Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 3.3./15.3.1814 (Elze / Münster)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 3.3./15.3.1814 (Elze / Münster)
(BlM II,11, Bl 59-65, Brieforiginal 3 ½ B 8° 14 S., tw. ed. Neuhaus 1913, 160-161, mehrfach zit., dabei als zwei getrennte Briefe aufgefaßt)

Elze, auf dem Wege von Braunschweig nach Hameln am 3/III 14.


Verehrter Herr Professor;

durch Ihre gütevolle Empfehlung habe ich in Braunschweig den
Herrn Professor Knoch kennen gelernt, und bey ihm eine sehr
freundliche Aufnahme genossen.- Da ich nicht in B- selbst son-
dern in einem Dörfchen ohnweit B- im Quartier lage, so
war meine Zeit sehr beengt, gesehen habe ich daher bey
den [sc.: dem] H. Pr: K- nichts; er theilte mir blos sein Urtheil
über Hausmanns Mineralogie mit und sagte mir zugleich noch
daß derselbe jetzt auch mit einer Schrift über die Krystalli-
sationen beschäftigt ist. Der H: Pr: H. will in dieser
Schrift, wie H. Pr. K sagt, auch das wechselseitig Bedingende
und gleichsam Absolute, der verschiedenen Krystallformen
einer Krystallgattung zeigen; er wird jedoch, wie aus dem
was d[er] H. Pr: Knoch sagte hervorgeht, nicht auf das
Dynamische Rücksicht nehmen.- In Bezug auf Ihren
gütigen Auftrag wegen dem Brückmannschen Kabinett
sagte er nur: daß die Erben mit Rußland deßhalb
in Correspondenz ständen, sie hätten 10,000 Rth. gefordert
es wären ihnen aber, wenn er nicht irre blos etwas
mehr als 2,000 Rth. darauf geboten worden; um etwas Ge-
naueres zu erfahren wurde ich an H. Brückmann selbst
gewiesen. Dieser, einer der Erben sagte mir, daß er von
Rußland als Gebot 18,000 Rubel habe. Die Rubel ständen
nur jetzt zu schlecht (7½ <Gr.>) deßhalb wäre der Zu-
schlag noch nicht geschehen. Der Agent, oder Gesandte in
Petersburg habe ihm daher geschrieben das Geld jetzt noch
nicht zu heben sondern eine Zeit abzuwarten wo der Rubel
9-12 <Gr.> stehe, wo als dann jenes Gebot freylich das
vortheilhafteste sey, was zu erwarten stehe. Ich er-
wiederte ihm, daß ich gar nicht geglaubt habe, daß
die Erben noch so große Forderung machten, daß ich vielmehr /
[59R]
gehört habe, daß sie den Verkaufspreiß bis auf 5,000 Rth.
herab gesetzt hätten. Dieses schien ihm auffallend, und er wurde
nach noch einigem was ich sagte in seinen Äußerungen
über das angebliche russische Gebot unsicher. Herr
Brückmann ist wie sie wissen weder Kenner von Mineralien
so noch sonst ein Mann für Handelsgeschäfte, er ist unbestimmt,
und dünkt mir in Handelsgeschäften nicht einfach und solid
genug, er fordert wie Menschen die viel fordern in der
Absicht im Nothfall viel nachlassen zu können, aber
doch auch mannichmal den hohen Kaufpreiß zu erhalten.
Er scheint es überall immer wieder mit dem höchsten
Preiß versuchen zu wollen, um sich bey einem niedern
Verkaufspreiß nichts vorzuwerfen zu haben, ohne
zu bedenken, daß er durch ein über nach Zeit und Um-
ständen übertriebenes Gebot den reellen Käufer zu-
rückschreckt.- Da meine Zeit in Braunschweig sehr be-
engt war und da ich nicht wußte wenn [sc.: wann] ich Zeit erhalten
würde Ihnen zu schreiben, so habe ich d[en] H. Brückm:
aufgefordert es selbst zu thun. In dieser Rücksicht sagte
ich ihm, daß er bey Bestimmung des Verkaufspreises in seinem Briefe beden-
ken möge, an wen er in Bezug auf Minera-
lienkenntniß die Forderung mache, und zweitens, und
zweitens
, daß der Frage nach dem jetzigen Verkaufs-
preise, reelle Absichten zum Grunde lägen.-
Bekannte von H. Brückm. glaubten, daß ein ganz bestimmt
bald zu realisirendes Gebot den Zweck eines civilen
Preises bey demselben nicht verfehlen würde, und
zwar früher leichter als später, weil die Brückmannsch[en]
Erben Hoffnung hätten, daß ihre Staatspapiere, die
unter der westphälischen Regierung von 70/m[ille] bis auf
20/m[ille] gestrichen waren, in der Zukunft, wieder ganz
ausgezahlt werden werden [sc.: würden?]. /
[60]
Den 1813 von der Brückmannschen Sammlung her[au]sgegebenen
und in allen Buchhandlungen zu bekommen[d]en Catalog, be-
sitzen Sie ohne Zweifel schon.-
In Hildesheim war ich nur auf sehr kurze Zeit,
und so wurde es mir nicht möglich d[en] H. Cannon: de la
Tour
aufzusuchen.

