Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 13.1./15.1.1814 (Kiel)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 13.1./15.1.1814 (Kiel)
(GNM Bl 71-73 u. 80, Brieforiginal 1 ½ B 8° 6 S. + 1 Zettel, tw. ed. Neuhaus 1913, 159f. Der Zettel v. 15.1.1814 dürfte dem Hauptbrief vom 13.1. beigelegen haben.)

Kiel den 13ten Jenner 1814.

Endlich nach dreyvierteljährigem Umherkreuzen habe ich einen
Sitz der Wissenschaften erreicht; allein mein Wunsch ihn zu
erreichen war auch nachdem wir einmal soweit nördlich
vorgerückt waren sehr groß und er wurde mir von mei-
nem gütigen Geschicke erfüllt obgleich unser Korps nicht
weiter als in die Nähe von Krempe, und von dort nach der
Übergabe von Glücksstadt in ihre frühern Standquartier[e]
nach Barmstaedt zurück ging; ich wurde nämlich in
Korpsangelegenheiten hieher commandirt, und befinde mich
nun schon seit 4 Tagen hier.
So groß mein Wunsch war Kiel zu sehen, so sehr ist auch
meine Erwartung befriedigt worden. So bald mir
meine Geschäfte nur einigermassen erlaubten besuchte ich
den H. Prof: Pfaff, ich fand bey ihm die freundschaftlichste
Aufnahme und in ihm den vortrefflichsten gefälligsten
Mann. Sein erstes war mir seine ausgezeichnete Samm-
lung der seltenen und seltensten schwedischen Fossilien
zu zeigen, welche er mit seinen interessanten u. belehren-
den Bemerkungen begleitete.- Die Geschäfte drängten
ihn bey der jetzigen sehr starken Bequartierung Kiels
und da er Director einer errichteten Gesundheitskom-
mission ist sehr, die andere Hälfte wurde daher bis
zum andern Morgen verschoben, wo [ich] die Erlaubniß ihn
nochmals besuchen zu dürfen benutzte. Außer dieser
zweiten Hälfte der gedachten Sammlung, zeigte er mir
den höchst schätzbaren Theil seiner chemischen Präparate
welcher nach Leplant's Methode dargestellte Krystalli
zum Theil Krystallinisch sehr schwer darzustellende Salze
enthält. Diese Sammlung selbst wird Ihnen aus dem /
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Schweiggertschen Journale wo sie bis auf einige neuere Salze beschrieben
ist bekannt seyn, sie ist gewiß das Schönste was die chemi-
sche Kunst für das Auge darstellen kann, denn die Krystalle
haben bey einer verhältnißmäßig bedeutenden Größe die
größte Schärfe, Nettigkeit und Reinheit. Eine solche Samm-
lung dünkt mir ein außerordentlicher Schatz zur Erweiterung
und immer sicherern Begründung der Krystallisationslehre
zu seyn, da man zugleich ihre die Bestandtheile der Salze
nach Berzelius so scharf dem Cacul [sc.: Calcul] unterwerfen und
so vielleicht auf tiefere Schlüsse geleitet werden kann
welches bey der Betrachtung der natürlichen Krystallisa-
tionen unmöglich ist.-
Von den Mineralien welche ich sahe erinnere ich mich noch des
Datholit, Scapolit, Wernerit, Allochroid, Akanti-
conit, Pyrophysalit, Gabbronit, Titanit, Bothryolit
Moroxit, Eläolith, Circon, Colofätit
. Von mehreren z.B. dem
Eläolith enthält die Sammlung ganze Suiten, bey einigen
von dem Krystallisirten Zustand durch den Krystallinischen
bis zum dichten.
Der H. Prof. wird im nächsten Frühling eine Reise durch
Deutschland machen; um seine Sammlung zu vervollständigen
und zugl. die Sammlungen anderer Gelehrter zu ergänzen
hat er von mehreren der Gedachten Fossilien Duppleten [sc.: Dubletten].
