Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 15./16./19./21.6.1813 (Havelberg)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 15./16./19./21.6.1813 (Havelberg)
(GNM Bl 21-29, Brieforiginal 4 ½ B <8°> 18 S. mit vier Datierungen, ed. Neuhaus 1913, 117-124 mit zwei Auslassungen: 23V-25R u. 28R-29V.)

HaveIberg am 15ten Juny 13.
Der Artikel aus Dessau in einem der jüngsten B[erlin]schen Zeitungsblät-
ter sagt zwar <-> daß wir unzufrieden über unsern thatenlosen
RückAbzug von Leipzig gewesen wären; doch dieses Wort schildert
lange die Stimmung nicht welche wenigstens in unsern Büchsenjä-
ger Compagnien und namentlich in der meinen herrschte. Kaum
glaube ich daß wir tieferen Schmerz, ein<e> ernsteres Trauern hätten
empfinden können, wenn wir wirklich vom Feinde geschlagen wor-
den wären. Mehrere unserer Oberen, viele von uns weinten vor
Schmerz und Trauern. Lange rollten heis[s]e Thränen über meine
Wangen, und der Schmerz zog krampfhaft meine Lippen zu-
sammen und dieß noch nach Tagen, wenn ich jenes Morgens
dachte. Andere waren ohne Äußerung aber in sich ergrimmt.
Unser Abzug so zahlreich er war, glich einem in Wahrheit einem
Leichenzuge, nur Wenige wagten es zu sprechen. Jeder empfand
tief den Schmerz den gerechten des andern und ehrte ihn. Die All-
gemeinheit der Stimmung ließe sich wohl kaum erklären wenn
nicht bis zu dem Augenblick wo das erstarrende Wort Waffen-
ruhe ausgesprochen und unmittelbar im Nu auch der Rückzug an-
getreten wurde alles auf das erwünschteste gegangen wäre.
In nicht gar 3 vollen Tagen, zwischen welchen doch ein bedeutender
Halt bey Roßlau von 8-10 Stunden war um russis[che] Infanterie zu
erwarten, machten wir den Weg von Havelberg bis Eudritsch [sc.: Eutritzsch]
zwar großentheils zu Wagen aber Sie können doch denken wie
schnell. Von Roßlau aus, wo wir den Pfingstsonntag Abends gegen 10
Uhr wohl aufbrachen, gieng es alles zu Wagen ununterbrochen so
lange es die Pferde aushielten in vollem Trabe, ohne anzuhalten
bis auf die Ebene diesseits Eudritsch die Wahlstatt genannt. Sie
werden sich denken, wie diese Schnelle da wir unsere Bestimmung
wußten, unsere Erwartung spannte unser Vertrauen zu uns und unsern
Obern steigerte. Die Art wie uns die herzlichen freundl[ichen]
Dessauer empfingen das volle Zutrauen zu uns und zu dem guten
Ausgang unserer Sache was sie aussprachen, konnte nicht anders
als unsern Muth unser Zutrauen zu uns erheben. Viele
Bürger fanden wie mit einer gewissen Sympathie, da eben der
Zug in Dessau etwas ins Stocken kam die früher bey ihnen Ein-
quartirten aus der Menge heraus; es ist wahr die Freude <->
glänzte in den Augen derselben, daß die, die sie ihrer Achtung werth /
[21R]
hielten nun einen entsprechenden Beweis geben konnten, daß sie
dieselbe verdienten. Es war als zögen wir zu einem Feste. Diese
Eindrücke wurden nun nicht durch einen ermüdenden Fußmarsch ge-
trübt, vielmehr trug uns unsere Phantasie vor und in Leipzig, das
uns fast allen sehr lieb war; so kamen wir bis zu <-> dem Felde
die Wahlstaat [sc.: Wahlstatt] genannt, alles gewann immer ein ernsteres und ernste-
res Aussehen. Mit derselben Eile mit der wir vorher zu Wagen
gegangen war[en] gingen wir nun zu Fuß vor Eudritsch vorbey
wo wir im Trabe auf der Höhe Leipzig gegenüber, <-> auf-
marschirten. Die Predigt in Eudritsch war unter Auf diesem
Wege kamen uns schon die beutereichen Kosacken und Trupps
gefangener Franzosen entgegen; erstere wurden mit dem Ausruf:
laßt uns doch auch noch etwas zu thun übrig! oder der Frage:
giebt es für uns auch noch etwas zu thun? - im Vorbeygehen
gegrüßt. - Die Predigt in Eudritsch war durch die ganz unerwartete
Ankunft der Russen und Preus[s]en unterbrochen worden. Die Dorfbe-
wohner standen in ihrer festlichen Kleidung großentheils und zwey
Geistliche in ihrem vollen Ornat dicht an der Straße um den dem
Feind so muthig und mit eilendem Fuße entgegen schreitenden
Zug in vollem Sinne des Wortes zu begrüßen; auf den Gesichtern
der erstern glänzte freudige auf den der letztern leuchtete
segnende Theilnahme. So traten wir ins Angesicht des Feindes.
Eine viertelstündige Rast machte die Wirkung der letzten jüngsten
Anstrengung schwinden; wer noch Tornister hatte legte
oder warf sie ab um desto ungehinderter und freyer
fechten zu können, und alle die ich sprach fühlten sich mit mir
so körperlich so wohl waren in sich so ruhig heiter, daß
wir schlechterdings siegreich in Leipzig hätten einziehen müssen.
Ich sagte [sc.: sage] Ihnen dieß, damit Sie sich selbst den Eindruck des
Wortes Waffenruh zeichnen, und das von mir darüber
Ausgesprochene prüfen können. -
Unser Rückzug ging wie unser Hinzug über Delit[z]sch Holz-
weissig und Dessau und zwar ebenfalls ganz zu Wagen.