Münster Dienstag den 15ten März. Seit ich das Vorstehende schrieb haben
wir ohne Aufenthalt unsern Marsch hieher fortgesetzt; möge dieß
mich bey Ihnen hochverehrter H. und Freund entschuldigen, daß
Sie bis jetzt noch keinen Brief von mir erhielten.- Das
Depot haben wir nicht mehr hier getroffen, sondern soll sich
in Elberfeld befinden.- Unser Korps selbst soll [sich] - denken
Sie sich welch eine niederschlagende Nachricht für mich - vor
Jülich auf Vorposten befinden. So scheint denn das Schick-
sal unerbittlich beschlossen zu haben, daß wir nie unmit-
telbar thätigen Antheil an den Welthändeln nehmen
und unmittelbar mit in das Rad des Schicksals eingreifen
sollen. Da ich einmal das Schwerdt ergriffen ist es mir
wohl zu verargen daß ich es wünsche?- Ich fühle wohl
und wirklich mit einem tiefen trauernden Gefühle, daß
ich leider selbst in meinen Denken jetzt mehr Soldat als
Studirender bin, aber dieß hebt nicht das ebenfalls bestimmte
und tiefe Bewußtseyn auf, daß ich, giebt das Schicksal
mich dem [sc.: den] Studien zurück, nur einzig in diesen leben und mich
ihnen ganz hingeben werde. Möge mein Geschick geben, daß
dieser Zeitpunkt nicht gar zu entfernt ist.- Beym Korps
scheinen seit ich davon entfernt bin - was freylich nun
bald ¼ Jahr ist bedeutende Veränderungen vorgegangen
zu seyn, doch nicht zum Vortheil desselben.- Mehrere wor-
unter auch einige meiner Bekannten, sind vom Korps abge-
gangen und zur westphälisch preußischen Landwehr als
Offiziere versetzt worden. Selbst von unsern kleinen
Commando bleibt ein Oberjäger als solcher hier. So ver- /
[60R]
läßt einer der bessern nach dem andern das Korps, und so
wird, wenigstens in der Reihe der Oberjäger - und vielleicht
jetzt schon Unteroffiziers - (denn das Corps soll wirklich
jetzt schon Feldregiment seyn) - in der nächsten Zukunft
wenig Gebildetes bleiben.-
Wir haben auf unserm ganzen Marsch bis hieher kaltes
oft sehr kaltes Wetter gehabt, daß man nur Sorge trug
sich gegen die Kälte zu schützen, überdieß ist der Boden bis
hieher noch völlig mit Schnee bedeckt, daß auch gingen
unsere Märsche schnell, daher ist nur das Wenige nach-
stehende die Frucht dieser Reise.-
Das rechte Elbufer ist von Jerichow hinauf- und hinab-
wärts sehr flach; ein Damm sogen: Elbdeich, verhin-
dert daß das Elbwasser bey großen Wassern zu tief
ins Land tritt.- Dagegen ist
das linke Elbufer bey Tangermünde sehr erhaben. Die
Stadt liegt auf einem Hügel von angeschwemmten Lehm-
boden, welcher durch das Anspielen und Abreißen des
Flusses, gegen die Wasserseite besonders an der Stelle des Schlosses sehr schroff ist, wo
auf dem fernern Weg,
reißen des Wassers durch Strebmauern vorgebeugt ist.