Ob ich gleich weiß wie Sie über die Selbstständigkeit mehre-
rer der gedachten Fossilien urtheilen, so griff ich doch da
ich weiß wie sehr Ihnen die Vervollständigung des Königlichen
Kabinetts am Herzen liegt jene Äußerung d[es] H. Pr: auf
und er versicherte mir, daß sein Weg ihn zuerst nach
Berlin führen würde. Von Scap: Wernerit und einigen
andern enthält die Sammlung obgleich die Stücke blos Handformat /
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haben, Cabinettsstücke.- Ich habe hier eine eigene mir
noch unbekannte Art Mineralien die sehr geschont werden
müssen zu versenden. Jedes Stück hat ein eigenes Kastchen;
die Wände sind ¼ Zoll dick. Auf den Boden dieser einen
Deckel habenden Kastchen werden nun die Mineralien mit
einem pechartigen Guße befestigt. Damit durch die Wände
dem Fossil das Licht nicht benommen werde, so gehen sie bis
zur Hälfte desselben; damit aber auch der Deckel welcher
ganz dieselbe Größe wie das Kastchen hat sich nicht beym
Transport verrücke, so sind im Innern des Kastchens
senkrecht stäbe angeleimt, welche in der Höhe des Deckels
über die Wände hervorragen und wodurch daher das
Verrücken jenes verhindert wird.
Über die Urgebirgsgeschiebe und Blöcke, welche sich in
dem nördlichen flachen Teutschland so häufig finden, äußerte
er, daß sie keinesweges mit den nordischen Graniten
und zwar namentlich in Hinsicht der Beygemengtheile
Ähnlichkeit haben; von allem sagte er wodurch sich die
nordischen Fossilien Granite in dieser Hinsicht auszeich-
neten zeigten die Urgebirgsblöcke im nordl. Deutsch-
land nichts, und namentlich davon nichts daß ein Bey-
gemengtheil die Stelle eines Gemengtheiles vertrete,
wie z.B. der Circon die Stelle des Quarzes. Ich theilte
ihm meine Bemerkungen über das Vorfinden und die Art
der Granitgeschiebe und Blöcke mit welche bestätigt
daß sie alle sehr einfacher Mengung sind und wohl
selten mehr als ihre wesentlichen Gemengtheile enthalten.
Da nun diese Urgebirgsgeschiebe und Blöcke auch gegen
einen südlichern Ursprung streiten, so sprach auch der H. /
[72R]
Prof. Pfaff den Ihnen schon früher mitgetheilten Gedanken
aus, daß der Ursprung und die Lagerstätte dieser Ur-
gebirgsblöcke und Großen Geschiebe wohl nicht weit zu
suchen seyn möge, sondern daß sie dieselben in zusammen
gestürtzten Gebirgen haben mögen. Ich erwähnte als Be-
leg für diese Meinung der Gegend um Zarrenthin
und der sich daselbst befindenden so sehr großen scharf-
kantigen Granitblöcke, er erwiederte mir aber, daß
der größte dieser Blöcke unbedeutend gegen die wären
welche sich auf Rügen befänden, und welche noch weit
mehr für die geäußerte Meinung sprächen. Er machte
mich zugl[eich] auf eine Abhandlung aufmerksam, von der
etwas gehört zu haben ich mich nicht erinnere, welche
aber über diesen Gegenstand sehr belehrend seyn
soll: Wrede über die Erscheinung der Urgebirgs-
blöcke und Geschiebe am baltischen Meere.- Durch die
Beystimmung des H. Pr: Pfaff ist es mir sehr lieb daß ich
Ihnen meine Ansicht schon früher ausgesprochen habe.
Noch theilte mir der H Prof. mit daß er in dem
Gyps von Segeberg sehr fein beygemengten Bern-
stein gefunden habe. Er hat bereits darüber schon et-
was geschrieben, er glaubt aber nicht daß es schon abge-
druck sey. Um diesen beygemengten Bernstein zu finden
müssen große Stücke des Gypses mit der größten Sorgfalt
zerkleinert werden.- Die Boraciten von Segeberg
sind von unbedeutender Größe und größtentheils
(wo nicht immer) Würfel.
Der Herr Prof. Pfaff hat mir aufgetragen Ihnen
seine größte Achtung und Verehrung zu versichern und /
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Sie herzlich von ihm zu grüßen.
Mich hat er durch die gütevolle Erlaubniß die vorzüg-
lichsten Naturhistoriker Teutschlands, wenn ich so
glücklich seyn sollte daß meine militärischen Züge
mich zu ihnen führen,- ebenfalls sehr von ihm zu grüßen
sehr beschenkt.
Ob ich gleich nun wider Vermuthen noch einige Tage
länger hier geblieben bin und vielleicht noch bleiben
muß, so wagte ich es doch nicht da derselbe so viel-
seitig beschäftigt ist nochmals zu besuchen.
