Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 30.10.1813 (Boitzenburg)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 30.10.1813 (Boitzenburg)
(GNM Bl 54-55, 1 B 4° 4 S., Brieforiginal, ed. Neuhaus 1913, 142-143)

Boitzenburg, den 30sten 8br 1813.
Wie Sie hochverehrter Herr und Freund aus den beyliegenden Bruch-
stücken angefangener Briefe ersehen, hat das v. L-sche Freykorps
alle <wahre> Eigenschaften verlohren die den Krieger fürs Vater-
land <-> bestimmen könnten sich ferner an dasselbe anzuschließen. Schon
da <ich vor> wir bey Lübthene standen sahe ich dieß und forderte dort
nebst mehreren andern der besten unserer Kompagnie meinen
Abschied allein ich erhielt ihn so wenig als jene - Was seit jener
Zeit bey und mit unserm Korps geschahe konnte nichts weniger
als die Anhänglichkeit an dasselbe befördern ich strebte daher
ununterbrochen zu der großen Armee abgehen zu können, doch zeigte
sich mir kein Weg meinen Entschluß auszuführen. Jetzt erschien vor
einigen Tagen eine Kabinetts Ordre des Königs welche allen jungen
Preußen erlaubt aus dem Frey[-]Corps aus und zur Großen Armee
gehen zu können, wenn sie bestimmt nachweisen in welches Corps sie
gehen wollen, und wenn sie auf dem direkten Weg dahin un-
gesäumt abgehen. - In Rücksicht auf mein Verhältniß zum
pr: Staate betrachtete ich mich als Innländer und suchte deß-
halb abermals um meinen Abschied und Versetzung zur Ber-
liner Landwehr nach, doch Petersdorf schlug mir denselben aber-
mals ab indem er sagte, daß er mich als Ausländer betrachte
und daß er mich nun einmal nicht gehen lasse u. s. w.
Dieß bestimmt mich in Hoffnung auf meine gerechte und besonders gute Sache
an das Militär-Gouvernement
bittend zu wenden, wie Sie gütigst aus dem beyliegenden Schreiben
ersehen werden, mir näml[ich] ein Zeugniß zu geben daß ich
in Rücksicht auf diese Versetzung als Innländer zu betrachten sey /
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und gleiche Rechte mit denselben habe. Ich bitte Sie theilnehmender
HE u Freund auf das Dringendste mein Gesuch wo möglich mit Ihrem
gütigen <-> Fürwort auf das beste zu unterstützen. Meine
Lage als Krieger und Streiter - nicht in Rücksicht auf Strapazen
denn die haben wir zwar in der letzten Zeit wieder wohl eben soviel
als bey der gr: Armee gehabt, doch diese achte u rechne ich nicht
wenn meine Kraft nur für die allgemeine gute Sache benutzt
wird. - Nicht in Hinsicht auf Strapazen rc. will ich meine Lage
schlecht u traurig nennen, aber sie ist es als Krieger u Streiter
fürs Ganze fürs Vaterland, Unthätigkeit ist an die Stelle
des Wirkens der That getreten; Privatinteresse ist an die Stelle
des Interesses fürs Ganze getreten; doch genug Sie wissen vielleicht
mehr von dem schlechten Zustand unseres Korps als ich Ihnen
jetzt, da wir unerwartet wieder zu einem unwürdigen
nutz- und zwecklosen aber die Menschen unnöthig der Gefahr
um nichts und wieder nichts in Gefangenschaft zu kommenden
Posten abgehen müssen - schreiben kann. Bitten Sie Güte-
voll alle die persönlich einiges Interesse an mir und meinem
Schicksale <-> nehmen meine Bitte auf das wirksamste zu
unterstützen; die HE Proff. Marh[eineke] u Zeuner u dem HE
Rektor Savigny und vielleicht andere Edle. Es kann dem Men-
schenfreund <schlech> doch gewiß keinesweges gleichgültig seyn
