Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 24.12.1813 (Niendorf)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 24.12.1813 (Niendorf)
(GNM Bl 67-70, Brieforiginal 2 B 8° 8 S., tw. ed. Neuhaus 1913, 155-157. - Der Brief wurde zusammen mit dem späteren Brief v. 1.1.1814 v. Eiselen überbracht.)

Niendorf 1½ St: von Hamburg auf der Straße von
Pinneberg dahin am 24sten Xbr. 1813.
Der Herr Dr Eiselen geht in Geschäften des Korps, von
nach Berlin; ich kann mir die Erfüllung des Wunsches
nicht versagen, daß Sie hochverehrter Herr u Freund
den Herrn Eiselen persönlich kennen lernen mögen.
Deshalb erhalten Sie schon wieder dieser Brief
an Sie, und an Herrn Eiselen die Bitte, daß er
Ihnen denselben persönlich übergeben mögen; von
Ihnen Theilnehmender Herr und Freund bin ich über-
zeugt, daß Sie beides mir gütevoll verzeihen.
Wie die Überschrift sagt, rücken wir Hamburg
und Altona immer näher, doch scheint es noch ziem-
lich lang zu dauern ehe wir besonders in die erstre
Stadt einrücken werden, und es ist sehr zu bezweifeln
<daßSen> wir, die Lützower in eine von beiden Städten
hinein kommen werden, denn immer lauter wird das
Gerüchte und selbst Lützow soll ausgesprochen
haben, daß wir bald nach dem Rheine zu gehen werden,
der Sage nach soll er sich das Großherzogthum
Berg für sein Korps vom Kronprinzen zur
Cantonirung erbeten haben. Es heißt daß wir
von hier dahin abgehen werden, sobald als Bening- /
[67R]
sen (nicht Tonstoy wie ich im vorigen Briefe schrieb)
mit seinem Korps (22M M: stark) vor Hamburg
angekommen seyn wird, was wie es heißt schon
in Ahrensburg seyn soll.
Seit 3 Tagen steht das 1ste Bat: hier auf dem äußer-
sten Vorposten. Verflossene Nacht hatte ich das Ver-
gnügen eines der äußersten Pikkets von 30 M:
zu commandiren; die äußersten Posten desselben
standen unmittelbar den äußersten Posten des
Feindes gegen über, nur einmal in der Nacht
wurden wir jedoch allarmirt, wo ich mit meinem
Pikket ausrückte, doch wurde es bald ruhig und
ich bekam weiter nichts zu thun, was mir wirkl[ich]
leid that.- Heute rückt unser ganzes Korps in
die nächsten hiesigen Ortschaften ein.
Vorgestern schon stand ich auf Pikket, jedoch nicht
weit vom Orte, und seit jenem Tage haben wir
hier das Traurige ja Empörende der Auswan-
derung vieler Bewohner Hamburgs, wovon
Ihnen die öffentlichen Blätter schon Mehreres ge-
sagt haben werden. Jedoch nicht alle Ausgewander-
te waren über Daovust's Befehl traurig, die
jungen Leute freuten sich, daß Ssie nun vielleicht der /
[68]
vielleicht möglichen Nothwendigkeit mit gegen und
wider ihre Überzeugung fechten zu müssen, nun
entgangen sind, dagegen wollten viele derselben
Dienste in unserm Korps nehmen, sind aber an
die hanseatische Legion gewiesen worden.
