Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 1.1.1814 (Barmstaedt)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 1.1.1814 (Barmstaedt)
(GNM Bl 74-76, Brieforiginal 1 B + 1 Bl 8° 5 S., tw. ed. Neuhaus 1913, 157-159. - Dem Brief lag der vom 24.12.1813 aus Niendorf bei.)

Barmstaedt links der Straße von Hamburg nach Kiel
1 M. von Elmshorn 3 M. von Glücksstadt (nicht zu ver-
wechseln mit Bramstaedt welches an der Landstraße
liegt; auf den Landkarten sind oft die beiden Namen
verwechselt) am Neujahrstag Abend' 1814.
Zwar sind seit ich, bester Herr Professor und verehrter
Freund den beiliegenden Brief schrieb nur einige
Tage verflossen, dennoch haben wir unser Ziel schon
wieder verändert, seit gestern sind wir hier und un-
ser morgender Marsch soll nach Glückstadt gehen.
Wie es scheint sollen wir also wieder so glücklich
seyn auf den äußersten Posten Vorposten Dienst zu
thun, dieß ist nun freylich kein angenehmer Umtausch
mit der uns gemachten sichern Hoffnung, daß wir nun
ein paar Wochen Erholungsquartiere beziehen würden
in welchen die Wieder Bekleidung des Corps statt
finden würde, doch dafür ist man Krieger, allein
dieß scheint wieder zu bestätigen daß wir immer
schweren Dienst haben, daß uns aber dennoch n[icht]
vergönnt seyn soll auch nur ein Blatt zu einem
Eichenkranz uns zu verdienen.-
Über unser Korps über unsere nächste und
fernere Bestimmung gehen so viele Sagen, allein
alle so unbestimmt und unverbürgt unter
uns, daß ich es nicht wage, auf diese ge-
stützt irgend etwas in den beiliegenden und
früher geschriebenen Briefen, in Bezug auf mich /
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mein künftiges Verhältniß, abzuändern.
Man spricht jetzt daß unser Korps in ein Linienre-
giment, und zwar in das 3. Brandenburgische
ungeändert [sc.: umgeändert] und daß das erste Bataillon ein
Grenadierbataillon werden soll. Man sprach
noch mehr; es sollte unserm Korps als neuem
Regiment ein bestimmtes Cantonnement und
zwar Berg zur Rekrutirung angewiesen seyn;
man sagte wir würden so bald die Bekleidung
geschehen seyn würde mit Woranzow und dem
Kronprinzen nach Düsseldorf, wohin schon
Lützow mit 2 Escadrons Reutern abgegangen
seyn soll, abgehen - man redet schon von
der Art unserer neuen Bekleidung, allein
Niemand mag etwas einige von diesen Sagen, ge-
schweige alle verbürgen, deßhalb erlaube ich
mir nicht etwas von dem in Bezug auf meine
künftigen militärischen Verhältniße in beyliegenden
und letzteren Briefen Gesagten zurück zu nehmen
um mich nicht vielleicht doppelt zu teuschen.-
Sollte unser Korps ein vollkommenes Linien-
regiment werden, so kennen Sie theuerster He[rr]
Professor meinen Ansichten und Grundsätze über
den Dienst im regulären Militär aus den
letzten Briefen, und was noch über die Ste und
wegen der Stelle in welcher ich in dem neuen
Regimente und Bataillon wirken würde /
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zu berücksichtigen wäre, darüber bitte ich Sie
meinen Freund den He[rrn] Dr Eiselen mündlich mit
Ihnen sprechen zu lassen welcher meine Gesinnungen
darüber ganz kennt, deßhalb überlasse ich
Ihnen in Hinsicht des früher in Bezug auf die
Landwehr geäußerten Wunsch, ganz so zu han-
deln wie Sie es nur immer für gut finden.-
Was ich in den letzteren Briefen in Rücksicht
auf einstigen Abschied vom Militär schrieb
nehme ich ganz zurück, und bitte Sie wegen
jener Äußerungen um gütevolle Verzeihung.
Ich so wenig als meine Freunde wußten dort-
mals so wenig wie es eigentlich in Frankreich
und [am] Rheine aussahe; wir glaubten den Kampf
schon weit mehr beendigt als er es ist; dieß
dürfen Sie uns nun nicht übel deuten da
sich so selten ein Zeitungsblatt auf unsern
Vorposten und dann immer ein so altes dahin
verirrt, daß wir von den allgemeinen
und großen Welthändeln, die jetzt doch die
Handlung auch des unbedeutenden Einzelnen
bestimmen so wenig als nichts wissen.
Halten Sie, ich bitte Sie sehr innig hochver-
ehrter He[rr] u. Fr[eun]d, meinen Kriegermuth auch
meine Ausdauer nicht erkaltet, nur seyen
Sie
sind Sie gewiß so billig, daß ein /
[75R]
langer, unrechter und halber Gebrauch, eine
lange Beschränkung und Zurückdrängung un-
serer Kraft uns endlich mißmuthig - ja ich
gestehe es gerne offen - sogar schlaff macht;
Was ich so oft bestätigt fand, daß die
physikalischen Gesetze auf [sc: auch] beym Geiste ihre
Anwendung finden, erscheint mir auch hier
wieder als wahr.- Zurückhaltung - Beschränkung
der Kraft wirkt endlich Tötung derselben.
Aber wie lebt sie wieder auf wenn ein Lichtstrahl
die Hoffnung erleuchtet, daß sie bald wieder
sich wirksam zeigen daß sie in Thaten
heraus treten könne.
Nehmen Sie also die Versicherung, daß nicht
wir 3 Freunde und namentlich ich den Kriegsschauplatz
nicht früher verlassen werden ehe
wenigsten[s] der entscheidende Feldzug am
Rhein beendigt ist; möge Sie dieß mit
einem meiner letzten Briefe wieder aussöh-
nen.
Freund Bercht, der Sie herzlich grüßt und
der mir erlaubt hat Ihnen sein jüngstes
Gedicht beylegen zu dürfen, verläßt unser
Korps und geht als Offizier zu dem Coburgschen
Regiment so wie mehrere Oberjäger und
Offiziere von dem Korps.- Mich konnte
Koburg nicht anziehen, Berlin lag mir /
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zu sehr am Herzen. Bercht hätte Ihnen
gerne ges heute geschrieben, allein unsere
unerwartete Marschorder hielt ihn davon
ab.-
Ich erlaube mir Ihnen eini ein Pack[e]tchen
mit Büchern zu überschicken, die ich vor Ham-
burg vor der Vernichtung bewährte [sc.: bewahrte]. An sich
sind sie Krusensterns Reise ausgenommen
unbedeutend, doch wollte ich gerne ein Anden-
ken an jene Tage haben.
Der Himmel gebe Ihnen ein recht heiteres
Sie in jeder Hinsicht beglückendes Jahr
und mir die hohe Freude Ihnen in dem-
selben persönlich durch That begegnen zu
können
die meinige Hochachtung und Ver-
ehrung bezeugen zu können mit der ich bin
      Ihr
ergebenster Freund
      A Fröbel