Diese Anhöhe, welche beym Schlosse wohl 80 und mehr Fuß
betragen mag, verflächt sich auf- und abwärts des
Ufers.- Arneburg liegt dage[ge]n wieder hoch. Sollte
sich wohl aus der Vergleichung der Ufer mehrerer Flüsse
der allgemeine Schluß mit recht machen lassen, daß
so bald die Flüsse in das aufgeschwemmte Land treten
immer das eine Ufer beträchtlich höher als das andere
ist. Das höhere Ufer ist immer an der dem Wasserstrome
entgegen stehenden Seite, und ist daher als Folge der auf
dasselbe wirkenden Gewalt des Wassers schroff. Es
folgt aus diesem, daß der allererste Wasserstrom
gerad mitten durch das Thal ging, und daß /
[61]
ferner das Thal eine gewisse Zeit lang kesselförmig
geschlossen war, und daß was wieder aus diesem
folgt der Einfluß- und Ausflußpunkt einige Zeit
in nur wenig differirendem Niveau standen. Denkt
man sich das allmählige Sinken des Ausflußpunktes, und
die dadurch den Grund des <Wasserbeckens> in der Laufe Richtung
des Stroms hervorgebrachten Veränderung
lebhaft, so sieht man wie die jetzigen Richtungen des Strom-
bettes einzig bedingt sind, durch den Ein- und Ausfluß-
punkt, durch das allmählige Sinken des letzteren,
durch die Beschaffenheit des Bodens des Wasserbeckens
und wessentlich durch das Gesetz der Schwere im Wasser.
Nach dieser Ansicht theilt sich die Beschaffenheit
des Bodens jedes Flußgebietes in mäßiger Erstreckung vom Ufer, sobald nicht Berge
die unmittelbaren Ufer zu beyden Seiten ausmachen,
in zwey unter sich völlig verschiedene Theile: der eine
Theil des Thales wird den Thalboden ziemlich unverändert
zeigen, wie er zu der Zeit war da der Einfluß- und Aus-
flußpunkt ziemlich in gleicher Höhe lagen; die Oberfläche des
andern Theiles wird sich erst seit jener Zeit gebildet haben, seit
sich ein Flußbette bildete und seit welcher der Lauf des Flusses
sich von der Richtung a,b. entfernte. Der erstere oder ältere
[*Zeichnung*] Theil des Thalbodens wird sich immer an der
Stelle des Thales befinden, auf welche die Ge-
walt des Wasserstromes wirkt.
Verzeihen Sie gütigst Herr Prof: daß ich dieses Unbedeutende
was ich eigentlich blos mir hätte aussprechen sollen um mir das
Gesehene zum klaren Bewußtseyn zu bringen in einem Brief an
Sie niederschrieb. Allein der Gedanke kam mir erst, als ich
das bemerkte ihnen mittheilte, und so kam es zu Papier, ehe
ich dessen Werth übersahe.
Der Boden von Tangermünde nach Angern ist sehr eben.
In Angern fand ich im Dorfe fand ich eine bedeutende /
[61R]
Menge von Urgebirgs- hauptsächlich Granit Geschieben.
Diese Geschiebe waren angefahren und gesprengt zum
Baumaterial. Mir waren die Granit-Geschiebe durch
die etwas losen - (vielleicht als Folge der Verwitterung) -
abgerundeten Quarzkörner, welche sie enthielten bemerkens-
werth. Daß diese Quarzkörner durch Verwitterung abge-
rundet seyn konnte worden sind, scheint nicht wohl möglich,
da der Feldspath noch frische Bruchflächen hat. Diese
Quarzkörner lösen sich überdieß mit Absonderungsflächen
aus dem frischen Feldspath aus. Die Granitgeschiebe sind
von nicht beträchtlicher Größe und grauer Farbe.
Von Angern bis Neuhaldensleben ist der Boden noch fort-
dauernd eben.- In Neuhaldensleben ist unter andern das
Baumaterial unter andern auch ein rother vielmehr brau-
ner nicht fester Sandstein, welcher bey einem Dorfe
ohnweit demselben, Namens Emden gebrochen werden
soll. Bald hinter Neuhaldensleben auf dem Wege
nach Helmstaedt beginnt der Boden, sich allmählig in
sanften Ansteigen [sc.: Anstiegen?] zu erhöhen.- Gegen Barlsleben [sc.: Barleben?] hin, be-
ginnt der Boden schon wellig zu werden und wird immer
hüglicher. An der linken Seite der Straße beginnen waldige
Anhöhen. In GroßBartensleben wird als Baumaterial
ein weißer mehr fester Sandstein gebraucht, welcher ohn-
weit davon im Dorfe Webendorf [sc.: Beendorf?] gebrochen werden soll.
