Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 18.12.1813 (Mellingstaedt)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 18.12.1813 (Mellingstaedt)
(GNM Bl 65-66, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., ed. Neuhaus 1913, 152-154)

Mellingstaedt auf der rechten Seite der
Aller [sc.: Alster], 2M. von Hamburg 2 ¼ M. von Altona am
18ten Decbr 1813.
Wie ich Ihnen theuerster Herr und Freund von Lütgensee aus schrieb
ist unsere Bestimmung wirklich Hamburg und Lübeck Altona ; seit
ohngefähr 3 Tagen steht das 1ste Bat: in dem oben genannten Dorfe
und das g[an]ze Korps in der hiesigen Gegend umher. Es scheint das [sc.: daß]
wir zum weiteren Fortrücken nur noch die Ankunft von den eigentl[ichen]
Belagerungstruppen von Hamburg erwartet zu werden, welche
ein russisches Korps (20m Mann) und schon vor einigen Tagen
in Boizenburg angekommen ist, und nunmehr wohl vor Ham-
burg angekommen seyn kann. - In diesem Augenblick (Mit-
tags) hört man sehr bedeutend und aus sehr grobem Ge-
schütz von Hamburg her kanonieren, es scheint also
daß der Tag der Entscheidung nun wohl nächstens her-
bey kommen wird. Die Besetzung von Hamburg wird höch-
stens auf 20m Mann geschätzt worunter 7m Nicht-
streitbare seyn sollen. Vorgestern früh wurden 2 Alto-
naer Bürger auf dem Pikket auf welchem ich eben stand ein-
gebracht, welche aussagten, daß in Altona eigentlich weder
dänische noch französische Besatzung stehe, sondern sich in der
Stadt blos 30 Dänen befinden sollen, die aber die Stadt,
weil sie von den alliirten Truppen ganz eingeschlossen ist
nicht mehr verlassen können. Die Wache wird von Bürgern
gethan. Unsere Vorposten standen an jenem Tage schon bis
blos ¼ St: von Altona u etwas weniger weiter von
Hamburg. Das hier verbreitete Gerüchte das [sc.: daß] Rend[s]burg u
Glücksstadt in den Händen der Alliirten seyn soll, war auch
schon in Altona. - Der das Belagerungskorps von Hamburg
kommandiren sollende General soll Tonstoy seyn. -
Was das Leben unseres Korps, meines Bat: und meiner
Kompagnie betrifft, so ist es im Allgem: noch das im
letzteren Briefe von Lütgensee beschriebene. Die Bauern
haben hier noch fortdauernd häufig ihre Häuser mit ihrer /
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ihrer ganzen Familie verlassen; daß in einem solchen Hause
alles als gute Prise erklärt wird ist natürl[ich] und selbst das
Eingegrabene wird wo möglich ans Tageslicht gefördert.
Das Traurigste ist, daß einige Bauern ihr gesammtes Vieh im
Stiche gelassen haben und welches nun ohne alle ordentl[iche] Pfle-
ge da steht und Gefahr leidet Hunger oder Durst zu sterben
wenn nicht zufällig eine soldatische Gutmüthigkeit angeregt
wird. Die Bauern sollen übrigens ihre besten Sachen fortge-
bracht haben, was auch das beweist was von den Soldaten
Beute gemacht wird. - Wir leiden etwas Mangel an Salz.
Unser Leben ist wild und rauh; wir sind zwar, wenn auch in
großen Mengen, 20 - 60 und mehr, einquartirt, müssen aber
dennoch beständig im Allarmhause seyn, wo völlige Verwüst-
ung herrscht.
Immer mehr und bestimmter spricht sich bey Mehreren im Korps, die sich früh-
er dem wissenschaftlichen Leben widmeten und ferner zu
wünschen widmen streben der Wunsch aus, daß ihr soldatisches und
militärisches Leben bald beendigt seyn mögte. Auch meine
Freunde bey der Kompagnie, hegen diesen Wunsch, wirken
für dessen Erfüllung oder suchen wenigstens mit Bestimmt[heit]
zu erfahren ob und unter welchen Bedingungen Studirenden
der Abschied ertheilt wird.
Da das militärische Leben besonders während eines Feldzuges
unaussprechlich gewinnt oder verliehrt ob man es mit oder
ohne gute Freunde und hauptsächlich vereinigt mit einigen
Gebildeten verlebt oder nicht und da viele Lagen
in demselben als drückend und unerträglich erscheinen
wenn das letztere Statt findet, so habe ich und meine
Freunde uns entschlossen, daß wir wo möglich unse-
re Lage immer gemeinschaftlich verändern wollen.
Meine Freunde mit denen ich zugleich als Oberjäger bey der 3ten
Kompagnie stehe, sind Bauer, Student der Theologie aus Berlin und
Dr. Eiselen, Historiker, Sohn des Bergrath Eiselen aus Berlin.
