Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 22.9.1813 (Dannenberg)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 22.9.1813 (Dannenberg)
(GNM Bl 50-51, Brieforiginal 1 B 4° 4 S., Anfangs- und Schlußpassage ed. Neuhaus 1913, 133f.)

Dannenberg Dienstag am 22sten 7br 1813


Mein edler theurer Herr und Freund.

Eiligst nur ein paar Worte von mir. Da ich von hier aus schreibe werden Sie
sicher schon vermuthen, daß ich bey dem Gefechte hinter der Göhrde gewesen bin
und ich bin es gewesen, ja ich habe mit meiner Compagnie und den anderen Detaschirten
des ander Corps sehr bestimmten Antheil daran genommen und ich bin überzeugt
daß Sie theilnehmend Antheil daran nehmen. Über den Zweck des Gefechtes
und das Größere desselben schreibe ich Ihnen nichts die öffentlichen Nachrichten
werden Ihnen sicher darüber bestimmteres sagen als ich, obgleich Theilnehmer
Ihnen zu sagen im Stande bin, der Krieger d.h. der Fechter und Schläger ist
zu sehr auf einen Punkt beschränkt (und er ist ein desto besserer Fechter und
Krieger jemehr er strebt nur in seiner Sphäre zu leben und wirken) als daß
er vom Ganzen viel zu sagen wisse. Daß ich mit mir im Gefecht zufrie[-]
den war darf ich Ihnen gewiß sagen, so wie daß wir in einem Kugel[-]
regen mit einer Unerschrockenheit standen die uns von allen bezeugt
wird die Zeuge unseres Kampfes waren. Doch genug von mir mündlich
einst mehr wenn Gott mir Leben und Gesundheit schenkt und ich so glückl[ich]
bin einst wieder in Ihrem Kreise zu leben; schon wirbelt die Trommel
wieder zum Abmarsch, wohin? - wer weiß es, man sagt wieder
vorwärts und zwar wie es schon hieß in Eilmarsch nach Braunschweig
und jene Gegend, der Himmel gebe daß es wahr ist, daß wir Wir
stehen jetzt gewiß die stärksten Kriegsmühe[n] aus, denn seit Ratzeburg
sind wir in dieser Nacht zum erstenmale wieder im Quartir gewesen
weil wir immer im Freyen oft ohne Stroh zum Lager, ohne andern Schutz
für Regen als den Mantel lagen; in den letzten kalten Herbstnächten und
neblichten frostigen Morgen war es doch bald zu drückend, doch dem
Himmel sey Dank ich bin gesund und munter, nur vorwärts
tiefer in das geliebte Deutschland immer näher den Hochgeliebten und
man vergißt alles.- Gefangen zu werden sehe ich jetzt ein ist auch
dem Tapfern möglich, deßhalb wünschte ich wohl ich hätte mir durch /
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durch [2x] Ihre Güte auch einige Adressen nach Frankreich geben lassen um
wenn jenes traurigste Geschick über mich verhängt wäre ich doch meinen
Aufenthalt für meinen Lebenszweck so gut als möglich nutzen zu
können. Sollten Sie einige Freyzeit einmal haben so bitte ich sehr mir
einige Nachweisungen zu zusenden nieder, zu schreiben, durch die Güte des
He. General Director Bornemann Marggrafen Straße Nro 39, welcher
mit He. Hauptmann Jahn in direkter Verbindung steht werde ich dieselben
immer sicher erhalten.
Wie viel möchte ich Ihnen noch sagen, wie gern mit ich nur ½ Tag
mit Ihnen sagen sprechen denn so einfach auch die Gegenden waren durch
welche wir bis jetzt immer marschirt sind, so haben sie doch manche
Idee über die Bildung der jetzigen Erdoberfläche in mir geweckt, welche
ich wohl einer stre ernstern Prüfung unterwerfen möchte, und deßhalb
Ihnen mitheilen.- So unbedeutend geognostisch das Land ist welches ich
bis jetzt durchschritt, so ist mir das Sehen desselben deßhalb wichtig
weil es mir das letzte Glied in der Reihe der geognostischen That-
sachen giebt, das Sehen dieses Landes ist mir wichtig weil ich es durch
unsere an sich sehr sonderbaren kreuzenden Märsche eine ziemliche Strecke
Landes in sehr verschiedenen Punkten sehe und dabey die Stätigkeit
der Naturerscheinungen bemerkte. Diese Gleichmäßigkeit eine so große Strecke hindurch in dieser so ein-
fachen Naturerscheinung als aufgeschwemmtes
Land ist war mir ich gestehe es auffallend: Einige Thatsachen sind
der sehr eisenschüßige Sand in einer, gewöhnlichen sehr unbedeutenden
Teufe unter der Dammerde bemerkt in den Punkten Grak [sc.: Kraak], klein Zachem [sc.: Neu Zachun ?]
auf dem langen Wege von Zarrenthin [sc.: Zarrentin] bis Dönitz [sc.: Dömitz] pp. - weiter schließt sich daran
