Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 8.12.1813 (Lütgensee)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 8.12.1813 (Lütgensee)
(GNM Bl 62-64, Brieforiginal 1 ½ B 8° 6 S., ed. Neuhaus 1913, 150-152 mit einer Auslassung geognostischer Bemerkungen)

Lütgensee ohngefähr 2 M.von Oldeslohe, auf der
Straße von Hamburg nach Lübeck
am 8ten Dec. 1813.
Seit ich Ihnen hochverehrter Herr und Freund, das letztemal aus Boi-
zenburg (den 28sten v. M.) schrieb, hat sich besonders für den gemeinen Sol-
daten die Lage unseres Korps sehr verändert; denn seit ohngefähr
4 Tagen stehen wir in Feindesland d. i. im Hollsteinschen und
mir zeigt sich nun eine neue und leider die traurigste und ab-
schreckendste Seite des soldatischen Lebens, die ich bisher nur vom Hörensagen kannte
es ist diese wo der Soldat alles als sein Eigenthum betrach-
tet was seine Augen nur sehen und wornach seiner Habsucht
nur gelüstet. Die physischen Leiden die durch Strapazen und Ent-
behrung herbey geführt worden sind oft sehr drückend und
hart, aber wie weit lieber will ich sie ertragen als immer
von Handlungen umgeben werden gegen welche sich das ganze
Innere empört und diese Handlungen zum Theil von Menschen
verübt zu sehen die uns untergeordnet sind, und denen
man dennoch nichts sagen darf, denn - es ist Krieg, und
alles was geschieht ist eine - ganz natürliche Folge des
Krieges, gegen welche daher auch als solche nichts zu sagen ist.
In mehreren Orten haben die Bauern Haus und alles verlas-
sen, gewonnen aber haben sie sicher dadurch nicht, denn nun
betrachtete sich der Soldat als Herr von allem. Ach, der
teutsche Soldat den ich in unserm Korps nun <-> kennen lernen muß
giebt in seinem Betragen gegen Teutsche den Franzosen wahr-
lich nichts nach, ob letztere gleich immer der Maßstab sind
welche sie noch nicht erreicht glauben. Besonders hat sich gestern
ein gewisser Schiller von der 5ten Comp. 1 B. dessen Vater sehr
wohlhabend und in Berlin Seidenfabrikant seyn soll, sehr
höchst niedrig und widernatürl[ich] betragen. Zum Tummelplatz
seiner Schlechtheit erwählte er benachbarte nicht von Mi-
litair besetzte Orte; die allgem: Stimme selbst der gemeinen
Soldaten hält ihn für straffällig; ob sie ihm aber werden /
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wird, muß die nächste Zukunft lehren. -In dem Dorf
worinne wir jetzt liegen haben die Bauern ihre Häuser zwar
nicht verlassen doch ist das Dorf so wie überall sehr menschen-
leer, leer besonders an wehrbarer Mannschaft und es scheint
als habe sich diese besonders geflüchtet. - Seit 3 Wochen
ist im Hollsteinschen der Landsturm aufgeboten und orga-
nisirt worden. Piken und andere Waffen, Munition und
Monturen sind in verschiedenen Mengen gefunden worden
und das Finden dieser gab nun den Soldaten eine Scheiner-
laubniß alles zu durchsuchen, alles zu erbrechen. - Ob
der Kronprinz mit diesem Betragen seiner Schwarz Lützower
zufrieden seyn wird wenn er es hört, daran zweifeln
wir sehr. Mögten bald von oben herab die strengsten Maßre-
geln ergriffen werden, damit wir nicht ganz verwil-
dern nicht zu dem herabsinken, wofür uns französische
Blätter längst erklärten; <-> denn was läßt sich leider
nicht von höchst laß gezügelten Menschen erwarten denen
so vieles dringende fehlt was der Soldat mit Recht for-
dern kann. Nur höchst langsam geht es mit der Be-
friedigung der Bedürfnisse des Korps. Immer werden
Versprechungen und Hoffnungen aufgehäuft aber sehr spar-
sam erfüllt. Als wir in Boizenburg waren wurden
uns 2 Monate Sold versprochen, nachdem nun endlich etwas
ausgezahlt wird sind es zwey Traktamentstage, d. h.