Nach einer Bekanntmachung von Hogendorp Com-
mandeurs von Hamburg, an einem der letzten
Tage, sollen nicht nur in den ersten Tagen alle
Häuser des Hamburgerberges (deren Zahl wie
mir einige Hamburger versicherten 1000 seyn
soll) sondern auch alle Häuser die sich in einer
Entfernung von 600 Schritt einer neuen Schanze, der Stern-
schanze
befinden, niedergerissen werden. Diese
Bekanntmachung habe ich selbst gelesen, so wie
die, das bestimmte Bewohner Hamburgs die
sich nicht auf 6 Monat, das ist bis Ju[ni] k[ommenden] J[ahres]
verprofiantiren können die Stadt meiden sollten
Tage und Stunden des Ausmarsches, an welchen
die Thore der Stadt in dieser Hinsicht geoffnet [sc.: geöffnet]
würden, waren genau bestimmt. Doch soll
dieser Befehl wenigstens in der ersteren großen
Ausdehnung widerrufen seyn, weil so viele
besonders junge streitbare Männer die Stadt /
[68R]
mit Freuden verlassen hätten. Jedoch sagten ge-
stern Ausgewanderte, daß gestern 11M Juden
die Stadt hatten verlassen müssen. In wiefern
diese Sage gegründet ist werden Sie nach Lesung
dieses Briefes am Besten aus den Zeitungen beur-
theilen können.
Von den [sc: der] französischen Besatzung sagen die Ausge-
wanderten in Bezug auf Kraft und Muth, für
sie, nichts Vortheilhaftes; der gemeine französische
Soldat, soll muthlos und blassen Gesichtes einher
kommen; die holländischen dagegen sollen sich der
Zeit freuen wo sie die Waffen für ihre Über-
zeugung tragen können. Der Kommandant Hogen-
dorp
auch ein Holländer soll sich aber ganz an-
ders, besonders sehr niedrig betragen haben u
noch betragen. Kürzlich soll er z.B. Eine jüngste
Äußerung von ihm z.B ist: den hamburgern wer-
de nichts gelassen werden, als jedem seine 2 Augen
damit sie ihr Elend nach dem Abmarsche der
Franzosen beweinen könnten. Eine frühere
Äußerung beim Einmarsch der Franzosen u
Ausmarsch der Russen in Bezug auf das
Verhältniß der letzteren zu den Hamburgern
stimmt ganz damit überein, ist aber gar zu /
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niedrig als daß sie einer schriftlichen Überlieferung
erlaubte.
Die Tyranney der Befehlshaber in Hamburg soll
ganz außerordentlich seyn. Aller Handel hat aufge-
hört, die Börse ist ganz mit Bret[t]ern zugeschlagen.
Die ganze Bank, nicht blos 700,M Mark, ist in
Beschlag genommen worden mit allem geprägten
und ungeprägten Silber und Gold; um die Weg-
nahme des letztern zu bemänteln sind die Silber-
barren mit Stempeln vom Jahr 1809 zu Gelde
geprägt worden.- Die Brücke welche von Hamburg
nach Harburg führt, soll ein ganz vortreffliches
Werk der Baukunst seyn, ein vollkommemer [sc.: vollkommener]
Steindamm läuft in der Mitte längs derselben
hin; allein auch dieses Werk verdankt seiner
Entstehung der Erpressung, alles Holz ist dazu
in Hamburg in Beschlag und einem Privatmann
wurden allein für 300,M Mark Holz weggenommen.
Jetzt ist das Brenn Holz, besonders Brennholz in
H[amburg] sehr rar, was sagen Sie nun zu folgender
Handlung der Befehlshaber welche mir ein Aus-
gewanderter erzählte. Um die Befehlshaber
zu erwärmen und ihnen Speise zu kochen, müssen /
[69R]
jetzt die Holzstäbe abgeliefert werden, deren Ge-
brauch ist Reife um große Tonnen zu machen,
ein jeder solcher Stab kostet den Besitzer 2-3
Mark (d.i. 18 X [sc.: Kreuzer] - 1Rth. 3 X. Courr:) als Brennholz
geschätzt hat jedoch jeder derselben blos 6 <Pf. [Theta-artiges Zeichen]>
Werth. Beym Herausgehen des gedachten Auswan-
derers wurden 3 Wagen voll ders[elben] vor dem Hause des
Kommandanten abgeladen und zum Brennen zerschnitten[.]