das Wiederfinden des Raseneisensteins in der Gegend um Lübthene [sc.: Lübtheen] in bedeutenden
Erstreckungen und vielleicht sehr alten Zusammenläufungen in geringer Teufe dicht unter
der Dammerde; - ferner das die ganz allgemeine Verbreitung der
oft sehr großen Urgebirgs- (Granit u Gneis jedoch größtentheils Gra-
nit) Geschiebe durch den ganzen Gege Landstrich hindurch, durch
welchen ich bis jetzt maschirte; - (:In Zarenthin fand ich d[a]s /
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größte Block dicht am See am Wege nach Wittenburg, der sichtbare
Theil hatte 9 Fuß breit und 14 Fuß Länge jedoch schien bey weitem
der größte Theil in der Erde verdeckt. Über das Ansehen dieses Blocks und
die Folgerungen daraus entweder mündliche oder in geeigneter Zeit schriftl.:)[.]-
Weiter das Verbreitet seyn der Feuerstein Bruchstücke durch g[an]z
Mecklenburg - Lauenburg - und die Lüneburger Heide hindurch: - das
wiederkehrende Finden einer besondern sehr ausgezeichneten Feuerstein (?)
Art, fein und weingelb (Bernsteinartig) mit Mineralien.
Erlauben Sie mir daß ich hier einige andeutende Worte niederschreiben darf
um einst einige allgemeine Bemerkungen daran anknüpfen zu können.- Sollte
sich in dem sog. aufgeschwemmten Lande nicht geognostisch ein schärferer
Unterschied in an- auf- (und ab-) und ausgeschwemmten Lande machen lassen,
auf- (und ab-) geschwemmtes Land sind Resultate einer chemischen; an- und aus-
geschwemmtes Land sind Resultate einer mechani[s]chen Erdveränderung.- Die
Bildung sogen: aufgeschwemmten Landes zerfällt in zwey Epochen: in die der chemischen
Auflösung und Zersetzung durch Zeit und Atmosphäre, dann in die der me-
chanischen durch Einwirkung des Wassers (Schwemmen, Schlemmen), - die
Lüneburger Heide ist vielleicht ein auf- und abgeschwemmtes Land; die
Gegend um Havelberg die Priegnitz und ein Theil der Mark, aus- und an-
geschwemmtes Land; - Mecklenburg ein Gemisch aus beyden jedoch meistens d.h. tiefer im Lande
wohl zur ersten Klasse gehörig.- Die Länder an den entge-
gengesetzten Ufern der Elbe scheinen nicht gleichzeitig zu seyn, ist nicht
die Bildung der Lüneburger Heide älter als die von Lauenb und Mecklen-
burg?- Es wäre wichtig daß wie man die Lagerungsfolgen der Gebirge
untersucht daß man an mehreren Punkten Mecklenburgs und der Lüneburger
Heide die Schichten des aufgesetzt: Landes bis zu einer gewissen gleich-
mäßigen Teufe suche, weil man dadurch vielleicht in dem Stand
gesetzt würde durch chemische Rückschlüsse auf den Gang der Erdre-
volution und die Art der Zersetzung des Urgebirge Granites zu schließen.
Sollte die große Eisenbildung in Mecklenburg nicht im Allgemeinen über
die Bildung des Eisens, und die Verwandschaft der Kieselerde zum /
[51R]
Eisen durch die Siliciumeisen hindurch nicht belehrend seyn?-
Was ist Hausmanns Linonit und in welchem Verhältnisse steht derselbe
zu der Hauptmasse des sich in Mecklenburg gefundenen Raseneisensteins[?]
Deutet das gemeinschaftl[iche] Finden der Feuerstein Stücke und der Urgebirg[-]
geschiebe in Mecklenburg und der Lüneburger Heyde nicht auf eine zweimalige
Wasserbedeckung dieser Landstriche?- Die Untersuchungen über die Bildung
der beyden oftgenannten Erdstriche müssen in Verbindung gesetzt werden mit
denen über den sogen. regenerirten Granit u[n]d Granitgruß (Rehberger
graben).
Doch in [sc.: ich] bin zu zerstreut um mich auch nur des Gedachten wiederzuerinnern, denn
ich schreibe dieß in einem vom Militär häufig besuchten Tabaksladen umgeben von
Cameraden nieder, verzeihen Sie mir daher daß ich es wagte Ihnen Vorstehendes
mitzutheilen; oft hat etwas in der ganzen Gedankenreise werth oder scheint wenig-
stens diesen Werth zu haben was ihn abgerissen verliehrt, und überdiß
leben wir auch nicht in der Zeit des wissenschaftl. Denkens.-
Wie ich eben höre gehen wir in den größten Eilmärschen d.h. zu Wagen vorwärts
und zwar heute noch bis Celle.-
Grüßen Sie bestens die He Pr: Pr: Zeune und Marheineke; auch
den He. Berghauptmann wenn er wieder zurück seyn sollte.
Nochmals bitte ich um die gedachten Adressen.
Mit der ausgezeichnetsten Verehrung
A Fröbel