Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 27.10.1813 (Boitzenburg)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 27.10.1813 (Boitzenburg)
(GNM Bl 52-53, Brieforiginal/Fragment 1 B 4° 2 ½ S., ed. Neuhaus 1913, 140-142.)

Boitzenburg den 27sten Oktober 1813.
Schon wieder mein hochverehrter theilnehmender Freund finden Sie mich auf dem dieß-
seitigen Elbufer, und mit welchen Gefühlen, Empfindungen finden Sie mich wieder! -
Als ich Ihnen vor ohngefähr 5 Wochen das letztere mal aus Dannenberg schrieb
welche Hoffnungen durchströhmten dort mein Herz, aber wo ist die Erfüllung der-
selben ? - Wohl waren wir vorgedrungen, wohl hatten wir schon die Lüneburger
Heide hinter uns, und wohl hatte auch die Ausdauer und der Muth eines Theils
unseres Corps, unter welchen zu meiner Freude auch ich mich befand, auch da-
zu vollkommen das ihrige beygetragen daß Napoleons Geiseln eine alte geachte-
te deutsche Stadt verließen, durch welche seit Langem durch den Handel Gutes
nach Deutschland kam - aber welch ein Zweck hatte unsere Operationen
geleitet ? - ich erröthe wenn ich Bremen gedenke, und des Schicksals was der
T-b-sche [sc.: Tettenbornsche] Zug dahin vielleicht über so manche vorzügliche Familie gebracht
hat. - Nicht die achtbaren Bewohner der alten Hansastadt von Napoleons Zwing-
herrn zu befreyen war der Zweck jenes Zuges, sondern sich des in Br-
aufgehäuften französischen Geldes und Eigenthum auf Unkosten der -scheu um sich und
in die nächste Zukunft blickenden Bremer zu bemächtigen.
Scheu und furchtsam blickten die Bremer in die nächste Zukunft, denn Hamburgs
Schicksal stand immer in einem grellen Gemählde vor ihren Augen. - Glück
und Heil unserm auch zur Wegnahme Bremens auch befehligten Häufchens
unserer Schaar, so schmerzhaft wehe uns auch anfangs dieses Gebot der
Nothwendigkeit erschien, wir rückten nicht in das besorgte und geängstigte Bremen ein.
Wir gingen auf der Straße nach Rothenburg, bis Ottersberg, zurück um
das Vordringen des Feindes von dorther zu verhindern. - Als die Kassen
gefüllt waren zog sich nicht nur alles reguläre Militär aus Br- sondern
auch aus der Ganzen Gegend, und wir uns sogar bis dießseits der
Elbe zurück, ohne den Br-ern etwas anderes zu ihrer Sicherheit
zu lassen als Kosaken, die wohl einem abermaligen Andringen des Feindes
keinen harten Widerstand leisten mögen. Der Himmel gebe daß Br-
dieses Andringen bis jetzt noch nicht empfunden hat. -T-b-n [sc.: Tettenborn] mag
wohl noch in Verden wohnen, denn es giebt wohnt dort viel weibliche Lüsternh[ei]t. /
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Eben so schnell wie wir von der Elbe (Hohensdorf) [sc.: Honstorf] vorwärts gingen um
jenen Raubzug – (wie ihn viele unter uns nennen) auszuführen der in seinen Folgen
mehr den Br-ern schädlich schadend werden kann als dem Feinde,
auszuführen, eben so schnell zogen wir uns zuerst bis Dahlenburg und
nun bis hieher zurück. - Doch zu meiner Lage zurück, vielleicht verscheuchen
die über aufs jenseitige Elbufer gegangenen Truppen der russisch[-]deutschen Legion
vielleicht das auf demselben (in Dahlenberg) gebliebene Bataillon
von Reich die Sorgen der Br. -
Daß unser völliger Zurückzug auf das dießseitige Elbufer, verglichen
mit den Erwartungen mit welchen ich und so viele Edle unter unser Corps
gingen, und verglichen mit dem was an der Oberelbe bey der gr: Armee
vorgeht, daß derselbe unter diesen Umständen mich sehr drückt, dieß bedarf
wohl keiner besondern Auseinandersetzung. Ja erlauben Sie mir es theilnehmen-
der edler Freund daß ich es Ihnen aussprechen darf, ich fühle mich sehr, sehr
niedergedrückt, bey dem Thaten- und, Gott mag es wissen, sicher auch plan-
losen Leben was wir führen. Ruhmbedeckt ziehen preußische Krieger schon
durch mein Vaterland ja sogar durch meinen Geburtsort (Kolomb durch
Oberweißbach) dieses, siegreich in und durch mein Vaterland zu ziehen und
vor uns die Aussauger des Landes die Bedrücker desselben fliehen zu sehen
dieses war der höchste Wunsch, die schönste Hoffnung meines Herzens, aber
wie lebe und wirke ich, wirkt das Corps bey dem ich stehe in Vergleich
mit dieser Hoffnung diesem Wunsch ? - Verzeihen Sie mir, daß es mich
tief tief drückt mich einst nicht an die Befreyer des Vaterlandes
an die ächten Krieger des Volkes anschließen zu dürfen. - Wir leben
hier - wenn wir auch Vorposten geben - Abends zum Theil Allarm-
häuser beziehen doch wie im Frieden. - Welch eine Menge von Manns-
gestallten wandeln um mir [sc.: mich], und viele unter denselben mögen wohl
ächte Deutsche von Wort und That seyn, aber ich und wir alle blicken
doch vergebens nach einem Manne, der hervortrete, unser Haupt
werde, würdig unser Haupt zu seyn und zu empfinden was es /
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heiße unser Haupt zu seyn. In keinem von denen die an unserer
Spitze jetzt wirklich stehen, regt sich noch ein Fünkchen von der Idee die
uns früh einst zusammen führte. - Wir die wir uns deutsche Söhne,
die wir uns Repräsentanten ächter Deutschheit nannten und es seyn
wollte[n], wir sind verwaist - das G[an]ze lag als Ziel Zweck vor unsern
Augen, und wir dienen, müssen zu Privatzwecken müssen
dem Privatinteresse eines Einzelnen, eines Fremden hätte ich bald
gesagt [dienen], ja er ist fremd, denn unser gemeinschaftliches Interesse
ist ihm fremd. - Ich habe schon lange versucht was ich konnte mich aus [Text bricht ab]