In Delit[z]sch machten wir Mittag und den andern Morgen d. <8ten>
ziemlich früh weil wir wir [2x] seit mehreren Tagen abermals
die ganze Nacht hindurch fuhren kamen wir nach Dessau.
Ehe wir uns selbst überzeugten, daß wir an unserer Thaten-
losigkeit unschuldig waren, schämten wir uns nach Dessau zu[-] /
[22]
rück zu kehren, so wie wir uns fast vor uns selbst schämten.
Die guten Dessauer empfingen uns aber abermals sehr theilnehme[nd]
obgleich mit einer Theilnahme anderer Art als die frühere.<->
Mittwoch [sc.: Dienstag] früh kamen wir nach dem wie ich schon sagte nach dem
von Soldaten überströmten Dessau. Donnerstag Mittwoch den 9ten
sehr früh gingen wir aus Dessau und bis Loburg. Donnerstag den 10ten Juny
kamen wir nach Trezen Freitag den 11ten gingen wir bey Tangermünde
über die EIbe und an dem linken Elbufer wieder hinauf bis Buch.
Sonnabend den 12ten Standquarti[e]r in Buch; da wir aber hieraus von
den Franzosen die von Magdeburg herauf kamen vertrieben wurden
gingen wir Sonntag den 13en Abends gegen 10 Uhr aus Buch und die
Nacht hindurch über Tangermünde u Arneburg nach Havelberg
in das für uns bestimmte Standquartier zurück. -Bey dem
Fährkruge Sandau gegenüber giengen wir zurück über die Eibe.
Seit gestern Mondtags den 14ten Juny sind wir nun wieder hier und
so ist denn aber mein Feldzug und der Feldzug des Theils unseres Corps
bey welchem ich stehe leider beendigt ohne nur einmal gezeigt zu
haben daß wir Krieger zu heißen verdienen.
Durch welch eine Mannigfaltigkeit der Empfindungen und Gedanken welche
mein Innerstes durchkreuzen, mußte ich mich, seit dem unsere ganze
Jugendkraft als Krieger fesselnden Tage hindurch arbeiten und
noch wage ich es nicht Ihnen ein Resultat auszusprechen. Mein
Glaube und was mir mehr ist, mein Erkennen eines Schicksals
<von> nach dessen Bestimmung die Menschheit fortschreitet zu immer
vollkommenerer Entwicklung und Ausbildung ihres Wesens ist uner-
schüttert, ungetrübt, und ich bin fest überzeugt, daß das was nun
einmal geschehen ist und geschahe, geschehen mußte, weil es schlechter-
dings nicht hätte geschehen können wenn es nicht in der Totalität be-
dingt gewesen wäre. Daß es geschehen mußte, daß es in der Totalität
bedingt war dieß muß uns freylich mit innigem theilnehmenden
Trauern erfüllen; allein unser Streben, das Streben des Ganzen und Einzelnen
muß seyn, das Geschehene nur als Mittel zur Erreichung, zur Erring-
ung höherer Vollkommenheit zu werden. Der erkannte Fehl, das er-
kannte Irren bringt den nachdenkenden Knaben und Jüngling zu größerer
Vollkommenheit, und so finde ich die Erziehungs- und Bildungs-
geschichte des Menschengeschlechtes in der Erziehungs- und Ausbil-
dungsgeschichte des einzelnen Menschen wieder. – Mehr Selbst von mir
persönlich kann ich Ihnen nicht mehr sagen als bis der Tag der
Entscheidung erschienen seyn wird, in mir werde ich aber wohl
noch lange deutscher Krieger bleiben, wenn es auch die Verhältnisse /
[22R]
es nicht erlauben sollten es äußerlich zu scheinen. Noch nie habe ich
das Wesen, die Kraft und die Würde eines deutschen Kriegers leb-
hafter und tiefer gefühlt als in dem Augenblick da uns Waffen-
ruhe geboten wurde. -
Der Himmel gebe daß unser Lieut: Müller seinen Vorsatz in vollstem Maße
ausführt und die 6 - 8 Wochen Waffenstillstand dazu benützt um
uns mit unsern Waffen und mit dem Gebrauche des Locals zum
Vortheil derselben recht vertraut zu machen. Unser Standquar-
ti[e]r wird während dieser Zeit wohl immer Havelberg seyn.
Unsere Compagnie nähert sich seit einiger Zeit immer mehr der
innern Einheit und Einigkeit und militärischen Vollkommenheit
aber in demselben Maße droht ihr jetzt auch wieder Zertheilung.