Helmstädt selbst liegt in einer an der linken Seite von leichten
Anhöhen umgebenen Ebene. Durch Helmstädt gingen wir durch
nach Wolsdorf. Die Gegend ist hier noch immer uneben.- In
Königslutter ist das Baumaterial ein tuffsteinartiger
Kalkstein, hier Duckstein genannt; er ist ziemlich dicht
und wird in der Gegend gebrochen. Diesen Kalktuff
bemerkte ich in den Dörfern und an der Landstraße bis
Braunschweig.- Von Elpern bey Braunschweig bis
Salzgitter ist der Weg eben. Von Salzgitter bis
Bokenem (rechts von der Straße nach Cassel) ging der
Weg zuerst über die das Okker und Innerste Thal trennende /
[62]
Anhöhe, nach dem Dorfe Ringelheim, und von diesem über
eine sehr bedeutende mit einem Buchenwald bedeckte
Anhöhe welche das Innerste Thal von dem von Bokenem
trennt. Die Masse dieser Anhöhe scheinen Kalkflötze zu seyn.
Diese Anhöhe zieht sich an dem linken Ufer der Innerste, wie
auch durch kleine Flüße unterbrochen bis gegen Hildes-
heim hinab. Der Woldenberg ein altes Schloss liegt auf
einem isolirten Punkte dieses Anhöhenriedens.
Von Bockenem führt die Chaussee über das Dörfchen
Nette nach Hildesheim. Gleich hinter Nette muß
man über eine aus Kalkflötz bestehende Anhöhe, welche
zu der eben gedachten Anhöhenkette gehört. An einigen
Orten geht die Schichtung der Kalkflötze sehr bestimmt zu
Tage aus.- Ich kam abermals über die Innerste, sie
war, was mir auffiel, wie ich schon das vorige mal
bemerkte nicht mehr zugefroren obgleich alle Flüsse die ich bis jetzt
sahe noch mit Eis bedeckt sind. Das Wasser
der Innerste war
grün wie das der
Schweitzer Flüsse.
Die aufgehäuften Massen von Kalksteinen die ich noch in
Elze, nachdem ich bey <Popenburg / Papenburg /-berg> über die Leine gegangen
war und vor- und nachher an der Chaussee fand, zeug-
ten mir daß die Gebirge zu meiner linken, rechten,
und vor mir hauptsächlich Kalkgebirge, eines ge[l]blich
grauen Flötzkalkes sind. Die Gebirge zu meiner linken
hießen die Siebenberge, weiter vor mir der Külph.
Das erstere müssen die Gebirge hinter Gronau u Eime
seyn. Die Namen der Berge rechts konnte ich nicht erfahren.
(Der Berg zwischen Ringelheim und Bockenem heißt der
Heimberg.) Von Elze ging unser Weg (wir fuhren
nur zur Hälfte die Chaussee) immer längs Gebirgen
hin welche sich bis 1-1½ Stunde und mehr vor Hameln
zu einem förmlichen Wall bildeten. Dieser Wall
zeichnet sich, besonders gegen das Ende hin durch
das dachförmige seiner Gestalt aus. Die Gebirgs /
[62R]
Wände sind daher auch eben, wie eine Dachfläche; sie
sind ganz mit Buchenwald bedeckt. Aus einer frühern
Reise die ich von Bisperode einem Dörfchen jenseits
dieses Berges nach Bokenem machte, erinnere ich
mich, daß auch die jenseitige Gebirgswand sehr
steil ist.
Dieses Gebirge so wie das gegenüberstehende auf welchem
das ehemalige Fort Hameln lag, sind mir in ver-
schiedenener Hinsicht wegen ihrer Form bemerkenswerth.
