Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an den Berghauptmann Gebhard in Berlin v. 11.11.1813 (<Auf dem Weg zwischen Klein-Zechow u. Rethem an der Aller, mglw. Celle>)


F. an den Berghauptmann Gebhard in Berlin v. 11.11.1813 (<Auf dem Weg zwischen Klein-Zechow u. Rethem an der Aller, mglw. Celle>)
(BlM II,26, Bl 112-113; undat. Brieforiginal/Fragment 1 B 4° 3 S. Schlussfloskel fehlt; tw. ed. Halfter 1931, 393f. u. DDR-Gedenkschrift 1952, 50f. Der mit Bleistift geschriebene und völlig verblasste Entwurf im BN 450, Bl 1-2 wird textlich hier nicht berücksichtigt. Datierung übernommen v. Entwurf BN 268, Bl 11R-9R. Der Brief wird als Beilage am 20.11. und am 21.11.1813 in Briefen an Weiß erwähnt. Lt. Brief v. 20.11.1813 hat F. am 9.11. Klein-Zechow verlassen und ist über Celle nach Rethem gekommen.)

Hochwohlgeborner Herr,
Hochverehrter Herr Berghauptmann;

Als Ew: Hochwohlgeborn die Güte hatten zu der, mir von dem Königl. Departement
des Cultus und öffentlichen Unterrichtes gemachten sichern Hoffnung: nach erkämpften
Frieden an dem Königln Mineralienkabinet als Mitarbeiter und Gehülfe ange-
stellt zu werden, als Mitbesitzer des Königl. Bergamtes an dem Königl. Mine-
ralienkabinet, nicht nur Ihre gütevolle Beystimmung zu geben, sondern diese
Anstellung schon als gewiß anzunehmen, so hatten Sie zugleich die große
Güte in dieser Rücksicht, bey meinem Eintritt ins Militär, mir zu meiner
Equipirung und Unterstützung im Feldzuge nicht nur eine wesentliche
Summe mir vom Königlichen Bergamte auszahlen zu lassen, sondern mir
auch die angenehme Hoffnung zu geben, mir bey einer längeren Dauer
des Krieges noch einige Unterstützung gütigst von demselben zu bewilligen.
Leider bin ich jetzt wirklich durch die Dauer des Feldzuges und ganz be-
sonders durch die Lage unseres Korps in die Nothwendigkeit versetzt, /
[112R]
Ew: Hochwohlgeborn im Vertrauen auf Ihre gütevolle Theilnahme und auf jene
Hoffnung ganz gehorsamst um einige Unterstützung vom Königl[ichen] Berg-
amte zu bitten.
Nur schüchtern und durch den Drang meiner Lage bestimmt, wagte ich es
Ew: Hochwohlgeborn jene gehorsame Bitte auszusprechen, indem ich mich lei-
der nicht an die Zahl derer anschließen darf, welche an den Schlachten An-
theil nahmen, wo Armeen gegen Armeen fochten, wo das Schicksal der Reiche
entschieden und der Friede und die Selbstständigkeit auch des preußischen
Reichs erkämpft wurde; doch so bestimmte es das Schicksal, nicht ich, denn
ich glaubte nichts gewisser als nach dem Wunsche und der Forderung mei-
nes Herzens, als Krieger das Korps gewählt zu haben, dessen Wirksam-
keit in diesem Kriege die bedeutendste und wesentlichste seyn würde. Wenn
dagegen ausdauernde Ertragung von großen Strapatzen dem Soldaten und Krieger auch
einigen Werth giebt, so glauben wir mit Überzeugung uns an die Krieger
der großen Armeen anschließen zu dürfen.
Die ersten Monate nach Wiederbeginnung des Krieges, bis Oktober lagen
wir bey jeder Witterung, erst Regen zuletzt Reif, ununterbrochen im
Feldlager, unsere Märsche waren ersch groß und erschöpfend, denn sie
waren und sind noch bis jetzt häufig Nachtmärsche. Um unser Leben und un-
sere Märsche mit einem Worte zu schildern, sage ich daß wir bis noch vor
Kurzem gleichsam Tettenborns Fußkosacken waren, als welche wir
den Sand wie den Sumpf und Moor der Haidegegenden, in welchen wir
seit August beständig lebten, fast ununterbrochen durchwadeten. Strapa-
zen soll und muß der Krieger viel ertragen sie verdienen daher der
Berührung nicht, und ich erfuhr, daß das was der Mensch ertragen kann
weit unsere Vorstellung übersteigt, allein das, was unsern Körper /
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Anfangs schützte und ferner schützen sollte, konnte bey diesem Leben nicht
lange seine Bestimmung erfüllen. Erst nach unserm Streifzuge nach
Bremen konnte unser dringendstes Bedürfniß: Schuhe, entsprechend be-
friedigt werden, und ich selbst theilte wenn auch nur auf einem sehr kur-
zem Marsche das Schicksal vieler Schwarzen [sc. : Lützower] barfuß zu gehen.- Aber
was sind auch Schuhe jetzt bey den Nachtmärschen zur Neumondszeit und
durch den Sumpf und Moor der Lüneburger Haide! an Stiefeln wie an
größere und eben so dringende Kleidungsstücke war und ist wenigstens
lange nicht nach Bedürfniß zu denken.- Sold, um welchen wir zwar eigent-
lich nicht dienen, welcher uns aber in den letzten Tagen als Ganzes willkommen
gewesen wäre, unsere dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen, wurde uns
seit Juny nicht gereicht, dennoch mußten wir nach unserm Zuge nach
Bremen jenseits die Elbe zurück, wo uns die Bewohner zu unsern knappen
und magern Mundportionen nichts reichten als Wasser und Erdäpfel.
Doch so sehr auch der früher verwöhnte Körper manches als Bedürfniß for-
dert so läßt sich dieß doch leichter entbehren als bey dem hereintretenden
Winter und der jetzt schon naßkalten Witterung schützende Bekleidung, bey
den wasserreichen Gegenden, die wir wie es scheint noch werden durchwad[en]
müssen, tüchtige Stiefeln und was die Sorge für die Reinheit und Ge-
sundheit des Körpers, bey den in sehr großen Massen zusammengedräng-
ten Cantonirungen dringend erfordert: immer reine Wäsche.-
Das Entbehren von diesen, ist es namentlich was mich nöthigt die aus-
gesprochene Bitte an Ew: Hochwohlgeborn zu thun. [Text bricht ab]