Durch das Bilden neuer Bataillons und Compagnien werden viele
Oberjäger besonders bey den Füssiliren nöthig. Die Commandeurs der
beiden hier liegenden Büchsenjäger[-]Compagnien haben daher den
Auftrag erhalten aus Ihren [sc.: ihren] Compagnien alle die auszuziehen
welche fähig sind Oberjägerstellen bey jenen Compagnien zu be-
kleiden. Unser Lieutn: Müller hat aus unserer Compag[nie] deren
gegen 30 aufgesetzt, worunter sich natürlich alle die Besten der
Compagnie befinden, auch mich hat er in jenes Verzeichniß auf-
genommen. Dem Staabe bleibt es nun in vorkommenden Fällen
vorbehalten diejenigen aus dem Verzeichnisse auszuheben, welche
er <-> eben für gut befindet; dadurch wird nun zunächst unsere
Compagnie bedroht an innern Gehalt zu verliehren, denn solche
junge Leute als zu einer gewissen Zeit zu dem Corps hinzutraten
mögten in der nächsten Zeit wohl nicht wieder hinzutreten; allein
auch die Verbindungen der Einzelnen im Corps unter sich werden
zerrissen werden und so wird das Ganze verliehren, denn
ich gestehe, es würde mich sehr schmerzen, die Wenigen an die
ich mich anschließen konnte von mir entfernt zu sehen. Was
ich in dem Falle daß auch mich die Wahl des Stabes einst treffen
sollte thun werde, weiß ich noch nicht und läßt sich auch
wirklich sehr schwer bestimmen. So viel ist gewiß dem größten
Theil und gerade den besten ist es weit lieber in unserer Compagnie
gemeiner Jäger, als bey den Füssiliren, die soweit ich sie kenne
größtentheils sehr gemeine zusammengeraffte Menschen sind, Oberjäger
zu seyn. Ja ich wünsche mir ziehe weit vor
bey uns Jäger als dort zweyter Lieuten: zu seyn. Überdieß
fühle ich mich mich [2x] in mehrerer Hinsicht persönlich zu einem solchen
Wirken geschickt, denn, was alles in sich faßt: der am reinsten /
[23]
am reinsten besonders gemeinschaftlich mit Bessern Gehorchende ist
weit freyer als der im Namen anderer über weniger Gebildete
ja Ungebildete, und Rohe Gebietende. Zu meiner Beruhigung
hat mir aber auch der H Lieut: Müller versichert, daß es von
jedem abhänge ob er die angetragene Stelle annehmen wolle
wenn er Gründe anführe, es nicht zu können. - Was ich thun werde
wenn ich sehe daß die Besten unsere Compagnie verlassen und sie
sich selbst dadurch verschlechtert, weiß ich noch nicht. –

Mittwochs den 16ten Juny. Die auf meinem jüngsten Flugmarsch im Raube ge-
machten geognostischen Bemerkungen wenn sie diesen Namen bekommen dürfen
können nicht anders als höchst dürftig oberflächlich und r[h]rapsodisch er-
scheinen, und Sie werden dieselben wenn es möglich ist noch unbe-
deutender finden, da jetzt dem Menschen, ihm näher liegendes be ganz
in Anspruch nimmt, doch Sie haben mich zur Mittheilung aufge-
fordert und deßhalb stehe es hier.
Unser Weg ging wie der vorige über Schönfeld, danach die Dörfer Scharlippe
Kliez rc nach Wust. Man kann die Gegend obgleich größtentheils als
Sandgegend betrachtet ist nicht ganz einförmig nennen. Leichte Er-
höhungen und Vertiefungen von früheren Wasserbedeckungen in den Sand verschie-
denerley gestaltet wechseln. Die Oberflächen Be-
deckung ist in den moorigen Niederungen frischer Graswuchs, auf den
erhöht liegenden sandigen Punkten größtentheils Kieferngehölz
Eichen einzeln, Birken und Ellern [sc.. Erlen] nach Maßgabe des mehr sandigen
oder moorigen Bodens, in den mehr tiefer liegenden aber vor dem
Elbufer mehr aufwärts und somit über den moorigen Niederungen
liegenden Strichen, wechseln auf dem durch untergemengten Lehm
mehr festerem Boden: Weizen, Erbsen, Roggen, Rübsams [sc.: rapsähnl. Schotengewächs] welches
nicht eigentlich dürftig steht, vielmehr für das Auge durch die
darauf folgenden Striche größern Sandhügel, welche nur mit
dürftiger Vegetation bedeckt und gegen das Wasser zur [sc.: zu] durch
Einrollen der Gehange entblößt sind, noch mehr gehoben werden.
- Der Sand hörte vor Scharlippe ist mit feinem Gerölle von Urge-
birgsarten untermengt. – Schon in einem der früheren Briefe
sagte ich, daß das linke Elbufer von Schönfeld aufwärts nach
Arneburg zu mehr erhöht sey; dasselbe bemerkte ich jetzt und
zwischen Scharlippe und Kliez schien sich mir eine Ursache
davon zu zeigen. Zwischen Scharlippe und Kliez zieht sich nämlich
eine leichte Erhöhung quer durch, welche [sich] jenseits
der Elbe fortzusetzen scheint. Das Wasser hat
hinter diese Erhöhung durchbrochen, auf dem
rechten Ufer mehr verflächt, auf dem linken mehr
eingegraben. Der Boden ist mehr lehmig, was
[links der letzten 5 Zeilen Zeichnung: Gegend
  zw. Scharlippe u. Kliez] /
[23R]
auch den Anhöhen des entgegengesetzten Ufers entspricht.
Von Wust gingen wir nach Genthin. Ich beziehe mich hier auf
das früher Mitgetheilte; unser Weg ging besonders in der letzten
Hälfte des Weges größtentheils durch, wohl meistens Kiefer-
gehölz; es war späte Nacht und dunkel da wir diesen Weg
machten.
Von Genthin aus gingen wir über die Dörfer Parchen
Lobow, Giesel nach Hohenziats und Loburg.
Bey Parchen war eine sehr ausgezeichnete Sandstrecke mit
sehr kleinen Geschieben.
Bey Lobow begann größeres Geschiebe, doch war die
Größe noch weit hinter der, der sich hinter Giesel findenden
Geschiebe zurück. – Auf der letzten Hälfte von Lobow
nach Giesel fanden sich in einer bedeutenden Strecke
nur Geschiebe von mittlerer Größe.
Hinter Giesel nach Hohenziats zu, fing das sehr große
Geschiebe an: Wir gingen über eine Ebene, von einem
mehr erdreichen schwärzlichbraunen Sand gebildet. Auf
derselben lagen bis auf der Hälfte nach Hohenziats
Geschiebe von außerordentlicher Größe in mäßigen
Entfernungen: Sie lagen (wie in dem Thale von Murten
nach dem Bielersee zu) größtentheils gleichsam in
die Erde versenkt und nur die hervorstehenden Seg-
mente zeigten von einer außerordentlichen Größe.