Ihre Richtung correspondirt d.h. sie sind gleich gerich-
tet, beyde sind dachförmig und folgl[ich] scharfkantig -
ihre gegen über stehenden Gebirgswände sind gerad
flächig ohngefähr so: [*Zeichnung*]. Kurz es scheint
mir schon aus dem ganzen äußern Ansehen
der beyden mit ihren Endpunkten einander gegenüber
stehenden Gebirgs Ketten hervor zu gehen, daß
sie früher zusammengehangen haben und daß sie durch
die Weser durchbrochen worden sind; dafür scheint
mir ferner noch das ganze Ansehen des Thales
dießseits der Gebirge zu sprechen: es ist sehr eben
und fast wasserrecht [sc.: horizontal], die Gebirgswände setzen
ziemlich scharf in das Thal ein. Es dünkt mich
daher daß das Thal dießseits der Gebirgsreihen
von dem Schutte derselben nach der Durchbrechung
ausgefüllt worden ist, und daher seine wagrechte
Gestalt hat.- Die geraden Flächen der Bergwände
scheinen nur eine Folge der heruntergestürtzten-
triebenen Gebirgsmassen zu seyn, wodurch sich, wie
die Schweitz so oft zeigt, gerade Flächen bilden.-
Von Hameln ging der Weg an dem rechten Weser
Ufer, und an der herrlichen Gebirgskette desselben
über Fischbeck, <Hirischen> Oldendorf [sc.: Hess. Oldendorf] und dem schön gelegen /
[63]
schön gelegenen Amte Schaumburg vorbey bis Steinberge[n].
Bey diesem Orte durchschneidet der Weg, die herrliche angenehme Ge-
birgskette welche sich bis Flotho und
Hausberge hinzieht, woselbst sie von der Weser durch-
brochen ist, und die Porta westph[alica] bildet. Von hier zieht
sich der Weg, das Schloß und Amts Arensberg dicht
zur rechten durch angenehme Thäler und waldige Hügel
den Gebirgs Wall zur linken nach Bückeburg.
Auf dem Wege begegneten uns viele Wagen mit Steinkohle und schönen Sandsteinplatten
von Obernkirchen; Von Bückeburg
führte uns der Weg durch einige leichte mit Laubholz
besetzte Anhöhen und in Frühling und Sommern gewiß rei-
tzende Thäler nach Minden. Ein schmerzliches Gefühl
durchdrang uns alle als wir die sehr schöne, wenn
auch nur zum kleinsten Theile von den Franzosen ge-
sprengte Weserbrücke passirten.- In Minden
ist eine Pfeifenfabrik die ihren Thon von Uslar
zieht.- Von Minden gingen wir durch die Porta wesph[alica]
über die Werre, die nicht weit von jener in die Weser fließt
nach Herford.- Von vorhergehender Station ist
<nun / nur> noch zu bemerken übrig, daß der Kalkstein den ich
in der Nähe Bückeburgs an der Chaussee bemerkte,
weit dichter und von schwarz grauer Farbe war.
Nach den Bruchstücken zu urtheilen ist dieser Kalk auch
weit mächtiger geschichtet als der in den Gebirgen
bey Hildesheim und Elze. Sollte die schwarzgraue
Farbe des Kalksteins wohl mit den sich in der Nähe
findenden Steinkohlen in Verbindung stehen?- In Minden
wird wie in Herford außer jenen Steinkohlen Torf gebrannt. Ob der in Minden
wie der in Herford aus Engern
oder aus Obernkirchen ist weiß ich wirklich nicht.
Die, die Porta westph[alica] bildende Gebirgskette, er-
scheint von beiden Seiten, sowohl von Minden /
[63R]
als Herford her als ein abgeschnürter, unver-
rückt eine gerade Linie bildender Wall.- Diese
Gebirgskette hatt mir gezeigt, daß unsere Topographi-
schen Zeichner sehr Unrecht haben, wenn sie alle
Gebirgszüge zu sehr verflächen. Eine solche Verflächung
zeigt dieß Gebirge, die sogen: Bückeburgschen und
Lübschen Berge so wenig als der Jura.
Vor Bückeburg in der Nähe von Arensburg ist eine Mine-
ralquelle welche jetzt als Brunnen benutzt und ziemlich
stark während der Badezeit benutzt wird.
Von Hereford [sc.: Herford] gingen wir durch die von den Gewässern
der Aa und Werre gebildeten Hügel nach Bielefeld
an dem Salzwerk Rethem vorbey; dieses Salzwerk
soll sehr ergiebig seyn; die Menge des täglich geliefert
werdenden Salzes ist äußerst beträchtlich. Nach den
Gratierhäußern [sc.: Gradierhäuser] zu urtheilen (wir mußten wegen Zusammen-
treffen mit Artillerie äußerst schnell vorüber fahren)
muß die daselbst versotten werdende Sohle aus örtlich
ganz verschiedenen Quellen kommen; denn
die Gesträucher der ersten Gratierhäußer waren
mit Kalk von gewöhnlicher Farbe belegt; die letztern
Gesträucher sahen aber ganz der Farbe nach ganz
den Carlsbader Incrustaten gleich, d.h. sie waren
von hoch braunrother Farbe. Sich genauer davon
zu unterrichten müßte sehr interessant gewesen
seyn.