auf 20 Tage (nämlich bis zum 20sten August). Dieß
trägt jedem Flintenjäger 10 sg 8 <> pr. Cour: was kann
er sich dafür anschaffen ? - Im Depot sollen mehrere
1000 Ellen schwarzes Tuch zu Monturen längst angekommen
seyn, doch haben die Soldaten erst nur wenige Paare
Hosen erhalten. - Aus diesen sehen Sie, daß /
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sich es zwar in etwas doch nur sehr wenig mit dem
Korps gebessert hat.
Das [sc.: Daß] Oldeslohe so wie Lübeck in unsern Händen ist wissen
Sie schon so wie daß das Hauptquartier des Kronprinzen
in Lübeck ist. Unser Vorrücken geht seit wir im Holl-
steinschen sind zwar langsam aber hoffentlich desto sicherer.
Die Truppenmasse welche sich dießseits der Steckenitz und
wohl schon der Bill befindet, muß sehr bedeutend seyn. Da wir
am 2ten Dec: in Schnakenbeck hinter Lauen-
burg an der Elbe standen, stand schon das ganze Woranzow-
'sche Korps in Lauenburg, welches uns ohne Zweifel nun
gefolgt seyn wird, und sich vielleicht gegen Escheburg
und Bergedorf hingezogen hat. Das ganze Lützowsche
Korps steht welches von Schnakenbeck nach Hohen-
horn, von da nach Wittshafen und Rosdorf gegangen
ist, steht seit vorgestern in hiesiger Gegend; unser
Staab liegt in Syck, dem Dorfe in dessen Nähe vor-
gestern frühe die Dänen einen Überfall wagten, und
einige 100 M: Kosaken nebst 16 unserer Reuter und
Lieute: und 16 Jäger (Patrouillen) zu Gefangenen
machten. - Außer diesem Vorfall ist unser bisheriges
Vordringen ohne alle Stöhrung gewesen, und wir leben
der sichern Hoffnung daß wir bald in Hamburg und
Altona einrücken werden, denn die Truppenmenge
welche bey Lübeck und weiter hin steht kann nicht
anders als groß seyn, denn sehr viel Schweden kamen
über die Elbe, welche sich größtentheils längs der
Steckenitz zogen. –
Das Wetter was wir jetzt haben, ist in Rücksicht /
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auf die sumpfigen Gegenden doppelt schlecht, denn
es ist ununterbrochen regnerisch und neblicht, nur An-
fangs dieses Monats hatten wir einige Tage Frost. –
Seit längerer Zeit haben meine Briefe nichts einer geog-
nostischen und topographischen Bemerkung Ähnliches enthalten
vermuthen Sie jedoch deßhalb nicht daß ich auf
den mancherley Kreuz- und Querzügen weniger auf-
merksam als früher gewesen sey, was mir nur einiger-
massen bemerkenswerth schien, habe ich immer so bald ich
Zeit hatte niedergeschrieben, doch ist es einzeln hinge-
stellt so unbedeutend, und es kehrt das eine so oft wieder
und steht da es erst an feste Punkte der Gebirgskunde
angeschlossen werden muß, so isolirt, so wage ich es nicht
jene Blätter Ihnen beyzulegen. – Daß ich aber freylich
nur im Fluge den Gipsfels bey Lüneburg schon vor längerer
Zeit gesehen habe, habe ich, wenn ich nicht irre Ihnen schon
geschrieben. Es ist mir sehr lieb daß ich ihn sahe, denn ich
hatte mir denselben ganz anders gedacht. Weit mehr
als die Gipsgebirge bey Osterode das Gepräge von Zerstörung
an sich tragen, trägt es dieser Felsen, welcher als eine zu-
sammengerüttelt und geschüttelte Kluft- und Höhlen-reiche
Masse erscheint, welche den Gips in den mannichfaltigsten
Gestaltungen und Farben enthält. – Der sonst an Boraciten
so reiche Theil des Felsen ist jetzt von eingestürzter Erde