Sie, diese Geschiebe wären, für ihre Größe in höchsten Grad
abgerundet und auf der Oberfläche höchst verwittert.
Sehr viele der sich hier findenden Granitgeschiebe, denn
Granit ist alles, waren so von Flechten überzogen daß
von den äußern Kennzeichen auch nichts zu erkennen war.
Von Lobow nach Hohenziats steigt der Weg im Ganzen immer
an. Die Thalähnlichen freylich nur kleinen Vertiefungen, in welchen
Giesel und Hohenziats sich herabzieht scheinen durch spätere Auswaschungen
entstanden. – Um und besonders in Hohenziats findet sich
besonders viel und großes Geschiebe von Granit. Derselbe zeich-
net sich besonders in Hinsicht der Farbe durch Verschiedenheit
des äußern Ansehens aus obgleich das Korn im Ganzen
immer nur klein ist. Das Gefüge ist oft sehr unregelmäßig
verworren und zeigt gleichsam einen heftigen Kampf
unter den verschiedenen Anziehungskräften der wesentlichen
Gemengtheile, besonders des Glimmers. /
[24]
Die Striche in denen die Verschiedenheit der Sandstrecken und die Größe
der Gerölle und Geschiebe wechselt scheinen mir in der Richtung von
Ziesar herab zu wechseln. So viel scheint mir gewiß zu seyn
wenn ich die Bemerkungen der jetzigen Märsche mit denen auf meiner
Reise im vorigen Herbst verbinde, daß die größten Granit Ge-
schiebe ohngefähr in der Richtung von Hohenziats nach Ziesar zu
liegen. – Von Loburg namentlich in der Gegend nach Hohenziats
zu finden sich sehr große Granitgeschiebe zusammengehäuft. –
Von Loburg gingen wir über die Sorge und Lindow nach
(Zerbst blieb uns rechts) nach der Ebene hinter Ros[s]lau, der
Boden hinter Zerbst ist ein fruchtbarer Sand, bildet eine sich weit
erstreckende Ebene. Der Sand war an manchen Stellen oft von
vielen oft bedeutenden Granit Gerölle untermengt. Die Gegend
um die Sorge ist waldig und herrliche Birkenalleen bieten sich dem
Auge dar. Von der Sorge nach Lindow führt eine Fruchtbaum-
allee. – Von Lindow nach der Ebene hinter Ros[s]lau geht der Weg
durch moorige Wiesen, Gehölze meist Birken rc und sandiges
Feld. Hinter Roßlau war eine weite sandige Ebene. Es
waren daselbst Schanzen gegraben worden. Die Tiefe der Gräben be-
trug wohl an manchen Orten mehr als 5-6 Fuß
dennoch dauerte der Sand noch fort. Unter der obersten
Erddecke lag sehr reiner loser (Treib) Sand. Die Körner
waren vom reinsten wasserhellsten Quarz. Einige Fuß
unter der Erde Tag fanden sich viele Schichten zusammenge-
backenen Sandes von unbedeutender Mächtigkeit ungeregelt
übereinander. Sie hatten die verschiedensten wellenförmigen
Richtungen gleichsam wie im Wogen des Wassers er-
starrt. Die Festigkeit der Schichten war doch so groß, daß
sie weit mehr als der andere mehr lose Sand den Ein-
wirkungen des Regens widerstanden, und nun einige Zoll
hervorstanden nachdem der mehr lose Sand zwischen
ihnen herausgewaschen worden war. – Die Schichten unter-
schieden sich besonders dadurch daß einige den reinsten wasserhellen Quarz
enthielten, andere aber von Eisenoxydhydrat durchdrungen
waren. Die Ebene hinter Ros[]s]lau ist bedeutend über den
Spiegel der Elbe erhaben und so bildet sich hier das erhöhte rechte
Ufer derselben.* [Randnotiz*-*] [*] Von der Ebene hinter Ros[s]lau hatte
man eine sehr angenehme Aussicht nach dem jenseitigen Elbufer dem
fruchtbaren baumreichen Dessauschen.- [*] – Von Dessau bis vor Leipzig und von da zu-
rück weiß ich Ihnen in dieser Hinsicht nichts zu sagen. Sie kennen
die Eil unserer Märsche und wissen daß wir sie größtentheils /
[24R]
bey Nacht machten. Wo ich jedoch nicht irre, so erinnere ich mich jedoch
vor oder hinter Holzweisig Sandböden mit Granitgerölle und
großen Granitgeschiebe bemerkt zu haben, die ich, ich gestehe
es in dieser Gegend nicht gesucht hätte.