Bielefeld liegt wirklich reizend an und in einer Trennung des Gebirgs
Zuges welcher sich zwischen
dem Werre- und Ems-Gebiete hinzieht. Diese Trennung
wird durch ein kleines Flüßchen gebildet.- Von den Ruinen des
Schlosses Sparenberg hat man eine
höchst angenehme Aussicht in das Thal und auf /
[64]
die Stadt.- Der Sparrenberg so wie die ganze Gebirgs-
reihe ist größtentheils Kalk. Da wo seine Schichten Lager zu Tage
ausgehen hinter dem Sparrenberg
ist er nach vielen Richtungen in kleinen Paralle-
len zerklüftet, so daß er Rhomboedrische Abson-
derungsstücke bildet. Dem Sparrenberg gegen über
auf welchem Ludwig der Springer gehaust hat, liegt der
Johannisberg, höher als jener, hinter demselben der alte
Berg
. In ist diesem ist ein Sandsteinbruch. Diese Steine sollen
wegen ihrer Größe und Güte weit verfahren werden. Weiter
hinter dieser Steinkule (wie hier genannt) liegt an derselben
Gebirgsreihe ein Ort, dessen Name mir entfallen ist, bey
welchem Torf gegraben wird, doch ist soll dieser Torf nicht sogut
seyn als der bey Engern gegrabene, welcher schwärzer seyn
soll.- Der Bergrücken vom Sparrenberge nach der Werre
zu hat von dem Wege von Iselhorst oder Güterslohe her
sehr interessante Bergformen, indem er durch 5 bis 7 py-
ramidale Bergspitzen gebildet wird.
Die mineralischen Erzeugnisse des linken und rechten
Weserufers von Hameln an sind also meistens zum größten
Theil: Kalk- und Sandsteine, Steinkohle u Torf.
Von Bielefeld über, Güterslohe, Warendorf bis Münster
ist eine völlig ebene sandige, heydige Gegend. Unser
Fuhrmann sagte mir hinter Bielefeld: von jetzt an
finden sie bis Münster nichts als Haide, und er
hat recht. Die Gegend ist mehr eben, mehr wal-
dig und bebaut sonst hat die Gegend wirklich
in manchen Punkten einige Ähnlichkeit mit der
Lüneburger Haide, wenigstens mit den Haidegegen-
den im Mecklen- und Lauenburgischen. Birken und
Kiefern-waldungen und mich dünkt auch Brücher finden
sich nicht selten.- In Wa Auch zeigt sich hier die
eisenschüssige [sc.: eisenhaltige] oder vielmehr ochriche Erdschicht unter /
[64R]
der Dammerde, wie ich solches so oft in Mecklenburg
und in der Lüneburgischen Heide bemerkte. In Bezug
hierauf war es mir besonders sehr auffallend
als ich ganz unerwartet in der Ausmauerung
eines neuen militärischen Pferdestalles zu Wahren-
dorf
rechts von dem Thore welches nach Münster führt
raseneisensteinartige Bruchstücke eingemauert [fand].
Eisenschlacken waren es nicht, denn ich bemerkte wie in
denen bey Buch ohnweit Tangermünde früher gefunde-
nen Steinstücken sehr kleine Kieselgerölle mit der eisen-
artigen Masse verbunden [sind]. Wären es Eisenschlacken, so
müßten es welche von Hohenöfen seyn, von welchen
keiner hier zu finden ist.- Münster liegt ganz in einer
Ebene, an einem Flüßchen abermals die Aa genannt;
doch ist es nicht so ganz unbedeutend.
Noch bemerkte ich in Warensdorf große, und ver-
hältnißmäßig sehr dünne Sandsteinplatten. Mein Baue[r]
sagte mir, daß dergleichen bey einem Dorfe ohnweit
hier von 100 [*Zeichnung:
  Quadrat-*] Fuß Größe gebrochen [wird].- In Waren-
dorf ist eine Walkmühle, die sehr feine Walkererde
kommt aus dem Usingschen.- An der Chaussee oder
vielmehr blos Landstraße von Wahrensdo Telgte nach
Münster liegen viele Haufen eines sandigen Mer-
gelsteines, denn merglichen Sandstein kann mann
ihn wohl nicht nennen.