ganz verschüttet. – Nächst diesem ist mir die Gegend
am Schaalsee geognostisch am interessantesten. Ich
habe bey unserm letzten Standq. in Zarrenthin noch sehr
viel Granitblöcke von ganz ausgezeichneter Größe
am Schaalsee gefunden, welche sich dadurch auszeichnen daß
sie noch unversehrte Bruchflächen und abgerundete /
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Ecken und Kanten haben; ich kann mir unmöglich denken
daß diese Blöcke durch irgend eine Revolution, weit von
ihrer Geburtsstatt entfernt worden seyn können. Ich kann
den, wohl sehr sonderbar scheinenden Gedanken nicht unter-
drücken, daß die Gegend namentl[ich] am Schaalsee <rc> einst
selbst Gebirge trug; das Ansehen des Schaalsees und be-
sonders das Hügliche seiner Inseln scheint mir dafür
zu sprechen. Ich will jedoch damit nicht sagen daß es
Gebirge des festen Landes waren, es können Meeresge-
birge gewesen seyn, und eben hierinne kann ein Grund
ihrer Zerstörung liegen. – Merkwürdig ist mir noch die
Mannichfaltigkeit und Struktur der Granitarten,
das Gneusartige, das verworren Zusammengeknetete
an Struktur und Farbe verschiedener Granitmassen.
Das gangartige Durchsetzte fleischrothen Granits durch
blauen und grauen scheint mir ein Zeichen des relativ
neuen jüngeren Alters des Granits zu seyn. – Die
Strichweise geognostische oder vielmehr petrographische
Verschiedenheit der Gerölle u Geschiebe habe ich bis
weit in die Lüneburger Heide hinein bestätigt gefunden.
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Sollten wir Hamburg einnehmen, und sollte sich alsdann
der Kronprinz vielleicht mit der ganzen unter ihm
stehenden Kriegsmacht gegen Dänemark wenden, dann
verehrter Herr u Freund habe ich nicht Neigung so wie viele
meiner Bekannten länger Soldat zu seyn. - Der Zweck
warum wir Krieger wurden hört dann auf; was
hat uns Dänemark gethan und warum sollen wir
um Schwedens Privatinteresse willen noch einen
Theil der köstlichen Lebenszeit verliehren ? -/
[64R]
Wie uns Hoffnung gemacht ist, sollen wir nach
der Wegnahme von Hamburg und Altona mehrere
Wochen Ruhe haben; werden Sie mir es wohl übel
deuten, wenn ich jene Zeit dann darzu anwende,
mich eines Verhältnisses zu entheben in welchem ich
keine der auf mir ruhenden Pflichten erfüllen
kann.
Daß ich dann für meinen Abgang vom Militair
nicht eher wirken werde, bis es die bessern und besten
meiner militairischen Bekannten auch billigen und den-
selben Schritt mit mir thun, werden Sie gewiß über-
zeugt seyn; doch sich länger als nöthig ist dem Studium
der Wissenschaften entziehen ist gewiß eben so sehr
mehrseitiges Verbrechen, als seinen Arm und That-
kraft zur Zeit der Noth dem Staate zu entziehen.
Sie werden diesen Brief durch die Güte des HE Ober-
jäger Bellermann, Sohn des HE Director Bellermann
am grauen Kloster erhalten; er wird in einiger
Zeit zum Korps zurückgehen, sollten Sie so gütig seyn
und mich mit einigen Zeilen erfreuen wollen, so wird
er sie mir sehr gerne überbringen. -
Von Herzen wünsche ich Ihnen recht vergnügte
Feiertage so wie d. HE Professoren Marheineke
u Zeuner.
AFröbel

In dem Brief v. 28sten v. M. schickte ich mit
herzlichstem Dank die Ihnen schuldige Quittung, Sie haben
denselben doch erhalten? -