Auf unserm Rückzug gingen wir von Dessau bey Roßlau wieder über
die Elbe über Lindow nach Loburg zurück ge ließen aber nun die Sorge links. und
Von Loburg gingen wir über Rogesen und Gnadow nach Tregen. Die Gegend ist
eben, der Boden sandig, der Sand häufig durch Waldung so wohl
Kiefern als Birken und Pappeln, Erlen und andern Laubholz befestigt
zwischen welchen sich oft Eichen befinden. In den Niederungen findet
sich, wie in diesen Gegenden immer, ein mooriger Boden auf welchem
oft Erlen, Pappeln rc stehen. Zwischen Rogesen und Gnadow fand
ich solche außerordentlich große Granit Stücke wieder, wie ich deren
schon in der Gegend von Hohenziats erwähnte. (: Granitblöcke wie
sie Ebl Ebel in der Schweiz und Gottschalk auf dem Harze nennt mag
ich sie deßhalb nicht nennen da ihre Ausdehnung mehr gleichmäßig
ist und ihre Kanten und Ecken so abgerundet daß das Ganze
eine mehr zu gerundete Gestallt hat :) Die dort von mir aus
den Segmenten vermuthete Größe rechtfertigte sich hier; die
Bewohner hatten nähmlich die M zwei solche Massen ringsum
umgraben, die Erde ausgeworfen und nun durch Hülfe des
Pulvers gesprengt. Mit den noch immer sehr großen Werk-
stücken einer Masse dächte ich müßte man wenigstens 4 Wagen jeden
mit 4 starken Pferden bespannt beladen können, so daß die Pferde
immer ihre gehörige Ladung hätten. Die Höhlung in welcher die Massen
gelegen hatten, hatten wohl mehr als Mannstiefe. – Beyde
Massen die in der Entfernung von mehreren hundert Schritten
lagen schienen sich gleich zu seyn. – Vor Gnadow fand ich eine
Granitmasse die sich durch ihr großkörniges Gefüge und
durch die hohe Röthe des Feldspathes auszeichnete. Sollte
das Großkörnige eine Eigenschaft jüngeren Granites seyn
so verdiente dieß Stück bemerkt zu werden, denn aller Gra-
nit den ich sonst fand ist nur kleinkörnig ausgenommen ein
zweytes Stücke diesem auf dem ersten Blick ganz ähnlich
welches ich wo ich nicht irre zwischen Giesele und Hohenziats
sahe. In Tregen selbst finden sich sehr viele große Granit
Massen, so wie die Steinwege der Dörfer dieser Gegenden
mit Granitgeschieben gepflastert sind. –
Von Tregen gingen wir über Parchen, Platen (Genthin blieb rechts) /
[25]
Redekin über einige andere Orte (: Jerichow blieb links :) Fischbeck
Tangermünde nach Buch. Zwischen Tregen und Parchen größten-
theils Moorboden (:Bruch:) entweder mit frischem Graswuchse
oder mit Erlen und Birken bewachsen; unter dem Moor und im
Felde Sand. – Von Parchen bis Platen loser Sand, Kiefernheyde
mit festem Sand. – Von Platen über einen 2[t]en Ort nach Redekin
Moorboden, loser und durch Vegetation befestigter Sand.
Von Tregen bis nach der Elbe und dem ganzen Umkreis umher
die Gegend ganz eben. Bei Platen gingen wir über den Canal,
welcher von bey Genthin vorbey vom Plauischen See herab kommt.
Von Redekin bis nach Fischbeck ist der Sand mit vielem Lehm un-
termengt; die Brachäcker vor Fischbeck ganz mit wilden Kamillen
übersäet. Ohngefähr ½ Viertelstunde hinter von dem rechten
Elbufer zieht sich hinter Fischbeck ein Elbdamm (Deich ge-
nannt) hin weil das Ufer der Elbe sich an vielen Orten
fast mit dem Wasserspiegel verflächt. Solche Deiche (Dämme)
finden sehr häufig an der Elbe hinab statt, so geht einer fast von
Sandau zwischen Havelberg und der Elbe hin, einen zweiten sehr
langen bey Dömitz auf dem linken Elbufer erwähnte ich schon, so
wie noch einen auf dem rechten Ufer von Schönfeld herab und bald
werde ich auf dem linken Ufer noch einige zu erwähnen haben.
Die Elbe ist hier schon sehr bedeutend breit, die Ufer im Ganzen
sehr flach (nur die Lage von Tangermünde zeichnet sich aus) das
Wasser trübe der Elbboden jedoch wie aus den vom Wasser
entblößten Stellen zu schließen, besteht jedoch aus Gerölle (?).
Tangermünde liegt wie schon bemerkt auf einer für diese
Gegend bedeutenden Anhöhe. Die Gassen steigen sogleich von dem
Ufer aus steil an. – Da wir glaubten wenigstens für einige Zeit
in Tangermünde Standquartir zu haben, so pfleg gab ich den sehr müden
Körper bey nach unserer Ankunft bey der Stadt Ruhe, statt zu
sehen was die Anhöhe bildet wor auf welcher Tangermünde liegt,
allein leider mußten wir sogleich weiter aufwärts, wie ich schon
sagte nach Buch marschiren, doch glaube ich daß die ganze
Anhöhe eine Lehmmasse wie die bey Havelberg ist. Von
Tangermünde gingen wir über die Tanger, die wie schon
der Name sagt gleich bey der Stadt in die Elbe fließt, sie hat
nur eine sehr mäßige Größe. Auf dem halben Weg dahin
beginnt abermals ein Damm, der sich hinter Buch hinweg
an dem rechten Elbufer hinauf zieht und Buch vor der Über- /
[25R]
schwemmung der Elbe sichert. In dem Garten meines Wirthes in
Buch standen Mauern von Raseneisenstein ganz ähnlich dem
welchen ich in Dömitz fand. Mein Wirth sagte mir daß
dergleichen Steine ohngefähr vor 12 Jahren ½ Meile von Buch
aufwärts nach bey Elversdorf dergleichen Steine 1 Fuß unter
Tage gegraben worden wären, ob jetzt noch wisse er
nicht. Unser schneller Abmarsch von Bu[ch] und die Unruhe
während unsers Aufenthaltes daselbst verhinderte mich, nach
Elversdorf zu gehen.