Die übrige Zeit welche mir von meinen Geschäften hier
noch übrig blieb habe ich benutzt die anatomische
Sammlung, das Museum und die Bibliothek zu sehen.
Für die Bibliothek sind jährlich 1200 Rth ausgesetzt, da
diese Summe aber der allergnädigste König in den letzten Jahren
in Papiergeld hat auszahlen lassen und dieses sehr verloh-
ren hat, so hat jene Summe kaum hingereicht die Fortsetzungen
anzuschaffen. Übrigens ist die Bibliothek größer
als ich sie zu finden glaubte, sie füllt 3 Zimmer von bedeu-
tender Größe und Höhe, sie enthält manches vortreffliches
Werk besonders fehlen keine der vorzeizüglichsten [sc.: vorzüglichsten] Socieäts-
schriften. Die Philos[ophical] transact[ions] gehen bis zum Jahr 1806.
Das Naturalienkabinett ist erst seit zwey Jahren im Ent-
stehen. Es enthält die Insekten Sammlung von Fabricius, welche
aber noch nicht ausgesteckt ist. Die Vögel sind gut ausge-
stopft und gehalten, den Anfang zu dieser Sammlung hat ein
Berliner Graf v. L. der Universität geschenkt. Mine-
ralien sahe ich nicht. Noch befindet sich eine sehr ziemlich vollständige
und selbstständige Sammlung von Krebsen da. Sie soll /
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nach der Aussage des Aufsehers ihre Vollständigkeit Cook
verdanken.
Die anatomische Sammlung ist zwar nicht sehr groß
doch soll sie Präparate enthalten welche an wissen-
schaftlichen und Kunstwerth den Walterschen in Ber-
lin
gleichzusetzen sind.
Der Herr Prof. Pfaff hat mir noch aufgetragen Ihnen zu sagen
daß er eine Quantität phosphorsauren Bleys besitze. Da es
jetzt so selten ist so sagte er könne vielleicht der Porcellai[n]-
fabrik damit gedient seyn; ich schreibe Ihnen auch dieß, da
ich weiß daß sie öfters Gelegenheit haben d[en] H. Staats-
rath Rosenstiel zu sprechen.
Ich war vor längerer Zeit so frey Ihnen hochverehr-
ter H. Professor einen Brief nach Frankfurt a/m zu zu-
schicken. Sollten Sie in den nächsten Tagen Briefe für
sich zur Post befördern lassen, so bitte ich Sie gehorsamst
jenen Brief zugleich gefälligst mit zur selbigen zu schicken.
Seyn Sie aber so gütig oben rechts an der Adresse, den
Tag des Abgangs durch einen Federstrich auszulöschen.
Vom Frieden mit Dänen ist hier noch nichts officiel
bekannt, doch sagt man es allgem[ein]; man sagt sogar
daß Dännemark schwedisch Pommern zum Ersatz für Nor-
wegen erhalten solle; manche wollen dieß und den
Beytritt Dännemarks zu den Alliirten als gewiß be-
haupten andere zweifeln noch daran.- Die Hollsteiner
sind durchgehend mit ihrem König sehr unzufrieden
keiner mag ihn wiederhaben; einige wünschen den Her-
zog von Oldenburg, hier wünschen sie schwedisch zu
seyn. Der König von Dän: hat das Land ungeheuer ausgezogen
und hätte es noch mehr gethan wären nicht die Alliirten gekommen. /
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Den 15ten Jenner. Der Friede mit Dänemark soll, so höre ich aus
einer zieml[ich] gewissen Quelle (dem Geh. Rath Beuth welcher bey dem
Kronpr[inzen] Ordon[anz-] Offizier ist) unterzeichnet seyn.- Es ist
wahrscheinlich daß das ganze Kommando welches wegen der Montirung
des Korps hier ist in dieser Hinsicht nach Berlin geht, und
daß auch ich daher vielleicht dahin komme. Die Entscheidung hoffen wir
bald.- Der Kronpr[inz] heißt es wird nächstens von hier n[ach]
Lübeck u. von da gerad nach Holland gehen, und so bestätigt /
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sich denn auch vielleicht die lange Sage von unserm Korps.
Petersdorf soll schon über die Elbe gegangen seyn um
in Hessen Werbungsgeschäfte zu besorgen. [Text bricht ab]