Durch eine jüngste Aufforderung des Predigers Grell an Bauern
dessen intimer Freund ersterer ist, <so gestellt als>
sogleich vom Lützowschen Korps Abschied zu nehmen und /
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in der B-schen Landwehr einzutreten ist unser Vorsatz in
neue Thätigkeit gesetzt worden. HErr P. Grell hat nämlich
an Bauern geschrieben, daß er selbst mit dem Herrn General
von Brauschütz gesprochen und ihm dieser gesagt habe, daß jetzt
mehrere Offizierstellen bey der Landwehr zu besetzen seyen, und
daß es Bauern aIs Studirenden rc. nicht fehlen könne sobald er
nach B- komme, in eine derselben einzutreten.
Da wir nun aber alle Drey wünschen, wenn es anders nicht
entehrend
ist, und wenn <-> noch mehreren andern, besonders Stu-
direnden der Abschied vom Militär gern und mit des Königs
Bewilligung ertheilt wird – wenigstens zu Ausgang des
Winters oder gegen Ostern vom Kriegsdienst dispensirt zu
werden, so hat auch Bauer den Antrag seines Freundes des
Herrn Prediger Grell nicht unbedingt angenommen, weil wir
nämlich alle drey fürchten, daß uns, wenn wir jetzt erst wieder
in neue militärische Verhältnisse treten, dieß den Abschied
vom Militär erschweren <-> und daß man uns der Un-
beständigkeit rc. beschuldigen möge; Bauer hat deßhalb
den Antrag seines Freundes auch nicht unbedingt angenommen,
weil wir <-> wenn letzteres der Fall seyn sollte lieber bis
zu Ende beym Korps aushalten wollen, sondern denselben
gebeten, ihm zu schreiben, ob besonders Studirende jetzt schon vom
Militär den Abschied zu hoffen hätten, und ob das Versprechen
des Königs in dessen erster Aufforderung an Preußens wehrbare
Mannschaft: daß nach einjährigem Kriegsdienst Entlassung
von demselben zu erwarten sey, in Ausübung gehen
und in Kraft bleiben werde.
Eben verbreitet sich von unserm Chef der Infanterie aus die
Sage, daß wir vielleicht noch früher ehe Hamburg fällt, aber
sicher hernach nach Holland gehen würden, weIche Sage durch
MaßregeIn welche genommen werden sollen, große Wahr-
scheinlichkeit erhält. Bauer sagt mir, daß er deßhaIb an
seinen Freund Grell geschrieben und ihn gebeten habe, ihm
etwas Bestimmtes zu verschaffen, worauf er mit Sicher-
heit den Abschied vom Korps fordern, und Eintritt in die
Landwehr als Offizier zu erwarten habe; er meint, daß
da noch 4 Monate bis zu AbIauf unseres militärischen
Dienstjahres wären, und wenn es noch Königs Wille sey
den ein Jahr Gedienten Studirenden den Abschied zu ertheilen /
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daß dann unser Eintritt in ein neues militärisches Verhält-
niß unsern Abschied nicht erschweren könne. Sollte aber
vielleicht gar noch vor Ablauf eines Dienstjahres der Ab-
schied vom Militär zu erwarten seyn, so glaubt er dieß
am besten in B-, wohin er sich nach von Brauschütz
Bestimmung stellen müßte, persönlich betreiben zu können.
Ähnlich hat Dr. Eiselen an seinen Vater geschrieben.
Auch ich bin deßhalb so frey, Sie hochverehrter Herr und Freund
nochmals freundschaftlichst und herzlich zu bitten, mir wenn
es möglich seyn sollte die Papiere zu verschaffen, zu weIchen
mir Ihr letzterer gütiger Brief Hoffnung machte. Sie
haben vollkommen recht, daß diese Papiere meinem Han-
deln eine Freyheit geben würde die ich jetzt wohl zu
haben wünschte, denn Sie werden mit mir fühlen, daß es
mir mehr als unangenehm sein müßte und würde ge-
trennt von meinen Freunden in meinem jetzigen VerhäItniß
zurück zu bleiben.
Über unser Korps dessen Geist u Wirken, dem Geiste
und Wirken unserer Chefs sage ich nicht ein Wort, da
mir des HE. Pred[igers] Grell Brief an Bauern zeigt daß
alles um unsere Lage in B- hinlänglich gekannt [sc.: bekannt] ist.
Es scheint sehr einladend zu seyn Holland und die Städte
Rotterdam u Amsterdam rc. als Zugabe zu unserer
Militärischen Laufbahn zu sehen, aber leider haben wir
beym L-schen Korps Stehenden dazu wenig oder gar keine
Hoffnung, wir sind in unsern bisherigen Verhältnissen immer
zurückgesetzt worden; wenn andere Truppen in Städten
lagen, mußten wir in elenden Dörfern liegen, und zeigte
man uns eine Stadt so mußten wir sie schnell ge-
nug verlassen, sollten wir nun erwarten daß wir
den sich viel versuchten Bülowschen Truppen in Zu-
kunft gleich gesetzt werden sollten ? -
Übrigens überlasse ich Ihnen ganz zu thun, was Sie nur
immer für gut finden, da ich zur Genüge überzeugt bin, daß
Sie nur mein Bestes und in weit höherem Grade wollen
als ich verdiene. - Briefe bitte ich nach Ludwigslust zu addressiren.
- Die heutige Kanonade war eine starke Recognoscirung von Gr. Be-
ningsen bey Hamburg. Mit ausgezeichneter Hochachtung AFröbel