Heute besuchte ich hier die Kirche Unserer l[ieben] Frau
in derselbe[n] fand ich an den Seitenaltären, Architectur
von schwarzen und bunten Marmor, aus welcher
Gegend dieser geholt seyn möchte, konnte mir nie-
mand sagen. Überhaupt kann man hier durch Fragen
wenig erfahren, die Menschen sind wenig unterrichtet.
Vom jenseitigen Elbufer habe ich noch zu sagen: In Jerichow
ist an einem Hause an der Straße ein Schulter-
blatt eines Wallfisches fest gemacht. In Branden /
[65]
Brandenburg an einem Hause an der Hafel ist
eine Wallfischrippe befestigt. Ich bitte dieß mit
dem zu verbinden was ich früher von Wisnack [sc.: Wismar?]
schrieb.-
Der hiesige Commandant weiß gar nicht wo das Depot
unseres Korps jetzt steht; zu letzt stand es in Crefeld
ob noch?- kann er nicht bestimmen, wir gehen also
zunächst über viele kleine Orte nach Crefeld. Das
Depot soll auf seinem Marsche von Boizenburg nach
Münster viele Ausschweifungen begangen haben, deß-
halb hat man es nicht mehr auf dem dießseitigen Rhein-
ufer, so sagt man, geduldet. In guten Ruf stehen
wenigstens die Lützower hier nicht.- Die hiesige Land-
wehr zeichnet sich außerordentlich durch ihre Erfüllung
der militärischen Forderungen aus. Heute sah ich einige
Bataillons exerciren und sie leisteten viel. Ein
noch unbewaffnetes aber schon geübtes Bataillon geht
von hier nach Frankf[urt] a/M wo es Gewehre erhält, um
sich vor Mainz völlig zu üben.- In der Grafschaft
Ravensberg herrscht ein herrlicher Enthusiasmus für
Preußens König; in Herford glaubte ich mich wieder nach
Berlin versetzt wie es zu Anfang v. J. daselbst aussahe.
Hier soll im Münsterschen soll der Enthusiasmus nicht
so groß seyn, doch zeigt mir die Landwehr daß die
Bewohner ihre Pflicht thun.
Die neuerrichteten Braunschweiger Jägerbataillone
wovon ich 3 Bat: sah, sehen vortrefflich aus; sie
sind wörtlich Schwarze, denn ausgenommen den
Bunten Kragen, der entweder blau, orange, oder
gelb ist haben sie nichts Farbiges an sich. Knöpfe
so wie Gewehr, ja sogar Bajonette sind schwarz
angelaufen. Ihre Kleidung ist kurz, bey der /
[65R]
leichten Infanterie kurze runde Jacken mit schwarzen
Schnüren. Es sieht sehr gut aus, doch dünken mich
die Kutkas im Felde zweckmäßiger.- Die eigentl[ichen]
gelernten Jäger (die Detachements) haben ganz
die Uniform der preußischen Tyroler.
Daß jene ganz schwarzen Bat: aus den kernhaften
braunschweigischen Bauernburschen einen sehr guten
Eindruck machen müssen bedarf keiner Versicherung.
Der Herzog ist unglaublich streng besonders in
Hinsicht auf die militärischen Übungen, sogar Ma-
jors sind schon zur Landwehr versetzt worden.
Eben erfahre ich unsere Marschroute, wir gehen
über Dülmen, Ricklingenhausen, Essen,
Mündelheim am Rhein, nach Crefeld. Werden
wir am Rhein nicht aufgehalten, so hoffen wir
nächsten Sonntag in Crefeld zu seyn. Übrigens
soll unser Korps bestimmt vor Jülich stehen; dahin
sehnen wir uns aber nicht sehr, dagegen würde die
Nachricht in wenigen Tagen auf dem Schlachtfelde
erscheinen zu müssen unsere Schritte beflügeln.-
An die Wiederherstellung des Carolinum in Braun-
schweig, wird vor dem Frieden nicht gedacht.
Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung und Dank
erfülltem Herzen

August Fröbel.