ob besonders der Mann dem das Herz hoch aufschlug bey
dem Streben nach edlen Thaten fürs Ganze fürs Vaterland
der sich mit Freudigkeit fürs Ganze, für Vaterland und
König dem Tode weihete, daß ein solcher für privat[e] Zwecke
und unwürdig gebraucht wird. - Vergleichen Sie hochverehrter /
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HErr das was wir leisten wollten u sollten, das was
man von uns erwartete und wozu wir uns selbst ver-
pflichteten mit dem was wir leisteten u thaten und Sie wer-
den gewiß tief fühlen wie niedergedrückt ich mich bey meinem
Thun oder vielmehr nichts thun fühlen muß. - Ich bitte Sie über
befördern Sie baldigst und auf dem wirksamsten Wege mein Ge-
such zu L'Estock und erfreuen Sie mich recht bald mit der Er-
laubniß zur gr: Armee u zwar zur Berliner Landwehr ab-
gehen zu dürfen. Sollte auch jene Erlaubniß mir den sichern
Tod auf der Wahlstatt herbey führen so will ich Ihnen denn-
noch scheidend dafür danken; ein thatenloses Leben als Krieger
ein unwürdiges nicht ehrendes Leben nach der Rückkehr aus dem
Kampfe - und kein wahrer Krieger wird uns nach errunge-
nem Frieden achten - ein solches Schicksal kann der Mann
schlechterdings nicht ertragen. Nochmals bitte ich Sie daher unter-
stützen Sie auf das kräftigste meine Bitte; ich weiß das [sc.: daß] große
Strapazen meiner dort erwarten allein ich will alles mit Freuden
ertragen wenn ich nur Gelegenheit erhalte kraftvoller und
wirksamer zu wirken, im Gegentheil sollte mir meine
jetzige Lage auch das bequemste Leben beym herannahenden
Winter verschaffen, so sehe ich dennoch ein, daß ich sie nur
mit der strengsten Resignation ertragen, und auf alles
wahrlich auf alles soll der Mann nicht resigniren; die
Gelegenheit ehrenvoll, kraftvoll zu wirken soll er mit dem
Leben herbey führen. - Ich erwarte sicher vom Gouverneur
die Erlaubniß vom Korps ab und zur Landwehr übergehen
zu dürfen, deßhalb bitte ich Sie noch, mich bey Überschickung /
[55R]
derselben mit einigen empfehlenden freundschaftl[ichen] Zeilen
an den HE pp Reimer zu erfreuen; ich wünsche sehr zu
wissen als was er bey der Landwehr stehe indem ich wünsche
unter sein Commando zu kommen. Auch die andern theilnehmen-
den Freu beyden Freunde bitte ich herzlichst mir einige empfeh-
lende Zeilen an ihre Freunde bey der Berliner Landwehr
zu durch Ihre Güte zu zu schicken, denn der Mann kann
doch nur durch Männer wirken. -
Beglücken Sie mich bald mit einer erfreulichen Antwort
ich lege das Schreiben ungesiegelt bey um Sie von dem Innhalt
zu unterrichten. – Wenn gef Meine Kompagnie geht zwar
eben wieder nach Klein Zechow ab (das 1te Bat: steht wieder
in dem schrecklichen Zarrenthin ) doch bitte ich Sie den Brief nach
Boitzenburg zu addressiren.
Ich bin gesund und wenn mein Wunsch erfüllt wird
dem Himmel sey Dank im Stande noch stärkere Kriegsstrapazen
zu ertragen. Die Wirkung[en] eines frohen Geistes wird sind
besonders beym Krieger außerordentl[ich]. -
Leben Sie wohl recht wohl - ich theile ihr [sc.: Ihr] Glück
als was Ihnen als Sachse u Preuße zu Theil wird.
Unverändert
            Ihr
rechtschaffener Freund

     AFröbel

Erlösen Sie mich bald.

Vielleicht ist es möglich mir (wenn auch als noch jungem Berliner [)]
eine Reklamation vom Korps zur B[erlin]schen Landwehr zu ver-
schaffen. --