Von ElBuch gingen wir nach sehr unruhigen Tagen Abends
sehr spät über Tangermünde, Arneburg, dem Fährkruge,
Sandau nach Havelberg; so daß wir die ganze Nacht hindurch
marschirten, daß ich da auf diesem Marsche da ich noch überdieß
ermüdet war und wegen eines wunden Fußes fahren mußte nichts bemerken konnte <-> be-
darf ich wohl kaum aus-
zusprechen, daß wir jedoch ziemlich sandige Wege bald über
Tangermünde heraus fuhren, hörte ich aus dem Munde der Fuhr-
leute. Über Arneburg schien sich mir auch in der Morgendämmerung
die schon oben geäußerte Vermuthung zu bestätigen, daß eine
leichte Anhöhe vom jenseitigen Ufer herüber übersetze. Ohn-
gefähr 1 Meile vor dem Fährkruge bemerk[t]e ich auch obgleich
selten Geschiebe Granits bey ziemlicher Größe. – Die
Elbe fließt von Tangermünde herab, überall wo ich sie
bemerkte sehr breit, faßt große Inseln in sich und die
Ufer sind sehr flach. Beym Fährkrug mußten wir einen
in Hinsicht der Höhe und Breite bedeutenden Damm übersteigen
welcher die Gegend jenes Ufers für Überschwemmungen der
Elbe sichert. – Durch loses, oder nur mit wenigem Gras-
wuchs befestigten Sand gingen wir zurück nach Havel-
burg. – Verzeihen Sie mir die Dürftigkeit dieser Bemerkungen
wie gern hätte ich mehr gegeben wenn Zeit u. Ort es möglich
gemacht hätten.
      ------- /

Sonnabends am 19ten Juny. Seit unserm Einmarsch in Havelberg führe
ich in mir ein wirklich trauriges Leben meine Thätigkeit hat jetzt
jede Richtung verlohren, die Erwartung was uns der 20ste und
26ste July bringen wird, nimmt so mein ganzes Wesen in An-
spruch, daß ich für jede Thätigkeit unempfänglich bin. Wie
hat mich, wie hat alle meine Bekannte dieser Waffenstill-
stand geschlagen. Wir können ja im Innern nicht Frieden machen, unser
Innerstes kann ja keine Waffenruhe anerkennen, und /
[26]
von Außen ist sie uns doch geboten; kann dieser Zwie-
spalt zwischen Innerer und äußerer Welt uns anders
als niederdrücken ? - Wenn wir nun doch ganz und
gar nicht dem Gedanken: Waffenruhe, oder wohl gar:
Friede Raum in uns gäben, so wäre es doch noch etwas;
ich bin überzeugt auf allen Punkten, wo der Feind ist,
herrscht die größte Thätigkeit bey uns herrscht wenn
ich auch nicht sagen darf Ruhe doch keine ausgezeich-
nete Thätigkeit. -Sagen Sie mir, Verehrter, das Ganze
mit der innigsten Theilnahme umfassender, sich von
dem lebhaftesten Interesse für Deutschheit erfüllter
Freund, sagen Sie mir, was glauben Sie, daß das
Resultat der 6 wöchentlichen Unterhandlung seyn
werde ? -Darf ich es Ihnen aussprechen daß ich keine
Antwort kenne die mich mit größerer innigster Freude
erfüllt als das Wort: Krieg! - Friede? - Das ist
Erschlaffung, ist eine sanktionirte noch größere Er-
schlaffung herbeyführende Ruhe; wie kann uns diese
Heil bringen ? --- Überall - wenigstens von sehr vie-
len hört man von dem Unheile sprechen von dem BIute reden, daß [sc.: das]
die Fortsetzung des Krieges kostet, aussprechen hört man
daß ein bestimmtes Land bey der Fortsetzung des Krieges <ganz>
zu Grunde gehen würde und daß dieses Land jetzt
noch retten müsse was es kann; aber was will man
denn retten ? - Einer bestimmten Familie den Besitz eines bestimmten Stück Landes
den Menschen die dieses Land be-
wohnen, ein thatenloses in ewiger Abhängigkeit hinge-
brachtes Leben ? -Bedenken denn diese Menschen nicht
daß es weit würdiger weit köstlicher ist, unser jetziges
nun einmal doch ganz thatenloses Leben unsere ganze
jetzige Generation zu opfern <-> damit
folgende Generationen sich eines der Bestimmung des
Menschen würdigen Lebens erfreuen, <-> damit künftige /
[26R]
mit Freiheit und Selbstbestimmung für die Entwicklung und
Ausbildung ihres ganzen Wesens thätig seyn können, an-
statt daß wir uns das Leben von Halbtod[t]en fristen
und auch künftige Generationen für ein solches Leben
bestimmen. Ich weiß daß, beginnt der Kampf von Neuem
wir nicht wieder zurückkehren in die Heimath der Geliebten,
aber der Donner <-> welcher die Kugel begleitet die mir
den Arm nimmt soll mir fröhliche Musik seyn, wenn dieser
Arm vorher im reichsten Maße für die Entfesselung der künftigen
Generation[en] wirkte. - Ich glaube nun einmal an ein
Wiederfinden, Wiedersehen der Theuern, der Geliebten
im Jenseits; ich bin, ich muß davon überzeugt seyn
wenn ich die Bestimmung des Menschen in eine fortlau-
fende <-> Entwicklung und Ausbildung seines Wesens
<zur> Vollendung setze, und welche Empfindungen
müßten dann unser ganzes Wesen durchdringen, wenn
diese jüngern und jüngsten Geliebten und Theuern einst
nicht klagend, aber von Wehmuth davon, daß wir,
ihre Früherlebenden für die Möglichkeit der freyen
Entwicklung und Ausbildung ihres Wesens in diesem Leben
nicht thaten was wir thun sollten ergriffen
zu uns träten ? Aber ich will den
Gesichtspunkt weit näher stellen, ich will betrachten, wie wir zu un-
sern Geliebten <->, wie der Vater zum noch unmündigen
Sohne, der Bruder zu den jüngsten Geschwistern, der
Mann und männliche Jüngling zu den jüngern Ver-
wandten des Blutes und überhaupt im Allgemeinen
zu dem ganzen aufkeimenden Menschengeschlechtes
unseres Wohnplatzes steht wenn es Friede werden
sollte. Ein Friede der uns die Rechte des Menschen
die Rechte einer unbeschränkten Entwicklung unseres Gei-
stes, die freye Ausbildung, den freyen Gebrauch desselben
zugesteht, möchte wohl nicht das Resultat des kaum
begonnenen Kampfes werden; wenn aber dieses der
Fall ist wie in sich zerdrückt muß der Ältere den /
[27]
Jüngeren noch Unausgebildeten gegenüberstehen, wenn
er die Fesseln die eine freye Entwicklung und Ausbildung
unmöglich machen wenn nicht zerbrechen die Hinder-
nisse die sich derselben entgegenstellen nicht vernichten
kann, wie in sich zerdrückt muß derselbe in sich seyn.