Daß bey einer solchen Behandlung die Hamburger
sich sehr nach unserer Hamburger Gegenwart sehnen,
ist wohl sehr natürlich. Ein Hamburger, ein
Handwerker mittlerer Klasse sagte zu den Leuten
auf meinem Pikket: wir haben schon viel für
die Deutschen zusammengeschossen, wir sind jetzt sehr
arm, allein seyn sie versichert, rücken sie bey uns
ein, wir werden noch so viel für sie zusammen bringen
daß sie damit zufrieden seyn werden.
Die Franzosen haben von uns, etwas links, Epsdorf
besetzt; Nachts senden sie ihre Patrouillen bis Lock-
dorf
, vor welchem des Tages unser Pikket steht,
das sich des Nachts hinter dasselbe zurückzieht.
Die Besatzung von Hamburg soll nach aller Aus-
sage 20 - 25,M Mann stark seyn, die Besatzung
von Harburg 7,M Mann.
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Hoffentlich haben Sie meinen jüngsten Brief aus Melling-
stadt
, vom 18ten d. M. welchen ich den 20ten daselbst
auf die Feldpost gab, erhalten, wenn Sie diesen empfangen
oder wenigstens hoffe ich daß Sie ihn erhalten haben
werden ehe Herr Eiselen wieder von Berlin abge-
reist seyn wird, deßhalb beziehe ich mich in Rücksicht
der Lage unseres Korps ganz auf denselben, und den
aus Lüttgensee durch den Oberjäger H. Bellermann
an Sie abgesandten Brief.
Durch einen Parolbefehl vom Kronprinzen ist dem Himmel
sey Dank, den Freywilligen Requisitionen, Plünderungen
eigentl. wirklich Räubereyen, zum großen Theil
Einhalt gethan worden; es war aber auch sehr Zeit
sonst würde, bey den unbestimmten, charakterlosen
schwachen Betragen vieler Obern dabey bald bis auf leise
Spuren, die Subordination aus dem Korps verschwun-
den seyn.- Das Handeln nach dem einmal fest
bestimmten, ab positiven Gesetz als unbedingt von den [sc.: dem] Verstand bedingt was mir als eine
an
das militärische
Leben so lieb und selbst dem strebenden Manne
würdig zeigte, dieses Handeln, was in der milita-
rischen Sprache Ap[p]ell heißt (Handeln nach dem Wort / Gehorchen aufs Wort[)]
als unbedingten Ausspruch des absoluten Gesetzes) heißt,
fehlt leider bey unserm Korps in hohen Graden,
und scheint, weil so wenig in demselben von dem
militarischen Geiste durchdrungen sind, ja ihn nicht
einmal kennen, noch weniger also durch That /
[70R]
darzustellen wissen und wollen, immer mehr zu
verschwinden. Dagegen tritt bis ins Einzelne her-
unter Willkühr, der Feind alles ächten, milita-
rischen Lebens ein.-
Lützow soll neuerdings den Wladimirorden
erhalten haben.
Eben erhalten wir den Parol-befehl, daß alle
als Salvegarde Kommandirte schleunigst abge-
rufen werden sollen, weil wir nächsten[s] von hier
abmarschiren werden; vielleicht bestimmt sich
vor Abreise d[er] H. Dr Eiselen noch mehr darüber
was er mündlich sagen wird.
Über meine die letzteren Briefe enthaltene Bitte
erlaube ich mir nichts mehr zu sagen; wünschen
Sie es so kann vielleicht mein Freund der H. Dr
Eiselen, Ihnen einiges zur Erläuterung mei-
ner Bitte Gründe sagen.
Erlauben Sie mir, da ich es nicht bethätigen
kann, wenigstens die Freude Ihnen so oft ich
Gelegenheit habe die innige Verehrung aus-
zusprechen, die Sie mich theuerster Herr u Freund
für Sie erfüllt.
A Fröbel