefordert vorzutreten, so wurde[n] auch
die Scheiben von uns bezahlt, wer mag da gerne
zurück stehen und solcher Fälle giebt es mehrere.
Wie ich schon einmal aussprach der Soldat kann
sich schlechterdings - wenn er nicht auf alles Ver-
zicht leisten und sich in jedem Verhältnisse einzig
mit dem Allgem: begnügen kann - keinen Etat
seiner Ausgaben machen dazu kommt noch daß, da
der Soldat was er bedarf weil er nirgends weiß
wie lange er bleibt - augenblickl[ich] bedarf und folgl[ich]
teurer als andere bezahlen müssen [sc.: muß].- Ich schrieb
Ihnen früher die Gage der Büchsenjäger, wir neueren
aber, als in diesen Compagnien überzählig erhalten
nur das Tractement der Flintenjäger d.i. alle
10 Tage 5 <gr> 4 <Pf.>.- Doch nochmals bis jetzt steht
es um meine Kasse besonders durch den neuen Zuwachs
recht gut,- Glauben Sie daß es der He. Berghauptm[ann]
gütig aufnimmt so seyn sie [sc.: Sie] so gefällig ihm gelegentlich zu
sagen daß ich mich bey den Erfrischungen rc die ich zu verschaffen
mir durch seine gütevolle Unterstützung möglich wird
ich mich seiner von Herzen dankbar erinnere. - Aber /
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was kann doch der Mensch entbehren und wie wenig
braucht er. Meinen Tornister habe ich nun schon zum
3en Male leerer leichter gemacht und theils in Leipzig
zurück gelassen theils dahin zurück geschickt, jetzt
enthält er so wenig, daß ich gewiß nicht gewagt hätte
aus B- mit so wenig abzumarschiren und ich be-
finde mich sehr wohl; ½ Tag und bey Sonnenschein
und Hemde, Taschentuch, Strümpfe sind gewaschen, was
braucht der ganz Starke mehr, leider ich noch Wollne
unterleibchen. Doch hoffe ich, mich in der Zukunft von
immer mehrerem was mir bisher unentbehrliches Bedürf[-]
niß war, loszumachen um auch von dieser Seite
ein immer freyerer und unabhängiger Mann zu
werden.- Ich wünsche Ihnen ein recht herzliches
Lebewohl und baldige Entfernung des sorgenden
Blickes auf das nächste Schicksal B.-s[.]
Ich glaubt[e] früher daß das Bataillon bey
dem ich jetzt stehe das 2e sey es ist aber das erste,
dieß wegen der Adresse.
Hier in Perleberg wird jetzt sehr eifrig an dem Land-
sturm gearbeitet, am Sonntage hat er zum ersten
male sich in d[en] Waffen geübt.
Nochmals leben Sie recht wohl!

Das v. Reichsche Corps - was sich seit mehreren
Wochen immer in und zwischen Lenzen und Perleberg
aufhielt und jetzt 1½ Meile von hier lag, soll wie gestern 3 Jäger desselben auf
unserer Stube sagten gestern über die Elbe nach Salzwedel
aufgebrochen seyn. Dieses Corps hat aber
leider weder Reuterey noch Geschütz. Am 18te May
Eben sind die v. Reichschen Jäger hier durch. Das Korps scheint daher nicht über
die Elbe gegangen zu seyn.- Kurz vorher sind 800 Mann der russisch[-]deutschen
Legion <schon> von B- kommend hier eingerückt man sagt sie gehen nach Hamburg.
- Von unseren Brüdern haben heute mehrere auf 3 Tage und zur Rückkehr hier-
her Urlaub erhalten, wenigstens bleiben wir also so lange hier einige
sagen gar 5-6 Tage.- Mögen
wir diese Zeit nur recht gut zu militärischen Übungen benutzen.-