Ich finde nicht Worte <-> die Empfindung
den Schmerz auszudrücken mit welchen der Ältere im
Bewußtseyn seines Gebundenseyns auf die jüngeren Ge-
liebten, bey welchen sich in allem ihrem Thun das Streben
nach freyer Entwicklung und Ausbildung ihres Wesens
äußert, da er diese nicht nur, nach seinem besten
Bewußtseyn mit allen seinen Kräften nicht unter-
stützen kann, sondern <-> sogar noch sehen muß wie
vielmehr durch das Ganze und in demselben dieser Ent-
wicklung Fesseln angelegt werden – mit welchen
da der Ältere auf die jüngern Geliebten sieht. Und
im Bewußtseyn, im Erkennen der Zukunft die uns
erwartet, sollten wir Frieden machen ? sollten wir
in unserm Innern den Frieden mit denen, sie heißen wie sie wollen, anerkennen, <->
die zulm Werkzeug dienen, uns diese
schmachvollen Fesseln und unsern Nachkommen anzulegen ?
Können wir nicht die Kraft vernichten welche den Ge-
brauch der Werkzeuge bestimmt so müssen wir die Werk-
zeuge <-> vernichten, damit es der Kraft an Mitteln
gebreche uns zu schaden uns zu fesseln, also Krieg! -
Doch es ist nicht möglich, alles auszudrücken, was sich
an diese Betrachtungen anknüpft, und was die Auf-
forderung zum fernern Kriege vermehrt, erhöht.
Ist es Schicksals Schluß daß im ernsten Kampfe
mit der Kraft uns das Gefühl das Bewußtseyn
der eigenen Kraft komme und stärke, und daß
wir so im Kampf mit uns selbst uns selbst erkämpfen
welch andere Loosung können wir haben als Kampf. /
[27R]
Daß dieser Kampf blutig und dadurch Krieg
sey daß er vielen das Leben koste scheint hart sehr
hart, aber es ist nicht so hart als es scheint; ich könnte
aussprechen daß ich es gerecht finde. Was ich hier sage
scheint vielleicht widernatürlich, nicht menschlich viel-
leicht gar, aber es scheint mir nicht nur, sondern
ist mir sogar wahr. - Durch Strafe wird zwar
kein Fehler, keine Schuld, das heißt die Wirkung und
Folge irgend einer That verändert und verbessert
ist die That geschehen, ist das Wort gesprochen, so ge-
hört beydes dem Ganzen an und die Wirkungen von
beyden gehen unabhängig von dem von welchem
beydes, That und Wort ausging ins Unendliche fort
also durch Strafe für das Wort irgend Eines für Wort und That
<-> welche von ihm ausgingen, können
<jed> die Wirkungen beyder nicht im Mindesten
abgeändert werden, sie gehen nach ewigen, gleichen
Gesetzen ins Unendliche fort ; aber derjenige
von welchem Wort und That ausgeht kann für die
Absicht in welcher beyde von ihm ausging[en] gestraft
werden und so kann durch Strafe die Absicht kurz
alles was sich von mir persönlich an Wort und That
anknüpft abgebüßt werden, so kann der Mensch
durch Strafe erhoben und gebessert werden,
so kann der Mensch durch Strafe die ihn persönlich trifft
(wenn ich es aussprechen darf) gereinigt und somit ent-
sündigt werden und es giebt wirklich einen Sinn
in welchem der Ausspruch: <">Blut macht gut was Blut versahe<"> tiefe Wahrheit <-> ent-
hält.
Von dieser Seite betrachtet hat auch der jetzige
Krieg viel sehr viel Gutes <und> ja Vortreffliches für
sich. Ja es liegt in dieser Betrachtung die größte ja ich /
[28]
möchte sagen die reinste, wenigstens die nächst größte
die nächst reinste Aufforderung zur Fortsetzung des
Krieges. Diese hier angedeutete[n] Idee[n] sind nicht die zu-
fälligen Gedanken des Augenblickes, sie ist tief in
der Natur und in dem Wesen des Menschen ge-
gründet, und so wohl die pädagogische als auch die
historische, die mythologische und religiöse Be-
trachtung des Menschen und seiner Ausbildung be-
stätigt sie, ja sie läßt sich sogar aus den Resul-
taten der reinen Untersuchung, über das Wesen
des Menschen beweisen. Also Aufforderung zum
Krieg zum Kampf, zur Fortsetzung des Krieges des Kam-
pfes von allen Seiten! - Wer sollte ihr nicht folgen! -

Mondtags am 21n Juny. Eben bin ich HE Friesen, der sich
sehr wohl befindet und welcher Sie herzl[ich] grüßen läßt,
begegnet; er sagte mir daß er heute nach B- [sc.: Berlin] einen
Courir absende und erboth sich Briefe für mich zu be-
sorgen, ich eile also diesen Brief zu beenden und
an Sie zu befördern.
Zunächst meinen herzlichsten Dank für ihren [sc.: Ihren] lieben
Brief vom 8: dieses, welchen ich heute erhalten, mit der freundschaftl[ichen]
Einlage. Aber mein theurer Freund ich bitte Sie
setzen Sie diesen Beweisen Ihrer theilnehmenden
Freundschaft Grenze, denken Sie daß ich in zu
vielfacher Hinsicht Ihr Schuldner bin und daß es
vielleicht mir nie möglich wird auch nur einen
Theil derselben abzutragen. Lassen Sie mich immer
auch durch Entbehren das Wesen des Krieges
empfinden, denn ich will es Ihnen nur gestehen
bisher bin ich oft noch sehr nachsichtig gegen
mich gewesen, und ich habe da wo es möglich /
[28R]
war, mich gerne dem Gebote der Entbehrung über-
hoben. -Am 8: siegelte Ihre Güte Jenes mit der
liebevollen Bitte mir einige heitere Stunden zu
machen, an mich ein, und gerade an diesem Tage
oder den folgenden besuchte ich mit meinem jungen
Freund Middendorf[f] die <her> fürstl. Gärten um
Dessau (nach Wörlitz erhielt ich leider nicht Urlaub)
und da die Zeit zu kurz war zu Wagen
freylich für den gemeinen Jäger etwas kostbar,
es kostete da ich das G[an]ze trug 2 fl doch hatte
ich hatten wir dafür vielen hohen und reinen
Genuß, und jetzt ist derselbe in der Erinnerung
noch dadurch erhöht, daß ich mir sage
als habe ich mir jenen Genuß gerade durch
einen Theil der von Ihres Geschenkes verschafft.
Also auch Ihnen Dank für jenen genuß-
reichen Nachmittag in Dessau, den ich schon
freylich an sich Ihrer Güte verdankte.
Den Brief habe ich heute durch die Post erhalten
also HE Ström noch nicht gesehen,
ich freue mich durch seine Bekanntschaft ein
Bedürfniß meines Geistes befriedigt zu
sehen denn leider fehlt mir zur Mit-
theilung besonders über Natur jede Gelegen-
heit; meine Freu[n]de sind Theologen welchen
Wissenschaft der Natur und sogar die vor-
bereitenden Wissenschaften Physik u Mathematik
fremd sind und so liegt denn mein Geist /
[29]
in sehr vieler Hinsicht wirklich brache, was
mir oft sehr drückend ist. Möchte mir recht
bald das Vergnügen werden mit HE Ström zu-
sammen zu kommen und möchte es mir gelingen daß
er mir sein Inneres aufschlöß[e]. Da ich jetzt
so oft Granit wie Vertriebenen aus fernen Gegen-
den wie Zurückgebliebenen aus fernen Zeiten
begegne, so welches Begegnen wirklich eine Sehn-
sucht im Innern erweckt genauer mit diesen [sc.: diesem] ur-
alten Bewohner der Erde bekannt ja vertraut
zu werden, vertraut mit seiner den Orten seiner
Abkunft den Schicksalen welche ihn in die Lage brachten [sc.: brachte]
in welcher er sich jetzt findet.
In dem nächsten Briefe schreibe ich Ihnen wieder
einige kürzlich gemachte kleine Bemerkungen.
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Welch ein harter Schlag hat unser Corps durch
das Schicksal unseres Chefs von Lützow ge-
troffen. - Sie werden es bald vielleicht durch
den Überbringer dieses hören und erstaunen
o! mehr als erstaunen, ergrimmen im Innigsten
ergrimmen über die französische teuflische Ver-
stellung und Arglist - das Faktum ist, unser
Major der mit 4 Escadrons tief in Deutschland
eindrang und nun nach dem Waffenstillstand
reich beladen mit Ruhm u Beute auf das
diesseitige Elbufer zurückkehren wollte
wurde nachdem er vorher bey von einem /
[29R]
französischen General zwischen Leipzig und Gera
zum Mittag freundschaftl[ich] eingeladen worden war und von
diesem die Versicherung eines ruhigen
Rückzuges erhalten hatte, von den Franzosen
fast meuchelmörderisch überfallen, und ob er
gleich der Übermacht weichend und einge-
denk des Waffenstillstandes absitzen und
zuerst keinen Schwerdschlag thun ließe, den-
noch wie ein Fechtender behandelt, viele sollen
geblieben, viele verwundet, die meisten ge-
fangen seyn. v. Lützow selbst soll eine sehr
bedeutende Kopfwunde haben; Nur 160 M.[ann]
Uhlanen retteten sich durch die Flucht noch Vor
Ausgang des nachherigen Gefechtes, sie stehen in
Loburg einer davon brachte die Nachricht
hieher an den Stab. Das Nähere werden Sie
bald früher hören als wir. Aber was
sagen Sie zu der Elendigkeit der Franzosen
vielleicht gar der welchen wir in Leipzig das
Leben aus Gutmüthigkeit u Rechtlichkeit schenk-
ten, verdienen diese Menschen noch nach
Kriegs[-] und Völkerrecht behandelt zu werden.
Unsere Reuter fürchteten die Elenden im offenen
Kampf und so schändlich verlohren wir sie.
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Ich bitte leihen Sie mir doch auf die wenigen Wochen
eine oder einige gute Karten von Deutschland, daß
ich überall recht zu Hause werde und in den Stand
komme den Feind nicht nur zu verfolgen sondern auch auf-
zusuchen. - Leben Sie recht wohl.